Urteilsspruch im Berliner Amtsgericht - Haftstrafe für Clanmitglied nach Angriff auf Tschetschenen

Blick in den Saal 700 des Kriminalgerichts Moabit. In dem Saal findet eine Hauptverhandlung gegen den 44-jährigen Nasser Rammou statt. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Audio: Inforadio | 04.08.2021 | Matthias Bartsch | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Die blutige Fehde im November 2020 war der vorläufige Höhepunkt eines Bandenkriegs in Berlin, jetzt muss einer der Beteiligten für mehrere Jahre ins Gefängnis. Ein Clanmitglied wurde am Mittwoch schuldig gesprochen.

Neun Monate nach zwei brutalen Attacken gegen tschetschenische Männer in Berlin-Wedding ist ein Mitglied eines arabischstämmigen Clans zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Das Amtsgericht Tiergarten sprach den 44-jährigen Nasser R. am Mittwoch der gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen sowie des Landfriedensbruchs schuldig.

Kurz nach einem Überfall auf einen von der Familie R. betriebenen Spätkauf habe sich der Angeklagte mit weiteren Männern entschlossen, Personen anzugreifen, die der ethnischen Volksgruppe der Tschetschenen angehören. "Es ist eine rassistische Tat", sagte der Richter.

Vergeltungstat für Überfall auf Späti

Eine Gruppe von sechs bis zehn Personen habe sich am Abend des 7. November 2020 zu einem Parkplatz nahe dem S-Bahnhof Gesundbrunnen begeben, hieß es weiter im Urteil. Zwei Tschetschenen, die nicht in Berlin wohnen, seien geschlagen worden - "mit Wissen und Wollen des Angeklagten". Zudem sei ein Mann verletzt worden, der schlichten wollte.

Einen Tag später seien zwei andere Tschetschenen angegriffen worden. Von einer Gruppe von 15 bis 20 Personen seien die Opfer unvermittelt geschlagen und verletzt worden. Mit Schlagstöcken, Messern und Eisenstangen wurden die Opfer laut Ermittlungen misshandelt. Es sei eine Vergeltungstat gewesen, sagte die Staatsanwältin.

Wenige Stunden zuvor sei in Berlin-Neukölln ein von der Familie R. betriebener Spätkauf durch gesondert verfolgte Tschetschenen angegriffen worden. Der Angeklagte und seine mutmaßlichen Komplizen hätten danach zielgerichtet Personen verletzen wollen, die der ethnischen Volksgruppe ihrer Rivalen angehören, so das Gericht. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Opfer in Beziehung zu dem Spätkauf-Überfall gestanden hätten.

Vorfälle sorgen bundesweit für Aufsehen

Der Angeklagte sei durch Daten einer elektronischen Fußfessel, die er nach Verbüßung einer mehrjährigen Haftstrafe seit 2019 tragen musste, überführt worden, sagte der Richter. "Er war an beiden Tagen vor Ort." Ob der 44-Jährige selbst geschlagen habe, sei offen geblieben. Es sei aber mit seinem Wissen und Wollen geschehen.

Mit dem Urteil folgte das Gericht im Wesentlichen dem Antrag der Staatsanwältin. Die Verteidiger hatten Freispruch verlangt. Nasser R., der sich seit Februar 2021 in Untersuchungshaft befindet, kündigte bereits Rechtsmittel gegen das Urteil an.

Die Angriffe und Überfälle zwischen den kriminellen Mitgliedern des arabischstämmigen Clans und den Tschetschenen hatten bundesweit Aufsehen erregt. Videos zeigten, wie die zahlreichen Clanmitglieder am Bahnhof Gesundbrunnen über Tschetschenen herfielen und einige von ihnen mehrfach mit Messern zustachen.

Ermittler: "Russisch-eurasische OK ist eine harte Nuss"

Hintergrund der Auseinandersetzungen ist ein Bandenkrieg zwischen einem arabischen Clan und einer russisch-tschetschenischen Gruppe. Die für organisierte Kriminalität (OK) zuständige Abteilung im Landeskriminalamt (LKA) übernahm nach den Taten im November die Ermittlungen.

Tschetschenische Banden spielen seit Jahren eine Rolle im kriminellen Milieu der Hauptstadt. In dem Bereich gebe es sichtbare Gewalt, hieß es bereits im Jahr 2019 im Zusammenhang mit dem Lagebild des LKA zur organisierten Kriminalität. "Die russisch-eurasische OK, das ist eine harte Nuss", sagte damals der zuständige Abteilungsleiter Sebastian Laudan. Bei fast der Hälfte der 59 großen Ermittlungskomplexe zum Thema organisierte Kriminalität ging es um Rocker, Tschetschenen oder Mitglieder arabischstämmiger Großfamilien, die vor allem im Drogenhandel, der Zwangsprostitution und der Schutzgelderpressung aktiv sind.

Sendung: Abendschau, 4. August 2021, 19:30 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Warum wurde keine Sicherungsverwahrung angeordnet? Der Typ ist durch & durch kriminell. Er kann gar nicht anders!

  2. 3.

    Geld - Immobilien - Autos alles beschlagnahmen - und dann ab durch die Mitte.

  3. 2.

    Also wurde der vormalig bereits Verurteilte für etwas bestraft, das ihm nicht nachgewiesen werden konnte und er nur vor Ort bzw. in der Nähe war? Das ist ja noch fadenscheiniger als ein Indizienprozess. Straftäter*innen sollten verurteilt werden, gar keine Frage, aber aus einer Ahnung heraus ganz sicher nicht. Plausibilität allein ist kein gerichtsfestes Argument.

    Wieso man beim rbb der Meinung ist, lediglich Sprachrohr von Gerichtsentscheidungen sein zu müssen, erschließt sich nicht, wenn man den eigenen journalistischen Arbeitsauftrag denn ernst nimmt. Auch die Bezeichnung der Tat als rassistisch ist völlig falsch, da sich Rassismus obligatorisch entlang einer konstruierten hierarchischen Achse zw. sog. Mehrheitsgesellschaft und der sie konstituierenden Minderheiten abspielt. Die organisierte Kriminalität mit zugeschriebener oder tatsächlicher arabischer Herkunft ist nun also teil der Mehrheitsgesellschaft und Tschetschen*innen Zielgruppe des Hasses der Mehrheit? Ist mir neu.

  4. 1.

    Wenn sie keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, sollen die arabischen Clanmitglieder sofort aus D rausgeworfen werden.

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