Brüder tatverdächtig - Berliner Opferbeauftragter will Kinder von getöteter Afghanin vor Gericht vertreten

Mo 25.10.21 | 16:46 Uhr
Archivbild: Der Verteidiger Roland Weber, Opferbeauftragter des Landes Berlin, aufgenommen im Landgericht. (Quelle: dpa/F. Gentsch)
Bild: dpa/F. Gentsch

Zwei Brüder werden verdächtigt, ihre ältere Schwester "aus gekränkten Ehrgefühlen" in Berlin getötet zu haben. Der Berliner Opferbeauftragter plant nach rbb-Informationen, ihre hinterbliebenen zwei Kinder im Prozess als Nebenkläger zu vertreten.

Im Fall der mutmaßlich von ihren Brüdern getöteten Afghanin wird nach Informationen von rbb24-Recherche der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber die beiden Kinder des Opfers vor Gericht vertreten. Der 13-jährige Junge und das zehnjährige Mädchen leben in Berlin und gehen hier zur Schule.

Weber ist Rechtsanwalt und nimmt sein Amt als Opferbeauftragter des Landes Berlin ehrenamtlich wahr. Mit dem zuständigen Jugendamt ist abgestimmt, dass er sich nach Klageerhebung im Namen der hinterbliebenen Kinder dem Verfahren als Nebenkläger anschließen wird.

Derzeit ermitteln die Berliner Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt in dem Fall, für den in einer ersten gemeinsamen Pressemitteilung der Behörden von einem "sogenannten Ehrenmord" die Rede war.

Obduktion: Afghanin kam gewaltsam zu Tode

Die zwei Brüder sollen am 13. Juli 2021 ihre 34-jährige Schwester in Berlin "aus gekränktem Ehrgefühl" getötet haben. Dem Haftbefehl zufolge sollen die beiden Tatverdächtigen sich gekränkt gefühlt haben, weil das Leben ihrer geschiedenen Schwester nicht ihren Moralvorstellungen entsprochen hätte. Die Brüder sollen die Leiche der getöteten Schwester in einem Koffer mit dem Zug nach Bayern gebracht und dort begraben haben. Die Obduktion ergab, dass die Frau gewaltsam zu Tode kam.

Die drei Geschwister lebten seit mehreren Jahren in Deutschland. Die 34-Jährige war mit ihren beiden Kindern in einer Flüchtlingsunterkunft in Hohenschönhausen untergebracht. Sie hat sich nach Angaben der Sozialberatung immer wieder mit ihren Brüdern getroffen.

Die Brüder (22 und 25 Jahre alt) sind in Berlin in Untersuchungshaft. Zur Familie gehören weitere Geschwister. Wann mit einer Anklage gegen die Tatverdächtigen zu rechnen ist, konnte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage noch nicht sagen.

Verteidigung kritisiert Staatsanwaltschaft

Unterdessen kritisierte der Anwalt des älteren Bruders, Bernd Scharinger, die Vorgehensweise der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Verwendung des Begriffs "Ehrenmord" sei durch die bisherigen Ermittlungsergebnisse nicht zu rechtfertigen. Zum Tatmotiv gebe es bisher keine belastbaren Erkenntnisse.

Scharinger befürchtet nun eine öffentliche Vorverurteilung seines Mandanten. Die Unvoreingenommenheit des Gerichts und der Schöffen könne dadurch beeinträchtigt sein, so der Vorwurf. Die Staatsanwaltschaft ließ eine rbb-Anfrage dazu bisher unbeantwortet.

"Ehrenmord"-Bezeichnung ist umstritten

Der Begriff des sogenannten Ehrenmordes ist schon länger umstritten. Die Berliner Staatsanwaltschaft teilte im August auf Anfrage von rbb|24 jedoch mit, dass in der Pressemitteilung bewusst diese Bezeichnung gewählt worden sei. "Man muss klar bezeichnen, worum es geht - aber auch deutlich machen, dass dieser Tatvorwurf nichts mit Ehre zu tun habe", sagte Pressesprecher Martin Steltner damals.

Solche Taten stattdessen als Femizide zu beschreiben, sei seiner Meinung nach nicht der richtige Weg: "Das Kind muss schon beim Namen genannt werden", so Steltner.

Sendung: Inforadio, 25.10.2021, 16:20 Uhr

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