Interview mit "Deutschrap Me Too" - "Sexualisierte Gewalt ist kein Problem, das die Rap-Szene exklusiv hat"

Demonstration am Frauentag in Berlin (Quelle: Stefan Boness/ www.imago-images.de)
Bild: Stefan Boness/ www.imago-images.de

Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Berliner Rapper Samra haben eine Debatte über sexualisierte Gewalt im Deutschrap ausgelöst. Viele Betroffene wenden sich derzeit an die Initiative "Deutschrap Me Too" - und schildern öffentlich ihre Erlebnisse mit Rappern.

#MeToo hat nun endgültig auch die deutsche Rap-Szene erreicht. Auslöser waren die Vergewaltigungsvorwürfe von Influencerin und Erotikmodel Nika Irani gegen den Berliner Rapper Samra. Er streitet die Vorwürfe bis heute ab. "Ich bin kein Vergewaltiger, ich habe noch nie jemanden vergewaltigt, ich verabscheue Menschen, die so etwas tun“, teilte Samra Mitte Juni auf Instagram mit. Er habe juristische Schritte eingeleitet, um sich zu wehren.

Die Vorwürfe sind nicht bewiesen, doch die Debatte ist längst ins Rollen gekommen. In sozialen Medien schildern derzeit viele Frauen von ihren Erlebnissen sexualisierter Gewalt durch deutsche Rapper. Einige wenden sich dafür an die Initiative deutschrapmetoo, die auf Instagram die Schilderungen von Betroffenen anonymisiert veröffentlicht. Von welchen Erfahrungen Frauen berichten, erzählt die Initiative im Interview mit rbb|24.

rbb|24: Seit Mitte Juni ist DRMT aktiv. Wer hat sich bisher bei euch gemeldet?

DRMT: Bei uns melden sich Frauen, die von sexualisierter Gewalt innerhalb der Deutschrap-Branche betroffen sind. Die Spannweite der Straftaten reicht bis zur Vergewaltigung. Bis heute erreichen uns täglich Nachrichten. Besonders am Anfang war das Interesse immens: In den ersten zwei Tagen meldeten sich etwa 100 Frauen.

Von welchen Erfahrungen berichten die Frauen?

Viele Erlebnisse von sexualisierter Gewalt spielen sich auf Konzerten und Festivals ab. Frauen werden in den Backstage-Bereich eingeladen. Gehen sie dahin, empfinden Rapper dies als Einwilligung dazu, die Frauen anzufassen und sexuell zu missbrauchen. Es kommt aber auch bei privaten Treffen mit Rappern zu solchen Straftaten.

Wie alt sind die Frauen, die sich bei euch melden?

In der Regel sind besonders junge Frauen von solchen Erlebnissen betroffen. Die Altersspanne reicht in unserer Arbeit bisher insgesamt von 15 bis 30 Jahren.

Glücklicherweise bekommen wir aber auch positive Rückmeldungen. Rapper schreiben uns, dass ihnen erst durch das Lesen der Erlebnisberichte vieles bewusst geworden sei. Zudem scheinen auch Musiklabels darüber nachzudenken, wie sie künftig mit diesem Thema umgehen. Das ist sehr wichtig für uns.

Nennen Betroffene euch auch die Namen der beschuldigten Rapper?

Die Namen werden uns bei vertraulichen Gesprächen von fast allen Betroffenen mitgeteilt. Wir führen eine Liste, um den Überblick zu behalten.

Sind unter den Beschuldigten bekannte Rapper?

Ja.

Welche?

Das verraten wir nicht. Wir behalten uns vor, diese Namen möglicherweise eines Tages zu veröffentlichen.

Wie genau helft ihr den Betroffenen ohne die Namen der Rapper zu veröffentlichen?

Im ersten Schritt bietet DRMT auf Instagram Betroffenen die Möglichkeit, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen – dabei bleiben sie selbst anonym und geraten somit nicht in die Schusslinie. So schaffen wir eine Sensibilisierung für die Betroffenenperspektive. Außerdem geht es uns ja auch darum, den öffentlichen Diskurs zu verändern. Es muss verstanden werden, wie viele Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen sind und welche Spannbreite solche Ereignisse haben.

Sollte der erste Weg nicht der zur Polizei sein?

