Landkreis lässt weiße Farbe entfernen - Selfmade-Fahrradstreifen in Kyritz wird abgefräst

Do 26.08.21 | 11:54 Uhr | Von Björn Haase-Wendt
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Der auf einer Kreisstraße bei Kyritz aufgemalte Radweg wird abgefräst. (Quelle: rbb/Björn Haase-Wendt)
Video: rbb|24 | 26.08.2021 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: rbb/Björn Haase-Wendt

Vor zwei Wochen tauchte in Kyritz plötzlich ein selbstgemalter Fahrradstreifen auf. Vom Verursacher fehlt bislang jede Spur. Nun lässt der Landkreis die mehr als zwei Kilometer lange Bemalung wieder entfernen. Von Björn Haase-Wendt

Lautstark frisst sich die Fräse über den Asphalt auf der Kreisstraße zwischen den Kyritzer Ortsteilen Berlitt und Rehfeld in Ostprignitz-Ruppin. Zentimeter für Zentimeter wird die weiße Farbe entfernt, die Unbekannte vor genau zwei Wochen auf die Straße gepinselt haben – in wilder Schlängellinie, mit Fahrrad- und Fußgänger-Symbolen sowie der Botschaft "Liebe ist die Antwort".

Bei Berlitts Ortsvorsteher Harald Backhaus steht seit der Nacht- und Nebel-Aktion das Telefon kaum noch still. Fernsehsender und Zeitungen wollen mit ihm reden und den Selfmade-Fahrradstreifen sehen. "Im Prinzip finde ich die Aktion richtig gut", sagt Backhaus. Wenn der unbekannte Maler aber dafür auch noch Wasserfarbe genutzt hätte, die nach zwei Regenfällen verschwindet, wäre sie für den Ortsvorsteher richtig perfekt gewesen.

Ein Radfahrer fährt am 26.08.2021 an der Fräsmaschine in Kyritz (Ostprignitz-Ruppin) vorbei (Quelle: rbb/Björn Haase-Wendt)
Die weiße Farbe kann nur mit einer Fräsmaschine entfernt werden | Bild: rbb/Björn Haase-Wendt

Übermalen war keine Option

Doch der "Künstler" wollte anscheinend ein langfristiges Zeichen setzen. Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin ließ die Farbe untersuchen. Einfach wegwaschen lässt sie sich nicht, auch übermalen ist keine Option, sagt Sprecher Alexander von Uleniecki: "Die Farbe ist so dick aufgetragen, so dass sie jetzt recht kostenintensiv weggefräst werden muss." Dafür ist seit Donnerstag eine Spezialfirma aus Wittstock im Einsatz, nachdem es einen Tag zuvor Verzögerungen gab, weil die Reinigungsmaschine nicht funktionierte.

Einen mittleren vierstelligen Betrag wird die Beseitigung auf einer Länge von über zwei Kilometern kosten, schätzt die Kreisverwaltung und hofft auf Ermittlungsergebnisse der Polizei. Der Verursacher müsse dann mit Regress-Ansprüchen rechnen, macht der Kreissprecher deutlich. "Wir wollen nicht auf den Kosten sitzen bleiben, die am Ende der Steuerzahler zahlen müsste."

Bislang keine Hinweise zu den Tätern

Bei der Polizei in Neuruppin tappt man weiter im Dunkeln, wer den Radweg aufgemalt haben könnte, trotz der umfangreichen Berichterstattung. Berlitts Ortsvorsteher Harald Backhaus hält es für denkbar, dass es jemand war, der endlich einen Fahrradweg zwischen Berlitt und Rehfeld sehen will. Seit über zehn Jahren werde darüber diskutiert. Immer wieder wurden Anträge gestellt, immer wurden die Dorfbewohner vertröstet.

Oftmals scheitere es am notwendigen Geld, sagt Backhaus. "Bislang wurden Radwege an der Straße nur gefördert, wenn mehr als 3.000 Fahrzeuge unterwegs sind", sagt der Ortsvorsteher und das werde auf dem Abschnitt nicht erreicht. Auch die Grundstücksverhältnisse an der Kreisstraße mitten durch ein Waldgebiet seien schwierig. Laut Backhaus gebe es um die 15 unterschiedlichen Besitzer auf dem Abschnitt: "Ich wette einer von denen empfindet gerade die vorderen fünf Bäume an der Straße als die wichtigsten und wird sie nicht abgeben."

Die Botschaft ist angekommen, hier muss etwas getan werden. Aber hier ist ein kühler Kopf gefragt, dass man sich anschaut: Wie kann man die beste Lösung für die Radfahrer erzielen?

