Frau mutmaßlich von Brüdern getötet - Debatte um den Begriff "Ehrenmord" entbrannt

Mo 09.08.21 | 19:03 Uhr
Internationaler Frauentag, Demo in Berlin Deutschland (Quelle: Christian Spicker/www.imago-images.de)
Audio: Journal | 10.08.2021 | E. Breitenbach | Bild: Christian Spicker/www.imago-images.de

Zwei Afghanen sollen in Berlin ihre Schwester getötet haben - mutmaßlich, weil der Lebensstil der Frau nicht ihren Moralvorstellungen entsprach. Das politische Berlin streitet nun, wie solche Taten genannt werden sollen.

Nur kurz nach der Festnahme zweier afghanischer Männer, die in Berlin ihre Schwester getötet haben sollen, legte sich Franziska Giffey fest: "Es muss klar benannt werden, dass das nichts anderes ist als ein schrecklicher Ehrenmord", schrieb die SPD-Spitzenkandidatin für die Berliner Abgeordnetenhauswahl am späten Sonntagabend auf "Twitter".

Die Berliner Integrationsbeauftrage Elke Breitenbach (Linke) widersprach jedoch: "Das ist kein Ehrenmord, das ist Femizid", sagte sie. In Deutschland werde jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Dabei gehe es nicht um die Herkunft und die Nationalität der Täter, sondern um die Frage des Geschlechts, so Breitenbach weiter.

Wegner: Dürfen Täter nicht schützen

Eine Position, mit der Breitenbach eine alte Debatte neu entfacht hat: CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner warf der Senatorin vor, die Täter zu schützen: “Wer die religiös-kulturellen Hintergründe sogenannter Ehrenmorde abstreitet, schützt die Täter und lässt die Opfer im Stich”, kommentierte er auf "Twitter" und forderte "null Toleranz" bei der Unterdrückung von Frauen im Namen einer vermeintlichen Ehre.

Breitenbach konterte, der Begriff Ehrenmord sei "unpassend", denn "darin steckt die
Rechtfertigung der Täter". Bei Mord an Frauen gehe es immer um patriarchale Strukturen. "Die Täter sind Ehemänner, Partner, Väter, Söhne, Brüder und andere männliche Angehörige." Diese Strukturen gelte es zu durchbrechen.

Staatsanwaltschaft spricht von “sogenanntem 'Ehrenmord'”

Die Berliner Staatsanwaltschaft sprach in ihrer Pressemitteilung vom Vorwurf eines "sogenannten 'Ehrenmordes'" - bewusst, wie Pressesprecher Martin Steltner auf Anfrage von rbb|24 sagte. So beschreibe es ja einen "Unehrenmord", denn: "Das hätte ja nichts mit Ehre zu tun", so Steltner. "Ich hab mir da genau Gedanken darüber gemacht, welche Formulierung ich verwende."

Den Vorwurf, das "Wording" der mutmaßlichen Täter zu übernehmen, sehe er nicht, so Steltner. "Man muss klar bezeichnen, worum es geht - aber auch deutlich machen, dass dieser Tatvorwurf nichts mit Ehre zu tun habe", sagte er rbb|24. Diese Tat nun aber mit Begriffen wie Femizid zu beschreiben, sei seiner Meinung nach nicht der richtige Weg: "Das Kind muss schon beim Namen genannt werden", so Steltner.

Begriff Ehrenmord schon länger umstritten

Der Begriff des Ehrenmordes ist schon länger umstritten. In der deutschen Öffentlichkeit ist die Debatte spätestens mit der Ermordung von Hatun Sürücü vor 16 Jahren angekommen. Die in Berlin lebende Deutsch-Türkin wurde am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle in Tempelhof von einem ihrer drei Brüder erschossen.

Der Duden hat den Begriff 2009 aufgenommen und beschreibt ihn als “Mord an einem (weiblichen) Familienmitglied, für den als Motiv die Wiederherstellung der Familienehre angegeben wird.” Femizid hingegen beschreibt der Duden als "tödliche Gewalt gegen Frauen oder eine Frau aufgrund des Geschlechts".

Die Autorin der Studie "Ehrenmorde in Deutschland" der Max-Planck-Gesellschaft, Julia Kasselt, definierte den Begriff Ehrenmord im vergangenen Jahr im "Tagesspiegel": "Ehrenmorde sind Tötungsdelikte mit einem bestimmten kulturellen Hintergrund." Der Begriff sei aber insofern problematisch, weil er unscharf genutzt werde. "Auch Deutsche töten ihre Frauen oder Ex-Frauen", konstatiert Kasselt. "Aber wenn ein Ausländer der Täter ist, wird das schnell als 'Ehrenmord' kategorisiert, obwohl es oft ein klassischer Fall von Partnertötung ist." Die Tatmotivation sei bei Deutschen und Ausländern aber letztlich dieselbe: "Eifersucht und Besitzdenken".

Festnahme am Mittwoch

Berliner Fahnder hatten die beiden Männer im Alter von 22 und 25 Jahren am Mittwoch festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, im Juli gemeinschaftlich ihre 34-jährige Schwester getötet zu haben und sprechen von “verletztem Ehrgefühl” als Motiv. Dem Haftbefehl zufolge sollen die sich Brüder gekränkt gefühlt haben, weil das Leben ihrer geschiedenen Schwester nicht ihren Moralvorstellungen entsprochen hätte, hieß es. Alle drei hätten die afghanische Staatsbürgerschaft, lebten aber seit Jahren in Deutschland.

Sendung: Abendschau, 09.08.2021, 19:30 Uhr

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