Eindämmungsversuche bisher erfolglos - Schweinepest breitet sich in Brandenburg auch nach einem Jahr weiter aus

Mit einem Kadaversuchhund wird bei einer Praxisübung zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) das Aufspüren von Wildschweinen trainiert. (Quelle: dpa/Sina Schuldt)
Video: Brandenburg aktuell | 10.09.2021 | Rico Herkner | Bild: dpa/Sina Schuldt

Seit einem Jahr stemmt sich Brandenburg gegen die Afrikanische Schweinepest. Zäune und Kernzonen wurden errichtet, um die Tierseuche einzudämmen. Das Resümee ist allerdings ernüchternd - sowohl bei Politik als auch bei den Landwirten.

Im September des vergangenen Jahres erreichte die in Osteuropa kursierende Afrikanische Schweinepest (ASP) das deutsche Staatsgebiet. Im Brandenburger Kreis Spree-Neiße wurde damals das erste infizierte Wildschwein entdeckt. Ein Spaziergänger fand den Kadaver sieben Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt.

Seitdem kämpfen Politik, die Landkreise, Landwirte, Jäger und die betroffene Bevölkerung gegen die Ausbreitung der Tierseuche, Schweinehalter bangen um ihre Existenz. Die Hoffnung vieler Akteure, dass die Seuche sich nicht weiter ausbreitet, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten aber nicht erfüllt.

Nonnemacher fordert mehr Unterstützung

Die Brandenburger Verbraucherschutzministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) forderte am Freitag im rbb mehr Unterstützung. "Wir sind ein bisschen enttäuscht, dass aus Berlin da nicht noch mehr Unterstützung kommt", sagte Nonnemacher im Inforadio. Mit anderen Bundesländern wie Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern arbeite man gut zusammen.

Das Friedrich-Loeffler-Institut unterstütze stark, so Nonnemacher weiter. Da sei die Expertise. "Aber wir brauchen ganz, ganz dringend ein Hilfsprogramm für unsere Schweinehalter." Schweinefleisch aus Brandenburg sei durch die Tierseuche nur noch schwer zu vermarkten. Erste Schweinebauern hätten bereits aufgegeben.

Gebraucht werde auch Hilfe bei der Einzäunung von Autobahnen, Unterwegungen und Überführungen. "Wir tun alles, um die Ausbreitung nach Westen zu verhindern." Seit September 2020 habe Brandenburg etwa 40 Millionen Euro bereitgestellt, sagte Nonnemacher. Das sei sehr viel für das Bundesland. Es werde "im großen Umfang" investiert.

Die Landesregierung müsse "alle eigenen Möglichkeiten nutzen, um ein Verschwinden der Schweinehaltung aus Ostbrandenburg zu verhindern", erklärte der agrarpolitische Sprecher der Linken, Thomas Domres, am Freitag in einer Presseerklärung. Er fürchtet, dass Landesmittel auf Kosten der Seuchenbekämpfung eingespart werden.

Wir brauchen ganz, ganz dringend ein Hilfsprogramm für unsere Schweinehalter.

Brandenburger Verbraucherschutzministerin Ursula Nonnemacher (Grüne)

Nonnemacher sieht "Krise von nationaler Tragweite"

In Potsdam sagte Nonnemacher, dass sich Brandenburg "gegen einen wachsenden Seuchendruck aus Polen" stemme. In den vergangenen zwölf Monaten sei es gelungen "die ASP im Osten des Landes zu halten und eine Ausbreitung Richtung Westen zu verhindern". "Die ASP ist eine Krise von nationaler Tragweite", ergänzte die Grünen-Politikerin.

Anna Heyer-Stuffer, die Leiterin des ASP-Krisenstabs, erläuterte derweil erste Erfolge: "Wir sehen, dass die Bekämpfungsmaßnahmen im Landesinneren wirken. Innerhalb der doppelt umzäunten Kerngebiete gehen die Fallzahlen deutlich zurück." In einigen Gebieten seien seit mehreren Monaten keine neuen Fälle aufgetreten; auch eine Verschleppung der Seuche aus diesen Gebieten sei nicht nachgewiesen worden. Neue Fälle sind den Worten von Heyer-Stuffer entlang der Grenze zu verzeichnen. Der feste Zaun dort "gehört deshalb zu den wichtigsten Maßnahmen, um eine weitere Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern".

1.622 bestätige Fälle der Tierseuche

Zunächst konzentrierte sich die Ausbreitung auf den Süden und Osten Brandenburgs, mittlerweile breitet sich die Schweinepest auch Richtung Norden aus. Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums gibt es aktuell 1.622 bestätige Fälle der Tierseuche. Allein aus dem Kreis Oder-Spree wurden 809 bestätigte Fälle gemeldet.