Alexander von Uleniecki, Sprecher der Kreisverwaltung von Ostprignitz-Ruppin

Alternativroute auf alter Bahnstrecke

Zuletzt haben die Anwohner aus Berlitt und dem Nachbardorf Kötzlin über 400 Unterschriften für einen Radweg gesammelt und an den Landkreis geschickt. In der Diskussion ist auch eine alternative Route über den alten Bahndamm der einstigen Kleinbahn "Pollo". Der Vorteil wäre, dass die Strecke bereits der Stadt gehört.

Der alte Bahndamm der einstigen Kleinbahn "Pollo" in Kyritz (Quelle: rbb/Björn Haase-Wendt)Der alte Bahndamm der einstigen Kleinbahn "Pollo" als alternative Roue hätte den Vorteil, dass die Strecke bereits der Stadt gehört

Lösungen für Radwegebau werden geprüft

Der Landkreis prüft indes Lösungen für den Radwegebau - auch weil es mittlerweile neue Fördermöglichkeiten gebe, heißt es. Doch das brauche eben Zeit, macht Kreissprecher von Uleniecki deutlich: "Die Botschaft ist angekommen, hier muss etwas getan werden. Aber hier ist ein kühler Kopf gefragt, dass man sich anschaut: Wie kann man die beste Lösung für die Radfahrer erzielen?" Solch Nacht- und Nebel-Aktion würden aus Kreis-Sicht aber dabei nicht hilfreich sein, sagt er.

Die Mitarbeiter der Baufirma hoffen indes, dass die abgefrästen Markierungen nicht am nächsten Tag gleich wieder aufgemalt sind. Jetzt hätten die Täter eine gute Vorlage für eine ordentliche Linie, sagt einer der Bauleute und lacht.

Sendung: Brandenburg aktuell, 26.08.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Björn Haase-Wendt

32 Kommentare

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  1. 32.

    Genial... Für das Aufmalen eines Fahrradstreifens ist kein Geld da, aber wenn bereits einer existiert ist genug Geld da, diesen wieder zu entfernen, genau mein Humor.

  2. 31.

    Sehr geehrter Herr Pelocke,
    dann wünsche ich Ihnen viel Spaß, gerade bei der jetzigen Witterungslage von einem Dorf 20 km hin um zur Arbeit zu kommen und den selbigen Weg für die Rückfahrt. Achso: RTW, Feuerwehr etc. dürfen dann ja auch nicht dort entlang da ja Radweg.
    Mit freundl. Grüßen

  3. 30.

    Sehr geehrter „Luckebuck“,
    dieses entsteht meistens in Sommermonaten wo sich der Asphalt aufheitzt und sich die Bitumendecke verschiebt. Die Spurbegrenzungsstreifen sind auch in Bereichen von sog. Spurrillen krumm und schief. Vor allem die Abgrenzungslinien von Radwegen die auf Pflastersteinen sind. Nach Bauarbeiten und Neueinsetzung wie ein Puzzlespiel. (Lege die Steine so damit sie eine gerade Linie ergeben). Das in Klammern geschriebene war ironisch gemeint.
    Mit freundl. Grüßen

  4. 28.

    Ich bin im Nachhinein echt froh darüber, dass der oder die Fahrbahnbepinseler "Der Blaumilchkanal" von Ephraim Kishon wohl nicht kennen.
    Ansonsten hätte(n) er/sie nämlich noch sehr viel mehr Schaden anrichten können...

  5. 27.

    Sollte es wirklich so einfach sein, Strassen ausser Gefecht zu setzen!? Ein bisschen Farbe und schon eine unbenutzbare Strasse!? Ok, nicht schlecht!

  6. 26.

    Jahrelang passiert nichts, wird die Problematik ignoriert! Aber nach zwei Wochen die Farbe wegfräsen..., das ist Doitschland, lächerlich, traurig und verrückt!

  7. 25.

    Da hier nicht-artikelbezogene Beiträge nicht so gern gesehen werden, möchte ich an diese Stelle nur anmerken, dass ich Ihre Einschätzung, welche politische Seite für sprachliche Mutationen verantwortlich ist, leider nicht teile.
    Mehr zu diesem Thema (wenn man mich lässt), sobald es mal wieder in irgendeinem Bericht beispielsweise um's Gendern oder um Anglizismen geht.

