Nüchterne Flughafen-Bilanz - Ein Jahr offen und kein Grund zum Feiern am BER

So 31.10.21 | 08:32 Uhr | Von Thomas Bittner
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Das Hauptgebäudes des Flughafen Berlin Brandenburg (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Ende Oktober 2020 wurde der Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt eröffnet. Es war nicht der beste Zeitpunkt für einen Neustart. Wie die erste Bilanz nach zwölf Monaten aussieht, zeigt Thomas Bittner

Die Zeit der Jokes über den BER sei vorbei, hatte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Tag der Eröffnung prophezeit. Er sollte nicht Recht behalten. Spätestens seit dem Chaos-Wochenende zu Beginn der Herbstferien ist er wieder da: Der BER als Witzvorlage, als Beleg für all das, was Berlin und Brandenburg nicht im Griff haben. Lange Schlangen vorm Check-in, bei den Sicherheitskontrollen, vor den Gepäckbändern, an den Taxiständen. Warten auf Flugzeugtreppen und Transit-Busse.

Genaugenommen ist das Wenigste davon Sache des Airports. Fürs Einchecken sind die Airlines verantwortlich, für das Gepäckhandling die Bodendienstleister, für die Security-Gates die Bundespolizei, und die Regeln für das Taxigewerbe stellt auch nicht der Flughafen auf. Aber Differenzierung kann man von genervten Passagieren nicht erwarten. Der Flughafen wird sein Imageproblem schwer los.

Man könnte mit Zahlen belegen, dass es auch eine andere Geschichte gibt. Dass schon eine Woche nach dem Chaos alle Beteiligten ihre Lektion gelernt hatten. Dass sich die monatlichen Fluggastzahlen in einem Jahr fast verzehnfacht haben. Dass in diesem Jahr schon 53 Länder angeflogen wurden. Dass von der Besucherterrasse 100.000 Besucher aufs riesige Vorfeld schauten. Und dass im Duty Free über 7.600 Flaschen Champagner verkauft wurden. Wozu eigentlich? Was gibt es denn zu feiern? Rund acht Millionen Passagiere sind im ersten Jahr gezählt wurden. Aber vor Corona waren es viermal so viele.

Eröffnung mitten in der Corona-Pandemie

"Wir hatten am BER bisher noch keinen normalen Tag", sagt Flughafensprecher Jan-Peter Haack. Der Flughafen sei unter Corona-Bedingungen eröffnet worden und bis heute operiere man Tag für Tag unter besonderen Bedingungen.

74 Airlines fliegen inzwischen am BER, aber selbst die größten Kunden haben ihr Engagement reduziert. Der BER war quasi in einen Stillstand hinein eröffnet worden. Das Terminal 2 ging gar nicht erst in Betrieb. Beim Terminal 5, dem alten Schönefeld-Abfertigungsgebäude, wurde im Februar für vorerst ein Jahr die Pausentaste gedrückt. Nur auf einer von zwei Pisten starten und landen die Jets, immer im monatlichen Wechsel, damit sich die Lärmbelastung besser verteilt.

Die Airlines können nur sechs bis acht Wochen im Voraus planen

Die Marktführerschaft am Hauptstadt-Flughafen teilen sich zwei ungleiche Player: die Lufthansa-Group, die unter anderem mit Eurowings, Swiss und Austrian präsent ist und jeden vierten Flug am BER durchführt, und EasyJet. Die britische Low-Cost-Gesellschaft war am Eröffnungstag als Erste am BER gelandet und startete auch den ersten kommerziellen Flug.

Eine Erfolgsgeschichte konnte es wegen Corona nicht werden. 2019 hatten die Briten 34 Airbus-Flugzeuge in Berlin stationiert, jetzt sind es nur noch 18. Damit wolle man die Präsenz in Berlin dauerhaft sicherstellen, heißt es. Im Juni wurde eine eigene Wartungsstation am Südpier eröffnet, die erste außerhalb Großbritanniens. Seit Herbst 2021 wird ein Hangar gebaut, der Wartungsbetrieb ist ab Anfang 2023 geplant.

