Starker Anstieg an RSV-Infektionen - Wie die Pandemie die "Rotznasen-Saison" verschärft

Mi 27.10.21 | 11:31 Uhr | Von Sebastian Schöbel
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Symbolbild: Ein Junge mit laufender Nase blickt in die Kamera. Im Hintergrund sind seine Eltern auf einem herbstlichen Landweg zu erkennen. (Quelle: imago images/U. Grabowsky)
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Das eigentlich normale Schniefen und Husten im Herbst löst gerade große Bedenken aus: Denn auch die Zahl der schweren Atemwegserkrankungen steigt an, vor allem bei Kindern. Die Kliniken füllen sich. Ein Grund: die Coronapandemie. Von Sebastian Schöbel

Dass es in den Kinderarztpraxis voller wird, wenn im Herbst die Blätter fallen, überrascht den Berliner Kinder- und Jugendmediziner Jakob Maske nicht. Infektionen um diese Jahreszeit seien normal, die Zahl bleibe eigentlich jedes Jahr gleich. "Aber jetzt kommt es geballt", sagt er auf Nachfrage von rbb|24 und bestätigt damit den Eindruck vieler Eltern in diesen Tagen. Die Menge der Erkältungen nimmt zu - und Rotznasen sind nicht die schlimmste Folge, auch schwere Krankheitsverläufe häufen sich. So berichtete zuletzt unter anderem der "Tagesspiegel" [tagesspiegel.de - Bezahlschranke], dass die Kapazitäten auf vielen Kinderkliniken knapp würden, weil besonders viele Kleinkinder mit schweren Atemwegserkrankungen versorgt werden müssten.

Anstieg an RSV-Infektionen

Schuld sind vor allem Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV. Das Virus sei "besonders aggressiv", sagt Maske, und könne auch bei Kleinkindern zu Entzündungen an den Bronchien führen. Besonders für Frühgeborene und vorerkrankte Kinder im ersten Lebensjahr ist das Virus gefährlich.

Die Zahl der Infektionen und Probleme bei den Behandlungskapazitäten werden bereits seit dem Sommer beklagt. Auch Marcus A. Mall, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin an der Charité, spricht von "außergewöhnlich vielen Kindern mit Atemwegsinfektionen, vor allem RSV, die eine stationäre Behandlung mit Sauerstoff oder nicht-invasiver Beatmung benötigen". Das führe zu einer "sehr angespannten Belegungssituation auf den Normal- und Intensivstationen", so Mall. Immer wieder müssten deswegen weniger kritische Fälle abgewiesen oder Operationen bei Kindern verschoben werden. Verlegungen von RSV-Patienten zwischen Berliner und Brandenburger Kliniken kämen immer wieder vor.

Auch Vivantes meldet volle Kinderstationen

Auch der landeseigene Klinikkonzern Vivantes bestätigt auf rbb-Nachfrage eine hohe Auslastung auf den Kinderstationen. "Rund 60 bis 70 Prozent der allgemeinpädiatrischen Betten sind durch Kinder und Jugendliche mit Luftwegsinfektionen oder Pneumonien belegt", teilte eine Sprecherin am Mittwoch mit. Rund die Hälfte der jungen Patient:innen brauche intensivmedizinische Versorgung. "Es wurden teilweise Kinder in andere Kliniken gebracht, oder Vivantes hat Patient:innen aus anderen Kliniken aufgenommen, wenn die Möglichkeit bestand", so die Sprecherin weiter. "Dies fordert von allen Beteiligten - auch von den Eltern - eine große Flexibilität."

Lockdowns verhinderten Aufbau von Immunität

Das Robert-Koch-Institut warnte schon im Sommer in seiner Herbst-Winter-Strategie an, dass sich die saisonalen Erkrankungswellen verschieben können. Das Gesundheitssystem müsse sich auf dieses Szenario vorbereiten. Im September seien doppelt so viele Ein- bis Vierjährige pro Woche mit Atemwegsinfekte in Kliniken eingewiesen worden wie in den Jahren vor der Pandemie, erläuterte das RKI auf dpa-Anfrage. Präventions- und Versorgungsmöglichkeiten zu Influenza, RSV-Erkrankungen und Lungenentzündungen, insbesondere bei Kindern und in der älteren Bevölkerung, sollten vorbereitet werden, so das RKI.

