Pinkeln ist politisch - Das Missoir will Gleichberechtigung für Frauen

Sa 28.08.21 | 08:07 Uhr | Von Cora Knoblauch
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"Missoir" in der Hasenheide (Quelle: rbb/Cora Knoblauch)
Audio: Radioeins | 26.08.2021 | Cora Knoblauch | Bild: rbb/Cora Knoblauch

Männer gehen mal schnell Pinkeln, Frauen stehen in der Schlange vor den Toiletten. Das Phänomen ist so bekannt wie lästig. Die Berlinerin Laila Olvedi hat per Crowdfunding das "Missoir" entwickelt, das seit diesem Sommer in der Hasenheide steht. Von Cora Knoblauch

Frauen sind beim Pinkeln mehrfach benachteiligt, sagt die Berliner Unternehmsgründerin Laila Olvedi. Sie hat kaum Stimme an diesem Vormittag. In der vergangenen Woche war sie auf mehreren Festivals in Berlin und Brandenburg unterwegs, um Werbung zu machen für ihr Missoir. Frauen müssten nunmal häufiger auf die Toilette, zum Beispiel auch um den Tampon zu wechseln, sagt sie.

Aber schon allein zahlenmäßig stünden Männern im öffentlichen Raum mehr Toiletten zur Verfügung als Frauen: denn zusätzlich zu verschließbaren Toiletten gäbe es meistens noch Pissoirs. Die seien obendrein kostenlos, während Frauen für öffentliche Toiletten in der Regel zahlen müssten. "Warum dürfen Männer kostenlos Pinkeln und wir nicht?", fragt Olvedi. Zudem müssten Frauen auf Festivals oder im Club meistens ewig Schlange stehen. "Manch eine Frau verzichtet beim Konzert sogar aufs Trinken, damit sie später nicht ewig am Klo anstehen muss", erzählt Olvedi.

Erfinderin Laila Olvedi hockt im "Missoir" (Quelle: rbb/Cora Knaoblauch)
"Missoir"-Erfinderin Leila Olvedi | Bild: rbb/Cora Knoblauch

Schnappsidee während einer Nacht im Club

Als sie vor ein paar Jahren während einer Nacht im Club auch mal wieder in der Schlange stand, hatte sie eine Idee. Warum nicht ein Pissoir für Frauen? Sie überlegte, wie dieses "Missoir" aussehen müsste. "Wenn eine Frau pinkeln muss und keine Toilette vorhanden ist, dann hockt sie sich hinter den Busch. In die Hocke zu gehen fürs Pinkeln ist die natürlichste Position für uns Frauen. In der Hocke ist die Blase entspannt und man kann sich am besten entleeren."

Für das "Missoir" orientierte sich Olvedi an traditionellen Hock-Urinalen wie man sie beispielsweise aus Frankreich kennt. Anders als beim klassischen Stehklo wo es ein Loch im Boden gibt, in das große und kleine Geschäfte plumpsen können, ist das Missoir lediglich fürs Urinieren gedacht. Der Urin läuft in einer länglichen Edelstahlrinne im Boden ab, ein spezieller Verschluss sorgt dafür, dass keinerlei Uringeruch im Missoir verbleibt. "Urinstein entsteht im Zusammenhang mit Wasser. Aber unser Klo kommt komplett ohne Wasser aus, daher riecht es auch nicht", erklärt die Erfinderin. Damit einem nicht wie beim Pinkeln hinterm Busch Pipi auf die Schuhe spritzt, liegt ein Spritzschutzgitter über dem länglichen Urinal. Die Schuhe bleiben trocken, selbst wenn man sich nicht ganz tief übers Urinal hockt, sondern eher in der Skifahrerin-Position verbleibt (wie die Autorin dieses Textes), spritzt nichts an die Beine.

Manch eine Frau verzichtet beim Konzert sogar aufs Trinken, damit sie später nicht ewig am Klo anstehen muss.

Leila Olvedi, Erfinderin des "Missoir"

"Ich möchte weg von diesem Schamgefühl"

Ein Toilettenbetreiber hat der Erfinderin ein "Missoir" sozusagen "abgekauft", das seit diesem Sommer nun in der Hasenheide steht. Die öffentliche Toilette verfügt über eine Einzelkabine. Gedacht ist das "Missoir" allerdings für den Einsatz bei Festivals und Konzerten, wo Frauen zum Anstehen verdonnert sind. Dann hocken mehrere Frauen beim Pinkeln nebeneinander - wie Männer im Pissoir. Trennwänder gibt es nicht. Laila Olvedi hält nichts von diesen "Schamwänden", wie sie sie nennt. "Ich möchte nicht, dass wir Frauen uns vor irgendetwas Natürlichem schämen. Warum sollten wir uns wegen der Periode oder Pipi schämen? Ich wünsche mir ein Umdenken. Warum können Männer Schniedel an Schniedel nebeneinander pullern und wir schämen uns dafür?"

