Potsdam - Europäisches Zentrum für Jüdische Gelehrsamkeit eröffnet

Archivbild: Neues Palais im Park von Schloss Sanssouci, Luftaufnahme. (Quelle: dpa/Bertram)
Video: Brandenburg Aktuell | 18.08.2021 | Markus Woller | Bild: dpa/Bertram

Wo einst Hofgärtner der preußischen Könige arbeiteten, ist nun ein Zentrum für jüdische Bildung: Im Potsdamer Park Sanssouci ist die erste Hochschul-Synagoge in Deutschland eröffnet worden. Es war ein langer Weg. Von Vera Kröning-Menzel

Es sei doch eine absurde Idee, ausgerechnet in einer deutschen Stadt einen Campus für jüdische Bildung aufzubauen: Ein Vorwurf, den Walter Homolka öfter hörte, wenn er in den 1990er Jahren über seine Vision eines jüdischen Bildungszentrums in Potsdam sprach. "Auf der Asche der sechs Millionen eine solche Einrichtung zu errichten - das erschien den meisten bizarr", erinnert sich der Rektor des liberalen Rabbiner-Seminars "Abraham Geiger Kolleg".

Homolka sah in seinem Plan stattdessen die Vollendung einer Idee, die der jüdische Gelehrte Abraham Geiger bereits im 19. Jahrhundert entwickelt hatte.

Rabbiner Geiger war davon überzeugt, dass die Emanzipation des Judentums erst dann vollendet wäre, wenn die Ausbildung der Rabbiner dem Bildungsweg der Pfarrer gleichgestellt sei - das heißt, wenn man jüdische Theologie an einer deutschen Uni studieren könne. Im Jahr 1870 gründete Geiger die "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin. Im Jahr 1942 schlossen die Nazis die Einrichtung; Lehrende und Studierende wurden deportiert.

Hoffnung für jüdisches Leben

Nach dem Holocaust machte erst der Zuzug von rund 200.000 jüdischen Zuwanderern nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder Hoffnung auf ein neues jüdisches Leben in Deutschland. 1999 wurde das liberale "Abraham Geiger Kolleg" in Potsdam gegründet, das eine Rabbinats- und Kantorenausbildung für Frauen und Männer anbietet.

Mit dem "Zacharias Frankel College" kam eine konservative Rabbiner-Ausbildung hinzu. Im Jahr 2013 richtete die Universität Potsdam einen Bachelor-Studiengang "Jüdische Theologie" ein - den ersten in ganz Europa. Die bereits etablierten Institute begründen mit dem neuen gemeinsamen Standort im Unesco-Weltkulturerbe Park Sancouci das "Europäische Zentrum für jüdische Gelehrsamkeit", das am Mittwoch eröffnet wird. Das historische Hofgärtnerhaus des Neuen Palais und dessen Orangerie wurden für rund 13,5 Millionen Euro saniert und umgebaut; der Großteil der Finanzierung stammt aus den Hochschulbaumitteln des Bundes.

"Leuchtturm-Charakter für die EU"

Bisher wurden in Potsdam mehr als 40 Rabbinerinnen, Rabbiner, Kantorinnen und Kantoren für jüdische Gemeinden in aller Welt ausgebildet. Homolka hofft, dass der neue Campus noch mehr Studierende anzieht, denn das neue Zentrum sei "einzigartig in Europa" und habe "Leuchtturm-Charakter" für die gesamte europäische Union.

Die Tschechin Kamila Kaprivova kam nach Potsdam, um Rabbinerin zu werden. Nach ihrem Abschluss möchte sie in Tschechien dabei helfen, eine Zukunft für tschechische Juden aufzubauen, sagt sie. Kaprivova studiert jüdische Theologie an der Uni und beschäftigt sich am Rabbinerseminar mit den praktischen Seiten ihres zukünftigen Berufs, erzählt sie: Predigtlehre, Seelsorge und Gottesdienstgestaltung.

Diese praktischen Übungen können die Studierenden künftig in der ersten Universitäts-Synagoge in Deutschland absolvieren. Die kleine Synagoge bietet Platz für etwa 40 Gäste und soll ein offenes Haus sein, zum Beispiel für Konzerte. Zu Beginn des Wintersemesters soll hier der erste Gottesdienst gefeiert werden.

Sendung: Brandenburg aktuell, 18.08.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Von Vera Kröning-Menzel

5 Kommentare

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  1. 5.

    Jeder kann glauben woran er will, das ist mir egal.
    Es ist mir nicht egal das so etwas staatlich unterstützt wird!
    Es gibt nun mal einen Unterschied zwischen Bildung und Glaube.

  2. 4.

    Es wäre ein 1. Schritt in die richtige Richtung, den Anderen ihren Glauben zu lassen und sich das Kopfschütteln zu sparen. Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Tag!

  3. 3.

    Ich freue mich - ein größerer Schritt in die richtige Richtung! Ich wünsche allen Studierenden viel Erfolg, vor allem später in den Gemeinden. Von Potsdam in die EU oder weiter...

  4. 2.

    Als Atheist kann man nur den Kopf schütteln.

  5. 1.

    Wieder ein Schritt zu mehr Integration, Verständnis und Zusammenleben. Ein Armutszeugnis, dass es so lang gedauert hat.
    Wenigstens ein funktionierendes Imam- Kolleg dazu und Schritt für Schritt könnten wir wirklich ein Vorbild für Andere werden und dem Zusammenwachsen aller Gläubigen eine solide Basis geben.

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