Debatte um Auffrischung - Für wen eine dritte Corona-Impfung sinnvoll sein könnte

Sa 21.08.21 | 17:25 Uhr | Von Ursula Stamm
  34
Eine Frau, die in einem Pflegeheim arbeitet, wird im Impfzentrum Arena Treptow gegen das Coronavirus geimpft. (Quelle: Markus Schreiber)
Bild: dpa/Markus Schreiber

Gut die Hälfte aller Deutschen sind vollständig gegen Covid-19 geimpft. Manche stehen nun vor der Frage: brauche ich eine dritte Impfung, weil der Impfschutz schon wieder nachlässt? Einige Antworten dazu von Ursula Stamm.

 

Die Empfehlung

Anfang August haben die Gesundheitsminister der Bundesländer dem Plan zugestimmt, ab September Menschen Risikogruppen eine dritte Impfung anzubieten. Dazu gehören zum Beispiel Menschen ab 80 Jahren, Bewohner von Pflegeeinrichtungen und diejenigen mit einem geschwächten Immunsystem.

Hintergrund dieser Empfehlung sind erste Studien, die zeigen, dass bei diesen Personengruppen der Impfschutz nach einem halben Jahr stark abnimmt. Das hat verschiedene Gründe. So bauen ältere und immungeschwächte Menschen von vornherein einen geringeren Impfschutz auf als jüngere und gesunde. Dementsprechend schneller lässt der Schutz über die Zeit auch wieder nach.

Die Studienlage

Große belastbare Studien, die Aussagen darüber machen, wie stark der Impfschutz nach einer bestimmten Zeit abnimmt, gibt es noch nicht. Es existieren kleinere Studien, die das zum Beispiel bei Menschen untersucht haben, die auf eine Dialyse angewiesen sind oder unter einer Immunschwäche leiden. Bei der Frage, wie stark ein Impfschutz über die Zeit nachlässt, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: das Lebensalter, der Impfstoff, wie lange die Zweitimpfung zurückliegt und auch Varianten des Sars-CoV-2 Virus.

So ist bekannt, dass die inzwischen vorherrschende Delta-Variante ansteckender ist als ihre Vorgänger. "Es gibt Daten aus Israel, die zeigen, je länger der Abstand zur Impfung ist, desto stärker lässt die Schutzwirkung nach", sagt Leif Erik Sander, Professor für Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung, an der Berliner Charité. Dennoch bestehe auch bei einem nachlassenden Impfschutz noch ein guter Schutz vor schwerer Erkrankung, so Sander. "Das Risiko, schwer zu erkranken, ist bei vollständig geimpften Personen um 85-90 Prozent niedriger als bei ungeimpften."

Antikörpertests

Weil es von vielen Faktoren abhängt, ob ein guter Impfschutz auch Monate nach der Zweitimpfung noch besteht, liegt die Idee eines Labortests nahe, der genau das untersucht. Verschiedene Firmen bieten inzwischen so genannte Antikörpertests an. Mit ihnen werden anhand einer Blutprobe, die im Labor untersucht wird, die sogenannten S1-Antikörper bestimmt. Sie richten sich gegen Teile des Spike-Proteins des Sars-CoV-2 Virus und sind somit ein Teil der Immunantwort des Organismus. "Daten des Impfstoffherstellers Moderna zeigen, dass Personen, die sich trotz zweifacher Impfung angesteckt haben (Durchbruchinfektion), im Schnitt niedrigere Antikörper hatten, als diejenigen, die keine Durchbruchinfektion bekommen haben", erläutert Impfstoffexperte Leif Erik Sander.

Allerdings gebe es keinen Grenzwert für die Menge von Antikörpern, ab dem ein Schutz als niedrig, mittel oder hoch einzuschätzen sei. "Wenn bei jemandem überhaupt keine Antikörper nachweisbar sind, dann kann man annehmen, dass kein ausreichender Immunschutz aufgebaut wurde", ergänzt Sander. Hinzu kommt, dass die Antikörpertests keine so genannten neutralisierenden Antikörper nachweisen können. Dafür benötigt man aufwändige Tests, die flächendeckend nur schwer durchführbar sind. "Zwar hängt die Menge von S1-Antikörpern mit den neutralisierenden Antikörpern zusammen", erklärt Leif Erik Sander, "aber eine direkte Schlussfolgerung auf den bestehenden Impfschutz könne man daraus nicht ableiten."

