Interview | "Now" von Jim Rakete - "Man muss schlechte Gewohnheiten durch gute ersetzen"

Mi 18.08.21 | 14:10 Uhr
  4
Jim Rakete: Now © W-film / Starhaus Produktionen
Video: Abendschau | 18.08.2021 | Petra Gute | Bild: W-film / Starhaus Produktionen

Der Fotograf Jim Rakete ist neue Wege gegangen. Mit "Now" hat der Berliner seinen ersten Dokumentarfilm über junge Klimaschutz-Aktivisten gemacht. Wie es zu der Idee kam und wie sich sein Umweltbewusstein verändert hat, erzählt er im Interview.

rbb: Jim Rakete, der Filmstart von "Now" hat sich mehrfach aus bekannten Gründen verzögert. Jetzt findet nun endlich die Premiere statt. Und das zu einer Zeit, wo die Klima-Katastrophe für jeden und jede spürbar und sichtbar geworden ist. Dieser Zeitpunkt dürfte dem Film noch mehr Nachdruck verleihen, oder?

Jim Rakete: Ich entnehme dem aktuellen "Spiegel", dass das alles eine raffinierte Geschichte ist. Weil der Film ausgerechnet vor der Bundestagswahl kommt, also in dem Augenblick, wo auch die Bevölkerung an den Wahlurnen zu dem Thema Stellung beziehen muss.

Zur Person

Jim Rakete, ein deutscher Fotograf und Fotojournalist (Archivbild vom 22.03.2019) (Quelle: imago images/Oliver Langel)
imago images/Oliver Langel

Jim Rakete wurde 1951 in Berlin geboren und ist Fotograf und Fotojournalist. Bekannt wurde der 70-Jährige durch seine meist in Schwarz-Weiß gehaltenen Porträtfotografien von Prominenten, wie beispielsweise David Bowie oder Mick Jagger. Als Musikmanager hat er Stars wie Nina Hagen oder Spliff nach vorne .gebracht.

Der Dokumentarfilm "Now" ist der erste Kinofilm von Jim Rakete und kommt am 26. August in die Kinos. Die Weltpremiere findet am 18.08.2021 im "Delphi Palast" statt.

Infos zum Kinofilm "Now": wfilm.de

Was haben Sie sich für Fragen gestellt, bevor Sie losgelegt haben?

Da war zunächst einmal die Autorin Claudia Rinke, die sich mit einem wunderbaren Konzept für einen kleinen Film über junge Klima-Aktivisten eingebracht hat. Ich bin begeistert aufgesprungen, und wir haben das lange verändert und irgendwie in eine Form gebracht, die sich auch ständig verändern musste - logischerweise. Und jetzt ist es aus Versehen ein Kinofilm geworden. Geplant war es mehr als ein Youtube-Film.

Wir wollten eigentlich einen Film machen, in dem die besten Meinungen, die besten Ideen, die besten Vision und die besten Kritiken zusammenkommen. Dafür wollten wir irgendwie die besten Leute. Und als wir das fertig hatten, stellten wir fest, dass da noch ein paar Bilder fehlen, weil man überhaupt nicht zum Atmen kam in dem Film. Deshalb haben wir das erweitert - und dann war es plötzlich ein Kinofilm.

Was macht die jungen Aktivistinnen und Aktivisten aus, denen Sie begegnet sind?

Erstmal die unmittelbare Betroffenheit. Es gibt ja niemanden, der ein so direktes Narrativ hat zu dem Thema. Der sagen kann, das ist meine Zukunft, die hier zerstört wird. Das hat mich auch sehr betroffen.

Ich habe gemerkt, dass ich hier auch die Verantwortung übernehmen muss. Zum ersten Mal muss ich mich auch erklären für das, was ich gemacht habe in meinem Leben. Was ich an idiotischen Reisen gemacht habe oder wo ich mich umweltmäßig dumm verhalten habe.

Wen haben Sie getroffen? Luisa Neubauer ist eine der Aktivistinnen. Wen noch?

Zum Beispiel Zion Lights von "Extinction Rebellion" oder Felix Finkbeiner von "Plant for the planet". Aber damit haben wir es nicht belassen. Wir wollten auch wissen, was die Frustrationen von jungen Aktivisten sind. Es gibt auch ein paar Ausflüge in die Vergangenheit, also zu vorherigen Aktivisten-Generationen. Es kommen zum Beispiel Patti Smith oder Wim Wenders zu Wort, die über die unterschiedlichen Generationen der Protestbewegung erzählen. Und wir wollten natürlich auch Politiker und Wissenschaft - das ist ja ganz klar.

Die bekannteste Aktivistin, Greta Thunberg, haben Sie, glaube ich, ganz bewusst nicht persönlich getroffen. Natürlich spielt sie eine Rolle, aber das hätte wahrscheinlich ein eigener Film werden müssen?

Sie ist der rote Faden, sie ist ständig da und ist auf vielen Bildern zu sehen. Und wir sind an eine Stelle gekommen, wo wir gesagt haben, dass wir nicht auch noch ein Interview mit ihr brauchen. Das, was sie sagt, sagt sie zu dem Zeitpunkt, wo sie es für richtig hält.

