Berliner Gefangenensammelstelle - Eine Nacht hinter Gittern in der Gesa West

Archivbild: Die geöffnete Tür einer Arrestzelle und eine darin befindliche Pritsche in der Gefangenensammelstelle der Berliner Kriminalpolizeidirektion. (Quelle: dpa/S. Kugler)
Audio: Inforadio | 22.07.2021 | Helena Daehler | Bild: dpa/S. Kugler

Wer von der Polizei festgenommen wird, landet meist für kurze Zeit in einer Berliner Gefangenensammelstelle, kurz Gesa. Helena Daehler hat freiwllig eine Nacht in der Gesa West in Spandau verbracht und beobachtet, was dort passiert.

Die Gefangenensammelstelle West, kurz Gesa West: ein dunkles, kühles Erdgeschoss in einem in die Jahre gekommenen Polizeigebäude in Spandau. Sechs Männer in dunkelblauen Poloshirts mit der Aufschrift Polizei stehen in einem kleinen Büro – das Team der Nachtschicht. Vor ihnen sind zwei Schreibtische und eine weiße Tafel an der Wand. Die Tafel zeigt an, wie viele Hafträume belegt sind. Noch steht da nichts. Alle Zellen sind leer. Thorsten Block, der Schichtleiter der Nacht, zeigt sie mir: "Wir haben hier neun Zellen, wo Personen eingebracht werden, die entweder länger bleiben müssen bei freiheitsentziehenden Maßnahmen. Und noch drei Sammelzellen, die sind größer, da kommen unsere kurzfristigen Besucher rein."

Insgesamt fünf Gefangenensammelstellen gibt es in Berlin. Maximal bis zum Ende des nächsten Tages dürfen Menschen dort festgehalten werden. In Spandau sind die Wände der Zellen aus rotem Stein. Es riecht etwas modrig. Auf einer hellen Holzpritsche können die "eingebrachten Personen", wie die in Gewahrsam Genommenen hier genannt werden, sitzen oder zusammengekauert liegen. An der Decke hängen zwei Neonröhren, die den Raum unerbittlich kalt ausleuchten. Eine Toilette gibt es in den Zellen nicht.

Wenn eingebrachte Personen aufs Klo müssen, Hunger haben oder eine Decke brauchen, können sie einen Schalter betätigen: Dann springt über der Tür ein Licht an. Zusätzlich werden die Zellen alle 15 Minuten kontrolliert, ob es den Insassen gut geht.

Fuchs in der Gefangenensammelstelle West, Berlin-Spandau (Quelle: rbb/Daehler)
Ein Fuchs - er schleicht sich rein, wo andere rauswollen | Bild: rbb/Daehler

Ankunft in der "Schleuse"

Ein Fuchs huscht durch die sogenannte Schleuse im Innenhof, er ist so mager, dass er durch die meterhohen Metallstäbe passt. Lange ist er in dieser Nachtschicht der einzige "Besucher" der Gesa.

Einige Stunden nach Schichtbeginn fährt dann aber der erste Gefangenentransport der Nacht im Schneckentempo in die Schleuse. Darin sitzt eine Frau. Eine Streifenpolizistin und ihr Kollege sind mitgefahren, sie hatten mit dem Einsatz zu tun. Gerufen wurden sie wegen gegenseitiger Körperverletzung. Angekommen in der Gesa müssen sie als erstes den Eingangsbeleg ausfüllen. Darin ist beschrieben, wer warum wann hergebracht wird. Die junge Beamtin erklärt mir, was vorgefallen ist: Die Frau habe einen Mann angezeigt, weil der sie sexuell genötigt und ihre Freundin vergewaltigt haben soll. "Dementsprechend müssen jetzt viele Anzeigen gefertigt werden. Gegen die Frau liegt aber auch noch ein offener Haftbefehl vor. Deswegen haben wir sie jetzt auch mitgenommen."

Mutmaßliches Opfer und mutmaßliche Täterin

Zehn Minuten steht der Gefangenentransport der Polizei in der "Schleuse", hell erleuchtet durch Scheinwerfer an der Hauswand. Dann darf die eingebrachte Frau aussteigen. Sie trägt eine helle, enge Sporthose, ein rotes Oberteil und ist schätzungsweise dreißig Jahre alt. Sie hält ihre Handtasche fest und will noch eine Zigarette rauchen, bevor sie rein muss. Dann wird sie von zwei Mitarbeiterinnen durchsucht und in eine der 14 Zellen gebracht.

