Klimawandel - Zahl der Hitzetoten steigt kontinuierlich in Berlin und Brandenburg

Do 22.07.21 | 06:04 Uhr
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Symbolbild: Ein Thermometer vor der blendenden Sonne in der freien Natur zeigt sommerliche Temperaturen über 30 Grad Celsius an. (Quelle: dpa/Geisler)
Audio: Inforadio | 22.07.2021 | Torsten Mandalka | Studiogast: Sabine Gabrysch | Bild: dpa/Geisler

Der Klimawandel führt auch in der Region zu immer mehr Hitzewellen. Neue Zahlen des Amts für Statistik belegen: Besonders in den letzten drei Jahren hat der Temperaturanstieg vielen Menschen das Leben gekostet. Von Torsten Mandalka und Anna Geßner

Ein Tag über 25 Grad ist für Brigitte Gröbel aus Berlin-Buch die Hölle. Die 78-Jährige leidet unter COPD, einer unheilbaren chronischen Lungenerkrankung, die zu Atemnot führt. Wenn der Wetterbericht Hitze vorhersagt, weiß sie schon, was auf sie zukommt: Zwei- oder dreimal am Tag muss sie inhalieren, immer das Notfall-Spray bereithalten. Aus dem Haus oder auch nur auf den Balkon zu gehen, kommt für sie dann nicht mehr in Frage: "Da bleibe ich auf dem Sofa sitzen, mache Handarbeiten, lese oder löse Kreuzworträtsel", erzählt sie im Gespräch mit rbb24 Recherche. Wenn sie sich nicht an diese Vorsichtsmaßnahmen halte, seien Anfälle vorprogrammiert: "Dann komme ich mir vor wie ein Fisch auf dem Trocknen. Es fühlt sich an, als ob man ersticken muss. Ich bekomme einfach keine Luft mehr."

Vor allem Ältere sind betroffen

Wie Brigitte Gröbel geht es vielen Menschen, wenn die Hitze kommt. Betroffen sind vor allem Ältere und Vorerkrankte – wie bei Corona. Und gerade diese Menschen sind dann auch in Lebensgefahr, wenn es bei Hitzewellen mehrere Tage in Folge heiß ist.

Brigitte Gröbels Arzt erklärt das Phänomen so: "Was wir bei 35 Grad machen, das macht ein Lungenkranker schon bei 25 Grad. Er merkt einfach: Ich kann nicht mehr so, ich bin platt und die Anforderungen des alltäglichen Lebens überfordern mich", sagt Christian Grah, Pneumologe am Krankenhaus Havelhöhe, der sich mit der Auswirkung des Klimawandels auf die Gesundheit seiner Patienten intensiv beschäftigt. "Atmung und Herz-Kreislauf-System brechen bei diesen Patienten einfach schneller zusammen."

Fast 1.400 Tote in den letzten drei Jahren

In den vergangenen drei Jahren sind in Berlin und Brandenburg besonders viele Menschen in den Hitzephasen gestorben: 2020 und 2019 waren es jeweils insgesamt mehr als 300. Als es im Juli und August 2018 längere Zeit ausnehmend viele Hitze-Exzesstage (24-Stunden-Durchschnittstemperatur über 23 Grad und überdurchschnittliche Sterberate, Anm. d. Red.) gab, wurden sogar mehr als 750 hitzebedingte Todesfälle in beiden Ländern zusammen registriert.

Errechnet hat diese Zahlen das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. "Man kann schon sehen, dass die Anzahl der Hitzewellen zugenommen hat, insbesondere in den letzten fünf Jahren", sagt Martin Axnick, der sich für das Amt jahrelang mit Bevölkerungsstatistik beschäftigt hat. "Und diese höhere Anzahl der Hitzewellen hat natürlich auch einen Einfluss auf die Hitze-Sterblichkeit. Es sterben einfach mehr Leute, weil es mehr Hitzewellen gibt."

Einen einzelnen Todesfall auf Hitze zurückzuführen, ist allerdings besonders schwierig. Denn auf dem Totenschein steht dann eher Herzinfarkt oder Schlaganfall, auch wenn der Mensch ohne Hitze nicht kollabiert wäre. Statistisch allerdings ist der Effekt klar zu erkennen.

Berlin ist heißer als Brandenburg

Zwischen Berlin und Brandenburg gibt es statistische Unterschiede, auch wenn der Trend gleich ist. "Berlin ist einfach heißer als Brandenburg", sagt Martin Axnick, und zwar im Durchschnitt der letzten drei Jahrzehnte um 0,7 Grad. "Das klingt jetzt nicht viel, aber in Berlin haben wir mehr als 400 heiße Tage registriert, und in Brandenburg sind es weniger als 300. Und entsprechend sieht auch die hitzebedingte Sterblichkeit aus."

