Berliner Polizei sucht Grab - Von den Kameraden in der NS-Zeit erschossen, weil sie schwul waren

So 17.10.21 | 16:44 Uhr | Von Kerstin Breinig
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Die Berliner Polizei sucht im Oktober 2021 nach im 2. WK ermordenten Kollegen. (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 17.10.2021 | Kerstin Breinig | Bild: rbb

Vor fast 80 Jahren wurden vier Polizisten in Spandau von ihren Kameraden erschossen, weil sie schwul waren. Nun will die Berliner Polizei die Würde der Männer wieder herstellen. Mit schwerem Gerät sucht sie nach dem Grab. Von Kerstin Breinig

"Die zugeschaufelte Erde war zwar etwas erhöht, es wurde aber kein Hügel gemacht. Ein Meter von dem Grab entfernt befand sich ein kleiner Baum." Das ist der einzige Hinweis auf ein Massengrab, in dem die Leichen von vier Polizisten vermutet werden, die vor fast 80 Jahren in Berlin von Kollegen erschossen wurden. Otto Jordan, Reinhold Hofer, Willi Jenoch und Erich Bautz wurden verdächtigt, homosexuell zu sein. Nach einem internen Erlass stand in der NS-Zeit darauf die Todesstrafe.

Die Berliner Polizei ist auf der Suche nach den sterblichen Überresten der Männer. Der Hinweis auf ihr Grab stammt aus der Aussage von einem der Täter. Ohne Polizeihauptkommissar Ralf Kempe und Jens Dobler von der Polizeihistorischen Sammlung wäre das Schicksal der vier Männer wahrscheinlich in Vergessenheit geraten.

Angehörige der vier Männer gibt es nicht mehr. Kempe und Dobler haben mehrere Jahre zu dem Fall recherchiert, Militärarchive angeschrieben, Luftbilder ausgewertet, mit dem Umbettungsdienst der Deutschen Kriegsgräberfürsorge auf dem Polizei-Übungsgelände in der Pionierstraße unterwegs. Kempe und Dobler wollen den Ermordeten ihre Würde zurückgeben; ihnen den Respekt zollen, den sie verdienen.

Ihr Grab war bereits ausgehoben

24. April 1945, die letzten Tage des Krieges, Berlin ist komplett eingeschlossen, die russische Armee steht schon an der Spandauer Zitadelle. Während alle anderen Inhaftierten der Polizeiarrestanstalt in der Moritzkaserne an diesem Tag freikommen, werden Jordan, Hofer, Jenoch und Bautz auf einen Lastwagen verladen. Ein Exekutionskommando bringt sie zur Pionierstraße, wo bereits ein Grab für sie ausgehoben wurde.

Einzeln müssen sie herantreten. Mit einem Genickschuss werden sie nacheinander getötet. Eine polizeiliche Vernehmung gab es ebenso wenig, wie eine Gerichtsverhandlung. "Von der Durchführung der Erschießung mit Karabinern nahmen wir deshalb Abstand, weil es schon zu dunkel geworden war und wir auch damit rechnen mussten, durch die Schüsse die Umgebung zu gefährden", beschreibt der befehlsführende Oberleutnant die Tat.

Mehrere Tage wird das Gelände abgesucht

Anfang Oktober findet eine beispiellose Suche auf dem Gelände statt. Anhand des Pflanzenbewuchses und von eingesunkenen Stellen im Boden wurden drei mögliche Tatorte identifiziert, an denen die Toten verscharrt liegen könnten. Die suchenden Polizisten müssen wie Mörder denken. Das haben sie gelernt. Doch dieser Fall liegt anders. Die Mörder haben ihre Tat nicht verheimlicht oder versteckt, denn sie glaubten damals, das Richtige zu tun.

