Gedenktafel zum 115. Geburtstag - Als Hannah Arendt in Potsdam-Babelsberg wohnte

Do 14.10.21 | 07:05 Uhr | Von Christoph Hölscher
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Archivbild: Die Autorin Hannah Ahrendt um 1958 (Bild: dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 14.10.2021 | Christoph Hölscher | Bild: dpa

Ende der 1920er-Jahre lebte Hannah Arendt in Potsdam-Babelsberg. Zu ihrem 115. Geburtstag wird jetzt eine Gedenktafel an ihrem früheren Wohnhaus eingeweiht. Ohne die heutigen Bewohner wäre die Geschichte womöglich unentdeckt geblieben. Von Christoph Hölscher

Als Martina und Günther Kruse 1990 ihr Haus in der Babelsberger Merkurstraße kauften, ahnten sie noch nichts von der berühmten Vorbewohnerin. Erst vor zehn Jahren erfuhren sie durch Zufall von der Geschichte: Zwei Radfahrer klingelten an der Haustür und baten darum, einen Blick in das Haus werfen zu dürfen. In den 1920er-Jahren habe hier eine spätere Berühmtheit gewohnt.

Die historisch interessierten Radler waren in einem Briefwechsel der Philosophen Martin Heidegger und Karl Jaspers auf die vermeintliche Wohnadresse von Hannah Arendt gestoßen. Recherchen bestätigten die Vermutung: Arendt lebte hier Ende der 1920er-Jahre zur Untermiete - zusammen mit ihrem ersten Ehemann Günther Stern. Ihn hatte sie 1929 im Nowaweser Rathaus, dem jetzigen Kulturhaus-Babelsberg, geheiratet. Ihre gemeinsame Wohnung in der Merkurstraße bestand damals aus einem Zimmer, einer kleinen Küche und einer Kammer.

Denkerin des 20. Jahrhunderts

Hannah Arendt kam 1906 in Hannover als Tochter jüdischer Eltern zur Welt. Sie studierte unter anderem in Marburg und Heidelberg, bevor sie nach Potsdam und dann nach Berlin zog. Hier engagierte sie sich politisch gegen die erstarkenden Nationalsozialisten. 1933 wurde sie verhaftet und verbrachte einige Tage in Gestapo-Haft. Danach flüchtete sie aus Deutschland – erst nach Frankreich, später in die USA.

In ihren Schriften beschäftigte sie sich unter anderem mit dem Antisemitismus, dem nationalsozialistischen Völkermord an den Jüdinnen und Juden und dem Wesen totalitärer Herrschaft. Weltberühmt wurde sie 1961 durch die publizistische Begleitung des Prozesses gegen Adolf Eichmann, einem maßgeblichen Mitorganisator des Holocausts. In ihrem wohl bekanntesten Buch "Eichmann in Jerusalem" prägte sie den umstrittenen Begriff von der "Banalität des Bösen". Hannah Arendt starb 1975 in New York.

Das Haus in Potsdam-Babelsberg in dem Hannah Ahrendt 1929 gelebt hat (Bild: rbb/Hölscher)Das Haus in Potsdam-Babelsberg, in dem Hannah Arendt 1929 wohnte.

Kampf ums Gedenken

Für den pensionierten Pfarrer Günther Kruse war die Entdeckung, dass Hannah Arendt in seinem jetzigen Zuhause gelebt hatte, ein wichtiger Einschnitt. Sein Haus betrat er nun nach eigenem Bekunden mit "Ehrfurcht". Die Beschäftigung mit Leben und Werk der großen politischen Denkerin ließ ihn fortan nicht mehr los. Vor allem Hannah Arendts aufrechte Haltung und ihr scharfer Blick auf diktatorische Systeme beeindrucken Kruse, der als Pfarrer in der DDR immer wieder mit der Obrigkeit in Konflikt geraten war.

Schon früh setzten sich Günther Kruse und seine Frau Martina deshalb dafür ein, mit einer Gedenktafel oder -stele an die berühmte Ex-Bewohnerin ihres Hauses zu erinnern. 2016 fasste die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung auf Antrag der Linken dann auch einen entsprechenden Beschluss.

Tafel zum 115. Geburtstag

Doch die Umsetzung sollte noch Jahre auf sich warten lassen. Im Rathaus wurde unter anderem darüber gestritten, wer die ca. 900 Euro teure Tafel bezahlen müsse, wie groß sie sein dürfe und wieviel Text darauf Platz finden könne. Eine Ämterposse, die dazu führte, dass die bereits geplante Einweihung vor zwei Jahren noch einmal verschoben werden musste.

Doch jetzt hängt die Tafel endlich – fünf Jahre nach dem Beschluss der Stadtverordneten. Zum 115. Geburtstag von Hannah Arendt am 14. Oktober wird sie enthüllt. Für Martina und Günther Kruse ist das ein wichtiger und überfälliger Schritt, damit eine prägende Denkerin des 20. Jahrhunderts und ihre Zeit in Potsdam endlich die angemessene Würdigung erfahren.

Brandenburg aktuell, 14.10.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Christoph Hölscher

2 Kommentare

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  1. 2.

    Und ich wünsche mir, dass Günther Anders nicht vergessen wird !!

  2. 1.

    Danke. Dem Ehepaar Kruse wünsche ich nach diesem Anfang viele schöne Begegnungen.
    Arendt bedeutete diese menschliche Kapazität etwas zu beginnen viel. "concept of natality"

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