Interview | Kinderarzt aus Berlin-Pankow - Warum der September (normalerweise) ein typischer Läuse-Monat ist

Eine Frau kämmt einem Mädchen die Haare mit einem Läusekamm. (Quelle: dpa/Silvia Marks)
Bild: dpa/Silvia Marks

Läuse sind nicht auszurotten, offenbar nicht mal durch eine Pandemie mit Abstandsregelungen. Kaum ist der Lockdown vorbei, tummeln sie sich wieder auf den Kinderköpfen - oder? Ein Berliner Kinderarzt berichtet über die derzeitige Lage.

rbb|24: Herr Schinkel, eine ganze Weile war wegen der Lockdowns Ruhe. Aber jetzt, nach den Sommerferien, können viele Eltern sicher wieder täglich mit der "Achtung, Läuse"-Mail von der Schule rechnen. Sind die Läuse schon wieder genau so stark vertreten wie vor der Pandemie?

Thomas Schinkel: Bei mir in der Praxis noch nicht wieder ganz so sehr. Allerdings sehe ich nicht alle Kinder und Eltern, die deshalb kommen. Denn wir haben seit etwa zwei Wochen ein sehr hohes Patientenaufkommen, was Kinder mit Infekten betrifft. Läuseanfragen werden da von den Schwestern nicht unbedingt zu mir durchgestellt.

Allerdings ist es tatsächlich normalerweise ein September-Phänomen mit den Läusen. Da sind alle aus dem Urlaub zurück und dann fallen die Läuse auf. Die Kinder waren in den Ferien mit anderen Kindern zusammen und haben sich dabei beim Köpfe zusammenstecken gegenseitig die Läuse ausgetauscht. Wenn die Kinder dann die ersten Wochen wieder in Kita und Schule gehen, stecken sie sich hier gegenseitig an. Bis die Symptome kommen, dauert es dann noch eine Weile und dann ist es typischerweise September.

Dr. Schinkel (Quelle: Privat)
Privat

Kinderarzt in Pankow - Thomas Schinkel

Dr. Thomas Schinkel ist seit 2018 niedergelassener Kinderarzt in Pankow. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderlungenfacharzt.

Mit Läusen muss man also nicht zwangsläufig zum Arzt?

Doch - und das ist ja das Drama. Denn das Medikament ist teuer – aber es ist verordnungsfähig zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen und dafür braucht man ein Rezept vom Arzt. Das heißt, die Eltern müssen zum Arzt gehen. Oder man ist so reich, dass man sich das aus eigener Tasche kauft.

Wenn das Medikament gestellt würde, wenn es an Schulen oder Kitas ausgegeben würde, kostenfrei in der Apotheke abgeholt werden könnte oder tatsächlich niedrigschwellig beim Arzt am Tresen abgegeben würde, hätte man eine deutlich bessere Versorgung. Aber so ist es leider nicht.

Ich mache das allerdings, wenn ich die Familien kenne, auch mal über die Schwestern am Tresen. Da man Läuse ja sehen kann, ist eine Arzt-Diagnose da nicht unbedingt von Nöten.

Wie sollten Eltern die Läusebehandlung dann am Kinderkopf durchführen?

Das Beste ist, die Haare mit einem Conditioner anzufeuchten. Dann lassen sie sich deutlich besser auskämmen. Das macht man dann zuerst mit einem groben Kamm und dann Strähne für Strähne mit dem Läusekamm. Dabei schaut man jeweils, ob sich eine Laus darin befindet. Eier spielen eigentlich keine Rolle. Die meisten Eltern denken, wenn sie Eier im Haar finden, die seien immer infektiös. Aber die Eier bleiben auch nach der Behandlung an den Haaren kleben. Man kann dann nicht mehr unterscheiden, ob es sich um lebensfähige Eier handelt, aus denen noch Larven schlüpfen können, oder ob das tote, abgestorbene Eier sind. Nur wenn man Eier findet, die direkt an der Kopfhaut am Haar kleben, also so drei, vier Millimeter von der Kopfhaut entfernt, sind das frisch gelegte Eier. Wenn sie weiter entfernt sind, sind es alte Eier. Da sind die Läuse längst geschlüpft oder sie sind abgestorben.

Nur wenn man noch gar nicht behandelt hat kann man, wenn man Eier sieht, davon ausgehen, dass da auch irgendwo Läuse sein – oder noch aus den Eiern schlüpfen werden. Deshalb muss man auf jeden Fall zwei Mal behandeln. Die zweite Behandlung macht man acht bis zehn Tage nach der Erstbehandlung.

Läusebefall trifft alle Kinder. Mit Hygiene hat das nichts zu tun, denn die überstehen Haarwäschen. Es kommt eher darauf an, wie oft man den Kindern auf den Kopf schaut.

Thomas Schinkel, Kinderarzt

Mögen Läuse bestimmte bestimmte Haare?

Läuse mögen glatte Haare lieber als krauses Haar. Die Läuse laufen mit ihren Krallen parallel an den Haaren hoch und runter und wechseln dabei auch gerne den Kopf. Dafür strecken sie die Beinchen aus und greifen sich die nächsten Haare. An krausem Haar können sie sich nicht gut festhalten dabei. Da sind Kinder mit krausem Haar besser dran, sie werden nicht so oft befallen. Aber wenn sie dann Läuse haben, kann man krauses Haar nicht wirklich auskämmen. Da muss man vor allem nach den Läusen selbst suchen.

