Interview | 40 Jahre Chaos Computer Club - "Wir kämpfen für das Gute"

Archivbild: Besucher des Kongresses des Chaos Computer Clubs (CCC) diskutieren und arbeiten gemeinsam an aufgestellten Tischen in einem Vortragsraum. (Quelle: dpa/A. Heimken)
Bild: dpa/A. Heimken

Mit spektakulären Hacks macht der Chaos Computer Clubs auf Probleme in der digitalen Welt aufmerksam, seit der Gründung vor 40 Jahren in Berlin. Steffen Wernéry war von Anfang an dabei. Im Interview prangert er den Zustand des Internets an.

rbb|24: Wie beginnt Ihre Geschichte mit dem Chaos Computer Club (CCC)?

Steffen Wernéry: Mit Wau Holland [Anm. d. Redaktion: Mitgründer des CCC] habe ich mich im Schwarzmarkt in Hamburg, einer linken Buchhandlung, getroffen. Eigentlich wollte ich da Kennwörter tauschen und ein bisschen Erfahrungen mit Datenreisen sammeln. Er hat mir dann von seiner Vision berichtet: Computer sollen für die Bürger da sein und nicht Kontroll- und Machtinstrument des Staates. Den Bürgern die Möglichkeit zu geben, selber Informationen zu sammeln und die Bürgerrechte und die die Interessen der Bürger zu stärken, war die Idee. Eine maschinenlesbare Regierung statt ein maschinenlesbarer Bürger.

Portraitfoto Steffen Wernéry. (Quelle: Picasa)
Steffen Wernéry, Mitgründer des CCC und in den ersten beiden Dekaden aktiv. Heute Datenschutzbeauftragter bei einem Anbieter für verschlüsselte Internetverbindungen. | Bild: Picasa

Sie beide haben sich dann weiter getroffen und 1986 den CCC als Verein eintragen lassen. Nennen Sie mal eine spektakuläre Aktion, die Sie durchgezogen haben.

Ich habe 1984 zusammen mit dem Wau bei einer Hamburger Sparkasse 135.000 D-Mark
von einem BTX-Kundenkonto [Anm. d Redaktion: Bildschirmtext - Onlinedienst der Deutschen Bundespost] transferiert. Hintergrund war, auf die Mangelhaftigkeit des Systems hinzuweisen. Und das hat damals für mehr Aufsehen gesorgt, als wir ursprünglich gedacht haben. Das war dann auch die erste richtig fette Nummer in den Medien, aufgrund derer wir sehr viel Zulauf bekommen haben. Das Ganze war nach damaliger Gesetzgebung eine Ordnungswidrigkeit, die mit maximal 50.000 DM Geldstrafe geahndet werden konnte. Bei uns wurde das mit einer Ermahnung beendet.

Zum Verein

Der CCC mit Sitz in Hamburg hat nach eigenen Angaben 7.900 Mitglieder, darunter die Whistleblower Chelsea Manning und Edward Snowden. 1981 wurde er in West-Berlin gegründet, 1986 als Verein eingetragen. Der CCC will dafür sorgen, Informationen frei zugänglich zu machen und sich mit "Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft sowie das einzelne Lebewesen" beschäftigen. Er kämpft unter anderem gegen Vorratsdatenspeicherung, gegen den Staatstrojaner und für Netzneutralität.

Reizt es, mit solchen Fähigkeiten etwas zu tun, was einem selbst nützt - und nicht der Allgemeinheit?

Das ist eine Frage, die sich jeder persönlich stellen muss. Das ist eine Frage der Sozialisation und der persönlichen Interessen. Wenn ich mich so umgucke, reizt es ja anscheinend zu viele, damit Unfug zu treiben. Sonst hätten wir ja nicht so viele Probleme.

Und Sie hat es nicht gereizt?

Mich hat das nicht gereizt.

Sie könnten mit Ihren Fähigkeiten aber einiges anstellen, oder?

