Bestattung in jüdischem Grab - Warum eine Umbettung des Neonazis in Stahnsdorf rechtlich schwierig ist

Fr 15.10.21 | 15:03 Uhr | Von Oliver Noffke
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Der Grabstein von Max Friedländer auf dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf (Quelle: DPA/Jens Kalaene)
Audio: Antenne Brandenburg | 15.10.2021 | Natascha Gutschmidt | Bild: DPA/Jens Kalaene

Vergangenen Freitag wurde in Stahnsdorf ein Rechtsextremist bestattet – im Grab eines Juden. Die Landeskirche spricht von Versagen und will den "Fehler" durch eine Umbettung wiedergutmachen. Doch dafür gibt es einige Hürden. Von Oliver Noffke

Die sterblichen Überreste von Max Friedlaender liegen schon lange nicht mehr in dem Grab, das seinen Namen trägt. Womöglich wird dieser Umstand verhindern, dass die Urne des Rechtsextremisten Henry Hafenmayer umgebettet wird. Sie wurde vergangenen Freitag im selben Grab auf dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf beigesetzt.

Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Ekbo), will sich für eine Umbettung einsetzen. Er unterstützt auch eine Strafanzeige des Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn, unter anderem wegen Störung der Totenruhe. Doch dieses Recht genießt auch Hafenmayer. Das zu umgehen wird schwierig.

Antisemiten, polizeilich gesuchte "Reichsbürger", Neonazis

"In den eigenen Erläuterungen der Ekbo zu ihrem Friedhofsgesetz steht, es muss ein Antrag des Fürsorgeberechtigten vorliegen", sagt Detlef Rückert, Juristischer Referent beim Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Fürsorgeberechtigt ist, wer für Hafenmayer die Grabstelle auf dem Friedhof gekauft hat. "Die müssten sagen: Ach, wir wollten da niemandem zu nahe treten und beantragen jetzt im Einvernehmen mit der Ekbo, dass hier eine Umbettung in eine andere Grabstätte erfolgt", sagt Rückert. Doch wie realistisch ist das?

Der Musikwissenschaftler Friedlaender stammte aus einer jüdischen Familie, später konvertierte er zum evangelischen Christentum. Dass sein Grab Hafenmayer zugewiesen wurde, war laut der Friedhofsverwaltung ein Versehen und keine gezielte Provokation. Dennoch: Laut dem "Tagesspiegel [Bezahlinhalt]" verdeckte bei der Bestattung ein schwarzes Tuch den Grabstein mit Friedlaenders Namen und es war der Spruch zu lesen: "Und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen". Hafenmayer, der im August mit 48 Jahren verstorben war, galt als Geschichtsrevisionist und Holocaust-Leugner.

An der Beisetzung hatten zahlreiche Neonazi-Größen und Rechtsextremisten teilgenommen - darunter der Neonazi Horst Mahler, der wegen Volksverhetzung lange inhaftiert war, der Neonazi-Aktivist und langjährige NPD-Kader Thomas Wulff, der rechte Blogger Nikolai Nehrling alias "der Volkslehrer" und Dennis Ingo Schulz, ein mehrfach vorbestrafter sogenannter "Reichsbürger".

Dieser Fall wird Juristen noch beschäftigen

Detlef Rückert, Juristischer Referent

Lediglich der Grabstein steht unter Denkmalschutz

Max Friedlaender war bereits 1934 gestorben und beerdigt worden. Vor einigen Jahrzehnten wurde das Grab dann laut Ekbo aufgelöst. "Wenn die Grabstelle abgelaufen ist, kann sie neu belegt werden", sagt Rückert, "es sei denn, es ist ein Ehrengrab." Bei Kriegsgräbern oder Ehrengrabstätten, mit denen verfolgten Gruppen während der NS-Zeit gedacht wird, geht man zum Beispiel von einer ewigen Totenruhe aus, erläutert er. "Aber das muss der Friedhofsträger besonders kennzeichnen und es kann meines Erachtens auch nicht passieren, dass solche Grabstätten neu belegt werden."

