Porträt | Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial - Immer ein Ohr offen halten

So 24.10.21 | 08:02 Uhr | Von Milena Hadatty
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Katarina Niewiedzial ist die Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration. (Quelle: dpa/Carsten Koall)
Bild: dpa/Carsten Koall

Seit mehr als zwei Jahren ist Katarina Niewiedzial die Integrationsbeauftragte des Berliner Senats. Sie ist die erste in dem Amt, die selbst einen Migrationshintergrund hat. Einiges konnte sie dabei schon anstoßen. Von Milena Hadatty

Berlin U-Bahnhof Bülowstrasse: Katarina Niewiedzial, eine junge Frau mit schwarzen, kurzen Haaren, läuft zu ihrem Büro. An einer architektonisch unscheinbaren Stelle der Potsdamer Strasse, weniger als hundert Meter von der Potsdamer Brücke und dem glamourösen Kulturforum entfernt, kommt sie im "Willkommenszentrum Berlin" an, dem Sitz der Integrationsbeauftragten des Berliner Senats: Seit zwei Jahren ist sie nun in diesem Amt.

Katarina Niewiedzial ist eine gebürtige Polin und damit auch die erste Integrationsbeauftragte, die selber eine Migrationsgeschichte hat. Der offizielle Name des Amtes lautete bei der Einführung vor 40 Jahren "Ausländerbeauftragte". Heute heißt es: "Beauftragte für Partizipation, Integration und Migration".

Katarina Niewiedzial findet diese sprachliche Wandlung ihres Amtes positiv: als Zeichen, dass diese "Partizipation", also die Teilhabe der Migranten in Berlin gewollt und willkommen ist. Es geht nicht um Parallelgesellschaften, sondern um eine reichere, diversere Gesellschaft, sagt sie.

Mit 12 Jahren nach Deutschland migriert

Mit knapp 12 Jahren migrierte Niewiedzial mit ihren Eltern vom polnischen Gryffino nach Bremerhaven. Keiner in der Familie konnte Deutsch, aber sie erhofften sich ein besseres Leben.

Durch diese Erfahrung kann die Senatsbeauftragte die Situation von neu migrierten Familien ganz gut nachvollziehen. "Als ich genug Deutsch konnte, um beim Dolmetschen zu helfen, hat mich mein Vater zu seinen Behördenterminen mitgenommen. Er schleppte einen Riesenkoffer mit", erinnert sie sich noch heute. "Als ich ihn irgendwann danach fragte, meinte Papa, immer, wenn er endlich beim Termin wäre, würden die deutschen Beamten ein Dokument verlangen, das er gerade nicht dabei habe", erinnert sich Niewiedzial. Weil sonst immer ein neuer Termin hätte vereinbart werden müssen, wollte ihr Vater lieber alle Unterlagen gleich dabei haben.

Diversität in der Verwaltung

Um die Berliner Behörden in punkto "Diversität" auf die Höhe der Zeit zu bringen, wurde das so genannte "Gesetz der offenen Tür" beim Berliner Senat novelliert. Katarina Niewiedzial hat sich dafür stark gemacht, und es geht dabei nicht darum, die Mitbürger mit Migrationshintergrund freundlicher zu empfangen, sondern um personelle Präsenz.

"Ich will, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf der anderen Seite sitzen, nämlich als Mitarbeitende. Ich will sie in die Verwaltung holen. Ich will, dass sie hier mitarbeiten, diesen Staat repräsentieren und sich auch damit zugehörig fühlen", sagt Niewiedzial. Sie gibt aber gleichzeitig zu, dass die Umsetzung dieses Gesetzes ein völliges Umdenken bei allen Akteuren abverlangt.

Katarina Niewiedzial besucht den Verein "Migrantas" (Quelle: rbb)
Katarina Niewiedzial lässt sich die neuen Projekte des Vereins "Migrantas" erklären | Bild: rbb

"Es gibt Konflikte und Auseinandersetzungen"

Eine offizielle Quote wurde zum Beispiel nicht festgelegt, obwohl sich die Integrationsbeauftragte das sehr gewünscht hätte. Etwa 35 Prozent Mitarbeiteranzahl mit Migrationsgeschichte sollen ab sofort bei allen Berliner Behörden und öffentlichen Einrichtungen angestellt werden, zum Beispiel in Museen, Finanzämtern, Schulen oder Feuerwehr. Ob da das so einfach und glatt bei den ganzen Einrichtungen läuft?