Ich bin nicht der Hacker in dem Sinne und auch nicht der Versierteste. Es gibt da viel mehr Leute, die wesentlich mehr können. Aber man muss auch, um Unfug zu machen,
gar nicht so viel Ahnung haben. (Lacht.)

Was verbindet Sie heute noch mit dem CCC?

Ich bin Ehrenmitglied, war so die ersten 20 Jahre des Klubs aktiv, bin heute dem CCC
immer noch sehr verbunden, halte mich aber aus den aktuellen Geschehnissen raus.

Warum?

Ich hatte einige Todesfälle in der aktiven Zeit zu beklagen. Die Geschichte mit Karl Koch, dem Hannoveraner Hacker, der ums Leben gekommen ist. Nach der zweiten Nummer mit Tron musste ich dann auch sagen, dass mir persönlich zwei Leichen genug waren. [Anm. der Redaktion: Beide Hacker starben in jungen Jahren.] Dazu kam, dass ich 16 Jahre Ermittlungsverfahren an der Backe hatte, das schlaucht natürlich auch. Ich hatte in meinem Leben mehrere Hausdurchsuchungen. Die von der Bundespost waren die ersten, die gekommen sind, weil ich an meinen Telefondosen geschraubt hatte. Dann kam das Bundeskriminalamt. Danach habe ich dann zwei Monate in Frankreich im Knast gesessen, für Sachen, die andere gemacht haben. Heute bin ich in der glücklichen Lage, dass ich mein Leben praktisch wieder habe. Ich muss keine Angst haben, dass meine Geräte verwanzt werden. Währenddessen stehen heute andere an vorderster Front, die dafür kämpfen, dass wir die Bürgerrechte vielleicht mal wieder bekommen.

Sie erfuhren viel Druck durch den Staat. Hat sich für CCC-Mitglieder etwas zum
Positiven verändert?

Betrachtet von staatlicher Seite hoffe ich natürlich, dass wir da immer ein Dorn sind der
stachelt, ob sie das dann mögen oder nicht.

Von staatlicher Seite werden Mitglieder des CCC mittlerweile zu Rate gezogen.

Es ist schön, dass wir befragt und zu Rate gezogen werden. Aber es ist natürlich traurig,
dass daraus keine oder selten die entsprechenden Reaktionen erfolgen.

Zeigefinger-Hack

Eine der vielleicht spektakulärsten Aktionen des CCC war 2008 der Hack des Zeigefingers des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble (CDU) - als Protest dagegen, dass künftig Fingerabdrücke in Pässen gespeichert werden sollten. Ein CCC-Sympathisant soll Schäubles benutztes Wasserglas dem Verein übergeben haben, der den Fingerabdruck sichern konnte und ihn veröffentlichte - und so die Möglichkeit eines Identitätsdiebstahls vor Augen führte.

Welche Reaktionen sollten erfolgen, was läuft Ihrer Meinung nach schief

Da kann ich viel aufzählen. Die Steuer-ID wird jetzt als allgemeine Zuordnungsnummer des Bürgers genutzt. Damit sind wir dann so weit, dass einzelne Datensätze zusammengeführt werden, der gläserne Bürger ist also da. Dann haben wir die präventive Überwachung ohne begründeten Tatverdacht, also dass praktisch die Ermittlungsbehörden die Rechner verwanzen dürfen: E-Mail-Überwachung, Messenger-Überwachung, Kommunikationsüberwachung. Dann der Digitalisierungsstau in Deutschland. Dass wir halt ein Entwicklungsland im Bereich der Digitalisierung sind. Ich nenne nur die Faxgeräte, die in den Gesundheitsämtern immer noch im Einsatz sind.

