Diagnose mit 54 - Zu jung für Alzheimer

Eine Frau dreht den Herd aus, bevor sie die Wohnung verlässt. (Quelle: dpa/Christin Klose)
Video: rbb|24 | 21.09.2021 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: dpa/Christin Klose

Als bei bei Marion Dietrich aus Herzberg Alzheimer diagnostiziert wurde, war sie erst 54 Jahre alt. Damals war sie noch in der Finanzbranche tätig. Aus anfänglichen Erinnerungslücken sind große Defizite geworden. Nichts geht mehr ohne Hilfe. Von Theresa Majerowitsch

Wissen Sie noch, was Sie von Beruf waren? "Ich war, weiß nicht, hm wie hieß das?" Marion Dietrich sitzt auf dem Sofa, ringt nach Worten und zuckt hilflos mit den Schultern. Sie hat alles vergessen. Mit 54 wurde bei ihr Alzheimer diagnostiziert, da stand sie noch mitten im Arbeitsleben. Sie war Diplomwirtschaftlerin zuständig für Personal und Finanzen in einem Berliner Unternehmen.

Dass jemand so jung ist und Alzheimer haben könnte, daran dachten die Ärzte erstmal nicht, erzählt ihr Mann Uwe. "Alle glaubten: In dem Alter, das ist bestimmt Burnout - aber doch nicht Alzheimer." Erst waren es Kleinigkeiten, die sie vergaß, dann passierten ihr Fehler, die für das Unternehmen nicht mehr tragbar waren. Sie ging zu Ärzten und für zwei Monate in die Klinik. Nach anderthalb Jahren wurde schließlich die Diagnose gestellt.

Nichts geht mehr ohne Hilfe

Damit kam wenigstens Gewissheit. "Wir haben es dann allen erzählt, Bekannten, Freunden und auch im Dorf, damit man Marion hilft, wenn sie mal einen Artikel nicht finden kann. Unser Sohn hat seinen Job an den Nagel gehängt und zwei Jahre aufgepasst, damit ich arbeiten gehen kann", erzählt Uwe Dietrich, der Gerichtsgutachter ist.

In den letzten sechs Jahren hat die Orientierungslosigkeit schleichend zugenommen. Damit einher gingen Persönlichkeitsveränderungen, Verhaltens- und Sprachstörungen. Inzwischen geht nichts mehr ohne Hilfe. Das morgendliche Kaffeekochen ist eine Herausforderung. Wo sind die Tassen, wo die Milch, wie macht man überhaupt Kaffee? Ihr Mann Uwe steht neben ihr und hilft. "Ohne Hilfe würde sie hier nicht angezogen sitzen, sie wüsste nicht wo die Sachen sind. Das frustriert auch, nicht zu wissen, wie die Tür aufgeht."

Für Uwe Dietrich sind es zwei Fulltime-Jobs, die Betreuung seiner Frau und sein Job als Gerichtsgutachter. Wenn er arbeiten geht, muss jemand auf seine Frau aufpassen.

Auch Berufstätige bekommen vermehrt Alzheimer

Immer mehr jüngere Leute melden sich bei der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg. Die Chefin Antje Baselau hatte neulich innerhalb einer Woche drei Anrufe. Das sind andere Herausforderungen als bei älteren Menschen, weil die Jüngeren meist noch voll im Berufsleben stehen und auch schulpflichtige Kinder haben. "Wir wünschen uns, dass Firmen und Unternehmen dann genauer hinsehen und vielleicht auch schauen, was mit so einer Krankheit trotzdem noch möglich ist. Vielleicht gibt man den Leuten andere Aufgaben oder jemanden an die Seite, der hilft, jedenfalls eine Weile, bis es dann nicht mehr geht."

Wie alle anderen wollen auch Menschen mit Demenz so lange wie möglich selbstständig und selbstbestimmt leben, weiterhin am sozialen Leben teilhaben können und dazugehören. "Sie wollen und sollen aktiv bleiben, geistig und körperlich. Das hilft auch, die Krankheit etwas hinauszuzögern, belegen Studien", sagt Antje Baselau.

In Brandenburg sind derzeit insgesamt 68.000 Menschen an Demenz erkrankt. Die Zahl steigt rapide, weil die Gesellschaft immer älter wird.

