Urteil im Amtsgericht Tiergarten - Eltern nach Badewannen-Tod ihres Sohnes verurteilt

Prozess gegen Eltern um ihr getötetes Kind (Quelle: rbb/Ulf Morling)
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Audio: rbb88.8 | 15.09.2021 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Das Amtsgericht Tiergarten hat am Mittwoch eine 44-jährige Mutter und den 47-jährigen Vater zu Bewährungsstrafen verurteilt, weil ihr dreijähriger Sohn in der Badewanne ertrank. Das Kind war schwerstbehindert. Von Ulf Morling

"Man lässt kleine Kinder nicht allein in der Badewanne!", hatte die Vorsitzende Richterin Ulrike Hauser im Urteil gemahnt und die angeklagten Eltern wegen fahrlässiger Tötung ihres dreieinhalbjährigen Sohnes verurteilt.

Beide Angeklagte hatten eingeräumt, eine Weile nicht auf den badenden schwerstbehinderten Jungen geachtet zu haben. Als die angeklagte Mutter am Tatabend ins Badezimmer zurückkam, trieb das Kind leblos im Wasser und starb. "Fürchterliche Folgen" seien das, hieß es im Urteil.

"Er hat gelacht und gespielt beim Baden"

Wie jeden Abend war Alexis am 8. Juni letzten Jahres in der Pankower Familienwohnung in die Badewanne gesetzt worden. Wegen eines Sauerstoffmangels bei seiner Geburt war er schwerstbehindert, konnte nicht Laufen und Sprechen und war blind. Da er auch nicht sitzen konnte, kniete der Dreieinhalbjährige in der Badewanne und spielte mit dem wohl nur tröpfelnden Wasser aus der Badewannenarmatur, berichteten die Eltern. Der Stöpsel der Wanne und Teile der Armatur hätten wie immer während des Badens im Waschbecken gelegen, damit Alexis sicher baden und das Wasser abfließen konnte.

Nachdem der angeklagte Vater des Kindes, Abdallah K.(47), seinen Sohn in die Wanne gesetzt und das Wasser laufen ließ, hatte sein Cousin angerufen und K. telefonierte mit ihm 36 Minuten lang auf dem Balkon. Die mitangeklagte Mutter Claudia W. (44) sah in dieser Zeit zwar ab und zu nach dem Kind, saß aber überwiegend in der Küche mit einer Freundin zusammen.

Kind starb 12 Tage später im Krankenhaus

Die Tür zum Badezimmer stand zwar offen, doch mindestens eine Viertelstunde lang habe die Mutter nicht nach ihrem Sohn gesehen, heißt es im Urteil. Als sie das nächste Mal das Bad betrat, fand sie Alexis leblos im Wasser der vollgefüllten Badewanne vor.

Per Telefon alarmierte sie die Feuerwehr und begann nach den Anweisungen der Beamten ihren Sohn wiederzubeleben. Sie konnte ihn kurzzeitig ins Leben zurückholen. 12 Tage später starb er an den Folgen des Badeunfalls in der Charité. "Wir hatten uns mit den Ärzten gemeinsam entschieden, ihn gehen zu lassen", sagt Mutter Claudia W. im Gerichtssaal und schluchzt.

"Ich vermisse ihn sehr"

Claudia W. hat insgesamt sieben Kinder von sieben verschiedenen Männern. Der mitangeklagte Abdallah K. ist der Vater von Alexis. Er flüchtete aus Ghana und machte Station in Libyen. Dort habe er mitangesehen, wie seine frühere Frau und ein Kind von einem einstürzenden Haus begraben worden seien, erzählt er.

2013 kam K. nach Deutschland, das Trauma seiner libyschen Erlebnisse ist ärztlich anerkannt. Durch die Geburt des schwerstbehinderten gemeinsamen Kindes Alexis und das Kümmern um den hilfsbedürftigen Sohn in Berlin habe er sein in Libyen erlebtes Trauma bewältigen können. "Seit Alexis gestorben ist, habe ich mein Gleichgewicht verloren", sagt K. im Gerichtssaal.

Er mache sich viele Vorwürfe. Hätte er doch einfach das Telefonat des Cousins nicht angenommen, dann wäre ihr Sohn jetzt nicht tot…

Gericht: Stöpsel muss in der Wanne gewesen sein

Die Richter gingen in ihrer Entscheidung davon aus, dass der Stöpsel doch in der Badewanne gewesen sein muss, sonst hätte sich die Wanne niemals vollständig füllen können. Dazu hatte die Spurensicherung der Polizei keine eindeutige Aussage machen können.

Eine Straffreiheit der angeklagten Eltern, die nach § 60 Strafgesetzbuch möglich ist, wenn ein Angeklagter selbst schweren Schaden erleidet durch seine Straftat, sei in diesem Fall nicht denkbar, auch wenn das Elternpaar sehr betroffen sei vom Tod ihres Sohnes, hieß es. Mutter Claudia W. habe in der Küche gesessen und “mindestens fünfzehn Minuten mit ihrer Freundin geschwatzt“, und Vater Abdallah K. habe "sechsunddreißig Minuten auf dem Balkon telefoniert." Da könne man nicht von der Schuld der angeklagten Eltern absehen.

Fahrlässige Tötung des eigenen Kindes durch seine Eltern sah das Gericht als erwiesen an. Die Eltern des getöteten Alexis wurden zu einer jeweils sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Sie können gegen das Urteil in Berufung zum Landgericht gehen.

Sendung: rbb88.8, 15.09.2021, 15:00 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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