Die Ursache liege darin, dass eine Großstadt eng bebaut ist, sich stärker aufheizt und schlechter abkühlt. "Und genau darum haben wir in Berlin auch mehr heiße Tage identifiziert." Aber auch das Durchschnittsalter der Bevölkerung spiele eine Rolle: Der demografische Faktor, die Alterung der Bevölkerung, ist auf dem Land ausgeprägter als in der Stadt – was die Sterberate zwischen Stadt und Land wieder angleicht.

"Den Klimawandel kann man nicht verleugnen"

Natürlich sind Hitzewellen kein absolut neues Phänomen, und nicht jeder heiße Tag ist auf den Klimawandel zurückzuführen. 1994 etwa kamen in der Region über 1.000 Menschen hitzebedingt ums Leben. Aber anders als in den vergangenen zehn Jahren war das ein Ausreißer, um den Jahrtausendwechsel herum gab es gar keine Hitzetoten. Auf den Zeitraum von 30 Jahren gesehen, ist ein kontinuierlich steigender Trend dabei zu erkennen.

Doch immer wieder versuchen Zweifler, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimwandel auszublenden. Der Mediziner Christian Grah vom Krankenhaus Havelhöhe hält die Verdrängung unangenehmer Tatsachen für ein psychologisches Phänomen: "So wie wir alle in der Covid-Pandemie in den ersten Wochen gesagt haben: 'Komm, machen wir nicht so eine Riesenwelle'. Es ist dieselbe psychologische Reaktion, dass wir erst einmal die Dinge wegdrücken, bagatellisieren oder einfach so tun, als ob sie nicht da sind."

Zwar kann auch der Bevölkerungsstatistiker Martin Axnick an seinen Zahlen sehen, dass manches Hitzeopfer ohnehin gestorben wäre, aber eben später: "Sie haben im Zweifel sechs Wochen weniger gelebt. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber ich würde mich über sechs Wochen freuen." Die COPD-Patientin Brigitte Gröbel schließlich ist überzeugt: "Den Klimawandel kann man nicht verleugnen. Es ist eine Tatsache, dass es immer heißer wird auf der Erde." Sie spüre es am eigenen Leib.

Mediziner fordert Hitze-Aktionspläne

Die aktuellen Hitze-Todeszahlen lassen nur bedingt Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu. Deutschland sei jedoch vom Temperaturanstieg stärker betroffen als andere Länder, sagt der Klimaexperte und Infektionsepidemiologe Matthias an der Heiden vom Robert-Koch-Institut (RKI): "Diese oft wiederkehrenden und auch langen Hitzeperioden sind wir in Deutschland noch nicht so gewohnt." Es gebe aber Möglichkeiten, damit besser umzugehen, etwa über bauliche Maßnahmen "und man kann natürlich versuchen, im städtischen Raum Ausgleichs- und Verschattungsflächen zu schaffen."

Für Betroffene, wie für seine Patientin Brigitte Gröbel, hat Christian Grah vom Krankenhaus Havelhöhe ganz praktische Tipps für Hitzetage: "Verlasse zwischen 11 und 18 Uhr die Wohnung nicht mehr. Trinke jede Stunde ein Glas Wasser. Bewege dich langsam. Sorge dafür, dass deine Fenster ab 10 Uhr geschlossen sind. Also nachts kühlen, tagsüber konsequent die Fenster schließen." Das sind Hinweise, die für eine alternde und deswegen besonders hitzegefährdete Bevölkerung wichtig sind. Wenn die "Babyboomer" in den nächsten Jahren in Rente gehen, werde das auch Auswirkungen auf die Sterblichkeit haben, prognostiziert Martin Axnick vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: "Wenn die Bevölkerung älter wird, wird es auch mehr Sterbefälle geben."

Dem könne die Politik entgegenwirken, indem sie den Zusammenhängen zwischen Klimawandel und Gesundheit Rechnung trägt, sagt der Mediziner Grah. Er fordert deshalb, flächendeckend Hitze-Aktionspläne zu erarbeiten und kritisiert die hiesigen Landesregierungen: "Es gibt vielleicht zehn Städte in Deutschland, die bisher Hitze-Aktionspläne haben. Berlin und Brandenburg haben meiner Kenntnis nach noch keinen Hitze-Aktionsplan."