Drittimpfung mit mRNA-Impfstoffen

Eine dritte Impfung wird hierzulande ausschließlich mit den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna durchgeführt. Auch wenn eine oder beide vorangegangenen Impfungen mit einem Vektorimpfstoff von Astrazeneca oder Johnson & Johnson erfolgt sind. Diese Kreuzimpfungen würden einen sehr schnellen Booster-Effekt auslösen, also den Immunschutz gegen eine Sars-CoV-2 Infektion wieder deutlich erhöhen.

"In Untersuchungen der Firma Moderna hat sich gezeigt, dass selbst mit einer um die Hälfte reduzierten Impfdosis der Effekt der dritten Impfung sehr gut ist", sagt Sander. Die Menge der gemessenen Antikörper sei über dem Spitzenwert nach der Zweitimpfung gewesen. "Ich erwarte, dass die Booster-Impfung sehr gut funktioniert, dass sie sicher ist und dass sie dann auch eine relativ stabile und gute Immunantwort aktiviert", ergänzt Leif Erik Sander. Die Impfreaktionen nach einer dritten Impfung gegen Covid-19 seien vergleichbar mit denen nach der Zweitimpfung.

Neue Impfstoffgeneration

Bislang schützen die bekannten mRNA-Impfstoffe auch vor den neuen Varianten des Sars-CoV-2 Virus, wie zum Beispiel der Delta-Variante. Dennoch bereiten sich Biontech/Pfizer und Moderna darauf vor, den Impfstoff schnell anpassen zu können, sollten Virusvarianten entstehen, die mit den bisher verfügbaren Impfstoffen nicht mehr bekämpft werden können.

Eine ständige Anpassung der Impfstoffe an die neu auftretenden Varianten sei weder sinnvoll noch notwendig, sagt Impfstoffforscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité. Auch wenn mRNA-Impfstoffe schneller anzupassen seien, als zum Beispiel Vektorimpfstoffe, würde der Prozess der Zulassung und Herstellung zu lange dauern, um ständig neue Impfstoffe auf den Markt zu bringen. Aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass existierende Impfstoffe gegen neue Virusvarianten ihre Wirkung verlören, sei dies machbar.

Drittimpfung für alle?

Eine dritte Impfung für alle vollständig geimpften Personen nach einem halben Jahr hält Impfstoffforscher Leif Erik Sander nicht für notwendig. Anders schätzt er die Lage für die Personengruppen ein, denen auch durch den Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz eine dritte Auffrischimpfung empfohlen wird: Menschen ab 80 Jahre, Bewohner und Bewohnerinnen von Pflegeeinrichtungen und immungeschwächte Personen. "Die sollten ein drittes Mal geimpft werden, weil schon jetzt die Infektionszahlen wieder deutlich ansteigen", so Sander. Eventuell sei dies auch im Verlauf für etwas jüngere Menschen notwendig, dazu müssten weitere Studiendaten abgewartet werden.

Eine Stellungnahme der Ständigen Impfkommission (Stiko) zur dritten Impfung gegen Sars-CoV-2 gibt es noch nicht. Die Stiko hat allerdings vor zwei Wochen begonnen, das Thema "Drittimpfung" in einer Arbeitsgruppe zu bearbeiten. "Ergebnisse oder aktualisierte Empfehlungen erwarte ich nicht vor September", antwortet Dr. Martin Terhardt, Mitglied der STIKO auf Nachfrage von rbb24.

Sendung: Brandenburg aktuell, 20.08.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Ursula Stamm

34 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 34.

    Nun umfassen "die" Politiker auch einige wenige, die tatsächlich examinierte Mediziner sind.

  2. 33.

    schöne Ironie. Glauben Sie ernsthaft, dass es in Neuseeland Lebende gibt, die sofort sehr gerne mit uns tauschen würden?

    Hier kein Inselleben mehr, grenzenloser Tourismus, jede/r macht in "eigenverantwortung" was sie/er/es will und hier als Hauptgewinn Corona-Theater ohne Ende? Das ist doch mal ein Gegensatz zum Gegenmodell, wo Corona (langweiligerweise?) viele sehr lange Wochen und Monate keine Rolle spielt?

    Übrigens: Neuseeland setzt ein Höchstalter für per Auswanderung Einreisende (obwohl man rbb24 vermutlich auch von dort per Internet erreicht).

