Traumata bei Bundeswehrsoldaten - "Da werden Bilder wieder aktiviert, die viele Jahre geschlummert haben"

Soldaten halten bei der feierlichen Verabschiedung der ehemaligen Verteidigungsministerin von der Leyen (CDU) mit dem Großen Zapfenstreich im Verteidigungsministerium Fackeln in der Hand. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Audio: Inforadio | 31.08.2021 | Gespräch mit Prof. Stefan Kropp | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka Download (mp3, 12 MB)

Nach dem Afghanistan-Einsatz sollte es am Dienstag einen Große Zapfenstreich geben - er wurde verschoben. Für die zurückgekehrten Soldatinnen und Soldaten wäre die Feier ein wichtiges Zeichen der Anerkennung, sagt Psychotherapeut Stefan Kropp. Viele trügen schwer an ihren Erlebnissen.

rbb|24: Professor Kropp, die Taliban haben Afghanistan quasi kampflos übernommen. Die Luftbrücke war ein Drama, US-Soldaten haben dabei ihr Leben verloren. Was geht nun in Bundeswehr-Soldatinnen und -Soldaten vor, die dort ihr Leben riskiert haben?

Stefan Kropp: Es schwankt zwischen "Wir haben es gewusst", Fassungslosigkeit, Trauer und auch ein bisschen Abspalten - man mag gar nicht glauben, was man dort in den letzten Tagen gesehen und gehört hat. Das wäre auch eigentlich typisch für das, was Patienten berichten, die hin- und hergerissen sind, ob sie sich damit [mit ihren Erlebnissen, Anm.d.Red.] jetzt wieder verbinden sollen oder ob sie es abspalten, zur Seite legen und mit ihrem Leben weitergehen können.

Zur Person

Psychotherapeut Prof. Stefan Kropp (Quelle: privat)
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Professor Stefan Kropp, 54, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt am Vincera-Klinikum Spreewald in Lübben.

Zur Bundeswehr kam er 2009 über die "Reserveoffizierausbildung". 2011 und 2013 war er als Arzt im Rahmen der internationalen ISAF-Mission in Afghanistan. Bei der Bundeswehr hat er den Rang "Oberstarzt der Reserve". Er ist unter anderem Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des "Psychotrauma-Zentrums der Bundeswehr" am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin.

Stellen sich jetzt nicht auch einige zurückgekehrte Soldaten die Frage: War mein Einsatz sinnvoll, wenn er so zu Ende geht?

Letztlich können Nachrichten, Begebenheiten, Fernsehberichte auch Träger sein, dass man sich wieder zurückversetzt fühlt, und die Sinnfrage stellt. Und natürlich kommen gerade bei Angehörigen von Verwundeten oder auch von Gefallenen diese Fragen: War es das wert?

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir Veteranen aus ganz anderen Einsätzen haben, wie zum Beispiel Kambodscha oder Kosovo. Da werden jetzt die Bilder wieder aktiviert, die viele Jahre geschlummert haben, die unterdrückt wurden.

Eine der schlimmsten psychischen Störungen ist die posttraumatische Belastungsstörung PTBS. Worunter leiden die Patientinnen und Patienten?

Das Eindrücklichste ist, dass sie so gar nicht wissen, was mit ihnen eigentlich los ist. Sie fühlen sich verändert, möglicherweise abgestumpft, bei bestimmten Gelegenheiten erschrocken und wissen gar nicht warum. Sie werden zum Teil auch reizbar und verärgert und sind für ihre Umwelt, aber auch für sich selbst, möglicherweise schwer zu ertragen.

Einige dieser Patienten können auch depressiv oder ängstlich reagieren, Suchtmittel gebrauchen, missbrauchen oder sogar abhängig werden. Das heißt: Es ist ein buntes Bild.

Was sie vor allen Dingen quält, sind Erinnerungen, die ungewollt zu den unmöglichsten Zeitpunkten hochkommen und sie quälen können. Das kann ein Albtraum sein, aber auch eine Situation im Supermarkt, wo plötzlich etwas aus einem Regal fällt und ein bestimmtes Geräusch macht. Und plötzlich sind das Gefühl und die Situation aus dem Einsatz wieder da, die ich eigentlich gar nicht mehr erleben und die ich vermeiden will.