Die Entwicklung stehe auch im Zusammenhang mit den Kontaktbeschränkungen der Corona-Pandemie, erklärt Thomas Erler dem rbb-Sender Antenne Brandenburg. "Die haben wir mehr oder weniger in Isolation zugebracht", so der Ärztlicher Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann. "Die Kinder haben sehr wenige Infektionen erlebt. Scheinbar holt die Natur nun einiges nach, was im vergangenen Jahr nicht aufgetreten ist." Auch Kinderarzt Maske sieht einen Zusammenhang mit der Pandemie und den Kontaktbeschränkungen. Den Kindern hätten aufgrund der Lockdowns nur wenige Chancen gehabt, auf natürliche Weise eine Immunität gegen das Virus auszubilden. Nun würden vor allem Kita- und Schulkinder die Viren mit nach Hause bringen.

Symbolbild: Ein krankes Mädchen liegt in einem Krankenhaus auf einem Krankenhausbett. (Quelle: imago images/monkeybusiness)

RSV-Saison hat deutlich früher begonnen

Charité-Arzt Mall weist darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen mehr RSV-Fällen und der Pandemie "weder untersucht noch belegt" sei. Aber auch er vermutet, dass die Infektwelle darauf zurückzuführen ist, dass Säuglinge und Kleinkinder während dieser Zeit "keine natürliche Immunität gegen RSV und andere Vieren aufbauen konnten und deshalb in der aktuellen Infektsaison nicht geschützt sind und daher mehr Kinder gleichzeitig erkranken".

Unvorbereitet seien die Kinderkliniken nicht gewesen, so Klinikchef Erler. Infektionen mit dem RS-Virus seien zu dieser Jahreszeit normal. "In diesem Jahr ist besonders, dass die RSV-Saison deutlich früher begonnen hat, nämlich bereits im September." Bundesweit würden die Kinderkliniken nun an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, so Erler. Man versuche, die ortsnahe Versorgung der kleinen Patienten zu ermöglichen und Verlegungen in andere Kliniken zu vermeiden. "Aber das wird durch die hohe Zahl an Patienten in diesem Jahr nicht immer möglich sein."

Personalmangel sorgt für Engpässe in Kliniken

Grund für die hohe Auslastung in den Kliniken ist auch der chronische Personalmangel. Thomas Erler, der zugleich auch Vizepräsident des Verbandes der leitenden Kinder- und Jugendärzte Deutschlands, fordert deswegen eine Ausbildungsoffensive für Kinderkrankenpflegekräfte. Denn aktuell dürfe aufgrund der Personaluntergrenze jede Pflegekraft nur eine bestimmte Anzahl von Patienten versorgen, so Erler. Was in der Theorie die Qualität der Pflege absichern soll, erweise sich in der Praxis auch als Problem, weil Fachpersonal fehlt. Erler macht dafür auch die Struktur der Pflegeausbildung verantwortlich: Die sieht vor, dass sich angehende Pflegerinnen und Pfleger nach einer allgemeinen Ausbildung für eine Fachrichtung entscheiden können - und offenbar zu wenige in die Kinderkrankenpflege gehen. "Wir brauchen eine Kampagne, dass wieder mehr Kinderkrankenpfleger ausgebildet werden. Da haben wir momentan ein großes Problem."

Symbolbild: Kinder spielen in einem Park mit Herbst-Laub. (Quelle: dpa/W. Kumm)

"Frühe Infekte schützen vor Allergien"

Grund zur Panik vor einer langen und schweren Erkältungssaison sieht Kinderarzt Jakob Maske derweil nicht. Die Maskenpflicht in Schulen und Kitas wieder einzuführen, um neben Corona- auch die RSV-Infektionen zu unterbinden, hält er nicht für sinnvoll. "Das würde es nur aufschieben, nicht aufheben." Für ältere Kinder sei das Virus auch "völlig harmlos", so Maske. Zudem hätten herbstliche Rotznasen auch durchaus positive Effekte, sagt der Kinderarzt. "Frühe Infekte schützen vor Allergien". Wichtig sei, dass Eltern nun konsequent darauf achten, das Immunsystem der Kinder zu stärken, so Maske, mit viel frischer Luft und gesunder Ernährung.