Der Südwestfriedhof ist ein geschütztes Landschaftsdenkmal. Friedlaenders Grab war aber nicht geschützt oder besonders gekennzeichnet, heißt es von der Ekbo auf Anfrage. Der Grabstein stehe allerdings unter Denkmalschutz. Ob daran ein neuer Name angebracht werden darf, konnte die Landeskirche auf Anfrage nicht mitteilen.

"Dieser Fall wird Juristen noch beschäftigen"

Auch im brandenburgischen Landesrecht ist geregelt, unter welchen Umständen ein Grab vorzeitig geöffnet werden oder eine Umbettung stattfinden darf. Nach einer richterlichen Anordnung kann das geschehen, aber auch die zuständige Gesundheitsbehörde muss zustimmen. Dieser Weg wird meist dann bestritten, wenn die Graböffnung zur Aufklärung eines Verbrechens dient.

"Hier liegt ja ein ideologisches Problem vor", sagt Rückert. "Wenn jemand bestattet wurde, kann ein Friedhof nicht einfach sagen: Wir wollen den nicht hier liegen haben und wir betten den jetzt um." In so einem Fall könnten die Hinterbliebenen von Hafenmayer sofort klagen auf Störung der Totenruhe, ist Rückert sich sicher. "Dieser Fall wird Juristen noch beschäftigen." Laut Ekbo wurde Hafenmayers Grab für 20 Jahre gekauft.

Sendung: Brandenburg aktuell, 14.10.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke

24 Kommentare

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  1. 24.

    Dann hätte man intervenieren müssen, als das Grab vor mehreren Jahrzehnten eingeebnet worden ist, wollte ja offensichtlich keiner mehr dafür bezahlen.
    Nach sovielen Jahren ist das wohl etwas spät und unglaubwürdig.

  2. 23.

    Meine Lieben, nicht falsch verstehen, das war natürlich etwas bedauerlich. Aber haben wir nicht aktuell mehr Probleme und Schwierigkeiten mit den Lebenden? Mir persönlich ist es wirklich egal was mit meinem Körper nach meinem Tod passiert. Lasst uns doch in der Gegenwart und an der Zukunft arbeiten..

  3. 22.

    Aus der Anzeige wird gar nichts werden, weil keine Straftat vorliegt. Ein aufgegebenes Grab ist rechtlich kein Grab mehr, womit auch die Totenruhe nicht mehr gestört werden kann.
    Einzige Lösung ist meines Erachtens nach, den Grabstein Friedländers zu versetzen und damit eine separate Gedenkstätte zu errichten. Ein Grab hat er ja nicht mehr.

  4. 21.

    Re: Neville |Berlin |. Sorry, mein Fehler, aber in Details muss Ihnen da widersprechen. Meine Eltern leiteten jahrzehntelang den Evangelischen Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde St. Marien in Strausberg Stadt. Die Friedhofs- und Nutzungsordnung entspricht wie früher auch heutzutage im Großen und Ganzen denen auf staatlichen Friedhöfen. Allerdings gibt es auch in Strausberg sogenannte Ehrengräber und Einzeldenkmäler. Diese besitzen einen besonderen Status, genießen einen besonderen Schutz und unterliegen nicht den normalen Räumungen nach Ende der Laufzeit. Bei der Aufgabe von Herrn Friedländers Grab galten nach meinen Recherchen noch die Regelungen der ehemaligen DDR. Es wurden dort auch andere Personen und Denkmäler als schützenswert und als erhaltenswürdig betrachtet. Von vielen verstorbenen Personen wusste man auch nichts um deren Verdienste, außer vielleicht durch Mundpropaganda und da ging vieles verloren. Damals war es üblich und so geregelt, dass im Normalfall u. a. nicht entfernte Grabsteine (Besitzaufgabe) ersatzlos in das Eigentum des Friedhofs übergingen. Meist, wenn es sich lohnte (entscheidend Größe und Art des verwendeten Materials) , wurden sie dann von örtlichen Steinmetzen abgeholt, übergeschliffen, danach von anderen Trauernden gekauft und mit den Daten eines anderen Verstorbenen weiter genutzt. Diese Praxis wird heutzutage nicht mehr gemacht, aufgrund auch der niedrigen Preise für Steinrohlinge aus anderen Ländern. Hatte jedoch niemand Interesse an dem Grabstein oder auch nicht an der Grabstelle konnte es passieren, dass die Grabstelle zwar geräumt wurde, der Grabstein allein jedoch stehen blieb, solange dessen Standsicherheit gegeben war. Diese Praxis kann man auch heutzutage auf kleinen lokalen Friedhöfen immer noch beobachten.

