Ein Jahr nach Urteil gegen Berliner Polizisten - Berufungsprozess im Fall Fabien startet

Prozess Fabien, Gedenkstätte (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: Inforadio | 02.09.2021 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Vor einem Jahr wurde ein Berliner Polizist zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hatte einen Unfall verursacht, bei dem die 21-jährige Fabien getötet wurde. Jetzt wird der Prozess neu aufgerollt. Beide Seiten sind damit nicht zufrieden. Von Ulf Morling

Als die 21-jährige Fabien auf der Mittelinsel in der Berliner Grunerstraße mit ihrem Kleinwagen einparken wollte, raste mit Martinshorn und Blaulicht der Polizist Peter G. in seinem Einsatzwagen heran. "Viel zu schnell - wie kann man… im Tunnel unter dem Alex 130 Stundenkilometer fahren", hatte der vorsitzende Richter beim ersten Urteil im Dezember vorigen Jahres sein Unverständnis geäußert. Peter G. war zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt worden wegen fahrlässiger Tötung der jungen Frau.

Der Angeklagte und sein Verteidiger sehen das Urteil als ungerechtfertigt an – die Staatsanwaltschaft und die Eltern Fabiens verlangen eine höhere Strafe. Die Eltern treten in dem Prozess als Nebenkläger aus. "Wir hatten gehofft, dass er wenigstens keine Bewährungsstrafe bekommt", sagte der Vater der Getöteten, Christian Martini (51), nach dem letzten Urteilsspruch sichtlich mitgenommen.

Während die erste Hauptverhandlung acht Prozesstage dauerte, sind in der Berufung, die am Donnerstag vor dem Landgericht beginnt, mehr als doppelt so viele Verhandlungstage eingeplant, nämlich 20. Dann soll über das tragische Geschehen um den Tod der 21-jährige Fabien Martini zum zweiten Mal entschieden werden. "Wir hoffen auf Gerechtigkeit", sagen ihre Eltern.

Ermittlungen nach tragischem Tod

Hauptkommissar Peter G. (53) kam am 29. Januar 2018 mit Blaulicht und Martinshorn aus dem Autotunnel am Alex gerast und wollte zur Mall of Berlin, weil ein Raub gemeldet worden war. Mit mehr als 130 Stundenkilometern war der angeklagte Beamte unterwegs. Als er bremste, war es bereits zu spät: Mit 93 Stundenkilometers krachte er in den Kleinwagen von Fabien Martini. Die 21-jährige war auf der Stelle tot.

Die sich anschließenden Ermittlungen der Polizei seien dilettantisch gewesen, hatte das Gericht im ersten Prozess festgestellt: Ermittelt habe derselbe Polizeiabschnitt, bei dem der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Polizist tätig ist. Es habe keine vor Gericht verwertbaren Alkoholtests nach dem Unfall beim Angeklagten gegeben. Peter G. soll noch 20 Minuten lang am Tatort im Notarztwagen gesessen haben, ohne befragt worden zu sein. "Die Ermittlungen am Tatort hatten weder Hand noch Fuß!", hatte der vorsitzende Richter Sascha Daue im Urteil deutlich festgestellt.

Lange Ermittlungen nach dem tragischen Tod

Erst knapp drei Jahre nach dem tödlichen Unfall wurde das erste Urteil gegen den Polizisten gesprochen. Zuvor hatten die Eltern Fabien Martinis jahrelang darum gekämpft, dass es schneller ging, denn: ein Jahr nach dem Tod ihrer Tochter war ihnen unten anderem zugespielt worden, dass bei dem angeklagten Polizisten im Krankenhaus wohl 0,8 Promille Alkohol im Blut gefunden worden seien.

Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte zwar mehr als ein Jahr später die Krankenhausakte, doch die Richter der ersten Instanz lehnten die Verwertung der Blutprobe ab, da Patientendaten besonders geschützt seien.

Aus Sicht der Eltern Fabiens sei das einer der vielen Justizskandale in dem Verfahren, sagt der Anwalt der Familie, Matthias Hardt. "Wenn Fabiens Tod irgendetwas bewirken soll, dann wäre es, dass Polizei und Staatsanwaltschaft zukünftig bei Polizeibeamten genauso ermitteln wie bei jedem anderen Verkehrsteilnehmer." So habe der Vorgesetzte des Angeklagten beispielsweis massiv in die Ermittlungsarbeit eingegriffen, damit nicht die Fahrtauglichkeit des Peter G. zur Unfallzeit überprüft wurde.