Natürlich wäre das gut, wenn man sich direkt nach einer Straftat bei der Polizei melden und den Täter belangen könnte. Die Realität ist aber anders. Der Nachweis einer Vergewaltigung oder eines sexuellen Missbrauchs ist ohne Zeug*innen fast unmöglich. Das Rechtssystem ist nicht zugunsten von Betroffenen von sexualisierter Gewalt ausgelegt. Der Gang zur Polizei ist leider ein Pfad, der viele Frauen nicht zur Gerechtigkeit führt.

Erst durch den Fall der Influencerin Nika Irani sind Frauen auf DRMT aufmerksam geworden. Irani sagte in einem Interview mit dem Spiegel [Spiegel.de/Bezahlschranke], man versuche sie nun, juristisch mundtot zu machen. Wie kann DRMT über Postings hinaus helfen?

Wir bieten jeder Betroffenen psychologische wie auch juristische Beratung an. Unser Netzwerk ist dafür inzwischen groß genug. Es geht dann zum Beispiel konkret darum, Betroffene zu unterstützen, sollten sie sich doch dazu entscheiden, den Rapper anzuzeigen.

In Strafverfahren gilt der Grundsatz der Unschuldsvermutung. Bei euren Gesprächen redet ihr nicht mit der Gegenseite. Wie geht ihr mit diesem Konflikt um?

Das ist natürlich kein einfaches Thema. Klar ist: Die Unschuldsvermutung muss auch für die Betroffenen gelten. Wir führen oft Gespräche mit den Frauen, die sich bei uns melden. Wir bekommen mit, wie sehr die Frauen das Thema emotional packt. Das können sie kaum vortäuschen.

Zudem bringt es den Leuten nichts, sich bei uns mit Fake-Profilen zu melden. Die veröffentlichten Erlebnisse sind ohnehin anonym. Rapper werden nicht namentlich an den Pranger gestellt.

Nika Irani wird seit der Veröffentlichung ihrer Vorwürfe gegen Samra in den sozialen Medien heftig angefeindet. Woran liegt das?

Wir leben generell in sexistischen Strukturen. Betroffenen wird oft selbst die Schuld zugewiesen, für das, was ihnen passiert ist. Sie werden zum Beispiel gefragt, was sie anhatten. Das ist immer falsch und die Schuld liegt allein bei Tätern. Das ist in der Rap-Branche nicht anders. Hinzu kommt das Machtgefälle: Auf der einen Seite steht der berühmte Rapper mit vielen Fans und Netzwerken, auf der anderen die unbekannte Frau.

In vielen Texten von Rappern geht es um sexistische Inhalte. Fördert dies frauenfeindliches Verhalten?

Sexualisierte Gewalt ist kein Problem, das die Rap-Szene exklusiv hat. Jeder gesellschaftliche Bereich ist betroffen. Natürlich lebt aber besonders das Rap-Geschäft von gesellschaftlichen Überspitzungen. Und Vergewaltigungsfantasien, die in Texte einfließen, sind ein Stilmittel, das nicht existieren sollte. Ganz egal, ob ein Rapper oder Rammstein-Sänger Till Lindemann davon Gebrauch macht.

Ihr wolltet für dieses Interview anonym bleiben. Warum?

Wir sind im Kernteam zu zweit und Ende 20 Jahre alt. Es gibt weitere Leute, mit denen wir zusammenarbeiten. Darüber hinaus muss alles anonym bleiben, weil wir natürlich auch angefeindet werden und über vertrauliche Informationen verfügen. Dafür wollen wir uns schützen.

Ihr seid selbst von sexualisierter Gewalt durch Rapper betroffen – und habt auf eine Anzeige verzichtet. Warum?

Wir fühlten uns nicht sicher genug – das ist bis heute so. Wie schon erwähnt, wir glauben nicht daran, dass die rechtliche Lage gut genug für eine erfolgsversprechende Anzeige ist. Würden wir unsere Fälle öffentlich machen, würde dies nur zu einer Sache führen: Man würde uns online jagen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Hasan Gökkaya

Beitrag von Hasan Gökkaya

19 Kommentare

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  1. 19.

    Das hat doch mit Hetze nichts zu tun. Sie haben ja anscheinend gar keine Ahnung, dann informieren Sie sich und unterstellen anderen Frauen keine Hetze!

  2. 18.

    Was hat das mit "nicht so guter Integrationspolitik" zu tun? In den 90ern haben große Teile der CDU dagegen gestimmt, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen. Wenn sie schon gegen frauenfeindliche A...löcher hetzen, dann bitte gegen alle!

  3. 17.

