Polizeikräfte mit Migrationsgeschichte - "Einige glauben einem nicht, dass man Polizeibeamter ist"

Archivbild: Polizeiwagen am S-Bahnhof Neukölln. (Quelle: imago images/Schoening)
Audio: Inforadio | 01.09.2021 | Helena Daehler | Bild: imago images/Schoening

Im neuen Ausbildungsjahrgang an der Berliner Polizeiakademie geben mehr als ein Drittel aller Auszubildenden an, eine Migrationsgeschichte zu haben. Vor 20 Jahren war Ahmet Oyan der Einzige in seiner Klasse. Von Helena Daehler

Aus dem Radio im Streifenwagen kommt türkische Musik. Hinter dem Steuer: Oberkommissar Ahmet Oyan. Er ist 1,92 Meter groß, muskulös und hat einen dunklen Bart. Er hat türkische und arabische Vorfahren. Auf der Fahrt durch Neukölln kann er zu jeder Straßenecke eine Geschichte erzählen - von Einsätzen als Zivilbeamter, tagelangen Beschattungen, Großeinsätzen und auch wo es den besten Döner gibt.

Oyan kennt Neukölln - und Neukölln kennt ihn: Oft wird er erkannt. Dann bleibt er in seiner blauen Polizeiuniform kurz stehen und wechselt ein paar Worte, auf Deutsch oder Türkisch. Es gibt aber auch die andere Seite: Menschen, die ihm nicht trauen, trotz Uniform. "Es gibt auch einige, die glauben einem gar nicht, dass man Polizeibeamter ist." Seinen weißen Kollegen passiert das eher selten. Es hätte sich aber mittlerweile gebessert, sagt Oyan. Die Polizei sei die letzten Jahre viel diverser geworden und eher ein Abbild der Gesellschaft, besonders im Abschnitt 54 in Neukölln, meint er. Generell sorge das für mehr Nähe und Verständnis zwischen der Behörde und der Bevölkerung, sowohl sprachlich als auch kulturell.

Mehr Nachwuchskräfte mit Migrationshintergrund

Die Polizei Berlin versucht nach eigenen Angaben schon seit Jahren das Ziel zu erreichen, mit dem Personal die gesellschaftliche Vielfalt widerzuspiegeln. Den zukünftigen Beamtinnen und Beamten steht es allerdings frei, Angaben über ihre Herkunft zu machen. Deshalb sind die Zahlen auch nur bedingt aussagekräftig. So hatten in den vergangenen drei Jahren (von 2018 bis 2020) von 3.474 eingestellten Nachwuchskräften 1.105 (31,81 Prozent) eine Migrationsgeschichte, die auf insgesamt 94 verschiedene Nationen zurückzuführen ist.

Pressesprecher Thilo Cablitz sieht dadurch viele positive Effekte: "Die Polizei ist deutlich vielfältiger geworden. In dem Jahrgang jetzt sind wir bei fast 39 Prozent von Kolleginnen und Kollegen, die eine Migrationsgeschichte haben und diese in den Mittleren Dienst der Polizei mit einbringen."

Rassistische Äußerungen in der Ausbildung

Vor zwei Jahrzehnten aber, als Ahmet Oyan selbst noch Student an der Polizeiakademie war, sei er der einzige mit internationaler Biografie in seiner Klasse gewesen, sagt er. "Es gab tatsächlich in der Ausbildung, das ist schon 20 Jahre her, rassistische Äußerungen: Man müsste all deine Brüder vergasen", berichtet Oyan. "Das war so das Schlimmste, was ich erlebt habe."

Die Kollegen, die ihn damals rassistisch beleidigt hatten, seien heute noch immer im Dienst. Man kenne sich, aber grüße sich nicht. Die Ausbilder damals hätten rassistische Bemerkungen im Klassenraum aber unterbunden, betont Oyan. Der Mut, sich aktiv gegen Mitschüler zu wehren, habe ihm aber damals gefehlt: "Ich hätte da tatsächlich auch Anzeige erstatten sollen. Aber ich wollte einfach nicht riskieren, dass ich diesen Beruf dann nicht erlernen kann. Dass mir mein Ruf vorauseilt, dass ich ein Kollegen-Anscheißer bin." Heute würde er mit einer Anzeige nicht zögern, fügt er an.

