Zwischen Französischer und Leipziger Straße - Berliner Friedrichstraße soll dauerhaft autofrei bleiben

Fr 15.10.21 | 14:07 Uhr
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Fahrradfahrer fahren am 01.09.2021 auf der Friedrichstraße auf dem autofreien Abschnitt. (Quelle: dpa/Carsten Koall)
Video: rbb|24 | 18.10.2021 | Material: Abendschau | Bild: dpa/Carsten Koall

Seit Sommer 2020 dürfen keine Autos mehr auf einem Teil der Friedrichstraße fahren. Stattdessen gibt es einen breiten Radweg und Sitzgelegenheiten für Fußgänger. Die Verkehrsverwaltung will den Zustand nun dauerhaft erhalten. Doch es gibt auch Kritik.

Die Friedrichstraße in Berlin soll auf dem rund 500 Meter langen Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße dauerhaft autofrei bleiben. Das teilte die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr am Freitag mit.

Der autofreie Verkehrsversuch, der Ende August 2020 begann und Ende Oktober 2021 endet, soll nach den Ergebnissen einer Zwischenauswertung erfolgreich verlaufen sein. Er bilde die Grundlage, um den Autoverkehr dauerhaft aus diesem Abschnitt der Friedrichstraße zu verbannen, hieß es in der Mitteilung. Die Senatsverwaltung werde nun eine sogenannte Teileinziehung (das Schließen einer Straße für bestimmte Verkehrsarten) beim Bezirk Mitte beantragen.

Auch während dieses Verfahrens, das voraussichtlich rund sechs Monate dauern werde, bleibe die Friedrichstraße autofrei, heißt es weiter. Die Friedrichstraße solle so "dauerhaft ein attraktiver Aufenthaltsort für Menschen sein", so Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne).

Alle Auswertungen und Analysen aus dem autofreien Verkehrsversuch auf der Friedrichstraße werden laut Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz voraussichtlich Anfang 2022 vorliegen. In einer Befragung hatten sich laut Senatsverwaltung bereits vier von fünf Befragten eine dauerhafte Sperrung der Straße für den motorisierten Verkehr gewünscht. 85 Prozent sollen sich ähnliche Projekte auch an anderer Stelle in Berlin wünschen.

Kritik kommt von CDU und FDP

Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte, sagte, er freue sich, dass mit der Flaniermeile in der Friedrichstraße der Bezirk Mitte "Vorreiter" sei. Städte wie Barcelona, Paris oder Wien hätten ja schon vorgemacht, dass autofreie Innenstadtbereiche "lebendige Quartiere mit hoher Aufenthaltsqualität" seien.

Kritik an den Plänen der Senatsverwaltung kam indessen von der CDU. Oliver Friederici, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sagte, die versprochenen verlässlichen und unabhängigen Analysen und Umfrageergebnisse zum Modellversuch Friedrichstraße lägen noch immer nicht vor. Er bemängelte, für Fußgänger fehle es an Platz, die "Radautobahn" sei alles andere als eine Flaniermeile und der Pkw-Verkehr habe sich in andere Straßen verlagert.

Auch Henner Schmidt, infrastrukturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, kritisiert den fehlenden Endbericht der Begleitforschung. Die derzeitig "wenig zum Flanieren einladende Gestaltung der Friedrichstraße mit ihren unattraktiven provisorischen Gestaltungselementen und der breiten Radpiste" dürfe so keinesfalls dauerhaften Bestand haben, so Schmidt weiter.

Konzepte und Beteiligungsverfahren sollen folgen

Für die Gestaltung der Friedrichstraße und des näheren und weiteren Umfelds wollen Senatsverwaltung und Bezirk nach erfolgreicher Verlängerung der Aktion dann gemeinsam Konzepte entwickeln und weitere Beteiligungsverfahren organisieren. Erste Vorschläge für für die Optimierung des Lieferverkehrs, Vorschläge zur Radverkehrsführung und zu möglichen Einbahnstraßen liegen den Angaben zufolge schon vor.

