Tempelhof-Schöneberg - Bezirksbibliothek wird Ziel mutmaßlich rechtsgerichteter Attacke

Zerstoerte Buecher in Bezirksbibliothek Tempelhof-Schoeneberg
Audio: Inforadio | 12.08.2021 | Boryano Rickum | Bild: Nadja Gragert-Klier/Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg

Unbekannte haben in der Bezirksbibliothek von Tempelhof-Schöneberg Bücher zerschnitten, die sich unter anderem kritisch mit rechten Strömungen beschäftigen. Die Mitarbeiter gehen von einem Anschlag aus. Von Georg-Stefan Russew

Das Entsetzen in der Bezirksbibliothek von Tempelhof-Schöneberg ist groß: In der vergangenen Woche haben Mitarbeiter der Bibliothek einen Korb mit sieben zerstörten Büchern entdeckt. Alle setzen sich inhaltlich kritisch mit rechten gesellschaftlichen Tendenzen auseinander oder behandeln Biografien aus der Geschichte des Sozialismus. "Für mich sind das klare Indizien, dass es sich um eine rechtsmotivierte, vorsätzliche Zerstörung handelt", sagte Bibliothekschef Boryano Rickum am Donnerstag rbb|24.

Vorfall zunächst auf privatem Twitter-Account öffentlich gemacht

Rickum hatte diese Attacke zunächst auf seinem privaten Twitter-Kanal öffentlich gemacht. Der Vorgang habe ihn so angefasst, dass er dies nicht auf sich beruhen lassen wollte. Das "reiht sich in eine ganze Reihe an Vorfällen in unserer BZB in den letzten Jahren ein: Immer wieder ist die Bibliothek Ziel von rechten Schmierereien in und am Gebäude, immer wieder werden dort unbefugt und anonym Flyer oder andere Publikationen rechtspopulistischer Gruppierungen und Bewegungen ausgelegt", schreibt er auf seinem Kanal. Kaum seien die Flyer durch die Bibliothek entfernt worden, lagen neue aus oder wurden in Büchern platziert.

Die jetzige Attacke habe allerdings eine neue Qualität. "Weite Teile der Bücher waren mit einer Schere durchschnitten", berichtete Rickum. "Was meine Kollegen und mich entsetzt, ist, dass so jemand auf die Idee kommt, sich gezielt die Bücher heraussucht und das dann umsetzt", so Rickum weiter. Bibliotheken im Land haben "die Aufgabe, die Meinungsfreiheit im Land zu garantieren. So einen Vorfall empfinden wir ganz klar als Angriff auf die Meinungsfreiheit und damit auf die bundesrepublikanische Demokratie", so der Leiter der Stadtbibliothek.

"Politische Neutralität ist hier keine Option"

In seiner Funktion als Leiter der Bezirksbibliothek Tempelhof-Schöneberg bekräftigte Rickum gegenüber rbb|24 seine Position: "Ich bin der festen Überzeugung, dass Öffentliche Bibliotheken die Pflicht haben, mit ihren Mitteln politisch Position zu beziehen, sich überparteilich und für unsere verfassungsmäßig geschützte demokratische Grundordnung einzusetzen, gegen antidemokratische Strömungen. Politische Neutralität ist hier keine Option", unterstrich Rickum.

Zu den zerstörten Büchern zählen unter anderem: Wolfgang Wippermann, "Denken statt denkmalen: gegen den Denkmalwahn der Deutschen"; Patrick Stegemann und Sören Musyal, "Die rechte Mobilmachung : wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen" sowie Philip Schlaffer ,"Hass. Macht. Gewalt.: ein Ex-Nazi und Rotlicht-Rocker packt aus".