65 Disziplinarverfahren werden aktuell geführt

Über solche Vorfälle offen zu sprechen, auch wenn sie schon zwei Jahrzehnte zurückliegen, sei ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, sagt Cablitz und fügt zum Fall von Oyan an: "Ich hoffe, dass das heuzutage undenkbar ist. Ausschließen kann man aber nichts. Gerade die Vorfälle, die wir in den letzten Monaten kommuniziert haben mit den Chatgruppen, die wir ermittelt haben, (…) zeigen, dass es immer noch welche in unseren Reihen gibt, die diesen Beruf nicht mit diesem Werte- und Selbstverständnis ausfüllen, wie es sich für Polizistinnen und Polizisten gehört." Aktuell werden bei der Polizei Berlin 65 Disziplinarverfahren mit politisch motiviertem Hintergrund geführt.

Freund und Helfer und Vaterlandsverräter

Im polizeilichen Alltag erhält Oyan inzwischen die unterschiedlichsten Reaktionen, die mit seinem Erscheinungsbild verknüpft sind. Viele der ältere Generationen von Migrantinnen und Migranten seien mittlerweile richtig stolz darauf, dass es türkische oder arabisch-stämmige Polizistinnen und Polizisten gibt. Er erlebe es aber auch, dass ihm trotz seiner Herkunft und Sensibilität für das Thema Rassismus und Diskriminierung Racial Profiling vorgeworfen werde: "Auch ich muss mir das anhören, defintiv. Sehr oft ist es dann ja auch noch so, dass mir vorgeworfen wir, dass ich ein Vaterlandsverräter bin. Weil ich halt als Türke die deutsche Uniform trage. Aber das ist nicht oft der Fall - zum Glück", so Oyan.

Um Rassismus und Diskriminierung in den eigenen Reihen zu bekämpfen, setzt die Polizei Berlin auch auf Fort- und Weiterbildungen. In diesem Jahr sei ein verpflichtender Workshop für Führungskräfte angelaufen, bei dem es darum geht Fehlentwicklungen und tendenziöses Verhalten schnell zu erkennen und in geeigneter Weise darauf reagieren, heißt es.

 

Sendung: 88,8, 01.09.2021, 11:00 Uhr

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Beitrag von Helena Daehler

16 Kommentare

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  1. 16.

    Die hohe Dichte an rassistischen o. nationalistischen Kommentaren zeigt, wie der Bericht an u. für sich ebenso, dass Migrationsbiografien immer noch eine Markierung bedeuten. Es gehört nicht einfach dazu, dass manche Menschen bzw. ihre Vorfahren nicht hier geboren wurden. Es muss breit vorgeführt werden, wie normal man selbst sei und für wie "integriert" man solche Menschen halte. Heuchlerisch. Denn wer ist man, über Andere zu urteilen, wie integriert - und worin genau - sie sind?

    Rassismus und Rechtsextremismus sind ein institutionelles Problem bei der Polizei, weil Personen mit autoritären Weltanschauungen sich grds. von dieser Berufsgruppe angezogen fühlen. Solche Probleme lassen sich also nicht prozentual minimieren, sie sind zeitloser, dauerhafter Auftrag der Ausbildung und Arbeit von Polizist*innen.

    Nicht nur die Exekutive, auch die Judikative hat noch sehr viel daran zu arbeiten, dass Machtunverhältnis, gerade bzgl. Polizeiwillkür o. -gewalt zu erfassen u. zu ahnden.

  2. 15.

    Regen Sie sich wieder ab. Der Kommentator schrieb "kann ich mir vorstellen". Damit ist es keine Behauptung mehr sondern freie Meinungsäußerung (die ich nicht teile, bevor Sie das falsch verstehen). Strafbar oder anzeigewürdig ist da nichts, diskutieren kann man dagegen darüber.

  3. 14.

    Ich staune immer wieder, warum die Hetze gegen Menschen mit Migrationshintergrund hier so unverblümt und in der vollen Schlichtheit stehen darf. Hier wird einem deutschen Bürger mit Migrationshintergrund unterstellt, er würde nicht amtstreu sein. Das ist Rassismus iund sollte zur Anzeige kommen.

  4. 13.

    Was hat dieser Bericht im "Corona" Themenbereich zu suchen?

  5. 12.

    Warum wird beim Thema Migrationshintergrund immer nur eine Bevölkerungsgruppe genannt? Wird diese erwähnt weil sie mehr negativ auffallt oder weil sie besonders im Mittelpunkt steht?
    Es gibt viele Kollegen mit Migrationshintergrund, aber deren Herkunft scheint politisch nicht zu zählen.

  6. 11.