Sendung: Antenne Brandenburg, 26.10.2021, 14:00 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

7 Kommentare

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  1. 7.

    Danke für diesen längst überfälligen Beitrag, aber findet ihr die Überschrift nicht ein wenig untertreibend bzw. abwertend für die teils schwerst kranken KINDER? Jährlich sterben an RSV ca 120000 Kinder, da ist der Begriff "Rotznase" in meinen Augen völlig deplaziert!

    Bei Covid drehen alle durch, aber hier wird einfach hingenommen!, das kleine Kinder sterben, weit häufiger als an Covid und das bereits in "normalen Jahren"! Allein in unsere Kita waren 5 von 25 Kindern im Krankenhaus, meine schwangere Frau gleich mit (1 Woche Antibiose IV)! Meldepflicht gibt es nicht, aber alle schreien nach Freiheit, geht ja diesmal nicht um Raucher, Dicke, sonstige Gesellschatfskranke und CDU-Wähler sondern um 0-4jahrige! Wen wundert es, es hacken ja auch mehr auf Kimmich rum, als auf Metzelder! Tolle Entwicklung, die wir gesellschaftlich da zeigen!

  2. 6.

    Der Hintergrund leuchtet mir total ein.
    Als meine Kinder noch ganu klein waren, haben sie mir regelmäßig die schlimmsten Viren mitgebracht.
    Sie erholten sich ratz fazt....ich lag mit 40 Fieber um.
    In diesem Jahr hatte noch nicht Einer einen Schnupfen.....überdenkenswert.

  3. 5.

    Witzigerweise habe ich das schon vor anderthalb Jahren vorausgesagt und hier auch geschrieben, aber wurde da noch als Verschwörungstheoretiker und was weiß ich beschimpft.
    Ist zwar eine Genugtuung, aber leider wurde natürlich nichts unternommen im Vorfeld.

  4. 4.

    Wow. Das ist ein ziemlicher Knaller. "Lockdowns verhinderten Aufbau von Immunität" und deshalb gibt es einen Rückstau an Infektionen. Das Wort "Kapazitätsgrenzen" und "bundesweit" würde bei Corona alle Alarmglocken schrillen lassen. Aber was will man nun tun, wenn Lockdowns selbst dazu erst geführt haben? Es gibt eine Antwort: das System hätte die letzten 2 Jahre endlich besser ausgestattet werden müssen. Die Politik hat komplett versagt. Die Verantwortung auf die Bevölkerung abzuwälzen, war ein schwerer Fehler.

  5. 3.

    Also ich wäre angesichts dessen ja dafür, sofort das Infektionsschutzgesetz mal wieder zu ändern, also zu verschärfen, Grundrechte weiter einzuschränken und über einen Lockdown nachzudenken, um dieser selbst verschuldeten Gefahr zu begegnen..., Ironie aus.

  6. 2.

    "Die Kliniken füllen sich. Ein Grund: Die Coronapandemie."
    ein anderer Grund: das kaputt gesparte Gesundheitssystem und wie der Fachmann selbst sagt, dass durch den Lockdown verursacht geschwächte Immunsystem.

  7. 1.

    Danke für diesen überfälligen Beitrag!
    Ein Gesichtspunkt, der darin allerdings nicht vorkommt, ist die nicht gerade unwahrscheinliche Möglichkeit, sich an Atemwegserkrankungen bzw. RSV UND Covid-19 gleichzeitig anzustecken. Ich bin gespannt, wie sich so eine Kombination auswirkt.
    Erst mussten die Kleinen mit Schul- und Kitaschließungen für den Schutz der Älteren sorgen, nun sind sie eventuell selbst betroffen - nicht so schön.

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