Sinnsuche abseits der Kirchen - Wenn Spiritualität in die Haut geht

Izabela lässt sich tätowieren (Quelle: Sylvia Wassermann)
Sylvia Wassermann
Video: Abendschau | 18.07.2021 | Sylvia Wassermann | Bild: Sylvia Wassermann

Mehr und mehr Menschen kehren zur Erfüllung ihrer spirituellen Wünsche den Kirchen den Rücken zu. Sie entdecken neue spirituelle "Sinnanbieter", darunter auch ein Studio in Neukölln für rituelle Tätowierungen. Von Sylvia Wassermann

Das tiefe Brummen der Tätowiermaschine erinnert ein bisschen an den letzten Zahnarztbesuch. Der Klang mischt sich mit dem psychedelischen Sound, der aus der Musikanlage auf dem Fensterbrett kommend durch den Raum schwebt. In dem kleinen Tattoostudio in Neukölln hat Kundin Izabela ihren Oberkörper über die Stuhllehne gebeugt. Sie erhält hier heute ein Tattoo, das nicht nur ihre Rückenschmerzen beseitigen, sondern Izabela auch mehr Ruhe, Geduld und Selbstvertrauen geben soll.

Das abstrakte Muster hat Erna entwickelt. Bevor die Tätowiererin zur Nadel greift, hat sie mit Izabela gemeinsam meditiert, um das passende Motiv zu finden. Es soll der jungen Polin bei ihren Problemen helfen. Erna macht aber schnell klar, dass es das Tattoo alleine nicht richten könne: Die rituelle Körperbemalung sei nur ein Teil des Prozesses. Meditation und sogenannte "Heilsessions" davor und danach gehören bei ihr mit zum Angebot.

Tattoos als Selbstentdeckung

Erna selbst hat ihre ersten Tattoos mit 15 machen lassen. Heute ist die 36-jährige auch an Gesicht und Händen tätowiert. Das erste sichtbare Tattoo an der Hand sei für sie ein Befreiungsschlag gewesen, sagt Erna: ein Zeichen an sich selbst, endlich so zu sein, wie sie es sich wünscht und das auch offen zu zeigen.

Später kam bei Erna noch ein großes Ornament an ihrem Dekolleté dazu. Es zieht sich mittlerweile über den Hals bis ins Gesicht. "Das war das erste rituelle Tattoo", sagt die Meditationslehrerin. "Dabei habe ich entdeckt, dass man mit Tätowierungen im Heilbereich arbeiten kann, im Transformationsbereich und im Bereich der persönlichen Weiterentwicklung."

Tätowiererin Erna beim Meditieren (Quelle: Sylvia Wassermann)
Tätowiererin Erna beim Meditieren | | Bild: Sylvia Wassermann

Vielfalt an spirituellen Angeboten

Religionspsychologe Martin Utsch sieht das kritisch. Er glaubt nicht, dass mit Tattoos heilende Kräfte in den Körper geholt werden können. Aber er beobachtet, dass in der Spiritualität der Körper wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt wird. Tattoos seien ein Zeichen, so der Psychologe, dass Menschen das Innere nach Außen tragen wollen. Menschen hätten ein Grundbedürfnis nach Spiritualität, sagt der Religionspsychologe. Und der Markt an alternativen Anbieterinnen und Anbietern sei groß. Das könne eine Bereicherung sein, so Utsch, aber auch eine Gefahr. "Diese Vielfalt erfordert eine menschliche und auch spirituelle Reife, um herauszufinden und unterscheiden zu können, ist das für mich persönlich gut und wo findet möglicherweise auch Abzocke und Scharlatanerie statt?"

Die klassischen Ansprechpartner für spirituelle Sinnsuche sind eigentlich die katholische und evangelische Kirche. Doch immer mehr Menschen wenden sich von ihnen ab. Das sei auch selbstverschuldet, sagt Manfred Hösl, der Pfarrer von St. Canisius in Berlin-Charlottenburg. Damit meint er nicht nur die Missbrauchsskandale: Viele spirituelle Angebote seien auch eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Kirchen. "Die Menschen sehen nicht, was es bringen soll, in die Kirche zu gehen, zu beten, die Bibel zu lesen", sagt der Priester. Viele Sinnanbieter würden im Vergleich zur Kirche frisch, neu, originell, modern und zeitgemäß wirken.

Der Katholik Hösl ist aber fest davon überzeugt, dass seine Kirche mit den Antworten auf die großen Fragen punkten kann: Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wo geht es mit mir und der Welt hin? Selbstannahme, Zuversicht oder religiöse Gefühle, da ist sich der Priester sicher, könne man sich nicht erarbeiten oder beim Universum bestellen. So etwas seien unverdiente und unverdienbare Gaben Gottes, sagt Hösl.

Bezug zur Kirche verloren

Auch Tätowiererin Erna ist christlich sozialisiert worden. Sie ist getauft, hat am Religionsunterricht teilgenommen und wurde konfirmiert. Doch irgendwann habe sie den Bezug zur Kirche komplett verloren und ihre eigene Spiritualität entdeckt. "Ich glaube daran, dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist", sagt die studierte Betriebswirtschaftlerin. Das höre sich manchmal ein bisschen hart an, aber sie sei überzeugt, dass Spiritualität das Bewusstsein darüber sei, dass man immer eine Wahl habe, ob man sich für oder gegen sich entscheide. Das Göttliche, so Erna, sei nicht im Außen, sondern in ihr als göttliche Kraft, mit der sie alles erschaffen könne.

Dieses Prinzip der Selbstoptimierung sei ein klassisches Element der modernen Spiritualität, erklärt Religionspsychologe Utsch. Der Einzelne stehe im Mittelpunkt, der Gemeinschaftsbezug sei nicht so stark ausgeprägt. Das sei in den christlichen Kirchen anders.

Zwischen Selbstoptimierung und Dogma

Auch Pater Hösl macht deutlich: Wer Selbstoptimierung in der Kirche suche, sei dort falsch. Ein Großteil des in diesem Leben erfahrbaren Glücks bestehe darin, "mit seinem eigenen Kreuz zurechtzukommen und nicht der Illusion zu verfallen, man könne dies mit Therapien, Programmen, Diäten oder Ritualen umgehen," so der Priester.

Im kleinen Studio in Neukölln wächst das rituelle Tattoo auf dem Rücken von Izabela. Die junge Malerin bezeichnet sich als religiös, sagt sie, aber sie glaube nicht an Gott, sondern an eine göttliche Energie. Das Tätowieren ist für sie ein spirituelles Ritual, mit dem sie einen neuen Schritt in ihrem Leben einleiten möchte.

Sendung: Abendschau, 18.07.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Sylvia Wassermann

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