Vier Patienten getötet - Klage gegen Kündigung im Mordfall Oberlinhaus ausgesetzt

Fr 06.08.21 | 12:09 Uhr
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Archivbild: Ein Polizeifahrzeug steht vor dem Thusnelda von Saldern Haus. In der Einrichtung Oberlinhaus mit Wohnheim waren am Vortag vier Leichen und eine schwer verletzte Person gefunden worden. (Quelle: dpa/S. Stache)
Bild: dpa/S. Stache

Mehr als drei Monate nach der Gewalttat mit vier Toten in einem Potsdamer Wohnheim für Behinderte hat das Arbeitsgericht die Kündigungsschutzklage der tatverdächtigen Mitarbeiterin ausgesetzt. "Zunächst soll der Ausgang des gegen die Klägerin geführten Strafverfahrens abgewartet werden", teilte das Arbeitsgericht am Freitag mit. "Das Gericht geht davon aus, dass das Ermittlungsergebnis Einfluss auf die Entscheidung haben wird." Das Gericht hatte den Schritt bereits im Juni angekündigt.

Angeklagte in der Psychatrie

In dem Wohnheim der diakonischen Einrichtung Oberlinhaus waren Ende April vier Bewohner getötet und eine Bewohnerin schwer verletzt worden. Tatverdächtig ist eine Pflegekraft, die viele Jahre dort arbeitete. Sie ist in einer psychiatrischen Klinik untergebracht und soll auf ihre Schuldfähigkeit begutachtet werden. Nach ihrer Kündigung hatte ihr Anwalt Henry Timm beim Arbeitsgericht Potsdam Kündigungsschutzklage erhoben und eine Abfindung in Höhe von 81.600 Euro und Lohnfortzahlung bis Ende des Jahres verlangt. Dies hatte das Oberlinhaus strikt abgelehnt.

Der Anwalt des Oberlinhauses, Elmar Stollenwerk, hatte bei der Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht Potsdam im Juni gesagt, die Forderung nach Abfindung sei auch mit Blick auf die Hinterbliebenen der Toten unannehmbar. Aus Sicht des Oberlinhauses sei nur die sofortige Kündigung möglich. "Dass die Klägerin an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt und Hilfsbedürftige pflegt, ist doch nicht vorstellbar."

Anwalt der Pflegerin spricht von Überlastung

Timm erklärte am Freitag auf Anfrage, er wolle die Begründung des Gerichts zunächst prüfen. "Aus meiner Sicht ist der Fall entscheidungsreif", meinte er. Denn bei den insgesamt zwei Kündigungen habe es schwere formelle Fehler gegeben. Möglich wäre es, gegen die Aussetzung des Verfahrens vor das Landesarbeitsgericht zu ziehen.

Der Anwalt wirft den Verantwortlichen im Oberlinhaus vor, zugelassen zu haben, dass in Früh-
und Spätschichten nur zwei Pflegekräfte bis zu 20 Menschen mit schwersten Behinderungen betreuen müssten. Der Arbeitgeber habe nicht auf die Anzeichen von Überlastung bei der 52-Jährigen reagiert, die 32 Jahre in dem Haus beschäftigt gewesen sei. Das Oberlinhaus wies die Anschuldigungen zurück. Zur Entscheidung des Arbeitsgerichts äußerte sich die Einrichtung am Freitag zunächst nicht.

Sendung: Inforadio, 06.08.2021, 13:15 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Ich verstehe die Klageaussetzung nicht.
    Welches Ziel setzt sich das Gericht, erst das Strafverfahren abzuwarten? Wen ich als Arbeitgeber, dessen Mitarbeiter in meinem Betrieb Menschen umgebracht hat, diesem fristlos kündigt, ist das doch der berechtigste Grund dazu, oder etwa nicht?
    Alles andere wäre eine Zumutung fur Kollegen/innen und auch Kunden, dort noch zu arbeiten bezw. Geschäftsbeziehungen weiterzuführen.
    Hat hier ein Richter/Richterin den Beruf oder die Berufung falsch verstanden, dass nur die geklauten goldenen Löffel zu einer fristlosen Kündigung führten...?

  2. 3.

    Bei Lubitz war ja eben das Problem, dass die Lufthansa aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nie von der Behandlung erfahren hat, sonst hätte er gar kein Flugzeug mehr betreten dürfen.
    Im Babelsberger Fall des vierfachen Mordes ist die Reaktion des Arbeitgebers ja wohl logisch und die einzige Option. Wer will die Verantwortung übernehmen, diese Frau je wieder auf Pflegepersonen oder Behinderte loszulassen. Wer wäre bereit, seine Angehörigen dann noch in dieser Einrichtung zu belassen. Die Forderungen des Anwalts sind weltfremd. Die Frau hätte sich Hilfe holen müssen, bis hin zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Dann hätte das Oberlin-Haus auch weiterzahlen müssen. Nach dem Gewaltausbruch ist es dafür leider zu spät. Zu spät für die Opfer, die Pflegerin selbst und auch für den Arbeitgeber. Eine Weiterbeschäftigung ist jetzt nicht mehr zumutbar.

  3. 2.

    Aufgrund sich durchziehender Strukturen im Pflegebereich ist die Überlastung schlüssig, doch Durchhalten mit zusammengekniffenen Zähnen bis zur Implosion (innerer Zusammenbruch) oder Explosion (Schädigung anderer)offenbart dann nur ein einschlägiges Selbstverständnis.

    Was den Abwägungsprozess angeht hinsichtlich einer angegriffenen Psyche, fällt mir da gerade Andreas Lubitz ein. Er befand sich bereits in Therapie, flog aber (dennoch oder deswegen?) Flugzeuge. Sein letztes ging geplant an die Westwand der Alpen. Hätte sich die Lufthansa ggf. eine Diskriminierungsklage eingehandelt, wenn sie ihn für eine Zeit vom Flugbetrieb ausgesperrt hätte?

  4. 1.

    Und nur weil Sie "überlastet" ist, wird Sie zur Mörderin? Was'n das für ein Anwalt. Hätte Sie sich krankschreiben lassen oder den Job gewechselt, wären die Menschen noch am Leben.

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