Tod nach "Salzwasserkur" - Haftstrafen für tödliche "Teufelsaustreibung" in Berlin

Berliner Landgericht (Bild: dpa/Wolfgang Kumm)
Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurden der Ehemann und die Schwiegermutter eines 22-jährigen Opfers einer "Teufelsaustreibung" zu Haftstrafen verurteilt. Durch eine "Salzwasserkur" sollte die junge Frau schwanger werden. Von Ulf Morling

Nesa H. musste eine Woche lang täglich Salzwasser trinken - bis sie starb. Nach Nach Überzeugung einer Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts hatten Ehemann und Schwiegereltern der getöteten jungen Frau einen mitangeklagten islamischen Hodscha um Hilfe gebeten. Nach mehrjähriger Ehe und dem erfolglosen Aufsuchen einer Kinderwunschklinik hatte der Hodscha laut Urteil zu einer Teufelsaustreibung bei der Ehefrau geraten, da die Gebärmutter der 22-jährigen vom Teufel besessen sei.

Nach einer achttätigen qualvollen "Salzwasserkur" war Nesma H. gestorben. Man verurteile weder Riten von Religionen noch alternative Behandlungsmethoden, hieß es im Urteil. Aber trotz des alarmierenden Gesundheitszustandes von Nesma H. sei kein Arzt gerufen worden, um den Tod der jungen Frau zu verhindern. Der Hodscha, der nur an zwei Tagen der "Behandlung" in der Tempelhofer Wohnung der Familie Koranverse zitiert hatte, wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt, der Schwiegervater der 22-jährigen zu zwei Jahren auf Bewährung wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Acht qualvolle Tage

Über eine Woche lang war der 22-jährigen Nesma H. täglich jeweils anderthalb Liter Salzwasser eingeflößt worden, damit angeblich der Teufel aus ihrem Körper ausfuhr und sie schwanger werden konnte, das sei die Überzeugung der vier Angeklagten gewesen, hieß es im Urteil.

Der Ehemann der getöteten jungen Frau und ihre Schwiegermutter wurden zu Haftstrafen von drei Jahren und acht Monaten sowie zwei Jahren und acht Monaten wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.

Der Aberglaube der ursprünglich aus dem Libanon stammenden Angeklagten habe entscheidend zu dem tragischen Tod der 22-jährigen Ehefrau von Wajdi H. (36) geführt, sagte bereits die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer.

Der erfolgreiche Diplomingenieur lebte ab seinem fünften Lebensjahr mit seinen Eltern, die 1990 nach Deutschland gekommen waren, in Berlin. 2011 hatte H. seine acht Jahre jüngere Frau als 19-jährige aus dem Libanon nach Berlin geholt.

Die geständigen Angeklagten hätten an die Teufelsaustreibung geglaubt, hieß es im Urteil. Selbst Nesma H. habe anfangs der "Behandlung" mit dem Salzwasser wohl zugestimmt, spätestens ab dem zweiten Tag der Teufelsaustreibung aber nicht mehr. Der bald unter Ausfällen leidenden jungen Frau, die zur Toilette getragen werden musste und nur noch lallen konnte, statt zu sprechen, sei das Salzwasser dann eingeflößt worden, überwiegend von ihrem Ehemann und der Schwiegermutter. Die Zeremonie sei geheimgehalten worden, wie vom Hodscha verfügt. Erst am achten Tag der Teufelsaustreibung war ein Notarzt alarmiert worden. Allerdings zu spät, sagte die Vorsitzende Richterin.

Bürgerliche Fassade in Tempelhof

Im Sommerurlaub im Libanon hatte Wajdi H. Nesma kennengelernt. Er war strebsam und als Diplomingenieur viel beschäftigt. Sie heirateten schnell. Nesma, kaum aus ihrer Heimat nach Berlin gekommen, besuchte einen Deutschkurs nach dem anderen. Nach dem Abi im Libanon wollte sie jetzt in Deutschland an der Technischen Universität in Berlin studieren, am liebsten etwas Technisches.

Nur die Eltern von Ehemann Wajdi schienen ab und zu etwas sorgenvoll, weil das Paar trotz vierjähriger Ehe noch kinderlos war. "Mit Dir stimmt etwas nicht", soll die angeklagte Schwiegermutter Nesma oft gesagt haben.

Ihr Sohn Wajdi und seine Ehefrau wohnten in der derselben Straße im Berliner Bezirk Tempelhof, nicht einmal einen Kilometer entfernt. Ein bürgerliches Viertel mit niedrigen Plattenbauten, viel Grün und genug Mieterparkplätzen, weit weg von den Landsleuten aus dem Libanon in Kreuzberg und Neukölln.

Das Ehepaar machte Termine in einer "Kinderwunschklinik". Doch nichts deutete laut den Fachärzten auf organische Ursachen hin, warum die Schwangerschaft ausblieb. Da soll der Hodscha um Hilfe gebeten worden sein. Am besten sei die einwöchige "Salzwasserkur" zur Teufelsaustreibung geeignet, soll der Hodscha geraten haben. Ende November 2015 startete die Behandlung. Acht Tage später war Nesma H. tot.

Alle Familienmitglieder verschwiegen den Notärzten, warum die Natriumchloridwerte im Blut der Sterbenden so unglaublich hoch waren und zu dem Nierenversagen der junge Frau geführt hatten. Auch der Telefonkontakt zwischen Nesma und ihrer Mutter im Libanon soll "mit Lügen" während der acht Tage der Teufelsaustreibung unterbunden worden sein von den Angeklagten. Die Mutter Nesmas war zum Prozess in Moabit als Zeugin geladen worden und hatte erstmals die Gelegenheit, sich von ihrer Tochter auf dem Friedhof zu verabschieden. Sie soll das verwilderte Grab gepflegt haben, bevor sie zurückfliegen musste.

Revision möglich

Im Dezember 2015 war Nesma H. getötet worden. Schon einen Tag später gab es Hinweise auf die angeklagte Teufelsaustreibung mittels Salzwasser. Trotzdem hat die Staatsanwaltschaft jahrelang ermittelt, auch um Gutachten über die Todesursache der jungen Frau einzuholen. Im Februar 2020 wurde Anklage erhoben, über vier Jahre nach dem Tod der 22-Jährigen. Fast sechs Jahre nach dem tragischen Tod heute das erstinstanzliche Urteil.

Die Eltern Nesmas haben noch eine zweite Tochter. Sie lebt noch als Englischlehrerin in ihrer Heimat. Wie sie das Urteil auffassten, ist unbekannt.

Gegen das Urteil über den Ehemann Nesmas, ihre Schwiegereltern und den Hodscha ist die Revision zulässig.

Sendung: rbb 88,8, 30.08.2021, 17:00 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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