  3. 32.

    Ein frommer Wunsch. Ich befürchte wieder Chaos in den nächsten Monaten. Verbietet endlich den Politikern sich in medizinische Angelegenheiten einzumischen.

  4. 31.

    Hallo Politik halt Euch doch Mal raus. Last doch Mal die Flachleute entscheiden.

  5. 30.

    Hallo Jörg,
    haben Sie vielleicht schon einmal in Erwägung gezogen,nach Neuseeland auszuwandern,oder geben Sie die Hoffnung noch
    nicht auf,dass wir Deutschen es hier noch gebacken bekommen. Also ich würde mir wünschen, Sie blieben hier. Sonst
    würde mir( und vielleicht noch einigen Anderen) doch etwas fehlen.

  6. 29.

    Stimmt Ellen.

    Seit Monaten dominiert die Delta Variante. Es heißt, dass die Impfstoffhersteller nur ein paar Wochen brauchen, um die Impfstoffe auf Varianten anzupassen. Warum ist das bei Delta nicht passiert? Warum werden Impfungen immer noch in der " Urform" verabreicht? Muss erst das " alte Zeug" verimpft werden und dies auch eventuell noch ein drittes Mal um wieder den Schutzlevel zu erreichen?

  7. 28.

    Diskutieren = Zeitverschwendung!
    ALLE brauchen die Auffrischungsimpfung 8 auch die 4. 5. 6. usw., weil die Wirkung der Impfstoffe STÄNDIG nachlässt. (Ich hatte das Thema Impfungen bereits im Biologieunterricht.) UND (wie man inzwischen weiß): Geimpfte können weiterhin Überträger des Coronavirus bleiben UND sich selbst trotz regelmäßiger Impfungen mit Corona infizieren UND an Vorona sterben. Den Corona-Tod erlebt man übrigens bei vollem Bewusstsein plus Panikreaktionen plus Angstzuständen, weil es sich um einen schrecklichen Estickungstod handelt (keine schönen Aussichten).

  8. 27.

    Dass Neuseeland durch die Insellage schon alleine dadurch im "Vorteil" ist, weiß jede/r. Ob unsere Grenzen sperrangelweit offen bleiben müssen, sollte vielleicht vom jeweiligen Sachgrund abhängig seien (Etwa Menschen retten (zum Beispiel aus Afghanistan / und dann die erstmal in Quarantäne und genau testen). Niemand kann sich vorstellen, dass die Neuseeländer mit unserem Corona-Umgang und dem der übrigen Welt (Australien ausgenommen) tauschen möchten. Und ich habe noch kein einziges stichhaltiges Argument gehört/gelesen, das dagegen spräche, würde bei uns und in der übrigen Welt genauso erfolgreich mit Corona umgegangen werden. Fakt bleibt aber, dass hier fast niemand die neuseeländischen Maßnahmen gegen Corona anwenden möchte. Es scheint ein (von mir nicht verstehbares) Ziel zu bleiben, Corona bis in alle Ewigkeit weiter wirken lassen zu wollen...

  9. 26.

    Das Prinzip der nrma Impfstoffen beruht auf der jahrelangen Entwicklung von Krebsmedikamenten. Der Wirkstoff wurde nur auf Coronavirus angepasst. Somit ist es keine Neuentwicklung sondern nur eine Anpassung

  10. 25.

    Angesichts der hochansteckenden Delta-Variante wird auch in Deutschland über die Booster-Impfung ab Herbst diskutiert.

    Fraglich! Ich hoffe, Prof. Drosten behält diesmal recht. Die Zahlen aus Israel sprechen eine andere Sprache. Und auch in Deutschland beträgt die Hospitalisierungsrate der doppelt Geimpften bei einer Infektion 10 Prozent. Es ist zunehmend trügerisch, sich mit Impfung frei zu fühlen, ohne zu wissen, ob die Vakzine wirklich schützen?!

  11. 24.

    Ist das nicht eher beunruhigend.....

    Eigentlich ist es wie immer, als Geschädigter ist man in der Beweispflicht. In Sachen Coronaimpfung wurde bislang immer argumentiert: .....steht nicht in einem kausalem Zusammenhang...Es wird also nicht nur schwer sondern auch langwierig. Wie lange hat es z.B. bei Contagan gedauert? Jahrzehnte bis die Betroffenen entschädigt wurden

  12. 23.