Dort sitzt sie hinter einer abgeschlossenen, metallenen Gittertür auf der Holzpritsche. Ihre Hände klemmt sie zwischen die Knie, so dass die Knöchel auf der Hand weiß werden. Nach dem Abgleich der Daten wird noch in der Gesa klar: Die Frau war wegen Betruges angeklagt und ist nicht vor Gericht erschienen. Deswegen der Haftbefehl. Sie ist in dieser Nacht mutmaßliches Opfer und mutmaßliche Täterin zugleich.

Eher Servicedienststelle als Knast?

Wolfgang Eis, der Leiter der Gesa West, erklärt mir in einem ruhigen Moment im Innenhof, dass er die Gesa West mehr als Servicedienststelle, denn als Knast begreift. Angesichts der Tatsache, dass hier Menschen in Zellen eingesperrt werden, finde ich diesen Begriff befremdlich.

Anderthalb Stunden später trifft auch der Mann ein, der in den Einsatz involviert war. Er ist 1,70 Meter groß, eher schmächtig, in einer schwarzen Cargohose und mit neongrünen Sportschuhen. Nun sitzt er ebenfalls in der Gesa, Zelle an Zelle mit der Frau, die ihn der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung anzeigen will. Er wird wegen der Anschuldigungen in einem separaten Raum erkennungsdienstlich behandelt. Fingerabdrücke, Personenbeschreibung, Fotos – alles wird akribisch dokumentiert.

"Klären, was Phase ist"

Ich frage ihn, ob er mit mir sprechen würde. Er nickt und erklärt mir die Situation so: Es habe bei ihm an der Wohnungstür geklingelt, "als ich dann runterkam, habe ich rechts, links Breitseite kassiert. Mir wurde dann gesagt, dass es mit Schlagring passiert ist."

Von einem Beamten wurde er vor der Einbringung noch in eine Klinik gebracht. Er hat eine genähte Platzwunde über dem linken Ohr und ein rotunterlaufenes rechtes Auge. Die Frau, die ihn beschuldigte, habe ihn auch angegriffen, sagt er. Er kennt die Vorwürfe, die gegen ihn gemacht werden, hält sich selbst aber eher für das Opfer, nicht für den Täter: "Mir wurde unterstellt, dass ich sie festgehalten und vergewaltigt habe. Genau zu diesem Zeitpunkt, als ich mit meiner Freundin oben war. (…) Deshalb hat es Stress gegeben. Und ja, das wollen wir jetzt mal klären, was hier Phase ist."

Eine ruhige Nacht für ein Wochenende

Was genau passiert ist, und welche Folgen die Auseinandersetzung zwischen der Frau und dem Mann hat, muss ein Gericht klären.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesa West ist die Arbeit an dieser Stelle schon fast beendet. Für ein Wochenende ist diese Nachtschicht einer der ruhigeren. Es käme auch vor, dass auf einmal alle Zellen belegt sind. Dann werde es auch mal hektisch, erklärt Wolfgang Eis und schaut von draußen durch das kleine Fenster mit Gitterstäben in das Büro, wo das Whiteboard an der Wand hängt: "Die weibliche Person mit dem Haftbefehl wird jetzt zum Tempelhofer Damm gefahren, damit sie dem Richter vorgeführt werden kann, und die männliche Person wird entlassen. Am Whiteboard steht jetzt noch der Name der weiblichen Person mit dem Haftbefehl. "Der wird demnächst weggewischt, weil sie ist ja nicht mehr da."

Dann fährt der Gefangenentransport mit der Frau rückwärts wieder aus der "Schleuse" im Innenhof. Schichtleiter Thorsten Block schließt die große Gittertür.

Sendung: Inforadio, 22.07.2021, 10:25 Uhr

Beitrag von Helena Daehler

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ja, da spricht offenbar das eigene Erleben von Dr. Kawasaki ;-)))aber ohne Grund, wird niemandem die Freiheit entzogen.

  2. 1.

    Wenn Frau Daehler als Journalistin für die Polizei erkennbar war, ist diese Erfahrung so realistisch wie eine angemeldete Kontrolle der Lebensmittelüberwachung in einem Restaurant. Sie bekommt nicht die alltägliche Realität zu sehen als Journalistin. Die Beobachtung "Zelle an Zelle mit der Frau, die ihn der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung anzeigen will" ist nur die Spitze des Eisbergs.

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