Zahl der Erkrankten wird sich in 30 Jahren mehr als verdreifachen

Zur Zeit haben 1,6 Millionen Menschen in Deutschland Alzheimer - in 30 Jahren erwartet man fast 5,6 Millionen. Die Zahl der Betroffenen, die noch nicht das 65. Lebensjahr erreicht haben, beträgt laut Informationen der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft mehr als 25.000. Die Prognosen sehen schlecht aus, auch weil es bislang kein richtiges Medikament gibt.

Angesichts der steigenden Zahlen müsse man noch bessere Strukturen aufbauen, erzählt Antje Baselau. "Wir arbeiten daran, in jedem Landkreis Beratungsangebote zu schaffen."

Solche Angebote und vor allem der Austausch mit anderen hat auch dem Ehepaar Dietrich geholfen. Die Probleme sind ähnlich: Wie macht man das Haus sicher, wie schafft man sich ein Netzwerk an Helfenden, wie versucht man, das Erinnerungsvermögen zu trainieren?

Uwe Dietrich hat ein digitales Fotoalbum an der Küchenwand angebracht, mit Bildern von ihren Reisen und ihren sportlichen Aktivitäten. Dass Marion Dietrich mal eine gute Volleyballerin war, daran kann sie sich erinnern, sagt sie leise lächelnd. Und sie wird plötzlich still, weil sie es doch nicht mehr genau weiß, aber es nicht zugeben will.

Als emotionale Stütze haben sie sich einen Hund angeschafft. Lia heißt der verspielte Labrador, der Marion Dietrich viel Freude bereitet.

Den Namen vom Hund kennt sie, den ihrer zwei erwachsenen Kinder nicht mehr

"Die Entwicklung ist vorgegeben, man kann nur hilflos zuschauen, das ist frustrierend aber wir versuchen, so viele Aktivitäten aufrechtzuerhalten wie es geht", sagt Uwe Dietrich während er seiner Frau die Jacke anzieht. Sie wollen spazieren gehen.

Mit dem Hund geht es raus auf die Felder hinterm Haus. Sie fahren auch viel Fahrrad und fliegen sogar in den Urlaub. Nur Aussicht auf Besserung gibt es nicht.

"Die Perspektive für uns ist nicht das Heim, wir geben sie nicht in ein Heim, das haben wir innerhalb der Familie besprochen. Für mich ist die Perspektive dann nur, dass ich meinen Beruf aufgebe." Uwe Dietrich ist 62 Jahre alt.

Sie sind seit über 30 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder großgezogen und viel erlebt. Dass sich Alzheimer dazwischen schiebt, ist ein frustrierend, gibt Uwe Dietrich zu, und das obwohl sie noch gar nicht so alt sind.

Er nimmt die Hand seiner Frau, die gerade in die falsche Richtung laufen will, gemeinsam setzen sie so ihren Weg fort.

Sendung: Abendschau, 21.09.21, 19:30 Uhr

Beitrag von Theresa Majerowitsch

17 Kommentare

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  1. 17.

    Sehr sehr traurig und man kann nicht helfen
    Ich war Betreuerin in die Sache
    Es ist ein Weg in die Vergessenheit das tut weh

  2. 16.

    Berührender Beitrag.

  3. 15.

    Bei Kommentaren wie Ihrem will ich in Deutschland garkeine 'Medizinforschung' machen. Unsere Forschungsgruppe an der Charité findet zum Beispiel gerade keinen weiteren PostDoc. Und wir entwickeln Software die in Forschung und Industrie tausendfach genutzt wird, Diagnosen erlaubt die vor 10 Jahren undenkbar gewesen wäre, und ganz nebenbei mehr Lizenzeinnahmen generiert als die Entwicklung kostet.

    Was Laien nur leider oft nicht zu verstehen scheinen: Niemand entschiedet: 'Ha, jetzt erforsche ich Mal Krankheit X, und nächstes Jahr haben wird dann ein Medikament'.

    Demenz nimmt nach verschiedenen Studien übrigens von der Inzidenz eher ab. Absolut nimmt die Anzahl der Patienten zu, aber eher wegen des Anstiegs an alten Menschen. Eine These ist das Verbot von bleihaltigem Benzin. Hilft natürlich den Betroffenen nicht

  4. 14.