  5. 20.

    Man sollte einfach den wesentlichen Sachverhalt zur Kenntnis nehmen. "Friedlaenders Grab war aber nicht geschützt oder besonders gekennzeichnet, heißt es von der Ekbo auf Anfrage" heißt es im RBB Beitrag. Vielleicht berichtet dann RBB später mal, was aus der Strafanzeige des Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn geworden ist.

  6. 19.

    Dies trifft nur bei öffentlichen (staatlichen) Friedhöfen zu.
    Private - und dazu zählen auch die der Religionsgemeinschaften - haben ihre eigenen Regelungen. So haben viele ein ewiges Grabrecht, das Grab darf nie aufgelöst werden.
    Deswegen ist ihre Aussage, alle Gräber in Deutschland seien zeitlich befristet, sachlich falsch.

  7. 18.

    Der. Mann ist 1934 gestorben. Da ist schon lange nichts mehr da außer dem Grabstein. Also den Grabstein oder die Inschrift weg und fertig.
    So ein Theater

  8. 17.

    Bei jeder Bestattung in Deutschland in der Erde, egal ob Urnenbeisetzung oder Erdbestattung (mit Sarg), wird nur das Nutzungsrecht für eine gewisse Laufzeit (im Prinzip Pachtvertrag mit beschränkter Nutzungsdauer) für eine bestimmte Grabstelle erworben. Die Laufzeit schwankt je nach Art der gewählten Bestattungsart und den eventuell bereits vorhandenen früheren Bestattungsarten und evtl. während der Laufzeit möglichen Erweiterungen (Mehrfachwahlgrabstelle) zwischen 15 und 25 Jahren. Bei evtl. Überschneidungen muss die jeweilige längere Laufzeit der anfallenden Mindestliegedauer eingehalten werden. Nach Ablauf der Nutzungszeit kann entweder, mittels eines neuen Vertrages die Nutzungsdauer verlängert werden (sogenannter Nachkauf für eine dann variable Laufzeit) oder man legt als Berechtigter oder Angehöriger auf eine weitere Nutzung keinen Wert mehr, aber dabei verliert man jegliche Ansprüche auf weitere Nutzung. Spätestens jedoch, wenn der jeweilige Friedhof bekannt gibt, dass er beabsichtigt bestimmte Gräber oder Grabfelder nach Ablauf der Laufzeit zu räumen,damit Platz für weitere Bestattungen entsteht, müssen sich die Berechtigen oder die Angehörigen für das Eine oder das Andere entscheiden. Die Entscheidung ist dann spätestens mit der Räumung der Grabstelle unwiderruflich! In neueren Fassungen der jeweiligen Friedhofsordnung bzw. - Satzung hat der vorherige Nutzer alle eigenen baulichen Veränderungen wie massive Grabeinfassungen, - abdeckungen und Grabsteine auf seine eigenen Kosten zu entfernen. Ansonsten können die entsprechenden Kosten auf die Angehörigen umgelegt werden. Das ist im Normalfall so, aber dieser Grabstein ist denkmalgeschützt, vielleicht wäre eine unbürokratische aber würdevolle Umsetzung sinnvoll. Auch hätte schon bei der Grabstellenvergabe einiges auffallen müssen, weil alle Denkmäler, auch Einzeldenkmäler auf Friedhöfen, werden allen Betroffenen wie auch dem Friedhof, öffentlich bei deren Widmung bekannt gegeben werden.

  9. 16.

    Rechtsextremismus kann man nicht Relativieren, es klingt wie Hohn und auch ich möchte nicht, dass das Grab meiner Vorfahren durch rechte Extremisten entehrt wird. Rechtsextremismus ist die größte Gefahr im Land. Gegen das Vergessen.