Prognosen sind für die Airlines schwierig

Ab wann der Flughafen mehr Terminals und Gates öffnen sollte, da will auch Easyjet keinen Ratschlag geben. "Wir können natürlich nur in unsere eigenen Buchungszahlen schauen. Die sind stabil in den letzten Monaten gewachsen, aber es ist sehr schwer, da eine konkrete Vorhersage zu treffen", sagt Easyjet-Deutschland-Chef Stephan Erler dem rbb. "Wir schauen im Moment sechs bis acht Wochen im Voraus, wie die Planungskapazitäten aussehen und wie die Nachfrage ist. Coronabedingt buchen die Fluggäste relativ kurzfristig."

Das spürt man auch bei der Flughafengesellschaft. "Die ganze Branche war es früher gewohnt, sehr weit in die Zukunft zu planen. Sechs Monate waren sehr, sehr gut planbar", bestätigt Jan-Peter Haack von der FBB. "Das ist uns durch Corona schlagartig abhanden gekommen. Die Airlines müssen sehr kurzfristig planen: Wohin können sie fliegen? Welche Einreiseregeln gibt es? Wie verhalten sich die Buchungszahlen?"

Eine Sprecherin der Lufthansa-Gruppe nennt den Start des Flugbetriebs am BER auf rbb-Nachfrage "reibungslos". Aber sie fügt auch hinzu: "Jetzt kommt es darauf an, den BER weiter zu modernisieren und zu digitalisieren und damit für die Zeit, wenn wieder deutlich mehr Menschen fliegen, fit zu machen." Ist der Flughafen schon ein Jahr nach der Eröffnung nicht mehr auf dem technischen Stand der Dinge? Ins Detail wollte Lufthansa nicht gehen.

Keine ICE-Verbindungen für den Bahnhof unterm Terminal

Wichtig sei es auch, den Flughafen besser an den öffentlichen Nahverkehr und den Bahnfernverkehr anzubinden, heißt es im schriftlichen Statement. In der Tat: ICE-Verbindungen etwa Richtung Hannover oder Hamburg fehlen, sie würden den Flughafen attraktiver machen. Ein großes Pfund des Flughafens bleibt noch ungenutzt.

"Mit uns wird es keinen Blankoscheck geben"

Die größte Last des Flughafens bleiben aber die Schulden. Mit Corona rutschte die Flughafengesellschaft FBB noch tiefer in die roten Zahlen. 2,4 Milliarden EUR bis 2026 benötigt die FBB von den Gesellschaftern, um zahlungsfähig zu bleiben. Die ersten Gelder müssten im Frühjahr fließen. Es wird eng. Zwar haben der Bund, Berlin und Brandenburg Vorkehrungen getroffen, aber es gibt noch viele Fragen: Werden die Ampelkoalition im Bund und die Rot-Grüne-Rote Parlamentsmehrheit in Berlin rechtzeitig in der Lage sein, den Zuschuss in einem entsprechenden Haushalt zu beschließen? Wird die EU-Kommission eine solche Unterstützung mittragen?

Die Grünen stehen auf der Bremse. Sie verlangen einen Kassensturz. "Mit uns wird es keinen Blankoscheck geben", sagt Brandenburgs Grünen-Landeschefin Julia Schmidt im rbb. Die Bündnis-Grünen forderten ein unabhängiges Finanzgutachten. Das ist jetzt in Arbeit. Die Brandenburger Regierungskoalitionen werden die Flughafenzahlungen im Haushalt 2022 mit einem Sperrvermerk versehen. "Das heißt: die Gelder für die Flughafengesellschaft werden erst dann freigegeben, wenn die Transparenz hergestellt ist, wenn wir einen besseren Überblick haben", so Schmidt.

Bis zum Ende des Jahres soll das Gutachten fertig sein. Dann wird sich zeigen, ob man sich Champagnerkäufe am Flughafen auch weiterhin leisten kann.

Sendung: Brandenburg aktuell, 31.10.21, 19:30 Uhr

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Beitrag von Thomas Bittner

24 Kommentare

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  1. 24.

    Die BER Bilanz ist nicht "nüchtern", dieser BER ist ein riesen Skandal. Die Finanzen sind aus bekannten Gründen rot, röter, bankrott.!!! Mit den offenen Schulden und überteuerten Baukosten sind in der Region 10 Mrd € versenkt.
    Was soll dieser Magere Betrieb in der Stromteuer und überflüssig erleuchteten Haupthalle für ein paar tausend Leute, die täglich das Abfluggate suchen... der BER ist zu teuer und überschuldet geht es in den Schlußverkauf und Ende. Berlin bleibt auch ohne Flughafen das, was es ist: keine Weltstadt.

  2. 23.