    @ Immanuel:

    Will ich nicht. Denn ich bin ja kein Betroffener. Aber ich finde, dass es jemand tun SOLLTE.
    Und bez. der politischen Sitution in Deutschland gehe ich lediglich davon aus, dass irgendjemand die feste Absicht hat, das Falsche zu tun und das Richtige zu unterlassen.
    Wie gesagt bin ich aber der Meinung, dass eine solche Sachbeschädigung keinesfalls als Aufruf zu irgendwelchen politischen Maßnahmen verstanden werden sollte.

  8. 24.

    Seit über zehn Jahren wird über einen Radweg diskutiert.

    Aber bei wirklich wichtigen Dingen arbeitet die deutsche Bürokratie ganz schnell.

    Und was könnte wichtiger sein als das Wohlergehen unserer lieben Autofahrer?

    Unter der Regierenden Bürgermeisterin Giffey werden auch in Berlin bald wieder so schöne Verhältnisse Einzug halten.

  9. 23.

    Ich schließe mich 1+2+9+11+15 an. Schade um die Arbeit der Maler, die ihre Freizeit dafür opferten, und um die Steuergelder zur Beseitigung. Kann man nicht die gesamte Straße zur Fahrradstraße erklären?

  10. 22.

    @ mamiri: blöde Frage! Auch ich bin Radfahrer und auch ich freue mich über jeden neuen Radweg. Aber dieser hingepinkelte durchgezogene weiße Streifen verengt die Fahrbahn gefährlich. Damit ist dem Radfahrer nicht geholfen. Einfach mal den Kopf gebrauchen.

  11. 21.

    "Schönheit und Logik der Deutschen Sprache " Hört sich an wie ein unveröffentlichter Film von Leni Riefenstahl. :-D

  12. 20.

    Weil in Autos und Bussen eben mehr Menschen und auch weiter unterwegs sind.

  13. 19.

    Luckebuck:
    "Eine Anzeige wegen Sachbeschädigung (die politisch nichts auslösen sollte) muss her."

    1. Jeder kann eine Anzeige erstatten. Auch Sie können das. Sie müssen nur wollen.

    2. Sie können davon ausgehen, dass die geschädigte Gemeinde bereits Anzeige erstattet hat.

  14. 18.

    Schön das sie sich so gut mit Sprache auskennen. Sie werden uns retten. Ich empfehle Ihnen mal ein 50 Jahre altes Buch ,sowie ein 100 jähriges Buch. Sie werden merken das sich Sprache verändert. Schon damals gab es Leute wie sie, die darauf überhaupt nicht klar gekommen sind und meinten, dies wäre der kulturelle Untergang. Wie sie merken, können wir aber trotzdem noch über Sprache diskutieren.
    Ansonsten:Toller Radweg!

  15. 17.

    "Die Sorge um Schönheit und Logik der Deutschen Sprache ist eine, die ich teile. "

    Dazu stelle ich zwei Sachen fest, ausgerechnet die mit dem starken rechten Arm (womit ich nicht sie meine), die sich ja sooo sehr für alles Deutsche einsetzen, verhunzen unsere Sprache am schlimmsten. Aber das nur am Rande.

    "Unsere" Sprache ist lebendig, womit ich jetzt nicht Dialekte meine, sondern die Schriftsprache. Ich meine auch nicht Anglizismen, ich meine die Wandlung dieser Sprache in den Jahren und durch Reformen.

    Es gibt ein Kottbusser Tor, das vor nicht allzu langer Zeit mit "C" und Thor geschrieben wurde.

    "Die Schreibweisen für das Tor änderten sich mit der Zeit mehrfach, unter anderem von Cottbusserthor über Cottbusser Thor, Cottbuser Tor, Kottbuser Tor, Cottbuser Tor, Kottbuser Tor zu Kottbusser Tor im Jahr 1930. Seitdem wurde die Schreibweise nicht mehr verändert, obwohl sich die namensgebende Stadt mit „C“ schreibt."

  16. 14.

    Wenn ich mich da mal einmischen darf:

    Die Sorge um Schönheit und Logik der Deutschen Sprache ist eine, die ich teile.

    Und zum Thema:
    Eine Anzeige wegen Sachbeschädigung (die politisch nichts auslösen sollte) muss her.
    Und Schelte durch die Medien, dass eine solche als "Aktion" und "Botschaft" verniedlicht wird.

  17. 13.

    Ihre Sorgen möchte ich haben!

    "Jetzt hätten die Täter eine gute Vorlage für eine ordentliche Linie, sagt einer der Bauleute und lacht."

    Mein Humor, danke...

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