Nach Rickums Angaben hätten sich bei ihm einige Autoren gemeldet und sich für seinen Thread auf Twitter bedankt. Einige sicherten dem Bibliothekschef auch zu, einige neue Exemplare ihrer Bücher kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Buch zerstört

Kulturstadtrat: "Immer häufiger im Fadenkreuz rechter Übergriffe"

Schockiert äußerte sich der Kulturstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, Matthias Steuckardt (CDU): "Die Nachricht über die beschädigten Bücher in der Bezirkszentralbibliothek hat mich sehr betroffen und zugleich wütend gemacht. Unsere bezirkliche Kulturarbeit gerät immer häufiger ins Fadenkreuz rechter Übergriffe." So verwies er auf einen Fall im April, als in Schöneberg mehrere Stolpersteine kurz nach ihrer Verlegung mit einer ätzenden Flüssigkeit beschädfigt wurden. Auch dieser Angriff auf die Bibliothek sei kein Einzelfall.

"Die zunehmende Aggressivität dieser Angriffe ist schockierend", so Steuckardt weiter. "Bibliotheken sind Leuchttürme des Wissens und der Freiheit, die es zu verteidigen gilt. Wir werden uns den Feinden der Demokratie gemeinsam und entschlossen entgegenstellen", sagte er am Donnerstag rbb|24.

Kein hoher materieller Schaden

Der materielle Schaden sei nicht sehr hoch. Auf 120 Euro taxierte Rickum ihn. Aber ideell sei dies ein massiver Eingriff. Nochmals machte der Bibliothekschef deutlich: Hier sei jemand gezielt in die Bibliothek gegangen, habe sich ganz bewusst diese Bücher herausgesucht "und feinsäuberlich mit einer Schere kaputtgeschnitten". Der Korb mit insgesamt sieben zerstörten Büchern wurde dann so platziert, dass die Botschaft unmissverständlich ankommen sollte. "Dieser Vorfall bewegt sich für mich sehr deutlich auf der gleichen Ebene mit mutwillig zerstörten oder beschmierten Stolpersteinen", betonte Rickum.

Heftige Reaktionen auf Twitter

Auf Twitter lösten Rickums Tweets entsprechende Reaktionen aus. Eine Userin schrieb: "Wie schrecklich! Hatten wir das nicht schon mal? Vor circa 85 Jahren". Eine andere kommentierte: "Das macht sprachlos. Büchereien und Autoren als Zielscheibe zu benutzen, erinnert an dunkelste Zeiten." Ein anderer User schrieb: "Ich hoffe, ihr habt Anzeige erstattet?" Bibliothekschef Rickum sagte rbb|24: "Natürlich! Die Attacke wurde bei der Polizei angezeigt."

Sendung: Inforadio, 12.08.2021, 13:00 Uhr

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Beitrag von Georg-Stefan Russew

28 Kommentare

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  1. 28.

    Ich bin verwundert, gestern erst Fahrzeuge eines Wohnungsunternehmens und eine eindeutige Täterschaft wird ausgeschlossen. Vergangene Woche, aber erst später bekannt gegeben, werdenen Bücher, die sich "inhaltlich kritisch mit rechten gesellschaftlichen Tendenzen oder Biografien aus der Geschichte des Sozialismus auseinander" beschädigt. Natürlich werden beschmierte Stolpersteine in den Kontext gesetzt, die "eindeutig" auf eine rechte Täterschaft hinweisen.
    Weder das Eine, noch das Andere ist zur Zeit bewiesen, also sind das nur unbewiesene Vermutungen.
    Und warum sollten aber Rechtsradikale die Geschichte des Sozialismus zerstören? Waren sie doch ein wichtiger Teil davon.
    Buhlte nicht 1946 die SED um die ehemaligen NSDAP-Mitglieder und ist nicht heute noch ein führendes NSDAP-Mitglied des Ältestenrat der SED-Linken?

  2. 27.

    Die Nazis haben es 1933 mit der Bücherverennung nicht geschafft, die Bücher zum Schweigen zu bringen und sie werden es 2021 auch mit Scheren nicht schaffen!

    Ich habe übrigens der Bezirksbliothek mitgeteilt, daß ich mich finanziell an der Wiederbeschaffung der zerstörten Bücher beteiligen möchte.

  3. 26.