    Wer hat A gesagt? Generationen nach uns werden noch zur Kasse gebeten. Aktuell Ruf nach "frischem Geld". Vom Staat? Vom Steuerzahler! Ein Projekt nach dem anderen wird in den Sand gesetzt. Dieser Flughafen wird nie fertig. Her mit den Planierraupen.

  3. 22.

    Bin für effektiv 5min meine Eltern abholen gefahren.
    Wegen Verkehrschaos dort, weil jeder macht was er will und es keinen interessiert, wurden aus 5min schnell 16min

    4 Automaten zum Bezahlen auf 200m Parkplatz - weltklasse! Es war noch nicht einmal Rush-Hour und nur ein Terminal offen. Die Schlangen an den Automaten sind im Normalbetrieb dann wahrscheinlich viel länger und verursachen längere Parkzeiten und mehr Kosten.

    16 Minuten Parken = 6 Euro

    Weltklasse dieser Hauptstadtflughafen. Aber irgendwo müssen ja die Milliarden wieder reingeholt werden.

  4. 21.

    Es gibt aber auch Leute, die werden „verlogene“ Politiker n i e vergessen. Weil sie nämlich Betroffene sind. Da könnte man versuchen, sich hineinzuversetzen... insbesondere dann, wenn vorher nicht mit offenen Karten gespielt wurde.

    Sperenberg, deine Zeit kommt...weil die „Woidschke Erfolgsgeschichte“ ausläuft. Die Bilanz fällt wieder verheerend aus. Ein weiteres mal.

  5. 20.

    Ok, verstanden , vom BER grundsätzlich nur ohne Gepäck fliegen, zur Not kauft man sich einen komplett neuen Dresscode vor Ort oder trägt die am Abflugtag am Körper haftenden Klamotten einfach 10 Tage im Urlaub auf

  6. 19.

    Lieber Horst. in 10 Jahren ist der BER 20 Jahre alt... - also Alt. Wetten das die Würfel für Sperenberg längst gefallen sind? Nur wie sag ich es meinem Kinde?

  7. 18.

    Ralf: siehste und da liegt das Problem! Im Zeitalter des Internets kann man auf Fliegen verzichten. Auch dreimal ist dreimal zu viel. Also nur jammern auf hohem Niveau.

  8. 17.

    "Hochlaufen" heißt ganz viele Starts und Landungen-wie einst geplant. Obwohl man schon vor vielen Jahren um die Klimaveränderung weiss hat daran niemand gedacht. Ehe nun klimafreundliche Antriebe so richtig etabliert sind vergehen noch viele Jahre. Großraumflugzeug mit H2-Triebwerken und NONSTOP nach sonstwohin wird es nicht geben. Regierungsmaschinen werden weiterhin mit Antrieben hoher Verlässlichkeit fliegen. Der BER wird m.E. nie ausgelastet betrieben werden. ( Die Nachwelt wird bewundern dürfen: Für 9€ nach Malle. Im Flughafenmuseum-Teil des BER )

  9. 16.

    Keiner von den genannten hat jemals etwas vernünftiges zu Stande gebracht. Dann kam der große Macher aus Berlin mit ständigen Sonderwünschen. Kein Politiker hat eine Ahnung, spielen sich aber ganz wichtig auf.

  10. 15.

    3 Mal im Jahr international fliegen.... Lassen sie das bloß nicht Greta hören..

  11. 14.

    Weil hier immer wieder von den chaotischen Verhältnissen am BER in den Herbstferien die Rede ist, möchte ich gern ein bisschen Partei ergreifen für den Flughafen. Ich flog just an dem Wochenende nach Neapel. Mein Mann und ich hatten vorher online bei easy-jet eingecheckt, wir hatten nur großes Handgepäck, sodass wir am Flughafen nur durch die Sicherheit gehen mussten und dann zum Boarding konnten. An der Sicherheit war die übliche Schlange, ebenso beim Boarding. Wir hatten null Stress, wie viele andere, die ebenfalls einfach mit Handgepäck eincheckten. Wir haben auch Familien mit Kindern gesehen, bei denen jedes Familienmitglied schlicht und einfach wenig Gepäck dabei hatten. Was ich sagen möchte: Wenn man sich auf Handgepäck beschränkt (wir waren 10 Tage in Italien und hatten genügend Klamotten dabei) und online den Check-In durchführt, dann ist der Stress weit weniger schlimm, als es oft gesagt wird. Auf dem Rückflug war es ebenso.