Situationen zu vermeiden, die an das Trauma erinnern - das ist ein wichtiges Stichwort. Deshalb ziehen sich diese Menschen auch sozial oft viel mehr zurück, als es ihnen und ihrer Umgebung lieb ist. Es dauert oft viele Jahre, bis dieses Bild, das sich schleichend einstellt, für denjenigen selbst überhaupt gut beschreibbar ist.

Wie sehr quält die Soldatinnen und Soldaten die Tatsache, dass sie Ängste haben - was ja möglicherweise nicht zum Bild eines Soldaten oder auch zum Selbst-Bild passt?

Ich würde sogar noch weiter gehen und auch Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute mit einschließen. Das sind ja Menschen, die eigentlich qua Amt keine Angst haben, obwohl es ein menschliches Gefühl ist - und jeder von uns Angst haben darf und auch sollte, um sich zu schützen.

Aber das ist nichts, was gern zugelassen wird. Und es wird auch oft verdrängt, dass man hier ein Problem hat. Viele Menschen, die ein solches Problem haben, würden wahrscheinlich über die Angst als erstes gar nicht sprechen, sondern über andere Dinge, die unangenehm sind oder quälen.

Viele Traumatisierte haben das Gefühl, dass niemand versteht, was sie erlebt haben. Deshalb reden viele von ihnen nicht einmal mit ihren Ehepartnern darüber. Was löst das aus?

Die Traumatisierten haben die Situationen, die sie quälen, in der Regel in einer Soldatengruppe erlebt. Mit diesen Soldaten können sie ihre Erlebnisse teilen, dort fühlen sie sich verstanden. Das macht man sich in Therapieangeboten oder Gruppen zunutze - dass der Umgang mit Menschen, die in solchen Bereichen gedient haben, Teil der Therapie sein kann. Da braucht man nicht so viel zu erklären, und das ist wichtig. Dann geht es eigentlich schon viel besser.

In der Tat ist es so, dass Angehörige oder Freunde, die in einem ganz anderen Lebensbereich aktiv sind, das kaum nachempfinden können.

Was können Sie als Arzt tun, um Soldatinnen und Soldaten zu helfen, dass der "Erinnerungs-Rucksack" kleiner und leichter wird?

Der erste Schritt ist die Anamnese, also herauszubekommen, worunter jemand leidet, was die Vorgeschichte ist und dann eine Diagnose zu stellen. Das kann für viele Menschen schon sehr erleichternd sein, zu wissen, worunter sie eigentlich leiden: zum Beispiel unter einer Anpassungsstörung oder schlimmer noch unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und dann geht es darum, dass sich diese Menschen einer Behandlung öffnen - auch wenn sie sich jahrelang abgekapselt haben.

Die Behandlung ist in vielen Fällen erfolgreich. Diese Patienten haben dann gelernt, im Alltag nicht in Fallen zu tappen, die sie wieder auf den Anfang zurückwerfen. Schon durch die Diagnose wird der Rucksack ein wenig leichter. Durch die Behandlung von Schlafstörungen, die oftmals zur posttraumatischen Belastungsstörung dazugehören, fällt noch mal ein ganzes Stück an Gewicht ab.

Die Therapie ist kein Pappenstiel, die ist anstrengend. Es ist harte Arbeit, so weit zu kommen, dass man das abschüttelt, weitergehen kann und nicht dort verharrt. Aus unserer Sicht wäre es das Schlimmste, wenn jemand mit seinen Dämonen gefangen ist und sein Leben an ihm vorüberzieht.

Die Mehrzahl der 163.000 deutschen Soldat:innen ist ohne psychische Probleme zurückgekommen. Die Bundeswehr weiß inzwischen aus Analysen und Langzeituntersuchungen, dass es spezielle Risikogruppen gibt, die während ihrer Einsätze oder danach eine psychische Erkrankung entwickeln. Dazu zählen unter anderem Menschen mit starken Wert- und Moralvorstellungen. Warum gerade die?