Seit Ende August 2020 dürfen keine Autos mehr auf der Friedrichstraße zwischen Leipziger Straße und Französischer Straße fahren. Stattdessen wurde ein breiter Radweg angelegt. Der Platz für Fußgänger wurde ausgeweitet und neue Sitzgelegenheiten und Pflanzkübel aufgestellt. Das Modellprojekt sollte ursprünglich bis Ende Januar laufen und war dann bis Ende Oktober verlängert worden.

Das Projekt ist umstritten, Teile der Anwohner und Geschäftsinhaber sind dafür, andere dagegen.

Sendung: Abendschau, 15.10.2021, 19:30 Uhr

54 Kommentare

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  1. 54.

    Sie diskutieren an der Sache vorbei. Es ist ein Unding, daß gutsituierte grüne Zeitgeisthelden die Innenstadt gentrifizieren, alles mit dem Fahrrad erledigen und dann meinen, andere Aussperren zu wollen, damit sie als zugezogene westdeutsche Provinzlerinnen ihrer Kleinstadtidylle huldigen können. Eine Großstadt ohne Verkehr ist so sinnlos wie ein Bier ohne Alkohol. Schauen Sie sich die Bilder um 1900 an. Dann sehen Sie, daß die Großstadt extremen Verkehr und damit ewige Zielkonflikte hervorruft. Wer das nicht begreift und wem das zu anstrengend ist, hat in einer pulsierenden Metropole nichts zu suchen. Davon abgesehen, taugt die grüne Verfahrenspolitik um die Friedrichstraße einmal mehr als Paradeexempel für politische Verlogenheit.

  2. 53.

    Mich macht in erster Linie wütend,dass man als Fussgänger dort nicht flanieren kann, weil die Fahrradfahrer dort Rasen und wenn man über einen Zebrastreifen möchte,kann man lange warten,die Radfahrer halten nicht an.Ein Radschnellweg gehört NICHT in eine Fussgänger Zone!!! Und wenn Sie die Kommentare hier gelesen haben,dann wissen Sie ,dass das ganz viele Leute genauso sehen.Ich gehe genau deswegen nicht mehr in die Friedrichstraße.

  3. 52.

    Möglicherweise glaubt eine Mehrheit nicht an das Narrativ "Stadt im Chaos" sondern befürwortet den angestoßenen Wandel.

    Denken Sie mal drüber nach.

  4. 51.

    Nun, es geht darum, dass ein Teil einer Strasse nicht mehr für den Autoverkehr freigegeben ist. Passiert hin und wieder. Einen Teil der Wilhelmstrasse dürfen Sie auch nicht befahren. Aus anderen Gründen. Macht Sie das auch wütend?

    Da haben Sie aber ein arg schweres Leben, wenn Sie solche Kleinigkeiten wütend machen.

  5. 50.

    Eine Fußgängerzone kann ok sein. Aber ohne "Autobahn" für Fahrradfahrer und Fahrradrowdys. Die sollen schön absteigen und schieben. Und bitte auch keine "Ich-will-wieder-Kind-sein"-Elektroroller!

  6. 49.

    Ja, der Bildausschnitt ist zu klein und zeigt fast nur den zentralen Radweg, der jedoch bei Tempo 20 inzwischen in kurzen Abständen von Zebrastreifen für den Fußverkehr unterbrochen wird. Welche "Autostraße" ist für Fußgänger sicherer?
    @rbb Gibt es vergleichende Unfallstatistiken zu dem Versuchsbereich? Wieviele schwer- und leichtverletzte bzw. getötete Fußgänger und Radfahrer vor und nach Umgestaltung?
    Bei andauerndem regelverletzendem Verhalten, helfen meines Erachtens nur konsequente Sanktionen. Die Bußgelder wurden gerade erhöht und können gerne - besonders von Gefährdern - öfter erhoben werden - überall im Verkehr.
    Persönlicher Tip: Seitdem ich als Flaneur bei jedem Wetter mit Sonnen- bzw. Regenschirm unterwegs bin werde ich auf Gehwegen gar nicht mehr von Rad- oder Rollerfahrern eng überholt - scheinen mich besser zu sehen ;)

  7. 46.

