Gedenkort für NS-Opfer - Warum eine Glaswand auf einem Berliner Friedhof Diskussionen auslöst

Mi 29.09.21 | 11:51 Uhr | Von Josefine Janert
  4
Zeremonie zur Einweihung des Gedenkorts auf dem Friedhof in Berlin-Altglienicke, der nun Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft würdigt, am 28.09.2021. (Quelle: rbb/Josefine Janert)
Bild: rbb/Josefine Janert

Auf dem Städtischen Friedhof Berlin-Altglienicke ist ein Gedenkort für 1.370 Naziopfer eingeweiht worden. Er gefällt nicht allen. Von Josefine Janert

Das Gräberfeld, um das es geht, liegt am Eingang zum Städtischen Friedhof Altglienicke im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Von 1940 an wurden hier die Urnen von etwa 1.370 Menschen begraben, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Jahrelang war das Gräberfeld ungepflegt, mit vertrocknetem Rhododendron und einem verwitterten Gedenkstein aus der DDR-Zeit. Er erinnerte pauschal an die hier begrabenen "Antifaschisten".

Am 27. September weihten nun ein evangelischer, ein katholischer und ein jüdischer Geistlicher mit einer interreligiösen Zeremonie den neuen Erinnerungsort ein.

Die Künstlerin Katharina Stuber und der Architekt Klaus Gruber haben den Gedenkort in Altglienicke geschaffen. Der Gedenkort auf dem Friedhof in Berlin-Altglienicke würdigt Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. (Quelle: rbb/Josefine Janert)(Quelle: rbb/Josefine Janert)
Klaus Gruber und Katharina Struber | Bild: rbb/Josefine Janert

Gedenkort, der religiös und weltanschaulich neutral ist

Neben dem Gräberfeld steht jetzt eine grüne Glaswand, die die Künstlerin Katharina Struber und der Architekt Klaus Gruber aus Wien geschaffen haben. Anfang 2020 waren Berlinerinnen und Berliner dazu eingeladen, jeweils den Namen eines Opfers zu schreiben. Struber und Gruber brachten die Namenszüge und die Lebensdaten auf die Wand auf. Mit einem religiös und weltanschaulich neutralen Gedenkort wollten sie und die für den Friedhof zuständige Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz der Tatsache Rechnung tragen, dass es sich um Menschen mit unterschiedlicher Geschichte handelt.

In den Urnen liegt die Asche von Widerstandskämpfern, die in Plötzensee enthauptet wurden, von KZ-Insassen, Menschen, die wegen ihrer geistigen Behinderung oder ihrer Religion getötet wurden, von Berlinerinnen und Berlinern, die während der Bombenangriffe starben. Die Toten waren Sinti und Roma, Juden, Christinnen und Atheistinnen – zwischen acht und 84 Jahre alt. Ein Drittel stammte aus Polen, 800 aus Deutschland, der Rest aus anderen Staaten.

Zeremonie zur Einweihung des Gedenkorts auf dem Friedhof in Berlin-Altglienicke, der nun Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft würdigt, am 28.09.2021. (Quelle: rbb/Josefine Janert)
| Bild: rbb/Josefine Janert

Nicht im Land der Täter begraben liegen

Unstimmigkeiten gibt es jedoch wegen 18 katholischen Priestern aus Polen, deren Asche in Altglienicke liegt. Die Nazis sahen sie als Teil der polnischen Elite, die sie ausrotten wollten. Deshalb und weil sie sich im Widerstand engagiert hatten, wurden sie in deutsche Konzentrationslager verschleppt. Dort wurden sie totgeschlagen, starben an Hunger und Entkräftung.

Ein Teil der polnischen Community in Berlin und einige in Polen lebende Angehörige wünschen sich, dass die Asche der Priester in die Heimat zurückkehrt. Es sei der Wunsch vieler Nazi-Opfer gewesen, nicht im Land der Täter begraben zu liegen, erklärt Paweł Woźniak. Woźniak, Jahrgang 1965, musste in den achtziger Jahren in die Bundesrepublik fliehen, nachdem er sich für die Gewerkschaft Solidarność engagiert hatte. In Berlin übernahm er Ehrenämter bei der Polnischen Katholischen Mission.

Woźniak ist Hobbyhistoriker, ebenso wie der pensionierte Eisenbahningenieur Klaus Leutner, der das Gräberfeld 2004 wiederentdeckt hatte. Um das Schicksal der polnischen Opfer aufzuklären, wandte sich Leutner an die Polnische Katholische Mission, wo er Woźniak traf. Gemeinsam setzten sich die beiden Männer dafür ein, dass die Stadt in Altglienicke einen würdigen Gedenkort einrichtet. Leutner studierte die Unterlagen des Friedhofs über die Toten, recherchierte in Archiven. Woźniak korrigierte die Schreibweise der polnischen Namen, informierte ihre Angehörigen in Polen darüber, dass sie in Berlin ein Urnengrab haben.

Zeremonie zur Einweihung des Gedenkorts auf dem Friedhof in Berlin-Altglienicke, der nun Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft würdigt. Am 27.09.2021 spricht Erbischof Heiner Koch. (Quelle: rbb/Josefine Janert)
Geistliche bei der Einweihungszeremonie | Bild: rbb/Josefine Janert

"Ist die Glaswand beständig?"