    Sie sind ja sooooo gut.
    Nur haben Sie meinen sakastischen Unterton nicht verstanden.
    Was Sie aber auch alles wissen. "Selbstverständlich hören diese Leute auch Musik. Keine Volksmusik, sondern zum Teil sogar auch Rap - aber nicht aus dieser beschriebenen Rüpel- und Gangsterszene."
    Ich aber höre auch Musik aus " dieser beschriebenen Rüpel- und Gangsterszene." Wie ich auch jede andere Art von Musik höre. Außer eben Helene Fischer oder den anderen simpel komponierten, zum Mitklatschen annimierenden deutschen Schlagermüll. Die da vermittelte heile Welt ist weiter entfernt, als die Erde vom Schwarzen Loch.
    Und die Stellung des "Mannes" kann man deutlich bei den Grünen erleben, die Männer von Fotos retuschieren, oder eben im Saarland.

  4. 16.

    Sie werden es nicht glauben: Es gibt auch ganz normale Männer, die keine Nazis oder Verschwörer sind, die nicht den Klimawandel leugnen und die sich nicht so aufführen, wie die beschriebenen Rapper. Selbstverständlich hören diese Leute auch Musik. Keine Volksmusik, sondern zum Teil sogar auch Rap - aber nicht aus dieser beschriebenen Rüpel- und Gangsterszene. Ein Mann zu sein bedeutet nicht, dass man einen Hang zu Kriminalität oder asozialem Verhalten haben muss. Das hängt alles von einem selber ab. Wie so vieles im Leben. Dann klappt es auch mit den Frauen :-)

  5. 15.

    Warum die in den Backstage-Bereich gehen? Weil es ahnungslose Fans sind. Manche "Künstler" verlosen sogar Backstage-Karten. Da ist erstmal gar nichts Anrüchiges dabei. Kriminell wird es erst dann, wenn der Rapper sowas ausnutzt und Straftaten macht, wie sie oben im Artikel beschrieben sind. Wollen Sie den Frauen etwa noch einen Vorwurf machen, dass der Mann sich an ihnen vergangen hat? Das ist dann eine Täter-Oper-Umkehr.

  6. 14.

    Das ist ihre Interpretation. Was die Damen im Backstage wollten weiß ich nicht, man kann ja auch wieder gehen, wenn es zu heiß wird.

  7. 13.

    Aha. Das bedeutet also, die Damen wollten Sex. Aber dann anscheinend auch wieder doch nicht, und sind dann am Ende selber schuld ? Oder was wollen Sie uns sagen? Also außer, dass die Rapper komplett unschuldig sind und gar nicht anders konnten.
    Junge Junge...

  8. 12.

    Doch bald liefert sie wieder, sie kann es kaum erwarten ihren Sermon über uns zu schütten...

  9. 11.

    Wer in den Backstage geht müsste wissen, dass die Jungs nicht Mühle spielen wollen, also lässt Frau es. Wie viele von den Damen haben während des Konzerts ihre Slips auf die Bühne geworfen???

  10. 10.

    Leider haben wir ganze Bezirke voller Männer, die im Grunde diesen Rappern entsprechen und unternommen wird seit jeher nichts. Letzlich spiegeln diese Rapper auch ein Problem wieder, welches der nicht so guten Integrationspolitik entspringt. Viel Bildungsferne, falsche Vorbilder, patriarchale Männlichkeitsbilder und Frauenfeindlichkeit. Ich habe oft Angst wenn ich U-Bahn oder Bus fahre!

  11. 9.

    Kommen Sie auf meine Augenhöhe und wir diskutieren konstruktiv und sachlich.

  12. 8.

    Die Welt ist so schlecht: Rapper, Nazis, Impfgegner, Klimaleugner, Fleischfresser, Dieselfahrer, Verschwörer, Grapscher - zum Großteil Männer, auch alte Weiße.
    Wo sind die Zeiten geblieben, wo wir sittsam zur Hausmusik deutsche Volkslieder sangen? Auch Helene Fischer liefert nichts mehr.

  13. 7.

    Ja ja immer das gleiche, Männer sind alle böse und Frauen alle gut und immer im Recht, gähn.
    Ernsthaft gefragt warum gehen die überhaupt in den Backstage Bereich, ich würde das schon von Hause aus nicht machen.

  14. 6.