    Da haben Sie in allen Punkten Recht! Mich macht eine solch unglaubliche Bevormundung nur wütend!

  8. 45.

    "... da die Grünen in Berlin eine große Mehrheit haben ..." Eine Mehrheit fängt bei mir bei 50% plus eine Stimme an. Wäre mir neu, dass die sogenannten Grünen in Berlin auf diesen Prozentsatz kommen und hoffentlich nie kommen werden.

  9. 44.

    Kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Straßenbahnen am "Markt", Rathausvorplatz als "Mini-Busbahnhof", der Verkehr quer durch ... und bevor die "Arkaden" da hingek(l)otzt wurden gabs sogar noch richtig gute Läden. Is' aber immer noch ok in Spandau-City.

    Die Situation ist natürlich nicht vergleichbar mit Mitte und(gefühlt)schon ewig her. Musste aber mal gesagt werden.

  10. 43.

    "Eine Begegnungszone ist eine Form der Verkehrsberuhigung, in der Fußgänger Vortritt vor Fahrzeugen haben." Wie soll so etwas funktionieren, wenn gewisse Fahrzeugführer weder den Fußgängern auf den Gehwegen das Vorrecht einräumen noch den Fahrgästen an den Haltestellen obwohl es dazu eindeutige Regelungen in der StVO gibt? Schauen Sie sich zudem mal das Bild oben zum Artikel an. Glauben Sie, dass so etwas von Günther und vor allem von Dassel gewünscht wäre?

  11. 42.

    Fußgängerzone-ich finde es gut.
    Siehe Spandauer Altstadt !

  12. 41.

    Mit Autos war die Straße schrecklich. Mit rasenden Radfahrer ist sie gefährlich geworden. Um eine schöne Flaniermeile zu gestalten reichen ein paar Blumentöpfe nicht.
    Ich bin bis heute nie auf die Idee gekommen mit dem Auto dorthin zu fahren. Die Nahverkehr ist doch max. ausgebaut.

  13. 40.

    Ich verstehe nicht, dass die Fußgängerzone in der Friedrichstraße nicht schon ab dem S-Bahnhof beginnt. In der Zone südlich der S-Bahn sind die interessanteren Geschäfte, der aktuelle Fußgängerbereich ist eher uninteressant. Auch die Fahrrad-Schnellstrecke ist für mich eher sinnfrei in der Friedrichstraße. Das ganze aktuelle Konzept wirkt für mich eher wie ein Sabotageversuch.

  14. 39.

    Die Friedrichstraße zu einer Fußgängerzone umzubauen ist nur logisch. Schon bisher hatte sie kaum Bedeutung für den Durchgangsverkehr. Kenne kaum ein Beispiel einer Großstadt, bei der eine vergleichbare Straße für den Autoverkehr freigegeben ist. Die Königstr. in Stuttgart ist Fußgängerzone, solange ich denken kann.

  15. 38.

    Ach nee. Das war doch zu erwarten. Dieses unehrliche Gehabe der Verantwortlichen, erstmal die Leute für dumm und argumentationsunfähig erklären, die eigene Weisheit als Doktrin zu setzen und dann mit der Umarmung das Messer in den Rücken.

  16. 37.