Während Klaus Leutner mit der Glaswand zufrieden ist, gefällt sie Paweł Woźniak nicht. Sie sei kein würdiges Denkmal und vor allem nicht beständig, behauptet er. In diesem Punkt widersprechen die Künstlerin Struber und der Architekt Gruber.

Woźniak wünscht sich, dass die Asche der polnischen Priester nach Polen überführt wird. Doch das lehnen die deutschen Behörden ab, um die Totenruhe zu belassen. Dann sollten die ermordeten Geistlichen in Altglienicke wenigstens Einzelgräber mit Kreuzen darauf bekommen, fordert Woźniak. Doch auch das ist schwierig. Zwar existieren von dem Gräberfeld alte Pläne, auf denen der Lageplatz der Urnen zu sehen ist. Doch es ist unklar, ob sie stimmen. Klaus Gruber weiß aus historischen Quellen, dass in den Krematorien der Nazis oft mehrere Leichen auf einmal verbrannt wurden. Würde man die Kreuze aufstellen, sagt er, wäre nicht sicher, ob darunter nicht auch die Asche einer Jüdin oder eines Atheisten liegt.

Lutz Nehk, Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur, hat sich bemüht, den Streit beizulegen. "Wir tun alles, um der Opfer hier in Berlin würdig zu gedenken", betonte der Priester. Die katholischen Christen würden den Erinnerungsort in ihr Gemeindeleben integrieren. Stellvertretend für die im KZ Sachsenhausen ermordeten Priester aus Polen will das Erzbistum Wacław Zienkowski in die Liste der "Blutzeugen" aufnehmen: katholische Priester und Laien, die sich gegen das NS-Regime engagiert hatten und derer besonders gedacht wird. Der 1885 geborene Zienkowski hatte mitgeholfen, polnische Kriegsgefangene zu befreien.

Berliner Schüler erforschen die Biografien

Auch auf Nehks Initiative hin brachten deutsche und polnische Schülerinnen und Schüler während der Zeremonie am 27. September polnische Muttererde auf das Gräberfeld auf, um die polnischen Opfer zu ehren. Schüler des Archenhold-Gymnasiums in Treptow-Köpenick werden den Erinnerungsort pflegen, sich mit den Biografien der Toten auseinandersetzen.

Während der Zeremonie waren Vertreter aus den Herkunftsländern der Toten anwesend, so auch Przemysław Staniszewski, Bürgermeister der polnischen Stadt Zgierz. Der Erinnerungsort übertreffe seine Erwartungen, sagte der Lokalpolitiker: "Er ist angefüllt mit den Gefühlen der Menschen hier. Wir können stolz darauf sein, dass unsere beiden Nationen gemeinsam diesen Platz geschaffen haben."

Sendung: Abendschau, 27.09.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Josefine Janert

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    Auch ich empfinde den Titel, dass es die Glaswand selber sei, die Diskussion auslöse, als schlichtweg irreführend. Den Kern trifft es jedenfalls nicht. Hier folge ich dem Beitrag von Steffen.

    Ermutigend ist jedenfalls der Beitrag des Bürgermeisters der Stadt Zgierz.

  2. 3.

    "Er ist angefüllt mit den Gefühlen der Menschen hier. Wir können stolz darauf sein, dass unsere beiden Nationen gemeinsam diesen Platz geschaffen haben."

    eine sehr gute Aussage

  3. 2.

    Ich finde den Titel auch etwas irreführend. Allgemein geht es ja erstmal darum, dass überhaupt diese Gedenkwand errichtet wurde und um den Friedhof. Die Aussage, dass Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland nicht auch in diesem Land beerdigt werden wollen, kann ich aber sehr gut nachvollziehen. Nicht nur im Falle der hier ermordeten Naziopfer sondern vor allem aus der Perspektive als Überlebende des Nationalsozialismus bzw. deren Nachahmungstäter. Auch wenn man wieder den Frieden mit der Mehrheit der Menschen in diesem Land finden kann, so ist es keine schöne Vorstellung, im gleichen Land beerdigt zu werden, indem Millionen vor einem gewaltsam umgebracht wurden und man ggf. auch noch selbst Opfer von Nazis geworden ist. Oder eben ehemalige Familienmitglieder hat, die nun hier begraben sind. Also ich kann den Wunsch der polnischen Seite verstehen, aber sehe auch die Schwierigkeit, die ja benannt wird, heute noch die "richtigen" Gräber auszumachen. Daher ist doch die Gedenktafel und die polnische Erde ein sehr guter Ansatz. Vor allem ist es sehr berührend, dass sich alle Parteien schonmal gemeinsam geeinigt haben, was wie ein Friedenszeichen in dieser derzeit oft so schwierigen politisch und religiös angeheizten Phase wirkt.

  4. 1.

    Die (Zwischen)Überschrift suggeriert leider, dass es Personen gäbe, die den Gedenkort im Ganzen ablehnen. Dem ist aber gar nicht so. Im Grunde ist es eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob einzelne Opfer auf Dauer dort begraben bleiben sollen. Wer die polnische Mentalität kenn, der weiß, dass eine Überführung in die Heimat nach dem Tod diesen Menschen extrem wichtig ist, insbesondere natürlich geistlichen Würdenträgern und dass es dort auch besonders wichtig ist, eine Grabstelle als katholische Grabstelle zu erkennen. Vielleicht sollte es da tatsächlich noch einen sinnvollen Kompromiss geben. Die Überbringung geweihter polnischer Erde ist zumindest schon mal ein sehr guter Anfang dazu gewesen.

Nächster Artikel