Dann gucken wir uns die Überwachung in den privaten Bereichen an. Google weiß genau, wer welche Krankheit hat, Depressionen oder andere Geschichten. Google weiß, welche Vorlieben die Menschen haben, auch welche sexuellen. Google weiß, welche Interessen und Abneigungen die Nutzer haben. Das Ganze führt eben zu einer Steuer- und Manipulierbarkeit der einzelnen Bürger. Im Kern geht es beim Netz jedoch darum, dass es uns ermöglicht, Wissen verfügbar zu machen und aus dem Wissen auch zu lernen. Wir kämpfen für das Gute: Technik die funktioniert, Anwendungen, die die Bürgerrechte schützen, und die Möglichkeiten der Bürger stärken.

Vor allem eher Jüngere nutzen das Internet - seit ihrer Kindheit und ständig. Kann es sich dadurch verbessern?

Nur weil man es nutzt, beschäftigt man sich ja nicht damit. Für mich sind das Konsumenten und die haben zum größten Teil verloren.

Was müsste passieren, dass das Internet besser wird?

(Überlegt.) Eine Revolution! (Lacht.)

Auf der Straße oder digital?

Jeder ist theoretisch selber in der Lage zu entscheiden, ob er etwas nutzen möchte oder nicht und welche Risiken er eingeht. Aber dazu gehört natürlich das Verständnis um die ganze Geschichte. Und das ist dann eine Frage der Bildung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Vanessa Klüber.

8 Kommentare

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  1. 8.

    Live ist schöner - und ich mochte z.B. diese Lockpickingwettbewerbe so zur Entspannung zwischendurch, das Gebabbel am Rande, die Möglichkeit den Inhalt eines Vortrages live mit umzusetzen - z.B. bei der RFID-Technologie. Da kommt kein Vortrag am Schlepptop mit und beim 29c3 im CHH war ich nur wegen "Schäubles Finger" ;-) - das Thema ist heute wieder aktuell. Datenschleuder - Ausgabe Nr. 92 :-) <-- Bastelanleitung inside

  2. 7.

    Sehr guter Mann...am Besten ist: nicht das Internet ist das Problem, sondern "der Kopf" davor(geschaltet)...Die Bildung muss dann auch zur richtigen Einstellung finden: wer dient wem oder wer ist für wem da? Und schon sind wir wieder bei Erziehung und Anstrengung, sowie Vorbildwirkung... ganz analog...

  3. 6.

    Homeoffice zwischen den Feiertagen und die Vorträge laufen rauf und runter, bloss leider ohne Engel...

  4. 5.

    Ich trauere den immer sehr gut besuchten "Chaos-Tagen" im "BCC" immer noch nach. 28C3 war der letzte hier.

  5. 4.

    Zum Glück gibt es den CCC! Auf die nächsten 40 Jahre!

  6. 3.

    Ja, Verständnis der Thematik ist wichtig, aber für viele weit entfernt von der Lebensrealität. Z.B. paar Kilometer hinter Berlin, in Storkow, da gibt es nun erst seit kurzem in paar Ortsteilen DSL-Verfügbarkeit (was zwar "immerhin", aber z.B. für Firma, welche mit Cloud arbeitet, sowas überholt).

    Und im Rahmen der Thematik, da bin ich selber auch kein Fan von Überwachungsstaat, nicht nur wegen Zivilrechten, aber auch weil es Stange an Personal und Geld kostet um zu überprüfen ob denn auch jede Person ein Ei auf "völkisch richtige Art" zubereitet, usw. Ich bin jedoch auch kein Fan davon, dass z.B. feindliche Militanten unsere Masten und Netz benutzen um damit Offensive zu dirigieren, wo bei uns niemand erwarten kann, dass Individualität dann zumindest im Ansatz von denen respektiert. Daher sehe ich selber Schwerpunkt eher, dass dort wo gewisse Daten bessere Handhabung, statt derzeitigem, dass Bund, Länder, CIA usw. alle Zugang zu den Daten haben und dies ohne wirklich Accountability.

  7. 2.

    Natürlich weiß Dr. Google alles außer dem was der Nutzer nicht preisgibt.

  8. 1.

    Der letzte Satz ist für mich der Entscheidende im „Rumgewusel“ im Internet.

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