An schwerwiegenden Versäumnissen leide das Verfahren bis heute, argumentiert Anwalt Hardt weiter. Die Rechte des Täters und des Opfers müssten im jetzt beginnenden Prozess neu gewichtet werden. So bestehe relatives Beweisverwertungsverbot für die im Krankhaus nach dem Unfall genommene Blutprobe des Angeklagten. Das könne das Landgericht jetzt zum Beispiel anders sehen, so Hardt.

Im Januar soll die Entscheidung fallen

Britta und Christian Martini werden wohl wieder jeden Prozesstag im Verhandlungssaal verfolgen. Im vergangenen Prozess kamen die Martinis immer mit roten Rosen für ihre Tochter in den Saal. Ein Foto der jungen Frau platzierte deren Mutter immer für den angeklagten Polizisten sichtbar auf ihrer Bank.

Amtsrichter Daue stellte im ersten Urteil klar: Fabien Martini habe keine Schuld an dem tödlichen und tragischen Unfall gehabt. Sie habe keinerlei Chance gehabt, als der angeklagte Polizist im Einsatz wie ein Geschoss herangerast sei.

Erst vor wenigen Tagen gedachten die Familie Fabiens und ihre vielen Freunde ihres Geburtstags – sie wäre jetzt 25 Jahre alt. Am 20. Januar 2022 soll das Urteil der zweiten Instanz gesprochen werden. Der tödliche Unfall ist dann fast auf den Tag genau vier Jahre her.

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20 Kommentare

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  1. 20.

    Pfui, wie kann man ohne nähere Kenntnis des Falles jemanden so niedermachen. Ich hoffe Sie kommen mal in so eine Gelegenheit, wie der Polizist und müssen sich dann fertig machen lassen. Wie krank ist die Gesellschaft?

  2. 19.

    Nun Sie scheinen ja bestens um die Umstände Bescheid zu wissen... . Woher haben Sie denn Ihre Erkenntnisse?

  3. 18.

    Die Bezeichnung "Mob" ggü.anderen Menschen wird Ihnen und dem rbb noch schwer vor die Füße fallen. Es ist eindeutig eine schwere Verunglimpfung und Beleidigung und gegen die Netiquette des rbb 24 gerichtet. Da wird sich der Administrator einige Fragen gefallen lassen müssen!!!

  4. 17.

    Nur hätte die Polizei bei jedem anderen eine Blutentnahme angeordnet. In diesem Fall wurde aktiv verhindert und zusätzlich noch die Beweise manipuliert. Das ist in meinen Augen falsch verstandener Korpsgeist.

  5. 15.

    Da ist sie wieder, die Vorverurteilung. Es ist kein Fakt, dass er alkoholisiert war. Wenn bei einer Blutentnahme alkoholhaltige Tupfer genutzt werden, wie es in Krankenhäuser Standard ist, gelangt so auch Alkohol in die Blutprobe. Diese wird somit untauglich zur Feststellung des Blutalkohol Werts.
    Bei Blutentnahmen zur Feststellung des Blutalkohol wertes, dürfen solche Tupfer nicht verwendet werden.
    Warum sollten für den Polizisten nicht die gleiche Rechte wie für uns alle gelten? Ein Unrecht, er war definitiv zu schnell, rechtfertig kein anderes Unrecht, Einsicht in die Patientenakte (gilt für uns alle).

  6. 14.

    Ein " guter Autofahrer " ist nicht einer, der schnell von A nach B kommt, sondern einer der jederzeit damit rechnet, dass ein anderer Verkehrteilnehmer plötzlich auftaucht. Aus einem Tunnel heraus zuschießen mit 130 Stundenkilometern bei dieser unklaren Verkehrlage am Alex erinnert eher an die Formel 1 in Monaco. Gerade in diesem Bereich suchen immer wieder Leute einen Parkplatz und achten dabei oftmals nicht auf den fließenden Verkehr. Als erfahrener Autofahrer hätte der Polizist dies bei seiner Ralley im Kopf haben müssen.

  7. 13.

    Es muss für die Eltern die unverdünnte Hölle sein. Meinen tiefsten Respekt. Ich bin selbst Mutter einer Tochter und weiss nicht. was ich tun würde. Durchdrehen - in jedem Fall, verzweifeln über diesen offenkundigen Justizskandal. Schon kurz nach Fabiens Tötung las man von Vertuschung und Alkohol. Was ist da mit dem Richter los? Es kann nicht allein die betreffende Polizeidienststelle verstrickt sein.
    Inzwischen rasen Polizeistreifen weiter unverhältnismässig risikobereit durch Berlin. Ich erlebe es als Autofahrerin viel zu oft und frag mich, ist es das gerade wert, steht dieses Tempo im Verhältnis zu einem riesigen Verbrechen? Wird ein Terrorakt verhindert oder nur ein Kleinkrimineller gestellt ? Wer überprüft sowas? Erst wenn jemand dabei stirbt?