    Re:Sascha| Berlin |. Meine Kritik am demnächst zu erwartenden Beschluss, habe ich hauptsächlich geschrieben, nicht wegen des ursprünglich Kritikgebenden geschrieben. Der eigentliche Grund ist, dass vollendete Tatsachen geschaffen werden sollen, ohne das Ergebnis, nicht der Abschlussbericht und auch nicht die öffentliche Anhörung samt Auswertung der Anlieger gemacht werden! Auch wurden in der Vergangenheit und das nicht nur innerhalb Berlins, viele Beschlüsse gefasst und durchgesetzt, welche hinterher sehr schnell bereut wurden, aber sie blieben auch bei einer anderen Regierung bestehen. Eine Frage zum Nachdenken: Wissen Sie, wer konkret mit Namen und Fraktion jetzt nach den Wahlen in Berlin, die Geschicke in Sachen Verkehr leitet? Ich jedenfalls nicht, daher habe ich auch in meinem anderen Kommentar eine Mutmaßung gemacht und so tituliert. In Sachen Demokratie müssten Sie, falls Sie den einen oder anderen Kommentar speziell zur Demokratie von mir gelesen haben, wissen, dass ich ein sehr liberales Verhältnis zur Demokratie habe und nicht gestrige oder extreme Ansichten, egal in welcher Richtung, vertrete. Letztlich, bei mir in Strausberg gab es am 26.09.2021 neben der Bundestagswahl eine Abstimmung, zur Empfehlung (also ohne bindende Wirkung!) an die Stadtverwaltung Strausbergs. Bei der Abstimmung durfte der einzelne mündige Bürger Strausbergs über die zukünftige Verkehrsführung in der "Große Straße" (Einkaufstraße) innerhalb der Altstadt von Strausberg entscheiden, da es hier bereits seit über 40 Jahren Probleme bei allen erdenklich möglichen Varianten gibt bzw. gab. Auch die Diskussionen rissen darüber nicht ab und selbst die Stadtverordnetenversamnlung ist hier tief zerstritten . Es stand u. a. auch zur Widmung als reine Fußgängerzone zur Auswahl. Letztlich gab es ein Votum mit Mehrheit zur späteren Verkehrsführung als Einbahnstraße. Gut, mein Favorit hatte gewonnen, aber ich hätte auch jede (!) andere Variante akzeptiert und respektiert!

  17. 36.

    Mal ehrlich, "Flaniermeile" wurde doch nur ins Spiel gebracht, weil der Begriff "Begegnungszone" zu umkämpft war. Nüchtern betrachtet ging es um die Verkehrsberuhigung, und die ist gelungen mit Vorrang für Fuß- und Radverkehr. Ein eigenes Verkehrszeichen gibt es dafür seit 2002 in der Schweiz: "Eine Begegnungszone ist eine Form der Verkehrsberuhigung, in der Fußgänger Vortritt vor Fahrzeugen haben. Sie wurde ursprünglich in der Schweiz, inzwischen aber auch in anderen Ländern wie Belgien, Österreich und Frankreich eingeführt. Sie zielt auf eine Steigerung der Straßenraumattraktivität und eine Erhöhung der Verkehrssicherheit ab, indem die Wohn- und Geschäftsnutzung gegenüber der Verkehrsfunktion stärker gewichtet und die Aufenthalts- und Verkehrsbedingungen für den langsamen Verkehr verbessert werden. Die Einsatzbereiche sind vielfältig und umfassen hauptsächlich Bahnhofsvorplätze, Innenstadt- und Schulbereiche, Wohn- und zentrale Geschäftsquartiere"
    wiki/Begegnungszone

  18. 35.

    Verwechseln hier viele flanieren mit bummelshoppen? "Der Flaneur bezeichnet eine literarische Figur, die durch Straßen und Passagen der Großstädte mit ihrer anonymen Menschenmasse streift (flaniert). Hier bietet sich ihm Stoff zur Reflexion und Erzählung. Der Flaneur lässt sich durch die Menge treiben, schwimmt mit dem Strom, hält nicht inne, grüßt andere Flaneure obenhin. Der Flaneur ist intellektuell und gewinnt seine Reflexionen aus kleinen Beobachtungen. Er lässt sich sehen, aber sieht auch, wenngleich mit leichter Gleichgültigkeit. Der Flaneur in all seiner Dandyhaftigkeit stellt ein wichtiges Thema der – vor allem weltstädtischen – individualisierten Kunst dar, auch der Lebenskunst."
    Sei der Friedrichstraße gegönnt nach der Umgestaltung mit Abrissbirne in Folge der Maueröffnung.
    Vergleiche dazu auch den moderneren Phoneur ebenda und die femininen oder inklusiveren Begriffe :)
    wikipedia.org/wiki/Flaneur

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