Interview | Landesseniorenbeauftragter Brandenburg - Warum die Geburtenraten der 1990er Jahre jetzt ein "demographisches Echo" haben

Fr 22.10.21 | 18:59 Uhr
  11
Mann und Frau gehen mit Rollstuhl und Gehstock spazieren; Quelle: McPHOTO/E.Wodicka/imago/blickwinkel
Audio: rbbKultur | 23.10.2021 | Interview mit Norman Asmus | Bild: McPHOTO/E.Wodicka/imago/blickwinkel

Brandenburg altert schneller als jedes andere Bundesland – rund ein Viertel der Bevölkerung ist 65 Jahre und älter. Woran das liegt und vor welchen Herausforderung Land und Leute stehen, sagt der Landesseniorenbeauftragte Asmus im Interview.

rbb: Herr Asmus, wie wird sich der Anteil der Älteren in Brandenburg in den nächsten 20 Jahren entwickeln?

Norman Asmus: Laut einer neuen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamtes wird der Anteil der Älteren an der Bevölkerung in Brandenburg auch weiter zunehmen. Demnach wird bis 2030 jede und jeder Dritte in Brandenburg zu dieser Altersgruppe 65 plus gehören. Das sind 130.000 Menschen mehr als heute. Aber wichtig ist mir immer auch an dieser Stelle zu sagen: Es ist natürlich auch eine Lebensspanne, die immer vielfältiger wird und wo wir vom 65- bis zum 100-Jährigen alles mit dabei haben, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen.

Infos im Netz

Woran liegt es, dass Brandenburg schneller altert als der Rest von Deutschland?

Da schauen wir uns auch die Entwicklung an, die wir nach der Wende zu verzeichnen hatten. Zunächst haben wir festgestellt, dass die Lebenserwartung steigt. Demografisch gesehen gab es in den 1990er Jahren eine der weltweit geringsten Geburtenraten aufgrund der Umbrüche, auch in den Biografien vieler Frauen und Männer in Brandenburg. Denn die Frauen, vor allem Mütter, die damals nicht geboren wurden, haben wir ja heute nicht.

Insofern sorgt das für ein demografisches Echo. Und deswegen ist der Anteil der Älteren hoch, weil es weniger Jüngere gibt. Hinzu kommt sicher auch die Wegzugbewegung in Richtung der alten Bundesländer auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive, auch in diesen 1990er Jahren. Wir haben zwar heutzutage ganz andere Bedingungen, aber das schlägt sich dort eben noch nieder.

Die Studie hat Altersarmut als eine wachsende Herausforderung in Brandenburg ausgemacht. Wie sieht die finanzielle Situation der Älteren im Moment aus?

Wir müssen dabei unterscheiden und differenzieren. Wir haben die Bestandsrentnerinnen und - rentner, die schon länger eine gesetzliche Rente beziehen. Und da sieht die Situation vergleichsweise gut aus. Bei den Neurentnerinnen und Neurentnern sehen wir aber, dass die Rentenzahlbeträge sinken. Knapp die Hälfte dieses Personenkreises bezieht eine Rente unter 1.000 Euro.

Aber Sie erwarten, dass die Altersarmut in Brandenburg zunehmen wird.

Ja, wir sehen das eben jetzt schon teilweise bei Neurentnerinnen und Neurentnern. Diese unterbrochene Erwerbsbiografien nach 1989 haben dazu geführt haben, dass auch in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit viele die Rentenbeiträge nicht erwirtschaften konnten, die ihnen heute eine auskömmliche Rente ermöglichen könnte. Und wir haben eine Zeit hinter uns, wo es auch viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse gab, wo praktisch wenig verdient wurde, wo befristete Jobs an der Tagesordnung waren. Das schlägt sich natürlich alles als Lebensarbeitsleistung in der Rente nieder. Insofern ist klar, dass das eben auch dazu führt, dass Rentenzahlbeträge sinken.

Nur etwa 1,3 Prozent der über 65-Jährigen in Brandenburg beziehen die Grundsicherung. Sie gehen davon aus, dass 40 bis 60 Prozent der Berechtigten das gar nicht beantragen. Warum ist das so?

Das kann man erst einmal nur vermuten. Dabei haben wir vier Aspekte gefunden, die eine Rolle spielen. Zum einen denkt man, man bekommt nicht viel über die Grundsicherung im Alter, um dann das eigene Einkommen aufzubessern. Vielleicht ist es auch teilweise gar nicht so bekannt. Viele haben auch Angst, dass ihr Vermögen, zum Beispiel der Immobilienbesitz, den sie selbst nutzen, auch in die Berechnung mit einbezogen wird.

Und natürlich ist es - wie so oft in Deutschland - ein bürokratisches Antragsverfahren. Diese Bürokratie scheuen auch die Älteren, die sich oft in ihren bescheidenen Verhältnissen einrichten. Ein weiterer Aspekt ist natürlich, dass sie befürchten, wenn sich das herumspricht, dass sie stigmatisiert sind und über sie geredet wird. Das spielt auch als weicher Faktor eine Rolle.

Was wollen Sie tun, damit die Menschen auch das Geld bekommen, das ihnen zusteht?