    Meine Hochachtung an den Mann. Mit 54 Jahren ist die Erkennung von Alzheimer bei den Ärzten noch kein Thema. Ich habe das selber im engen Familienkreis. Es fängt schleichend an... Kein Arzt will mit Anfang 60 die Zeichen so deuten und schon gar nicht eine genaue Diagnose mit Gehirn-MRT veranlassen. Leider kann man diese Krankheit in so frühem Stadium allenfalls verlangsamen, aufhalten leider noch nicht. Ich bin in der Betreuung eines solchen im 2. Verwandschaftsgrad Betroffenen jetzt schon gut eingunden. Ich mache das gerne und unterstütze meine Tante, weil ist ja mein Onkel.
    Es gibt leider keine Heilung.
    Betroffen für die Angehörigen in solche einem frühen Fall ist eben nur, dass die Erwerbsunfähigkeitsrente mit 54 nicht allzu hoch ist, als dass es finanziell für die Betreuung eine kleine Entlastung des Ehemanns im Alltag bringen könnte.

  5. 13.

    Meine absolute Hochachtung gilt der gesamten Familie.
    In unserem Bekanntenkreis hat es ein Mann leider nicht geschafft, mit der Diagnose umzugehen. Er nahm sich selbst das Leben - mit 53 Jahren.

  6. 12.

    Meine Hochachtung an Menschen die Ihre Angehörigen Nicht dem System ausliefern. -
    Was ist mit Medizinforschung ? Gibt es die in Deutschland noch ? Sind die klientel-privatisierten Universitäten noch fähig zukunftsorientiert Personal ohne Standesdünkel herzustellen ? Forschen sie dort noch oder wird die Studienzeit mit der Verfassung von PlagiatDoktorarbeiten verbraucht ? - Welche Forschung wollen, dürfen, müssen Wir Uns leisten ?

  7. 11.

    Blümel:
    "Alarmierend dieser Beitrag. Ist das alles normal, oder sollten wir uns langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass die Art und Weise wie wir leben krank macht?"

    Ich denke, das ist normal, dass vereinzelt ganz wenige Menschen schon früh Alzheimer bekommen. Es gibt auch eine Alzheimer-Form, die genetisch bedingt ist und schon mit 40 Jahren ausbrechen kann. Dies ist aber selten.

    Und ich denke auch, dass wir gesünder leben als vor 100 Jahren: körperlich weniger anstrengendere Arbeit, höherer Arbeitsschutz, sauberere Luft, Mehr Freizeit, gesünderes Essen (zumindest das Angebot ist da). Natürlich gibt es auch Wohlstandskrankheiten und die Gefahr von Übergewicht. Aber früher gab es zwar andere, aber mehr Gesundheitsgefahren.

    Mein Vater hat jetzt mit über 80 Jahren Alzheimer. Meine Opas hatten es nicht, sind aber auch nicht so alt geworden!

    Ich sehe jedenfalls keine Gefahr, dass wir früher Alzheimer bekommen.

  8. 10.

    Jede. Es wird nur nicht von allen zugegeben. Wir werden wohl kaum früher in Rente bei immer mehr Alten. Ich habe noch keine Partei gesehen die dafür,realistische Pläne hat.

  9. 9.

    "...WARUM gehen Experten davon aus, dass sich die Zahl der Erkrankten in den nächsten 30 Jahren so drastisch erhöhen wird? ..."
    Die Antwort darauf wurde eigentlich schon gegeben: Weil die Bevölkerung immer älter wird und mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkiet wächst, an Demenz zu erkranken. Die Ursachen für diese Krankkeit sind ja leider noch nicht genügend erforscht.

  10. 8.

    Interessant auch das Ärzteblatt: Bei alten Menschen sind die Nebenwirkungen von Medikament-Kombinationen kaum erforscht. Dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln führt zu "Delir", Eintrübung des Bewusstseins, Depression usw. Kommt Alzheimer und Medikamente dazu, weiß keiner mehr, was welche genaue Ursache hat. Kann eine Medikamentenspirale und Fehldiagnosen auslösen usw.