    Haben wir das gleiche gelesen? Sie, die Interviewten, haben bewusst keine Namen genannt. Also wird hier auch niemand haltlos bezichtigt. Das es viele solche Vorfälle gibt, insbesondere auf Konzerten ist durchaus auch von anderen Stellen belegt. Und warum sie Anonym bleiben, ist durchaus logisch, da die von ihnen Kritisierten Musiker online bestimmt nicht Zimperlich wären. Insbesondere deren Jünger.
    Und an den Texten die sie ansprechen, ist auch nichts tieferes, auch wenn ich es in schwülstige Worte packe und das rrrrrr Rolle! Es gibt natürlich Frauen die das mögen und wollen, aber es ist nicht die Mehrheit und genau das wird sugerriert. Aber ich empfehle Ihnen mal ein paar Songs von den "Rappern" zu hören, dann würden sie es verstehen.

  15. 5.

    Große Teile der Deutsch-Rap-Szene und speziell der Gangsta-Rapper sind männlich dominiert und verbreiten ziemlich plumpes Macho-Gehabe. Die Herabwürdigung von Frauen hat wahrscheinlich ihren Grund darin, dass diese Typen in Wirklichkeit Angst vor starker Weiblichkeit haben. Manche Texte erinnern an Dinge, die man sonst eher von Rechtsradikalen kennt: Übertriebener Männlichkeitskult, Ausgrenzung und Verspottung aller Menschen, die anders sind. Glorifizierung von Kriminellen, Verhöhnung des Staates und seiner Organe. Jammern, wie schlecht die Welt und das Leben sind. Kein Wunder, dass es inzwischen auch das Genre Rechts-Rap gibt. Da fühlen sich Männer aus dieser Zielgruppe noch stolz und wichtig. Auf sowas kann Frau gerne verzichten.

  16. 4.

    Aber Ihre Meinung besteht eigentlich nur aus Relativierungen und Abwertungen. Das reicht leider nicht aus, um dieser Gruppe, selbst betroffen, ihre Glaubwürdigkeit zu nehmen. Im Gegenteil, ich schließe aus Ihrem Kommentar, dass das Ganze verharmlost werden soll. Die Frauenrechte werden im Moment grob vernachlässigt und die Gefahr durch patriarchalische Werteverzerrung sollte in einer freien Gesellschaft so nicht möglich sein. Das diese Opfer anonym bleiben wollen, bestätigt die Verlagerung der Gefahr für jene, die das öffentlich aussprechen. Auch Natascha Kampusch war Opfer und wurde wie ein Täter behandelt, Sie tun das hier, themenbezogenen, in gleicher Art und Weise.

  17. 3.

    "Vergewaltigungsfantasien, die in Texte einfließen...oder Rammstein-Sänger Till Lindemann davon Gebrauch macht" ich bin betroffen von dieser Situation, doch daß dieses 'Hilfsteam' dann selbst aus der Hüfte solche Vorwürfe auf Dritte schießt, vor der Presse, geht gar nicht! Da hat jemand wohl nicht verstanden um was es in diesen Texten geht - können ja auch mal die Presse angehen weil die von Vergewaltigungsopfern reden. Sorry unterste Schublade, kein wunder daß die auch anonym bleiben wollen.
    Und die Netiquette gilt hier wohl auch nur für Kommentare und nicht für Beiträge.

  18. 2.

    Ich freue mich, dass es eure Initiative gibt, das ist sehr wichtig. Ich wünsche euch sehr viel Erfolg und Kraft für eure wichtige Arbeit!

  19. 1.

    Die Rap-Szene, besonders die Gangster-Fraktion, verwendet nicht nur überspitzte frauenfeindliche Texte, sondern noch ganz andere Sachen: Drogen, Kriminalität, Gewalt. Einige Acts verherrlichen sowas ja geradezu. Wenn man sie danach in Interviews fragt, kommt meist ein lapidarer Verweis auf die Kunstfreiheit. Gesellschaftliche Verantwortung für ihr Gedankengut wollen die meisten davon nicht tragen. Großer Mund, aber keine Verantwortung übernehmen. Dann kommt oft noch die Ausrede, dass ja auch andere Künstler gerne mal über die Strenge schlagen. Das ist klassischer "Whataboutism". Frei nach dem Motto: Weil andere auf der Welt auch Böses tun, habe ich für meine eigenen Schandtaten automatisch eine Freikarte. Sehr merkwürdige Logik. Natürlich nimmt nicht jeder Musikhörer alles ernst, was Gangster-Rapper von sich geben. Aber eine Minderheit glaubt es leider tatsächlich und lebt nach diesem Style. Das ist besonders bei Jugendlichen und dem Thema Drogen sehr, sehr gefährlich.

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