"Es gibt Konflikte und Auseinandersetzungen, aber es ist ein unausweichlicher Weg", sagt Niewiedzial. Denn selbst in ihren eigenen Amtsstuben gebe es Fachkräftemangel. Das Gesetz ist aber ab diesem Frühjahr verbindlich für alle Ämter und Einrichtungen. Und die Integrationsbeauftragte wird sich auch in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit intensiv mit allen Ressorts zusammen setzen und bei Bedarf helfen, dieses Gesetz ganz konkret umzusetzen. "Die Ergebnisse werden wir sehen. Ich glaube, es ist etwas, was schon im Prozess passieren wird", sagt sie ganz zuversichtlich.

Mehrsprachigkeit als Chance

Als Katarina Niewiedzials Familie Anfang der 90er Jahren nach Bremerhaven migrierte, war Polen noch nicht in der EU. Bremerhaven war damals das einzige Bundesland, in dem Polnisch als zweite Fremdsprache beim Zeugnis angerechnet werden konnte. Sie konnte damit Abitur machen und studieren, kann Deutsch und Polnisch in Schrift und Sprache perfekt beherrschen.

Zusatzinfos

Das "Gesetz der offenen Tür" heißt offiziell "Gesetz zur Förderung der Partizipation in der Migrationsgesellschaft" und wurde im Juli 2021 verabschiedet

Am 16. September 2021, bei seiner letzten Parlamentssitzung vor der Wahl, hat das Berliner Abgeordnetenhaus das Schulgesetz an mehreren Stellen angepasst, so auch Paragraf 15 Förderung von Zwei- und Mehrsprachigkeit. Darin heißt es:

"Alle Schülerinnen und Schüler erhalten nach Maßgabe des Haushaltsplanes Angebote zur Entwicklung von Zwei- und Mehrsprachigkeit, sofern dies gewünscht und schulorganisatorisch möglich ist."

Diese Mehrsprachigkeit, die Kinder mit Migrationsgeschichte sogar über mehrere Generationen pflegen, wird kaum schulisch als Sprachunterricht mit der korrekten Grammatik unterrichtet und benotet. Das soll sich ändern. Das Berliner Schulgesetz wurde noch Mitte September entsprechend geändert: Neben den EU-Sprachen, die über Europaschulen oder als zweite Fremdsprachen bereits an vielen öffentlichen Schulen angeboten werden, sollen demnächst Türkisch, Arabisch, Vietnamesisch, Russisch und andere Sprachen - sofern die Lehrkräfte vorhanden sind, auch an Berliner öffentlichen Schulen unterrichtet und benotet werden.

Derzeit wird erfasst, wie viele Kinder welche Sprache in welcher Schule lernen, wo also wie viele Lehrer angestellt werden müssten. Katarina Niewiedzial freut sich auch darüber, dass bei der Berliner Bildungsstatistik diese Kinder nicht mehr unter "Nicht deutscher Herkunft" (NDH) gelistet werden. Dies hatte sie schon immer als etwas Negatives empfunden. Die Statistik wird beim Berliner Senat jetzt Ressourcen orientiert formuliert, indem verzeichnet wird, welche Sprachen die Kinder neben der Deutschen noch sprechen.

Immer ein offenes Ohr

Ein anderer Aspekt ihrer Arbeit ist die "Partizipation", die Teilhabe der Migranten in der Gesellschaft, heißt auch, deren Vorschläge für die Stadt zu unterstützen, wie beispielsweise den Verein "Migrantas". Die argentinischen Künstlerinnen entwickeln in Berlin wandgroße Piktogramme aus Zeichenworkshops von Migrantengruppen, die ihre Probleme und Gefühle im Stadtbild sichtbar machen.