    Also, bei Polizisten mit Migrationshintergrund kann ich mir vorstellen, dass sie gegenüber Landsleuten gerne beide Augen zudrücken, wenn es um eine Amtshandlung nach deutschem Rechtsempfinden geht. Das ist eigentlich verständlich, denn als Polizist mit diesem Hintergrund will man nicht als Vaterlandsverräter diffamiert werden.

  7. 9.

    So wird unsere Polizei mehr respektiert von denen, die in einer Parallelgesellschaft leben und Deutsche aufgrund Ihres Galubens nicht für voll nehmen. Wenn ein Polizist dann arabisch kann gibt es garantiert mehr Chancen zur Schlichtung und hoffentlich weniger Gewalt gegen unsere Staatsdiener.

  8. 8.

    Sie haben meinen Beitrag anscheinend intellektuell nicht verstanden! Als Kompensationsmaßnahme wird dann erstmal losgeätzt und quergeduzt. Dit is Berlin!

  9. 7.

    Dieses sind gut integrierte Menschen was ich sehr schätze. Sie können Vorbilder für andere werden um nicht in die andere Richtung zu der Kriminalität zu fallen.

  10. 6.

    Du redest wahlloses Zeugs und am Thema vorbei. 40% auf Berlin bezogen und nicht bei der Polizei. Oder Sonstwo annähernd in Berliner Verwaltung und Behörden.

  11. 5.

    Ich sag mal so : Auffällig ist, dass sowohl die politischen Ränder weit rechts als auch weit links eine eigenartig starke Fokussierung auf Hautfarben und Herkunft haben. 90% der Menschen ist Beides erst mal ziemlich egal, die messen die Menschen am Verhalten und das ist auch gut so.

  12. 4.

    Ist das tatsächlich eine Meldung wert oder schlummert ein wenig der Alltagsrassismus darin, den beim genauen lesen zwischen den Zeilen, könnte man das erahnen. Ich selbst fand es befremdlich, wenn mein Migrationshintergrund, der nicht auf den ersten Blick zugeordnet werden kann, jedoch unbeabsichtigt durch Erzählungen registriert wird, meist mit einem Schwall von Aufzählungen von „nicht deutscher Namen“ die Freundschaft zu Menschen mit Migrationshintergrund bezeugen sollen, begegnet wird. Was geht in den Menschen vor, die betonen, wie positiv doch der Umgang mit den Personen mit Migrationshintergrund gelungen ist. Mich fröstelt es. Ich danke all diejenigen, die sich in diesen Zeiten weiterhin für den Beruf des Polizeibeamten entscheiden, das zählt, nicht mehr und nicht weniger.
    Zusätzlich stellt sich mir jedoch die Frage, warum es Meldungen wert sind, wenn Frauen, LGBTQ oder Menschen mit Einschränkungen bei der Polizei tätig sind, jedoch selten bis gar nicht, über verurteilte Straftäter darunter auch Sexualtäter, Abhängige aller Couleur innerhalb der Polizei, die erfolgreich resozialisiert sind, berichtet wurde. Das sind doch auch erfolgreiche Geschichten, die die Gesellschaft widerspiegeln. Vielleicht öffnet sich uns diese menschliche Seite der Polizeien noch.

  13. 3.

    Den zukünftigen Beamtinnen und Beamten steht es allerdings frei, Angaben über die Herkunft zu machen. "
    Es steht also durchaus auch Bewerbern auf dem biodeutschen Umfeld frei. Angaben über ihre Herkunft zu machen.............Hmmmmm.

  14. 2.

    Mit 40% ist doch der Migrationsanteil in Berlin erreicht, ohne dass es eine verbindliche Quote - wie von Senatorin Breitenbach gewünscht - gibt!
    Als nächstes wird bestimmt vom linken Diversitätsministerium vorschlagen, dass die Polizisten auch prozentual genau den konkreten Migrationhintergrund widerspiegeln bzw. abbilden, also am besten den der rund 190 Staaten, deren Vertreter in Berlin leben.
    Ich wette, dass Polizisten mit vietnamesischem, japanischem, russischem, polnischem, schwedischem, dänischem Hintergrund ect. eher unterrepräsentiert sind, u.a. weil der verschleiernde und unehrliche Begriff Migrationshintergrund von der Politik ausschließlich Menschen meint, deren kultureller und/oder religiöser Hintergrund nichteuropäisch ist - und die deshalb angeblich besonderer Förderung bedürfen.

  15. 1.

    Hmmm, den Bewerbern mit Migrationshintergrund bleibt es überlassen, Angaben zu ihrer Herkunft zu machen...

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