    Die Rechten haben bereits in der Vergangenheit gezeigt, wie wenig ihnen Bücher und Kultur wert sind. Selbst können sie meist nichts intellektuelles hervorbringen, deshalb zerstören sie die Werke von anderen. Ich hoffe, die Täter werden gefasst. Wir müssen alle wachsam sein. Es kann eigentlich nicht sein, dass niemand etwas gesehen hat.

  4. 25.

    Jetzt finden die Rechten schonmal den Weg in eine Bibliothek, und das kommt dabei heraus.

    Wer Bücher zerstört der zerstört auch Menschen.

  5. 24.

    Die Zerstörung von Büchern weckt düsterste Erinnerungen. Ich hoffe dies ist angesichts der Bundestagswahlen auch eine Warnung an Menschen, welche Akteure unsere Demokratie zerstören wollen.

  6. 22.

    Für eben diesen Whataboutism sind ja auch Sie bekannt.
    Dieser Begriff wurde von Linken erfunden, um zu etablieren, dass zu deren Grundsätzlichen Standpunkten keine Gegenargumente mehr ins Haus rollen.
    Dabei ist das, was hinter Whataboutism steckt für Diskussionen wichtig. Parallelen zu ähnlichen Fällen zu ziehen, um die Geschehnisse und deren Empörung einordnen zu können.
    Solch traurige Bücherzerstückelungen haben leider gesellschaftliche Vorläufer. Nennt sich Cancel Culture.

  7. 21.

    Meinungen verbieten? Gesinnung bestrafen? Wer soll entscheiden? Mehrheiten? Merken Sie was?

  8. 20.

    Lichtenrade, Marienfelde, Mariendorf sind schon seit Jahren Hochburgen der Neonazis. Bei Wahlen fuhren dort immer NPD Lautsprecherwagen vorbei. Am U Westphalweg war ( ist? ) eine rechte Eckkneipe.

  9. 19.

    "Eine Meinung ist eine Meinung ist eine Meinung, und die ist mit gutem Grund in unserer Gesellschaft geschützt."

    Eine rechtsextreme Gesinnung ist KEINE Meinung, sondern ein Verbrechen.

  10. 18.

    Ihnen zufolge sei rechtsextreme Gesinnung also nicht nur eine unter vielen, sondern dieser Vorfall legitim, da Sie rechtsextreme Einstellungen und Handlungen unterdrückt sehen? Das ist nicht nur offene Sympathie für diese Taten, sondern auch noch Belohnung und Billigung von Straftaten.

    Der Leiter der Bezirksbibliothek hat völlig recht und richtig gehandelt mit der Veröffentlichung der Vorfälle: Rechtsextremismus ist zu benennen von einer demokratisch wehrhaften Gesellschaft. Mit Vorstellung von Neutralität hat das Nicht-Behandeln von Rechtsextremismus in den Augen von Rechten auch nichts zu tun. Billigen, wegsehen, Anschluss gewähren lassen, das sind Ziele von Rechten. Gut ist hingegen auch, dass die Autor*innen die Exemplare ersetzen werden. Gemeinsam gegen rechts.

    Was die Flugblätter in Büchern angeht, erinnert das stark an einen Fall an der Ruhr-Universität, wo durch die "Identitäre Bewegung" derartige Aktionen die Bibliothek stören sollten.

  11. 17.

    "Es gibt aber auch Menschen, die Autos anzünden und gefährden auch unbeteiligte Menschen. Menschen aus beiden Richtungen sind leider nur schwer zu überzeugen, da vollkommen verkorkst im Kopf. "

    Whataboutism aus der bekannten Ecke... widerlich.

  12. 16.

    "Solange man in dieser Gesellschaft nicht ohne sofortige Vorverurteilung in die tiefbraune rechte Ecke abgeschoben wird, sobald man eine in konservative Richtung gehende Meinung zum Ausdruck bringt, wird die Radikalisierung von Anhängern dieser Richtung zunehmen."

    Niemand wird in eine Ecke geschoben, der sich nicht schon dort befindet. Es sitzen wieder Faschisten und Rechtsextremisten in unseren Parlamenten, die Anschläge von Rechtsextremisten werden immer häufiger, die sich dadurch ermuntert immer weiter radikalisieren.