Für ihre neuen Projekte besucht Katarina Niewiedzial die Künstler in ihrem Wilmersdorfer Büro. Der Verein kennt die Integrationsbeauftragte noch von früher, als sie in Pankow Integrationsbeauftragte war. Marula di Como und Florencia Young von "Migrantas" waren vollkommen überrascht vom Unterschied zwischen Pankow und den anderen Bezirken, was die Arbeit mit Integrationsprojekten angeht. "Sie kämpft für die Projekte, bis sie wirklich stattfinden", meint di Como. Florencia Young fügt hinzu, dass man sich mit Niewiedzial verbunden fühle, weil sie auch ihre Heimat verlassen hat und ähnlich lebt, "mit einer Hälfte des Herzens hier und der anderen dort."

Vor allem sagt Katarina Niewiedzial, dass sie als Vertreterin einer Institution immer ein Ohr offen halten muss, welche Lösungen von der Zielgruppen selbst, von den zugewanderten Menschen, vorgeschlagen werden, um davon zu lernen.

Beitrag von Milena Hadatty

9 Kommentare

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  1. 9.

    Wie lange war noch gleich die Einbürgerungswarte- oder Bearbeitungszeit? Da ist die Bezeichnung der Tätigkeit und/oder andere bloße Formulierungen "Pillepalle". So gesehen ist der Erfolg dieser Stelle gleich NULL. Übrigens, Ausländerbeauftragte ist für alles, rund um dieses Thema, ein Begriff, den jeder versteht...oder will man das gar nicht?

  2. 8.

    Es behauptet auch niemand etwas anderes. Übrigens witzig, dass ausgerechnet Sie sich auf das Grundgesetz beziehen.

  3. 7.

    Eine Quote erfordert aber die Definition einer Gruppe. Wie immer, wer eine Gruppe bildet, grenzt andere, die nicht zu der Gruppe gehören, aus. Es gibt nicht „die Migranten“. So wenig wie es „die Deutschen“ gibt. Es kommt in jedem Fall darauf an, wie der Einzelne denkt und fühlt.

  4. 6.

    Schön dass so viele Migranten*Innen Lehrer*Innen werden möchten ! Wird wohl leider nix werden. Bis zum 31. Dezember spart die Schulverwaltung 42 Millionen Euro ein. Da die Bücher, Schulhefte und Bleistifte schon bezahlt sind, die Katarer fürs Schulessen schon Verträge haben und vorhandene Lehrer nicht verprellt werden dürfen, wird es zunächst keine neuen Verträge geben. Und ab 1.Januar darf wieder gekellnert und Taxi gefahren werden. 2025 wird neu gewählt. Ändern, ändern tut das aber auch nix.

  5. 5.

    Richtig die Qualifikation zählt. Wer daran Interesse hat, einer geregelten Arbeit nach zugehen, legt diesen Nachweis sogar vor.

  6. 4.

    Sich für eine Quotenregelung einzusetzen, halte ich für verfehlt. Es geht doch darum, die Gesellschaft so zu gestalten, dass jeder wirklich die gleichen Chancen hat. Und dann ergibt sich automatisch eine gleichmäßige Partizipation bei Rechten und Pflichten unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Das muss dich qualifizierte Arbeit erreicht werden und nicht durch fragwürdige Quotenzwänge.

  7. 3.

    Es behauptet auch niemand, dass Menschen mit Migrationshintergrund als homogene Gruppe zu betrachten seien. Im Kontext wird lediglich von Zielgruppe gesprochen.

  8. 2.

    Laut Grundgesetz sind alle Menschen gleich viel wert. Deshalb sollte bei der Besetzung von Stellen im öffentlichen Dienst zuerst die Qualifikation zählen und nicht die Herkunft

  9. 1.

    Einer der größten Denkfehler ist es, Migranten als Gruppe zu sehen. Als ob sich Migranten untereinander immer helfen würden. Ich kenne sowohl aus der Familie als auch aus dem Freundes- und dem Kollegenkreis etc. etliche Menschen, die haben Vorbehalte. z.B. ist einen Polen, der keine Araber mag. Es hat auch etwas mit dem Glauben zu tun. Migration ist ein schwieriges Thema. Aber es gibt keine echte Gruppe. Gutgläubig zu meinen, Migranten helfen sich untereinander.

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