Und Brigitte Gröbel? Was macht die lungenkranke Patientin, wenn der Klimawandel rasant voranschreitet und es immer heißere und längere Sommer gibt? "Also was ich dann mache, weiß ich nicht. Davor habe ich eine Riesenangst."

Sendung: Inforadio, 22.07.2021, 07:55 Uhr

46 Kommentare

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  1. 46.

    Warum keine Antwort auf part 2? Warum macht sich die Jugend den keine Sorgen wegen des Job-Abbaus durch die Grüne-Politik?

  2. 45.

    Nur so am Rande: Wo haben denn die Grünen mal allein regiert (außer BW).

  3. 44.

    "Warum macht sich die Jugend den keine Sorgen wegen des Job-Abbaus durch die Grüne-Politik?"

    Vermutlich weil sie nicht so Buzzwordempfänglich sind in diesem Metier. Was meinen sie muss alles umgebaut und angepasst werden um zielsicher und wirksam Klimaschutz zu betreiben? Da wird es für viele Jahrzehnte eine Menge zu tun geben. Gab es vorher auch, aber das wollte ja niemand bezahlen. Jetzt ist es billger Postprevention zu betreiben als es so weiter laufen zu lassen. Ganz wie ich in den 90ern schon darauf hingewiesen wurde: "Klimaschutz bringt kein Geld.". Jetzt, wo es teurer ist Schäden zu kompensieren als Vorsorge zu betreiben, lohnt sich das. Ganz wie die Kapitalisten es sich gewünscht haben.
    Die Angst vor dem Jobverlust ist für die ältere Generation gedacht. Eine Panikmache die schon ewig funktioniert. Um davon abzulenken werden die Daten über das Klima zur Panikmache erklärt.

  4. 43.

    Das ist wirklich traurig das die Grünen in den vielen Jahren in denen sie allein regiert haben nichts getan haben. man man man....

  5. 42.

    Als die Grünen an der Macht waren haben diese es leider versäumt die richtigen Maßnahmen zu ergreifen für den Klimaschutz. Warum macht sich die Jugend den keine Sorgen wegen des Job-Abbaus durch die Grüne-Politik?

  6. 41.

    Soll man Ihnen tatsächlich beweisen müssen, bei 30 Grad Celsius den Kältetod nicht zu sterben? Erstaunlich…

    In Dubai werden es heute 42 Grad werden. In den nächsten Tagen steigt die Temperatur auf 45 Grad an. Haben Sie große Sorge wegen vieler strebender Menschen?

  7. 40.

    Och ... probieren sie beide Varianten mal eine zeitlang aus. Dann können sie uns ja schreiben, wie es so war ... naja, vielleicht.

  8. 38.

    Wenn es keine Möglichkeit der Abkühlung mehr gibt überlebt keiner mehr bei 42 Grad. Na gut....vielleicht noch eine Zeit lang als Grottenmolch.
    Welche, in vielfacher Weise, Gefahr der Klimawandel bedeutet haben viele noch nicht begriffen. Und das hat nichts mit Panikmache zu tun wie besonders ""Unwissende" gern unterstellen.

  9. 37.

    Es geht um die Körperkerntemperatur. Das ist natürlich ein Unterschied, aber wenn es um einen herum immer über 42°C ist, dann weiß der Körper auch nicht mehr wohin mit der Hitze. Ab 42°C verklumpen Proteine und woraus bestehen zum Beispiel unsere Muskeln?
    Unser gesamtes Kühlssystem ist darauf ausgelegt die Kerntemperatur stabil zu halten. Bei Kälte werden Teile des Körpers von der Wärmeversorgung abgetrennt, bei Hitze wird die Wärmerzeugung insgesamt runtergefahren und mit Hilfe von Verdunstung (was ja nur die Temperatur nach außen verlagert) versuchsweise gekühlt.
    Es gibt Staaten die schon länger mit solchen Hitzen umgehen müssen. In der Wüste trägt man dicke dunkle Stoffe. Warum? Weil die Energie der Sonne auf der Außenseite umgesetzt wird und es darunter nicht so heiß wird. Strategien, die wir uns genauer werden ansehen müssen.

  10. 36.

    "... Bis hin dazu, dass sie ihr eigenes Ableben forciert haben. Z.B. auch via Patientenverfügung. ..."
    Was soll das denn?
    Den Sinn einer Patientenverfügung nicht richtig verstanden oder nur falsch ausgedrückt?
    Ich "forciere" doch nicht mein Ableben mit einer Patientenverfügung.

  11. 35.