Im Landkreis Märkisch-Oderland gab es 272 Funde, im Stadtgebiet Frankfurt (Oder) 231, im Kreis Spree-Neiße 214 und im Landkreis Dahme-Spreewald 76. Weiter nördlich, im Kreis Barnim, wurden 19 ASP-Fälle registriert, in der Uckermark bislang ein Fall. Nach Worten von Staatssekretärin Anna Heyer-Stuffer ist nicht zu erwarten, dass der Seuchendruck aus Polen absehbar nachlässt.

Die Tierseuche ist eine schwere Virusinfektion - für Wild- und Hausschweine endet sie meist tödlich. Mitte Juli dieses Jahres griff die Schweinepest erstmals in Deutschland auf Hausschweine in Nutzbeständen über - ebenso in Brandenburg. Labore hatten das Virus bei einem Bio-Betrieb mit 300 Tieren im Landkreis Spree-Neiße sowie bei einem Kleinsthalter mit zwei Tieren im Kreis Märkisch-Oderland nachgewiesen. Sämtliche Tiere in den beiden Beständen wurden getötet.

Zaun entlang der Grenze zu Polen gebaut

Mittlerweile ist ein fester Zaun entlang der Grenze zu Polen auf einer Länge von etwa 255 Kilometer fertig gebaut, ein zweiter Zaun, ein sogenannter Schutzkorridor, ist nach Ministeriumsangaben vom Donnerstag zu etwa einem Drittel fertig gestellt. Zwischen den Zäunen sollen möglichst alle Wildschweine getötet werden.

Zudem wurden den ASP-Gebieten bislang 163 Lebendfallen aufgestellt und in den vergangenen 12 Monaten sieben Kerngebiete ausgewiesen und umzäunt. Schweinehaltende Betriebe werden besonders überwacht. Die Ausbreitung der Seuche konnte dadurch aber nicht eingedämmt werden.

Brandenburger Landwirte und Jäger haben derweil die unzureichende Bekämpfung der Schweinepest beklagt. Seit der amtlichen Bestätigung des ersten Falles vor einem Jahr habe sich die Tierseuche zu einem Flächenbrand entwickelt, sagte der Präsident des Landesjagdverbandes, Dirk-Henner Wellershoff, am Donnerstag in einer Mitteilung.

Landwirte fordern Hilfsprogramm für Schweinehalter

Die märkischen Landwirte und Schweinehalter fühlen sich von der Politik nicht genügend unterstützt. Sie fordern, dringend ein Hilfsprogramm für Schweinehalter in den betroffenen Gebieten aufzulegen. Verluste aufgrund behördlicher Anordnungen müssten ausgeglichen werden sowie die Förderung vorübergehend stillgelegter Betriebe, erklärte der Landesbauernverband. "Ansonsten geht uns dort die Schweinehaltung für immer verloren", sagte der Präsident des Landesbauernverbandes, Henrik Wendorff.

Beide Verbände appellierten an die Verantwortlichen auf Landes- und Bundesebene, alle Kräfte für die Umsetzung als richtig erkannter Maßnahmen zu mobilisieren. Der zweite Zaun an der Grenze zu Polen müsse so schnell wie möglich fertig gestellt werden, um den Seuchendruck aus Polen zu minimieren, sagte Wendorff. Auf keinen Fall dürften sich Baumaßnahmen wieder über viele Monate hinziehen. Auch müsse konsequent das Schwarzwild bejagt werden, um die Seuche zu tilgen und "weiße Zonen" möglichst wildschweinfrei zu bekommen.

Schweinehaltende Betriebe unter Druck

Auf Hilfe vom Bund können die Landwirte nicht hoffen. Der Staatssekretär im Bundesagrarministerium, Uwe Feiler, hatte bei einem Expertentreffen auf die Verantwortung des Landes bei der Tierseuchenbekämpfung hingewiesen.

Brandenburg wiederum forderte den Bund auf, ein Förderprogramm auf den Weg zu bringen. Agrarminister Axel Vogel (Grüne) hatte darauf hingewiesen, dass viele schweinehaltende Betriebe in ganz Deutschland seit dem ersten ASP-Fund aufgrund geschlossener Drittmärkte und anderer Abnahmerestriktionen unter ökonomischem Druck stünden. Mit dem erstmaligen Auftreten von ASP in Hausschweinebeständen ist ihm zufolge eine neue, schwierigere Lage entstanden. Die Dimensionen reichten über die rechtlichen Fördermöglichkeiten des Landes hinaus.