Pullern als schönes Event

Die ersten Missoirs auf Festivals sind optisch ansprechend ausgestaltet. Die Beleuchtung ist angenehm, es gibt gratis Deo und Tampons, die Toilette soll ein Wohlfühlort werden, wünscht sich die Unternehmerin. "Beim Nebeneinander Pinkeln kommen die Frauen ins Gespräch, die lustigsten Dialoge entstehen auf dem Klo. Ich beobachte, dass manche Mädchen zuerst denken, uh, sollen wir das wirklich machen? Und dann machen sie es und sind total begeistert!" Bis das "Missoir" Standard wird auf Festivals und Konzerten wird es sicherlich noch ein bisschen dauern. Aber die ersten Veranstalter haben das neuartige Toilettensystem bereits gebucht. Laila Olvedi ist in der Szene gut vernetzt.

Missoir soll Alternative werden fürs Pinkeln auf Festivals

Auch das Missoir in der Hasenheide wird gut angenommen. Direkt gegenüber liegt ein Spielplatz, die Mütter kommen mit ihren Kindern zum Missoir. Sie seien froh, die Kinder nicht mehr hinter den Busch zum Pinkeln schicken zu müssen, sagt Olvedi. Eine Läuferin hält kurz an am Missoir. Ob sie es schon mal benutzt hätte, fragen wir. "Ja klar", sagt die junge Frau, das sei auch völlig problemlos gewesen. "Es ist sauber dort, riecht nicht, und wegen des Gitters spritzt auch nix. Find ich super. Nur wenn man doch plötzlich 'groß' muss, dann hat man ein Problem", erklärt sie. "Das geht da nämlich nicht. Aber der Gedanke kam mir erst hinterher. Ich musste zum Glück nur Pinkeln", lacht sie. "Stimmt", sagt Olvedi. "Aber das Missoir soll ja nicht normale Toiletten mit Tür ersetzen. Die wird es natürlich weiterhin geben." In der Hasenheide jedenfalls, muss "Frau" sich nicht mehr hinter den Busch hocken.

Sendung: Radioeins, 26.08.2021, 18:35 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

36 Kommentare

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  1. 36.

    Zitat: "In der Hocke ist die Blase entspannt und man kann sich am besten entleeren."

    In dieser Position ist auch der Darmausgang entspannt und welche Frau möchte bei einer spontanen Darmentleerung eigentlich hockend und plaudernd neben fremden Geschlechtsgenoss_innen hocken?
    Und vor allem: Wer und wie macht man das dann weg, wenn da nur ein Gitterchen ist?

  2. 35.

    Gibt es echt keine wichtigeren Sachen als Toiletten!?

  3. 33.

    Worüber klagen Sie denn hier? Ein paar Pinkelhäuschen werden aufgestellt, damit auch Frauen bequem, sicher und sauber pinkeln können. Niemand muss etwas abgeben. Was also ist Ihr Problem?

  4. 32.

    Ein Missoir kann etwas wie Gleichberechtigung wollen? Pieseln ist politisch? Aha, Männer müssen dann mit Abgaben rechnen um was genau auszugleichen? Oder andersrum, Männer sollten ein Mindestverweildauer auferlegt bekommen, damit sie genauso lange warten müssen? Was ist, wenn dann Männer in anderen Bereichen Gleichberechtigung wollen: als „Hebamm*innen“?
    Na ja, den Unternehmern viel Glück beim unpolitischen Verkaufen... nur so als Tipp.

  5. 31.

    "Frage, wo hängt man seine Tasche an oder die Jacke/Mantel?"
    Da ist das russische Feldklosett eindeutig praktischer. Drei Stöcker.
    1. Klamotten aufhängen, 2. Festhalten, 3. Wölfe auf Abstand halten

  6. 30.

    Nee, aus dem Alter bin ich raus, wo ich mich zum Party machen in die Büsche begebe. Unsere Partys haben Niveau.

  7. 29.

    Stellt doch einfach Unisextoiletten wie auf der Autobahn oder wie bei der Fa.WALL hin und fertig. Dieses Zerreden von Nichts - es nervt!

  8. 28.