Mit Bodenradar, Magnetsonde, Bagger und Schaufeln beginnt die Suche. Das Gelände ist schwierig. Der Boden wurde mehrfach umgegraben, der Wald ist von alten Gräben durchzogen und mit Bombentrichtern übersät. Britische Soldaten haben hier nach dem Krieg Übungen durchgeführt, später auch die Berliner Polizei. "Wir haben ja den Bericht der Hinrichtung selber", sagt Dobler, "der beschreibt also relativ gut, dass sie an einem Weg gehalten haben. Dort mussten sie warten, sind dann in ein Waldstück gegangen und dort hat die Erschießung stattgefunden. Das heißt es muss irgendwo in Wegesnähe gewesen sein."

Viele Stellen auf dem Gelände sehen so aus, als könnten sich dort die sterblichen Überreste der vier Männer befinden. Joachim Kozlowski steht in einem kleinen Waldstück. "Allein hier sind 50, 60 Möglichkeiten." Seit Jahren sucht der Umbetter für den Volksbund nach Kriegstoten. Einen Auftrag wie diesen hatte er bisher nicht. "Das Problem ist, dass die Zeugenaussagen von den Tätern stammen", sagt er. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese gelogen haben, sei groß. Trotzdem sei es den Versuch wert.

Am zweiten Tag der Suche finden die Polizisten der technischen Einheit an einer alten Festungsmauer Beschläge von Schuhen und ein paar verbrannte Uniformreste. Es kommt Hoffnung auf. Nur Knochen finden sie nicht. Stattdessen: Wehrmachtshelme mit Einschusslöchern, alte Kanister, Munition, eine Schützenstellung. Ernüchterung im Team. "Die können ja überall liegen", sagen alle und machen trotzdem weiter. Es ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Die Berliner Polizei sucht im Oktober 2021 nach im 2. WK ermordenten Kollegen. (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Trauerfeier am Waldrand

Innerhalb einer Woche wurden mehr als 60 Löcher auf dem Gelände gegraben. Doch der Erfolg ist ausgeblieben. "Klar ist man ein bisschen frustriert, aber mann kann's nicht erzwingen", sagt Ralf Kempe. "Vielleicht sind mehr Dinge in den mehr als 70 Jahren hier passiert auf dem Gelände, von denen wir nichts wissen."

Was auf jeden Fall bleibt, ist das Wissen, was Polizisten im Nationalsozialismus Menschen angetan haben, an welchen Verbrechen sie beteiligt waren. Das ist ein Erbe, dem sich die Berliner Polizei stellen muss und stellen will. Am Eingang zum Polizeiabschnitt 21 in Spandau hängt bereits eine Gedenktafel. Von Erich Bautz fehlt bislang der Vorname – er soll nun ergänzt werden. Doch es soll nicht das Ende der Suche sein. Die Ermittlungen werden fortgesetzt. Und vielleicht finden sie doch noch den entscheidenden Hinweis. Ein Grabfeld für die vier ist bereits reserviert.

Am letzten Tag nehmen die Suchenden trotzdem Abschied. Am Waldrand halten der Suchtrupp und eine Seelsorgerin eine Trauerfeier ab und erinnern an Otto Jordan, Reinhold Hofer, Willi Jenoch und Erich Bautz.

Sendung: Abendschau, 17.10.2021, 19.30 Uhr

Beitrag von Kerstin Breinig

28 Kommentare

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  1. 28.

    Na wohl eher pragmatisch. Mal rein nüchtern und sachlich betrachtet ist der Aufwand enorm. Und der Bericht ist ja mehr emotional. Aber eigentlich egal. Angehörige gibt es keine, den Toten kann es egal sein und die Täter sind bekannt. Damit sollte es gut sein. Nicht jedes Unrecht ist wiedergutzumachen.

  2. 27.

    @ Dart: In erster Linie hat es 4 Menschenleben gekostet. Die Frage ist jetzt nur, sind Sie ein Kleingeist oder ideologisch falsch gestrickt.

  3. 25.