    "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." wurde schon einmal zu traurigen Wahrheit, wir sollten es nicht noch einmal soweit kommen lassen.

    Wer die Taten von Rechtsextremisten verharmlost ist selbst rechtsextrem.

  13. 15.

    Eine Meinung ist eine Meinung ist eine Meinung, und die ist mit gutem Grund in unserer Gesellschaft geschützt. Eine Sachbeschädigung ist ein Straftatbestand und sollte verfolgt werden. Wollen Sie wirklich bestimmte Meinungen verbieten lassen? Das wäre ein (vielleicht ungewollt) ziemlich totalitäres Gesellschaftsverständnis.

  14. 14.

    Die Leute sind einfach nur widerlich. Man muss ja kein Linker sein, aber kein Grund Allgemeineigentum zu zerstören. Der Sinn hinter dieser Aktion erschließt mich mir nicht so recht. Man hat Bücher zerstört, die jederzeit ersetzbar sind. Gibt es denn keine Liste wer dieses oder jenes Buch ausgeliehen hat? Es gibt aber auch Menschen, die Autos anzünden und gefährden auch unbeteiligte Menschen. Menschen aus beiden Richtungen sind leider nur schwer zu überzeugen, da vollkommen verkorkst im Kopf.

  15. 13.

    Wehret den Anfängen?
    Das war vor1933, mache behaupten ab 1990, andere die Zeit dazwischen, .., man sollte endlich mit dem sich wehren anfangen, und nicht nur darüber reden.

  16. 12.

    Danke für Ihre nicht positiv beeindruckende Meinung.

    "sobald man eine in konservative Richtung gehende Meinung zum Ausdruck bringt" usw. >>Dieser platte, ohne konkrete Beispiele nichtssagende Satz ist voll sinnlos.

    Ich drehe den Spieß jetzt mal fiktiv ( https://www.duden.de/rechtschreibung/fiktiv ) um:
    sobald man eine in völkerverständigende und klima-bewahrende Richtung und Corona-Regeln-befolgende Meinung zu m Ausdruck bringt, wird man in dieser Gesellschaft nicht ohne sofortige Vorverurteilung in die geistig-behinderter Ecke abgeschoben.

    Aber Sachbeschädigung finden Sie in dem von Ihnen geschildertern Zusammenhang folgerichtig - JA? Dann möchte ich Sie erleben, wenn meine Gesinnungsfreunde aus Protest gegen Ihre freie Meinungsäußerung IHRE Sachen zerstören!

  17. 11.

    Das Zerstören des pluralistischen Kulturlebens ist das Ziel dieser braunen Vergangenheit. Erinnert an die Bücherverbrennung von 1933.

  18. 10.

    Diese Bagage traut sich von mal zu mal mehr zu, aber man nimmt sie immer wieder nicht als Gefahr für Demokratie, und Rechtsstaat richtig wahr.
    Was muss noch geschehen, bis man diese Gefährder aus dem Verkehr zieht?

  19. 9.

    Dies ist Zeugniss des maroden Bildungssystems unseres Landes.
    Statt Literatur - egal welcher Art - zu verbieten, vernichten usw. sollte diese zum Stoff in den Schulen werden.
    Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin, Erich Honecker - ebenso (und nun bitte bis zum Ende durchlesen) Adolf Hitler, Göbbels usw.. All die Werke sollten von speziell geschulten Lehrern in den Schulen mit den Schülern durchgelesen UND durchgesprochen werden. Anhand dieser Werke sollte die Geschichte den jungen Leuten begreifbar gemacht werden und die Schüler erkennen wie wichtig es ist Bildung zu erlangen und in einer Demokratie zu leben damit es keine Bücherverbrennungen mehr gibt - ebensowenig Verbot von Büchern oder gar wie jetzt das zerschneiden von Büchern geschieht. Bücher - egal von wem geschrieben - sind Kulturgüter / aufgezeichnete Geschichte aus der die Menschen lernen. Wer Bücher zerstört - egal welchen Inhalts - hat meiner persönlichen Meinung nach nichts gelernt aus der Geschichte. Unfassbar sowas!

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