    Ich fühle mich als Transmann diskrimiert. Dieses Missoir soll keinen Männern die eine Vagina haben zur Verfügung stehen. Und ihr spricht von Gleichberechtigung. Wisst ihr, dass Transphobie in Deutschland verboten ist und strafrechtlich verfolgt werden kann ?

  9. 27.

    Eigene Erfahrungen, Partymaus???
    Aber keine Sorge, frau kann ihre Vorlieben auch ändern, die meisten jedenfalls.

  10. 26.

    Leute langsam wird es wirklich lächerlich, haben wir keine echten Probleme hier?
    Corona-Pandemie ist vorbei ? aber Hauptsache die Toilettenfrage muss geklärt werden

  11. 25.

    Ich bevorzuge auf Toiletten auch die abgeteilten Kabinen. Etwas Privatsphäre ist gut. Auch lege ich keinen Wert darauf mit anderen auf der Toilette zu labern.
    Frage, wo hängt man seine Tasche an oder die Jacke/Mantel?

  12. 24.

    Lächerliche Vorurteile, es gibt nichts Schlimmeres als dicht gedrängt nebeneinander pinkeln zu müssen, gerade bei Männern ist das alles andere als ein Genuss.
    Und bezahlen und anstehen ist mittlerweile auch überall notwendig.
    Aber in der Opferrolle gefällt man sich immer gut.

  13. 23.

    Warum liegt dann im Gebüsch an Autobahnraststätten alles voller Tempos?
    Weil da Frauen genauso oft dort pinkeln.
    Im Übrigen ist gegen das Pinkeln in der Natur nichts einzuwenden, wenn es sich nicht zu arg auf einen Ort konzentriert, sondern ist weit ökologischer, als die Toilettenbenutzung.

  14. 21.

    Das Weglassen der Trennwände halte ich für keine gute Idee.
    Wer aufmerksam durch die Herrentoiletten geht, wird feststellen, dass in den Kabinen meist die Brillen hochgeklappt sind - auch dort, wo nie Andrang herrscht.
    Ein gar nicht so geringer Teil der Männer möchte oder kann gar nicht pinkeln, wenn jemand daneben steht. Zugeben tun das die wenigsten Männer, um nicht als verklemmt zu gelten.
    Die Ursache ist normalerweise aber nicht Scham, sondern einfach Anspannung, begründet im Gefühl nun auch pinkeln zu müssen, um nicht peinlich da zu stehen. Dies sorgt für eine unwillkürliche Aktivierung der alpha-Rezeptoren in Prostata und Harnröhre, wodurch das Wasserlassen unmöglich wird. Das führt dann genau zu der Peinlichkeit, die man vermeiden wollte.

  15. 20.

    >Wer kann was dafür, wenn Frauen auf dem Klo so lange brauchen? Da frage ich mich immer, was die da so lange machen.< nun, apputzen UND Händewaschen. Müssen die Männer ja nicht, "er" ist ja sauber *hüstel* - und was ich nicht schon alle für dumme Sprüche gehört habe.

    Stellt euch als Frauen im Büro mal vors Herrenklo. Die, die dort rauskommen, nesteln meist noch am Reißverschluss... wenn man dann völlig aus dem Nichts fragt "Und? Händewaschen?" hat man herrliche Reaktionen ;-)

  16. 19.

    Richard, ich frage mich seit vielen Jahrzehnten wie das, was wir in Deutschland tun, anderswo wirkt. Und eben deshalb esse ich z.B. wenig Fleisch. - Aktuell frage ich mich aber, wie Sie auf die Idee kommen, bequemes, öffentliches Pinkeln für Leute aller Geschlechter als Luxusproblem zu bezeichnen. Wollen Sie also Pissoirs für Männer abschaffen, weil es auch ein Luxus sei, nicht Büsche und Hausecken vollzupinkeln? Oder weil auch Männer zum Pinkeln auf freie Kabinen warten können?

  17. 18.

    Na das ist aber neu!
    Gibts in anderen Ländern schon lange, aber ob das die Partypeople bei uns in den Parks davon abhält, in die Büsche zu strullen, wage ich zu bezweifeln.

  18. 17.

    Müssen Männer ewig zum Pinkeln anstehen? Müssen Männer unterwegs fürs Pinkeln Geld bezahlen? Müssen Männer befürchten, beim Pinkeln im Gebüsch/im Park sexuell belästigt zu werden? Gibt es auf Männerklos versteckte Spanner-Kameras? Nein! Also hör auf, Dich hier zu beschweren und denk mal über Deine Perspektive nach!

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