Der Höhepunkt des Films ist ihre Wutrede beim UN-Climate-Summit [Anm. d. Red.: UN-Klimagipfel im September 2019]. Mehr auf den Punkt bringen, kann man das gar nicht, als in dieser Rede. Ich möchte jetzt auch nicht mehr von ihr wissen. Ich möchte nicht ihre Stofftiere zählen. Das interessiert mich in dem Kontext nicht. Ich finde einfach, sie hat das Problem am dichtesten erzählt.

Jim Rakete: Now © W-film / Starhaus Produktionen
Greta Thunberg wurde in dem Film nicht extra interviewt. Ihre Statements stehen für sich, meint Jim Rakete.Bild: W-film / Starhaus Produktionen

Sie haben in einem Interview gesagt, der Film habe Sie in einer Weise umgehauen. Ist das auch so ein Moment, den sie damit erleben?

Das ist für mich in meinem Leben natürlich ein Turning-Point. Ich bin Fotograf geworden als die 1968er-Revolution losging. Und jetzt, am anderen Ende, muss ich sagen, dass es lustig ist, dass ich zur Filmkamera greife. Diese Erzählung hat schon einen interessanten Bogen.

Wenn Sie "Turning-Point" sagen: Haben Sie, seitdem Sie den Film gemacht haben, für sich selbst auch etwas verändert - in Ihren Verhaltensweisen oder in Ihrem Leben?

Ich habe schlechte Gewohnheiten dem Klima gegenüber noch konsequenter durch gute ersetzt. Nur mit Denken und guten Vorsätzen lässt sich gar nichts verändern. Man muss ganz konkret schlechte Gewohnheiten durch gute Gewohnheiten ersetzen. Seitdem bin ich vornehmlich auf dem Fahrrad zu finden und esse viel Gemüse.

Was wünschen Sie sich von ihrem Publikum?

Aufmerksamkeit fürs Thema und vor allen Dingen: Konsequenz. Wir haben jetzt Bundestagswahlen. Und ich glaube kaum, dass es irgendeine Partei schaffen könnte, die nicht eine sehr grüne Agenda hat. Deshalb glaube ich, die kommende Konstellation sollte eine sein, die mit den leeren Kassen gut umgehen kann, die die Corona-Krise verursacht hat, und die mit diesem Klimaproblem gut umgeht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Jim Rakete führte Anja Herzog, rbbKultur.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbbKultur, 18.08.2021, 08:10 Uhr

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    Diese vollkommen überhöhte Hysterie ist es, die eben nicht die Menschen überzeugt. Keine Generation der letzten Jahrhunderte hat die Umwelt und die pure Existenz in einem so guten Zustand an die künftigen Generationen übergeben, wie die heutigen. Man betrachte einfach mal nur Lebensumstände und Umwelt in den letzten 100 Jahren. Erst der allgemeine Wohlstand hat es ermöglicht, sich auch effektiv um Ressourcen und Umweltschutz Gedanken zu machen, Energie und Rohstoffe einzusparen. Die jeweils jungen Generationen haben dies freilich immer als Selbstverständlichkeit hingenommen und gleichzeitig die Forderungen noch weiter nach oben geschraubt. Nicht anders ist es bei der jetzigen jungen Generation. Wohlstand und Luxus wird gern mitgenommen, gleichzeitig macht man ob der Begleiterscheinungen der älteren Generation unhaltbare Vorwürfe. Ist halt einfacher, als selbst tätig zu werden und die Welt weiter zu verbessern. Bedarf gibt es noch genug, aber Protestieren ist bequemer als Anpacken.

  2. 3.

    Die Antwort ist nicht statisch, deswegen bin ich auch kein ausgesprochener Freund von derlei Sprachregelung.

    Nahezu alles, was jemals als schlecht definiert und empfunden wurde, ist zu irgendeinem anderen Zeitpunkt davor als gut befunden worden. Die 1968er standen für politischen Aufbruch und fragten zu recht nach der Vergangenheit ihrer Elterngeneration zur NS-Zeit. Da wurde der Mantel des Schweigens drübergelegt. Doch die 68er waren blind für die Gefahren der Atomkraft, schwörten recht naiv auf die Fortentwicklung der Produktivkräfte und wurden erst eine halbe Generation danach mit ins Boot geholt.

    Fortschrittliche Stadtplaner bauten mit an der autogerechten Stadt der 1960er und 70er, die den Fußverkehr in den Zentren unter die Erde zwang und den Radverkehr ins Abseits.

    Johannes Rau hat seine Naivität öffentlich eingestanden. Den meisten anderen fehlt der Mut dazu. Es gilt, jeder Hybris zu widerstehen.

  3. 2.

    Also wenn man nach Jahrzehnten der Erkenntnis einfach weiter die Zukunft der eigenen Kinder und Enkel zerstört, dann kann man das leider nicht als GUT bezeichnen.

  4. 1.

    Und was ist den "gut" und was "schlecht"?
    Auf diese Frage findet jede Generation in jedem Land seine eigene Antworten.. zu jeder Zeit.

Nächster Artikel