  11. 7.

    Danke für die Erläuterung, die von der Verfasserin dieses Artikels wohl vergessen wurde.
    Aber eine so deutliche Erhöhung kommt mir in Anbetracht der genannten Faktoren seltsam vor.
    Es gibt sicher viele mögliche Ursachen. Und da hätte man meiner Meinung nach gleich nachhaken sollen.
    Und ich weiß nicht, welcher Gedanke mir mehr Angst macht:
    Das Verglimmen des eigenen Verstandes womöglich bewusst miterleben zu müssen.
    Oder die Erkenntnis, vorzeitig immer mehr von anderen Menschen abhängig zu werden.

  12. 6.

    Zum einen bezieht sich die Hochrechnung wohl auf die "Boomer Jahrgänge", zum anderen auf die ständig steigende Lebenserwartung. Trotz des Einwandes eines Vorkommentators, diese Entwicklung sei allein dem höheren Alter geschuldet,und ein gesunder Lebensstil verhindert nichts, sehe ich die allgemeine Entwicklung mit Sorge. Krankheiten, die vor 40 - 50 Jahren mehr oder weniger nur wirklich betagte Menschen betroffen haben, vor allem, die sog. Wohlstandskrankheiten, treten immer stärker in den jüngeren Generationen auf. Fordert der Lebensstil vielleicht doch seinen Tribut?

  13. 5.

    Es muss furchtbar sein, den Verstand schwinden zu sehen.
    Was ich aber bez. dieses Artikels nicht verstehe:
    WARUM gehen Experten davon aus, dass sich die Zahl der Erkrankten in den nächsten 30 Jahren so drastisch erhöhen wird?

  14. 4.

    Auch das ist dem System geschuldet. Aufgrund des Vergütungssystems kann oder will der Facharzt nicht die Zeit in die Untersuchung investieren, die u. U. nötig ist, komplexe Problematiken zu erkennen. Therapien oder Hilfsmittel, werden oft aus Kostengründen nicht von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen, obwohl klar ist, dass die Standardbehandlung das Problem nicht löst, oder sogar noch verschlimmert, und zu deutlichen Mehrkosten führt. Problematisch ist auch, dass immer mehr Spezialisten nur noch Privatversicherte behandeln.

  15. 3.

    Irrige Annahme, gesundes Leben würde uns vor Demenz bewahren. Vielmehr lässt uns gesundes Leben so alt werden, dass JEDER seine Demenz noch erlebt. Der eine früher, der andere erst mit weit über 80. "Früher" starb man eher - an Herz/Kreislauf, Krebs oder dem "gefährlichen Leben" an sich.
    Unser Sozialsystem hat sich dem nicht angepasst und nächstens erleben ALLE Arbeitgeber demente Mitarbeiter, wenn wir noch länger arbeiten müssen.... will man das? Das produzierende Gewerbe hat Handwerker mit Rollator, in der Verwaltung sitzen Demente, die jeden Tag neue Kollegen kennen lernen... super Aussichten.

    Denkt bei der Wahl dran - wer will das Rentenalter erhöhen?

  16. 2.

    Leider ist es für das Gesundheitswesen immer schwieriger Krankheiten zu erkennen und als Patient kann man das erst recht nicht.

  17. 1.

    Alarmierend dieser Beitrag. Ist das alles normal, oder sollten wir uns langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass die Art und Weise wie wir leben krank macht? Wie wird die Politik den jetzt schon prekären Pflegenotstand beheben? Wieder aussitzen, wie es seit 30 - 40 Jahren zum Standard der Regierungen gehörte? Die Mahnungen waren schon damals zu hören, aber immer wurde ein Umbau des sozialen Systems den wirtschaftlichen Ansprüchen geopfert. Die Solidargemeinschaft im Bereich Altersabsicherung und Krankenversicherung wird seit Jahren Stück für Stück zu grabe getragen, Leistung gekürzt, Beiträge erhöht. Wer kann, rettet sich in private Zusatzversicherungen, der Rest muß sehen wo er bleibt. Den Versicherungskonzernen gefällts, die Politik leistet zum Teil noch Beihilfe. Es wird Zeit für einen drastischen Umbau.

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