Sendung: Brandenburg aktuell, 10.09.2021, 19:30 Uhr

11 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 11.

    Wann wachen die Menschen endlich auf und hören auf Tiere massenhaft, qualvoll zu halten und sie dann zu essen? Die Natur antwortet mit Krankheiten.

  2. 10.

    Ich glaube doch. Wenn ein Betrieb mit Massentierhaltung betroffen ist, müssen alle Schweine getötet werden, der wirtschaftliche Schaden ist also ungleich höher. Die Besitzer solcher " Tierfabriken" haben in der Vergangenheit jede Menge Profit mit den armenn Viechern gemacht,und jetzt droht eine Nullnummer.

  3. 9.

    Stimmt, die Zäune helfen nur wenig bis gar nicht. Man geht immer davon aus, dass sich die Schweine untereinander anstecken, aber aasfressende Vögel und andere kleinere Fleischfresser, die einen Kadaver gern mal anfressen, lassen sich doch durch einen Zaun nicht aufhalten .

  4. 8.

    Es ist schon erschreckend wie sich der Bund bei der Bekämpfung der ASP aus der Affäre zieht und nichts tut. Noch schlimmer empfinde ich die Reaktionen der polnischen Behörden. Wenn es kein Geld von der EU gibt, tut man nichts. Typische Nehmereigenschaften. Wenn es die „ Amerikanische Schweinepest“ wäre würde man vielleicht etwas tun, aber so eben nicht. Erst wenn die ASP sich weiter auf andere Bundesländer ausbreitet würde Frau Klöckner vielleicht Maßnahmen ergreifen. Aber so gibt es vom Bundeslandwirtschaftsministerium und seinem Staatssekretär nur unbefriedigende Antworten. Mit der Massentierhaltung hat die ASP rein gar nichts zu tun.

  5. 7.

    Wenn die Experten dann noch politisch Korrekt argumentieren und sich sogar nicht zu schade sind sich dabei zu verbiegen, wird das bedenklich. Neureichs bauen eine Mauer um ihr Anwesen, um sich und ihr Hab und Gut zu schützen. Das gemeine Volk ohne Grundbesitz aber mit schützenswerten Anlagen darf das nicht. Erst wenn das Problem zu groß ist, verfällt man in Aktionismus.

  6. 6.

    Wenn die Experten dann noch politisch Korrekt argumentieren und sich sogar nicht zu schade sind sich dabei zu verbiegen, wird das bedenklich. Neureichs bauen eine Mauer um ihr Anwesen, um sich und ihr Hab und Gut zu schützen. Das gemeine Volk ohne Grundbesitz aber mit schützenswerten Anlagen darf das nicht. Erst wenn das Problem zu groß ist, verfällt man in Aktionismus.

  7. 5.

    Wie immer, unfähige Politiker wollen die Natur besiegen.

  8. 4.

    Alle wussten passieren wird, trotzdem hat man ca. ein Jahr lang nichts unternommen. Vielleicht sollte man endlich auf die normalen Bürger statt Experten hören, denn diese hätten schon am Anfang gegengesteuert statt abzuwarten.

  9. 3.

    Seltsam? HELFEN ALL DIE ZÄUNE nicht? Merkwürdig, dass sich das Virus nicht an Absperrungen hält!

  10. 2.

    Ich betrachte die ASP nicht als Problem, sondern als natürliche Lösung von gleich zwei Problemen. Das eine ist die Überpopulation von Wildschweinen. Diese Plage haben die Jäger nicht in den Griff bekommen. Insbesondere auch, weil in Städten vielerorts nicht geschossen werden kann. Das zweite Problem ist die Schweine-Massentierhaltung. Industrialisierte Mastbetriebe mit 50.000 Schweinen, die so billig produzieren, dass sie deutsches Fleisch selbst nach China exportieren können, können nicht in unser aller Interesse sein. Die riesige Menge Gülle - eigentlich Sondermüll - wird über unsere Felder verteilt und vergiftet diese und das Trinkwasser. Die Nitratbelastung nimmt immer weiter zu, hauptsächlich durch die Schweinemast in Großbetrieben. Die Politik war völlig unfähig, diese beiden Probleme zu lösen. Nun übernimmt das die Natur. Ich persönlich hoffe, dass sich die ASP dauerhaft in Deutschland verbreitet und nie wieder deutsches Schweinefleisch nach Asien exportiert werden kann.

  11. 1.

    Nach einem Jahr erfolglos. Wer etwas anderes erwartet und geglaubt hätte, ist bestimmt Harry Potter Fan. Andere Länder betreiben nicht so ein Kult und kommen auch mit der Sache zurecht.

Nächster Artikel