    Ich habe beim Lesen des Berichts wirklich feuchte Augen bekommen. Drücke den Beteiligten alle Daumen, die ich habe, dass die Suche am Ende tatsächlich zum Erfolg führt. Aber selbst wenn nicht - auf jeden Fall hat damit die Polizei bereits jetzt das ihr doch in letzter Zeit manchmal anhaftende negative Image in eine sehr menschliche, positive Richtung korrigiert. Danke und viel Glück!

  4. 24.

    " Es lohnt sich, nicht einfach pauschal Vorverurteilungen auszusprechen [...]."

    Warum tun Sie das dann? Alleine das Wörtchen "vielmehr" in Ihrem ersten Kommentar lässt tief blicken...

  5. 23.

    Wer, wenn nicht Polizei oder öffentlicher Dienst (Staatsanwaltschaft) sollte bei Mord tätig werden? Dieses Unrecht ist mit keiner Million der Welt wieder gut zu machen...

  6. 22.

    Sie und Ihre Gesinnungsgenossen können einem nur leid tun, können Sie überhaupt denken, nachdenken?
    Vier Menschen wurden ermordet, nur weil sie nicht in das mörderische Weltbild der Nazis passten.

  7. 21.

    Die Aufgabe der Polizei ist eben, Mordopfer zu finden und Ihnen die Würde zurückzugehen. Ihre Argumente sind mehr als zynisch und irgenwie grausam und beängstigend. Würden Sie das auch so sehen, wenn es ihre Großältern waren, die ermordet wurden?

  8. 20.

    Sorry, Menschen, die sich nicht mit den unterschiedlichen Werten anderer Kulturen auseinandersetzen, verhinderrn definitiv, dass alle friedlich miteinander leben können. Es lohnt sich, nicht einfach pauschal Vorverurteilungen auszusprechen, sondern einfach über den Tellerrand zu schauen.

  9. 19.

    Was hat das alles gekostet? Die Polizei hat eh schon mehr als genug Aufgaben und die Beamten mehr als genug Überstunden. Und ja, es ist eine Frage des Geldes. Denn Berlin hat keins und es fehlt zB im Bildungswesen.

  10. 18.

    "[...] Bedrohungen, die nicht nur rechtsextremistischer Gesinnung zuzuordnen sind, sondern vielmehr motiviert sind, durch Menschen ohne wirkliche Integration."

    Konnte ja nicht lange dauern, bis jemand versucht, das Thema für fremdenfeindliche Hetze zu instrumentalisieren. Ziemlich pietätlos, aber leider wenig überraschend.

  11. 17.

    Es geht doch wie immer um die Aufarbeitung für die Lebenden. Und natürlich auch für das kollektive Gewissen. Solche Taten kann aber niemand im Nachhinein wieder gut machen. Ich habe mit jeder Art von Totenkult nichts am Hut. Es ist für die Lebenden. Tote haben nichts davon. Aber plötzlich werden beim Tod viele wieder „gläubig“. Die Körper der Toten sind längst dahin. Knochen umbetten fand ich schon immer eher makaber. Und die Seelen? Tja, je nach Glaube schon im Himmel, der Hölle, wiedergeboren oder Ähnliches.

  12. 16.

    Danke an die Suchenden, ich wünsche allen, dass die Opfer gefunden werden und man ihnen (dort oder umgebettet) eine würdige Ruhestätte gestaltet. Menschen wegen irgendwas (was täglich neu definiert wird...) zu ächten und zu töten ist verabscheuungswürdig. Der Satz, dass es keine Angehörigen der vier Männer mehr gibt, tut weh. Um so edler ist es, dass Kempe und Dobler den Ermordeten ihre Würde zurückgeben wollen, ihnen den Respekt zollen wollen, den sie verdienen. Die ganze Aktion ist geradezu rührend, und der immense Aufwand zeigt - niemand wird vergessen, auch nach so langer Zeit nicht.