    Rein formal:
    Die Corona-Impfstoffe wurden in gut 6-8 Monaten entwickelt (Beginn Januar 2021) und in gut 4-5 Monaten gestestet.
    Ab Dezember 2021 wurde in Deutschland geimpft.
    Eine Aussage über denkbare Impfschäden über 6-12 Monate hinaus, sind doch da gar nicht möglich.

  13. 22.

    JEIN.
    Klar, ein individuell gemessener Impftiter kann besser interpriert werden.
    Wenn Mensch A dreifach höhere Antikörper hat als B, ist die Vermutung sicher nicht falsch, das A auch besser geschützt sein kann (nicht MUSS, da es auch auch eine zellständige, nicht als lösliche Antikörper gebundene Immunität gibt).
    Jetzt aber Aufwand und Nutzen. Es wäre für mich kaum vorstellbar, jetzt millionenfach den Menschen Blut zur Antiköperbestimmung anzunehmen. Unabhängig von Aufwand, der Titer macht allein mehr LAborkosten als die Impfung kostet.
    So gesehen, machen pauschale Empfehlungen nach Alter und Krankheit auch Sinn.

  14. 21.

    Danke Detlef
    So habe ich es bisher in keiner Zeitung und auch beim rbb noch nicht gelesen.
    Aber ist das nicht eher beunruhigend?

  15. 20.

    "0,05% sind in der Tat niedrig. Bei jeder 2.000. Person, die geimpft ist, kommt es zu einem Impfdurchbruch."

    Da erkenne ich einen Denkfehler. Sie lägen richtig, wenn die Wahrscheinlichkeit, im betreffenden Zeitraum [sagen wir: April 2021 bis jetzt] eine Infektion einzufangen, hoch gewesen wäre. Sie liegt aber aktuell in ähnlicher Größenordnung, und war im Sommer deutlich niedriger.

    Bei R-Wert um Eins und Inzidenz um 50 ist bei jeder 2.000. Person mit einer Neuinfektion zu rechnen - die Voraussetzung, einen Impfdurchbruch zu beobachten, muss ja erstmal gegeben sein.
    Zwischen "wirksam geimpft" und "Glück gehabt" ist hier nicht zu unterscheiden!

    Eine positive Schutzwirkung um 30-40% ist realistisch, nicht eine vierzigfache.

  16. 19.

    "(Man) macht daher finanzielle Ansprüche gegen den Staat geltend. Nach dem Infektionsschutzgesetz haftet dieser nämlich für Schäden durch die Impfung, weil er sie auch empfiehlt. "

    https://www.n-tv.de/panorama/Wer-zahlt-bei-Impfschaeden-article22740223.html

    Über mittel- und langfristige Schäden KANN es keine Infos geben, da die Impfstoffe mit einem Rolling-Review-Verfahren bedingt zugelassen worden sind. Darin können die erforderlichen Daten für einen vollständigen Zulassungsantrag nacheinander zur Bewertung eingereicht werden, während ein Teil der Untersuchungen und Auswertungen noch läuft.

    Aus den Verträgen geht hervor, dass sich Pfizer/Biontech nicht nur selbst aus jeglicher Haftung für irgendwelche Schäden befreit hat, sondern auch sämtliche Drittbeteiligte an der Produktion, an der Distribution, der Vermarktung sowie auch die beauftragten Forscher und die Verabreicher des Impfstoffs usw. sind von jeglicher Haftung befreit.

  17. 18.

    Also wenn ich hier so manchen Kommentar lese würde mich mal interessieren aus welcher Glaskugel einige ihr "Wissen" haben.

  18. 17.

    Ich war einer der ersten die in Berlin geimpft wurde. Hätte nix gegen eine 3. Impfung um gut über den Winter zu kommen. Jeder erzählt was anderes wie lange die Vakzine Schutz bieten.

  19. 16.

    Jörg, Neuseeland ist eine Insel. Ringsum nur Meer. Und da reist keiner so einfach rein. Wir schaffen ja viel, aber Deutschland wird erst zur Insel, wenn wir alle nach Helgoland ziehen.

  20. 15.

    „Nach bisherigem Kenntnisstand und Auffassung namhafter Experten ist sie aber für die meisten Geimpften nicht sofort nötig“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer.

Nächster Artikel