Verfahren fortgesetzt - Zeuge erkennt Angeklagten im Prozess um Berliner "Tiergartenmord"

Di 26.10.21 | 20:53 Uhr
Archivbild: Polizeibeamte sichern am zweiten Tag des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten im Kriminalgericht Moabit den Gerichtssaal. Angeklagt ist ein 55-jähriger Russe, der einen Tschetschenen mit georgischer Staatsbürgerschaft in der Berliner Parkanlage Kleiner Tiergarten am 23. August 2019 erschossen haben soll. Die Bundesanwaltschaft geht in ihrer Anklage von einem Auftrag staatlicher Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation aus. (Quelle: dpa/O. Andersen)
Bild: dpa/O. Andersen

Seit gut einem Jahr versuchen Richter die Hintergründe des Mordes in Berlin-Tiergarten zu klären. Dabei steht die Identität des Angeklagten im Mittelpunkt. Ein Zeuge revidiert jetzt seine Aussage - und liefert wichtige Erkenntnisse.

Im Prozess um den sogenannten Tiergartenmord in Berlin hat ein Zeuge den Angeklagten als seinen Schwager identifiziert. "Ja, das ist er", sagte der Unternehmer aus der Ukraine am Dienstag vor dem Kammergericht in Berlin.

Zuvor hatte der Vorsitzende Richter den Beschuldigten gebeten, sich zu erheben und den Mund-Nasen-Schutz abzunehmen. Mit seiner Aussage nannte der Zeuge die Identität, von der die Bundesanwaltschaft ausgeht. Angeklagt ist ein Russe, der am 23. August 2019 einen Georgier tschetschenischer Abstammung in der Parkanlage Kleiner Tiergarten erschossen haben soll.

Angeklagter gab falsche Identität an

Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft wurde die Tat im Auftrag staatlicher russischer Stellen verübt. Der Fall belastet die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland stark. Das Opfer hatte im Tschetschenien-Krieg gegen Russland gekämpft und galt dort nach Angaben der Anklage als Staatsfeind.

Der Beschuldigte selbst hatte zu Beginn des Prozesses vor rund einem Jahr über seinen Anwalt erklären lassen, er heiße Vadim S., sei 50 Jahre alt und Bauingenieur. Nach Überzeugung der Ermittler hat er jedoch einen anderen Namen und ist inzwischen 56 Jahre alt.

Der mutmaßliche Mörder wurde kurz nach der Tat gefasst und sitzt in Untersuchungshaft. Nach Deutschland soll er erst kurz zuvor mit Alias-Namen eingereist sein. Der Angeklagte äußerte sich bislang nicht, auch am Dienstag saß er fast reglos in seiner Box aus Panzerglas.

Zeuge hatte sich zuvor anders geäußert

Mit seinen aktuellen Angaben hat der 55-jährige Zeuge eine frühere Schilderung vor Gericht revidiert. Bei seiner ersten Aussage im Prozess hatte der Unternehmer ausgesagt, er erkenne den Angeklagten nicht sicher als seinen Schwager wieder. In einem Interview kurz danach gab der Mann dagegen an, er habe seinen Schwager erkannt und vor Gericht nicht die Wahrheit gesagt.

Er habe sich mit seiner ersten Aussage schützen wollen, gab der nun im Prozess an. Er habe sich zunächst nicht ausreichend geschützt gesehen, etwa durch ein Zeugenschutzprogramm. "Es ist so, dass sie hier auf deutschem Boden Schutz genossen haben", betonte der Richter. Das habe er erst später wahrgenommen, so der Zeuge.

Nach dem Interview hatte er darum gebeten, seine Aussagen ergänzen zu dürfen. Infolgedessen kam es zur erneuten Vernehmung. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Falschaussage gegen den Mann, wie im Prozess bekannt wurde.

Prozess läuft bis Januar 2022

Bei seiner erneuten Aussage vor Gericht identifizierte er den Angeklagten auf zahlreichen Fotos aus Familienbesitz, die bei Durchsuchungen in der Ukraine sichergestellt worden waren. Rechtsanwältin Barbara Petersen, die Angehörige des Opfers im Prozess als Nebenklägerinnen vertritt, zeigte Verständnis für den Zeugen. "Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass das zutreffend ist, was er hier und heute gesagt hat."

Die Vernehmung des 55-Jährigen soll an diesem Mittwoch fortgesetzt werden. Das Gericht hat vorsorglich weitere Prozesstage bis zum 4. Januar 2022 eingeplant.

Sendung: Abendschau, 26.10.2021, 19:30 Uhr

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