  12. 13.

    Ich verstehe das total und weiß, dass in diesen Gebieten mit der letzten Maschine die Korken knallten . Nichtsdestotrotz ist es wie Sie sagen, der BER ist jetzt wieder ein ( fast) innerstädtischer Flughafen und das Lärmproblem ist nur von Nord nach Süd verlagert worden. @Helmut Krüger hat die Akteure dieses Unfugs benannt die damals mutmaßten, dass Sperenberg den Berlinern nicht zuzumuten ist. Jetzt, 20 Jahre später, wäre es wahrscheinlich das kleinere Übel gewesen

  13. 12.

    Der Flughafen ist eine Peinlichkeit. Wartezeit von über 45min beim Security Check. Als ob das nicht planbar wäre. Personal gibt es genug. Das habe ich an noch keinem anderen internationalen Flughafen erlebt und ich fliege pro Jahr 3x international.

  14. 11.

    Dieser Flughafen war von Anfang durch "große Mithilfe der Politik" zum Scheitern verurteilt! Mehr ist da nichts zu sagen!

  15. 10.

    „Einen Bahnhof direkt unter dem Terminal gibt es in Deutschland kein zweites Mal.“

    Oh, wann wurde denn Halle/Leipzig umgebaut, sodass der Bahnhof nicht mehr unter der Schalterhalle liegt?
    Ich bin vor ca. 10 Jahren mal von dort losgeflogen, mit dem Zug zum Bahnhof gefahren, ausgestiegen und hatte den Fahrstuhl vor der Nase. Also mit dem Fahrstuhl nach oben und direkt hinter dem Fahrstuhl war schon die Schlange zum Checkin.
    Der Bahnhof Leipzig/Halle Flughafen liegt übrigens an der ICE-Strecke von Leipzig nach Erfurt. Und als ich da vor zwei Jahren das letzte Mal langgekommen bin (allerdings mit der S-Bahn), sah der noch genauso aus wie seinerzeit bei meinem Abflug.

  16. 9.

    Der BER ist eine eklatante Fehlentscheidung, die es langfristig zu korrigieren gilt. Also Sperenberg . . .

  17. 8.

    "Und Sperenberg halt dich bereit..."

    Meinen Sie wirklich, dass noch mal jemand gewillt ist, Milliarden für einen Flughafen in den märkischen Sand zu versenken?

  18. 7.

    Das fängt langsam an lästig zu werden. Sperenberg ist keine Option, war keine Option und wird keine Option sein. Wir haben jetzt einen gut erreichbaren Flughafen, der für mich zwar viel weiter entfernt ist als es Tegel war, aber damit muss und kann man leben. Es war mühsam genug, aber jetzt haben wir endlich diesen Flughafen werden ihn auf viele Jahrzehnte hin haben. Vielleicht sollten sich einige Leute mal daran gewöhnen. Und grundsätzlich sollten wir alle deutlich weniger oft fliegen.

  19. 6.

    Wenn Sie auf die seinerzeitige Diskussion Sperenberg und Schönefeld abheben, wäre es gut, die seinerzeitigen Akteure zu benennen: Wissmann als Bundesverkehrsminister und Diepgen als Regierender Bürgermeister von Berlin versus Stolpe als brandenburgischer Ministerpräsident.

  20. 5.

    Und, wer das Klimaziel erreichen will und den Unterwerfungsgedanken der Erde gegenüber nicht teilt, der kann eigentlich schwerlich an der Erkenntnis vorbeikommen, dass die Fluggastzahlen vom Frühjahr / Sommer 2020 in mittel- und längerfristiger Hinsicht sogar einen Idealwert darstellen. Das Problem entstand ja nur aus dem abrupten Eintritt.

    Wenn aus kurzatmigen Erwägungen etwas getan wird, um ein mittel- und längerfristiges Ziel zu konterkarieren, kann dies nicht gerade als sinnvoll gelten. Dazu gehört die Verlängerung(sphantasie) bei der U 7 und ein ICE-Halt.

    Auch ein mit Strom betriebenes Flugzeug ist eines, für das unabdingbar Energie aufgewendet werden muss, mit allen Folgen, die das hat. Eine Fortbewegung zu ebener Erde verlangt nur ein Bruchteil davon.

    Fliegen ist etwas Außergewöhnliches. So wäre es sinnvoll.

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