  8. 12.

    Wenn der Herr so unschuldig ist, warum wurde dann von Seiten der Polizei versucht, das Handy des Opfers zu manipulieren? Hm? Schön, wie Sie auf das Grab des Opfers spucken...
    Den Eltern wünsche ich viel Kraft für die bevorstehende Zeit.

  9. 11.

    Das was Sie schreiben ist eine Unverschämtheit … von wegen Mob . Hier ist jemand mit 130 kmh unter Alkoholeinfluss durch die Stadt gerast und hat dabei grob fahrlässig einen Unfall mit Todesfolge verursacht . Was ist falsch an diesen Fakten ???

  10. 10.

    "... doch die Richter der ersten Instanz lehnten die Verwertung der Blutprobe ab, da Patientendaten besonders geschützt seien." Ich bin entsetzt über diese Aussage, die bedeutet, dass das Recht des Polizeibeamten als höher angesehen wird, als das Recht der jungen Frau auf ihr Leben, um damit eine gerechte Strafe zu verhindern. Dass der Fahrer nicht unerheblich alkohlisiert war ist Fakt und hat mit Patientendaten nix zu tun.

  11. 9.

    Eine sehr sehr schwere Schande für die Polizei . Einfach Unglaublich ! Solche Leute haben bei der Polizei nichts zu suchen , sie sind es , die den Ruf aller anderen redlichen Polizisten schädigen .

  12. 8.

    Das der Richter sagte "die junge Frau trifft keine Schuld am Unfall " haben Sie gelesen? Auch wen er mit Sonderrechten unterwegs war- das Tempo war eindeutig zu hoch und dann noch Alkohol am Steuer? Das wollen Sie relativieren?

  13. 7.

    "Wenn Fabiens Tod irgendetwas bewirken soll, dann wäre es, dass Polizei und Staatsanwaltschaft zukünftig bei Polizeibeamten genauso ermitteln wie bei jedem anderen Verkehrsteilnehmer." - genau das ist meine Hoffnung. Fabien wird nie wieder leben, sich verlieben, die Eltern haben ihr Kind verloren, können sie nie wieder in die Arme schließen. Egal, wie oft und wie lange Peter G. zu was auch immer verurteilt wird - es wird nie wieder gut. Aber eines, das muss SELBSTVERSTÄNDLICH sein: die Gleichbehandlung am Unfallort. Der Chorpsgeist muss weg. Meineid, Falschaussagen, Verschweigen darf auch bei der Polizei nicht gedeckt werden! Gerade dort! Bad Lieutenant - nicht bei uns!

  14. 6.

    Unser Rechtssystem hinkt sehr. Oder anders ausgedrückt, ist in diesem Fall auf einem Auge blind. Das darf nicht sein.

  15. 5.

    ein Suff-Cop will seine junge Kollegin beeindrucken und fährt mit 130 km/h zu einem Raub den es gar nicht gibt und tötet dabei eine Frau. Dann versucht die Polizei durch ein fingiertes Handy der Frau die Schuld in die Schuhe schieben. Rechtsstaat ...

  16. 4.

    Vielleicht sollten Sie mal die letzten Urteile akribisch durchleuchten.
    Für Tote im Straßenverkehr gibt es besonders bei Rasern keine Urteile mehr die Gerechtigkeit hervorrufen: z.B https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2021/08/tod-fussgaenger-Autofahrer-Bewaehrungsstrafe-verurteilt-chauseestrasse.html
    Dagegen werden fast alle Dealerstrafen als Witz entlassen bei diesem Senat...,na ja auch nicht anders zu erwarten!

  17. 3.

    Es ist interessant wie der Mob ein Vorverurteilung trifft, ohne die Fakten zu kennen. Das sich Autofahrer auch heute noch nicht regelkonform gegenüber Einsatzfahrzeugen verhalten, kann ich jeden Tag beobachten!
    Ergo, schön den Ball flachhalten.

  18. 2.

    "Wir hoffen auf Gerechtigkeit", sagen ihre Eltern.
    Wenn unsere Polizisten und Richter tatsächlich für Gerechtigkeit stehen würden, wäre unsere Gesellschaft eine andere!
    !,5 Jahre auf Bewährung für fahrlässige Tötung, jeder mit 10 Hanfpflanzen darf mehr erwarten!
    Unangrrachter Korpsgeist und lügen, schämt Euch!
    Viel Kraft den Angehörigen des Opfers!

  19. 1.

    Ich wünsche den Eltern viel Kraft. Was Berliner Polizisten ihrer Tochter und ihnen angetan haben, ist UNFASSBAR. Wie soll man hier das Vertrauen in unser Rechtssystem behalten.

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