    Eckart von Hirschhausen hat im Zuge der letzten Talkshow über die Flutkatastrophe daran erinnert, dass über die steigenden Hitzetoten zu wenig berichtet wird.
    Die Reaktion hier kennt man Corona: "Die sind alt. Ist doch nicht so schlimm. Vorerkrankte sterben halt früher."
    Man könnte echt meinen mit dem Klimaumbruch (so nenne ich es zukünftig) kommt die soziale Kälte umso intensiver hervor umso heißer es wird.
    Es bringt übrigens nichts die Klimaerwärmung abzustreiten und auf Flussbegradigungen und Ähnliches zu schieben. Fakt ist: Das globale Klima erwärmt sich.
    Für Berlin selbst ist es Zeit Maßnahmen zu ergreifen, denn die Betonschluchten, die sich damals schon stark erhitzten sind heutzutage nahezu unbetretbar. Wenn ich mir an der Straße die Füße verbrenne und gleichzeitig von allen Seiten geröstet werde bin ich entweder in einem Ofen oder an einem heißen Sommertag auf dem Siemensdamm unterwegs. Die Häuserdämmung hat den Effekt unangehmerweise verstärkt.

  12. 34.

    Vielleicht sollten die Leute endlich mal aufhören zu rauchen. Überall wird gequarzt. Als Nichtraucherin und Mutter mit 2 kleinen Kindern kann man sich dem Gestank nicht entziehen. Landsberger Allee Umstieg in die Tram ist jedes Mal furchtbar. Null Rücksicht. Man wird noch angepafft und beschimpft, wenn man um Abstand zum Kinderwagen bittet. Diese Menschen, die sich und andere mit voller Absicht selbst schädigen, sollten nicht in der gemeinschaftlichen Krankenkasse sein. Vom Müll ganz zu schweigen.

  13. 33.

    Das hat aber damit zu tun, dass sich tagsüber die ganzen Betonklötze aufheizen und diese Wärme dann in der Nacht wieder abgegebn bzw. halten. Das hat nichts mit Klimawandel zu tun.

  14. 32.

    Tropische Nächte sind also für Sie ganz normal im Sommer? Nicht in Berlin! Sie bilden eher die Ausnahme, nehmen aber anhand des Klimawandels zu.

  15. 31.

    Sie haben sehr ungeschickt alles mögliche in einen Topf geworfen. Diese Suppe können Sie alleine auslöffeln!

  16. 30.

    Die Menschen sind nicht bei 42°C Außentemperatur tot.
    Der Körper nimmt die Außentemperatur nicht an.
    Sonst würden wir uns ja schon bei 30°C Kälte den Tod holen.

  17. 29.

    Also, ich nehme das ziemlich anders wahr, nämlich, dass bei jedem irgendwie-Ereignis eine übersteigerte emotionale Reaktion, genannt, Hysterie ausbricht und keineswegs Verdrängung. Weder das Eine noch das Andere ist aber aus meiner Sicht angebracht.
    Auch bei Hitze(wellen) heißt es kühlen Kopf bewahren. Man kann eine Sache auch ernst nehmen, ohne in hektischen Aktionismus zu verfallen.

    Zitat Martin Axnick: "Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber ich würde mich über sechs Wochen freuen". Das mag ihm, der noch im Saft seines Lebens steht, so gehen. Und sicher vielen Älteren ebenfalls, Mir sind aber nicht wenige Ältere begegnet, die am Ende ihres Lebens eigentlich gern gehen wollten. Bis hin dazu, dass sie ihr eigenes Ableben forciert haben. Z.B. auch via Patientenverfügung.

    Dass Berlin keinerlei Plan für kommende Hitzperioden hat, erstaunt mich sehr und befremdet. Da scheint es offenbar doch reichlich Verdrängung zu geben.

  18. 28.

    @ Soso: wenn ich das denkfaule Geschreibsel einiger >Klimafachleute< hier im Forum lese, wird mir übel. Ja alles was Sie hier aufzählen, muss hinterfragt werden. Aber ist doch nicht das, was sie als den Klimawandel bezeichnen können. Fakt ist, den Klimawandel gibt es und dem muss unbedingt begegnet werden. Und jetzt zu ihrer Aufzählung. Das sind Gründe, die die Folgen des Klimawandels verschlimmern. Unbewiesene ist, dass mit dem Klimawandel das Denkvermögen leidet. Scheint aber wahrscheinlich.

  19. 27.

    Niemand hat geglaubt dass das Pferd ersetzbar wäre....bis das Auto kam.
    https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/erneuerbare-energien-szenarien-einer-vollversorgung/27441770.html

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