    Auch sind es diese kleinen Schritte, die mühseeligen, die es queeren Kollegen im Polizeidienst selbstverständlicher machen, ihren Dienst versehen zu können wie alle anderen, wie die ohne irgendwas Besonderes oder wie die anderen, mit schiefen Zähnen, Glatze, krummen oder kurzen Beinen, 2meter4, mit Tattoos oder rotblond, Berliner oder Neuberliner, mit oder ohne Religion, Familie oder Partei.

  13. 15.

    Jeder/Jede hat das Recht, in einem anständigen Grab beigesetzt zu werden. Auch wenn es sich um einen "internen Erlass" gehandelt hat, wurden diese Männer aufgrund ihrer (gelebten) Sexualität ermordet.
    Wenn man nach Ihrer Haltung handeln würde, dann dürften niemals verscharte Mordopfer gefunden werden, damit die Ruhe im Wald oder sonst wo gestört wird.
    Gleiches gelte dann auch für die vielen Kriegsopfer, die nach wie vor gefunden, umgebettet werden und so ihre letzte Ruhe erhalten. Sollten diese einfach dort liegen bleiben, ohne das ggf. Angehörige (Enkelkinder usw.) etwas über ihren Verbleib erfahren?mimmehin besteht bei ihnen aufgrund ihrer "Hundemarke" die Chance, dass sie vielleicht noch identifiziert werden.

  14. 14.

    Ich hoffe, dass etwas gefunden wird, um eine anständige Bestattung zu ermöglichen. Die Zeiten waren damals brutal, aber sie entsprachen den geltenden Gesetzen. Wir dürfen auch nicht vergessen, wie lange der § 175 und 175a im StGB Deutschland Bestand hatte. Gott sei Dank haben sich die Zeiten, aus meiner Sicht, positiv verändert.

  15. 13.

    Interessant finde ich, wie denn heute innerhalb der Polizei des Verhältnis zu queeren oder anderweitig andersartigen Kolleg*n ist. Tatsächlich so völlig problemfrei, wie es hier scheint? Wie selbstkritisch ist die moderne Polizei? Die panischen Aufschreie vor Einführung des Landes-Antidiskriminierungsgesetzes 2020 lassen mich vermuten, dass die Polizei zumindest nach aussen gerichtet hinsichtlich Selbstreflexion noch Luft nach oben hat. Wie aber sieht es drinnen aus?

  16. 12.

    Volle Unterstützung für die Aufklärungsarbeit der Polizei. Wir haben das Jahr 2021 und auch heute trauen sich wieder gleichgeschlechtliche Paare in vielen Stadtteilen Berlins nicht, sich an die Hand zu nehmen, aus Angst vor Bedrohungen, die nicht nur rechtsextremistischer Gesinnung zuzuordnen sind, sondern vielmehr motiviert sind, durch Menschen ohne wirkliche Integration. Wir müssen diese Tatsachen thematisieren und nach Wegen zur Akzeptanz und gegenseitigem Respekt suchen.

  17. 11.

    An sich richtig was Sie schreiben, nur bedienen Sie auch wieder die Hufeisentheorie (rechts und links sind gleich blöd, die Mitte ist super), welche schon längst widerlegt wurde...

  18. 10.

    es fällt mir schwer, nicht zu weinen wenn ich sowas lese. daß es heute offen homosexuelle bei der polizei gibt, ist eine errungenschaft. herr höcke hat vor ein paar wochen in einer rede in grimma der deutschen polizei unterstellt, "verschwuchtelt" zu sein, unter gewaltigem jubel des publikums, inklusive "sieg heil"-rufe.

  19. 9.

    puh ......
    chapeau , daß dies erst nach 80 jahren kommuniziert wird ....
    sodaß die verfolgung der nazi-täter garantiert obsolet ist .
    hat ja sooft funktioniert ... glückwunsch !!

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