Sind die Viecher denn nicht wegzukriegen? Waren die Kontaktbeschränkungen nicht perfekt dafür, eine Art No-Läuse-Strategie umzusetzen?

Ich sage manchmal, dass man einen Tag im Jahr festlegen müsste, an dem man die ganze Welt – am besten mehrfach hintereinander - gleichzeitig gegen Läuse behandelt. So könnte man sie im Prinzip ausrotten. Denn Läuse gehen nur auf Menschen. Das heißt, sie haben kein Reservoir außerhalb des Wirtes. Aber das ist mit der gleichzeitigen Behandlung der Weltbevölkerung ist eine Utopie.

Die Läuse sind also zwar durch die Lockdowns sicher dezimiert worden, kommen aber einfach immer wieder.

Wer kriegt heutzutage Läuse? Vor ein paar Jahrzehnten galten Läuse als sicheres Zeichen dafür, dass sich nicht oder zu wenig um Hygiene gekümmert wurde in, so das Vorurteil, sozial schwächeren Familien.

Meine Praxis liegt in Pankow und der Anteil an sozial schwachen Familien ist hier relativ niedrig. Und trotzdem haben die Kinder hier Läuse. Diese These ist inzwischen gut widerlegt. Trotzdem hält sie sich hartnäckig. Läusebefall trifft alle Kinder. Mit Hygiene hat das nichts zu tun, denn die überstehen Haarwäschen. Es kommt eher darauf an, wie oft man den Kindern auf den Kopf schaut.

Wie lange überleben die Läuse außerhalb des Kinderkopfs?

Läuse müssen spätestens alle sechs Stunden an der Kopfhaut saugen. Das bedeutet, in einer ungewaschenen Mütze eines Kindes mit Läusen, die die Nacht an der Garderobe verbringt, sind alle Läuse, die da eventuell drin waren, am nächsten Morgen tot. Eigentlich müssen Eltern also gar nicht so sehr darauf achten, dass die komplette Wäsche gewaschen wird. Man muss also auch nichts in Plastiktüten packen. Denn die Laus überlebt es nicht, wenn sie nicht regelmäßig saugt. Ungünstig ist aber, wenn Kinder in Schule oder Kita die Mützen tauschen. Wenn da gerade eine Laus drin hockt, kommt sie so auch auf einen anderen Kopf.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

6 Kommentare

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  1. 6.

    100%iges Rezept meiner Mutter: Haare und Kopfhaut mit Spiritus nass machen, Handtuch drum und eine Stunde belassen, dann gründlich ausspülen, nach 8 - 10 Tagen wiederholen. Bevor jetzt alle entsetzt aufschreien: nein, das brennt in keiner Weise auf intakter Kopfhaut. Eine Haarpflegespülung kann man, so man möchte, anschließend durchführen. Habe ich bei meiner Tochter immer so gemacht, sie war der absolute Läusetyp: ganz dichtes, glattes, langes Haar bis zum Po. Goldgeist, dieses ölige Zeug, ist bei ihr gar nicht auf der Kopfhaut angekommen, weil das Haar zu dicht war.

  2. 5.

    Nelkentee sind ein Betäubungsmittel für Insekten. Da sie dann nicht mehr so flink sind kann man eine Spülung mit Ihnen machen. So findet man sie besser.

  3. 4.

    20€ teuer? Hm naja... ok. Muss jeder selbst wissen. Aber auch ne Stunde beim Hausarzt aufs Rezept warten, um 20€ zu sparen lohnt in meinen Augen nicht. Aus der Apotheke bin ich nach 3min wieder raus und die erste Behandlung ist fertig, noch bevor ich beim Arzt das Rezept in der Hand halte.

    Und trotzdem juckts einen immer wenn man von Läusen liest, schließlich hatten wir die als Kinder alle mal gehabt. Mit langen Haaren und Babyöl und Nissenkamm und Tränen.... bärgs. :)

  4. 3.

    Das fettige (Silikonöl) Zeug gibts bei DM und Rossmann für kleines Geld im zuständigen Regal, ganz ohne Kinderarzt und Insektizide. Da braucht man auch keinen Konditioner mehr, einige Zeit ;-) wichtig ist die wiederholte Anwendung, heisst es auch direkt auf der Schachtel.
    Ich würde meinem Kind keinen Goldgeist auf den Kopp gießen, ich sprühe es ja auch nicht mit Paral oder Raid ein *hüstel* das ist der gleiche Inhaltsstoff und das gleiche Wirkprinzip... Tod durch Nervenlähmung...

  5. 2.

    Richtig lesen. Nicht verschreibungspflichtige, aber Kinder bis 12Jahren bekommen die Medis umsonst, dafür brauchst das Rezept. Es kann ins Geld gehen mehrmals das Läusemittel zu kaufen, vor allem bei Mädchen mit langen Haaren.
    Es gibt auch Schulen die eine Bescheinigung vom Arzt wollen das das Kind Läuse frei ist. Auch sind Läuse Meldepflichtig
    Auch sehe ich in dem Artikel keine Panikmache.

  6. 1.

    Freiverkäuflich ist Goldgeist und andere Läusemittek.
    Einiges ist verschreibungspflichtig, anderes verschreibungsfähig. Manche Familien mit mehreren Kindern haben da nicht die Mittel sich selbst zu versorgen.



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