In solchen Einsätzen sind moralische Überzeugungen und Vorstellungen nicht immer in Deckung mit dem Auftrag zu bringen. Dadurch kann ein inneres Wertesystem, das jeder von uns in sich trägt, auch verletzt sein. Das heißt: Ich muss möglicherweise Dinge tun, weil sie mir befohlen werden, obwohl ich sie mit meinem moralischen Wertekompass anders lösen würde.

Zum Beispiel wenn Zivilisten durch meinen Einsatz zu Schaden kommen?

Ja, oder dass man sieht: Zivilisten, Frauen, Kinder kommen zu Schaden, und ich kann nicht eingreifen, weil ich gezwungen bin, weiterzufahren. Ich kann nicht eingreifen, obwohl ich gelernt habe, dass ich Bedürftigen helfe, die nicht so stark sind wie ich. Dann kann es zu so einer moralischen Verletzung kommen, die das Päckchen, den Rucksack, deutlich schwerer macht, als er ohnehin schon wäre.

Der geplante Zapfenstreich für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die in Afghanistan waren, ist nun erst einmal verschoben. Wie wichtig ist eine öffentliche Würdigung für die Soldatinnen und Soldaten, die aus einem solchen Einsatz zurückkommen?

Ich halte Rituale für besonders wichtig, um auch solche schwierigen Episoden abschließen zu können, die so lange gedauert und so viel Kraft und Nerven und ja zum Teil auch die Gesundheit gekostet haben. Wichtig sind sie auch, um ein sichtbares Zeichen der Anerkennung und der Wertschätzung zu senden.

Es gibt viele andere Länder, die so etwas viel besser beherrschen als wir. Das hat aber mit unserer Geschichte zu tun. Ich würde solche Rituale in welcher Form auch immer sehr schätzen, weil ich auch denke, dass sie allen Betroffenen helfen können, im Leben wieder anzukommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führt Wolf Siebert, Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Form. Das gesamte Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den "Play"-Button im Titelbid klicken.

Info

  • Afghanistan-Einsätze der Bundeswehr

  • Posttraumatische Belastungsstörung

  • Wie hilft die Bundeswehr?

Sendung: Inforadio, 31.08.2021, 10:45 Uhr

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5 Kommentare

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  1. 5.

    Mein Gott, wie wenig Ahnung haben Sie eigentlich! Dann können wir auch aufhören, Verkehrstote zu beklagten. Die wussten auch um die Gefahr und haben sogar noch extra Geld für das jeweilige Gefährt ausgegeben, um damit am Straßenverkehr teilnehmen zu können. Sie merken wohl selbst wie abstrus diese Denkweise ist.

  2. 4.

    Selber schuld, hätten auch einen anständigen Beruf wählen können.

  3. 3.

    Ach wie schön, dass selbst dumme Meinungen wie Ihre in einer Demokratie herausposaunt werden können - das halten die Soldaten und Soldatinnen auch aus.

  4. 2.

    Na und? Sie sind trotzdem Menschen mit Empathie, Empfindungen und einem Gewissen. Oder macht die Tatsache, dass sie freiwllig im Einsatz sind, weil sie sich verpflichtet haben, dem Staat - und übrigens auch Leuten wie Ihnen - zu dienen, etwas zu Maschinen? Sind Sie dann auch der Meinung, dass Feuerwehrleute, Polizeiangehörige oder auch Menschen in Pflegeberufen oder Ärzte auch freiwillig im Beruf sind und daher keine Hilfe bräuchten, wenn ihnen etwas zusetzt?

  5. 1.

    Soldaten die zu Kampeinsätzen ins Ausland gehen, melden und machen das freiwillig, sie bekommen mit bis zu 100 Euro /pro Tag zusätzlich zu ihrem Sold .. also erstmal ein finanzieller Anreiz.
    Jeder gefallene, verwundete deutsche Soldat ist einer zuviel, ohne Frage und es ist schlimm und die Politik trägt dafür die Verantwortung, zuallererst die Merkel-Regierung...

    wenn es regnet, werde ich nun mal nass und die Soldaten die ins Ausland gehen machen das freiwillig.. es sind keine Wehrpflichtigen ...

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