  10. 15.

    Und wieder erhalten Nazis eine Plattform. Meinen Opa haben wir sehr schnell umbetten können, ohne rechtliche Einwände. Sollte man hier auch so händeln, um der jüdischen Gemeinde eines zu signalisieren, wir tolerieren keinen Rechtsextremismus und keinen Antisemitismus. Niemand muss bei uns Angst haben, dass das Grab für rechtsextreme Propaganda herhalten muss. Handelt und setzt Zeichen, schaut hin und setzt Grenzen, denn nichts ist schlimmer als Gleichgültigkeit.

  11. 14.

    Jedes Ende, besiegelt seine Geschichte. Jedes Grab die des Menschen, umso deutlicher wird seine Stimme in der Zukunft. Hier ein Symbol dafür, dass wir alle Eins sind. Verwende deinen Geist um dies zu verstehen - er ist dir vom Universum geliehen!

  12. 13.

    Nein Dagmar, AK hat recht, tatsächlich wirkt das ganze wie das Ergebnis einer gut geplanten Kampagne. Ob das nun Zufall ist oder weil das ganze billige Aufreger verspricht.: auf hier beim RBB wird diesen Initiativen sehr viel Raum gegeben und Inhalte verbreitet.

  13. 12.

    Sterblichen Überreste des verdienstvolle Forschers des Deutschen Volksliedguts Max Friedlaender sich in dem Grab nicht vorhanden. Das Grab war leer, hieß es beim RBB. Vor "einigen Jahrzehnten" wurde das Grab dann laut Ekbo aufgelöst.
    Der Tagesspiegel bemängelt, die Trauergesellschaft hätte bei der Bestattung den Grabstein mit Friedlaenders Namen mit einem schwarzes Tuch verdeckt. Was ich nicht beanstanden würde. "Dennoch" (RBB) war das Bibelzitat zu lesen: "Und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen". Das Zitat stammt aus Vers 31 nach der Luther-Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen.

  14. 10.

    ……warum muss in Deutschland alles so kompliziert sein, dass ist mir unbegreiflich..,,

  15. 9.

    Warum wird eigentlich den Nazis hier so eine Plattform gegeben. Wahnsinn! Es wird auch nochmal schön aufgeführt, wer alles dabei war. Man hat durch die Berichte sogar mehr und mehr das Gefühl, dass die auch noch im Recht sind, obwohl man merkt, dass es ne miese Aktion war. Das Grab ist seit vielen Jahren offiziell freigegeben, es sind keine sterblichen Überreste mehr drin, Herr Friedlaender war gar kein Jude (mehr), Totenruhe..... usw. Die haben doch nichts Unrechtes getan, oder? Die Berichte wollen doch nur wieder die Nazis schlecht machen, oder? Die Juristen werden sicher keine Möglichkeiten haben, oder? Ich hab irgendwie das Gefühl, dass das von denen schon vorher genau so geplant war, um genau so eine öffentliche Wirkung zu erzielen. Krass!

  16. 7.

    Herr Max Friedlaender ist zu Lebzeiten zum evangelischen Glauben konvertiert, also dürfte nach seinem Tod seine jüdische Abstammung keine Rolle gespielt haben.
    Warum jetzt nach 88 Jahren dieser von ihm frei gewählter Glauben übergangen wird, als hätte es ihn nicht gegeben?
    Ich denke, man kann der Evangelischen Kirche kaum Vorwurf machen

  17. 5.

    Ist schon interessant. Da spricht Samuel Salzborn, unter anderem wegen Störung der Totenruhe bei Herrn Friedländer. Da muss man sich mal mit den Begriff "Totenruhe" befassen. In Deutschland ist ja alles geregelt: Die Dauer der Ruhezeiten von Gräbern setzt der Friedhofsträger fest. Als Orientierung dienen die Bestattungs- und Friedhofsgesetze der einzelnen Bundesländer. Die Mindestruhezeit für Urnen beträgt im Land Brandenburg beispielsweise 15 Jahre und für Särge 20 Jahre. Nun war das Grab aber schon 40 Jahre ungepflegt.

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