Wir brauchen niedrigschwellige Angebote, um den Weg zum Amt zu ebnen, den viele erst mal scheuen. Wir müssen zu den Orten, wo die Älteren sich ohnehin aufhalten: im Seniorenclub oder im Mehrgenerationenhaus. Dass man dort eben auch solche Angebote mit hineinbringt, die einen von der Information über die Beratung bis zur Antragstellung helfen, die nicht unkompliziert ist. Da haben wir einen guten Ansatz, indem wir eben gerade die 36 Mehrgenerationenhäuser im Land auch zu Familienzentren ausbauen, um einkommensschwache Familien zu Leistungen, die ihnen zustehen, zu beraten. Das gleiche können wir auch für die Älteren anbieten, die den Weg ins Mehrgenerationenhaus finden.

Armut definiert sich nicht nur durch den Mangel an Geld, sondern auch durch den Mangel an Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Viele Ältere, die auf dem Land leben, haben schon wegen der schwierigen Infrastruktur kaum Möglichkeiten, daran teilzunehmen. Welche Ideen gibt es, um Ältere zu unterstützen?

Eine Idee ist uns natürlich in der Corona-Zeit bewusst geworden, wo vieles nicht mehr ging, was man gewohnt war, auch bei den Kontakten. Da hat uns noch mal das Thema Digitalisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen ereilt. Warum sollen immer die Älteren dorthin fahren, wo sie sozusagen dann Dienstleistungen in Anspruch nehmen? Warum können nicht ihre Daten reisen und ihnen diese Wege abnehmen?

Dazu gehört meinetwegen auch der Gang zum Amt, der digital erfolgen kann. Da wird man jetzt intensiv weiter daran arbeiten, dass das einfacher als bisher möglich ist. Auch Bereiche wie Telemedizin spielen dabei eine Rolle, die Sprechstunde beim Arzt digital wird sicher über kurz oder lang mit dazugehören. Und diese Aspekte können wir dann auch stärker ausbauen.

Viele Ältere sind schon digital unterwegs. Aber viele sind auch skeptisch gegenüber dieser Entwicklung. Und da möchte ich mit niedrigschwelligen Weiterbildungsangeboten dafür sorgen, dass sie bei den ersten Schritten begleitet werden.

Aber bei aller Digitalisierung muss ich auch sagen, ein analoger Weg ist weiterhin wichtig, und muss weiterhin bestehen. Insofern brauchen wir natürlich auch an anderer Stelle wie beim öffentlichen Personennahverkehr Angebote, die die Älteren dorthin bringen, zum Beispiel mit Rufbussen.

Experten fordern das Renteneintrittsalter flexibler zu gestalten. Was halten Sie als Landesseniorenbeauftragter davon?

In der derzeitigen Situation, wo wir uns noch mitten in der Anpassungsphase an die Rente mit 67 Jahren befinden, die noch bis 2031 laufen wird, ist das aus meiner Sicht verfrüht. Wir müssen erst diese Entwicklung noch abwarten und schauen, wie sich das reale Eintrittsalter entwickelt. In der Studie finden wir die Angabe, dass trotz der schrittweisen Erhöhung weiterhin die Menschen oftmals mit 64 Jahren in Rente gehen. Insofern hätte für mich das den Beigeschmack, dass man eben eine verdeckte Rentenkürzung an dieser Stelle eben auch vornehmen würde.

Wenn die Menschen dann eigentlich länger arbeiten sollen, aber tatsächlich, aus welchen Gründen auch immer, früher und mit Abschlägen in Rente gehen. Das kann keiner wollen. Es gehört dazu, dass wir anerkennen, dass es viele Berufe gibt, wo man eben aufgrund der schweren Arbeit körperlich auch nicht so lange arbeiten kann. Das muss alles mit berücksichtigt werden. Insofern sollte man immer auch bei dem Thema Rente vorsichtig agieren und das alles gut überlegt umsetzen.

Was fordern Seniorinnen und Senioren, die Sie im Rahmen ihrer Arbeit treffen?

Eine grundlegende Idee wäre, dass wir sagen, wir brauchen an dieser Stelle schon in den Erwerbszeiten gute Arbeit also, das heißt die Grundlage für die Rente werden doch eigentlich auch im Berufsleben gelegt. Und da ist es eben auch wichtig, dass wir gute sozialversicherungspflichtige Beschäftigung haben, dass die Zeit der prekären Jobs vorbei ist und dass an dieser Stelle auch tarifliche Entlohnung und ein auskömmlicher Mindestlohn greift. Von daher sollten wir alles dafür tun, dass wir gute Beschäftigungsverhältnisse haben.

Das Interview mit Norman Asmus führte Vera Kröning-Menzel, rbbKultur.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das Gespräch können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbbKultur, 23.10.2021, 19:03 Uhr

11 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 11.

    Machen wir uns nichts vor, die Rente ist ein staatliches Schneeballsystem. Wir brauchen immer mehr Einzahler für immer mehr Rentner. Wenn diese immer mehr Einzahler ins Rentenalter kommen, brauchen wir dafür noch noch mehr Einzahler, wenn die dann Rentner werden noch noch noch noch mehr Einzahler. Das ist das Wesen eines Schneeballsystems. Zudem werden immer mehr Rentenansprüche erfunden, die durch die Rentenkasse mitfinanziert werden müssen.
    Das jetzt Beamte einzahlen sollen führt zu was? Wenn die dann Rente bekommen, dann auch aus diesem Topf da hat man rein gar nichts gewonnen außer ein paar Jahre den Leuten in die Taschen gelogen.
    Wenn die Rentenkasse nicht endlich wieder NUR ihre Aufgaben wahrnimmt, kommt irgendwann der Knall.

  2. 10.

    Die fleißigen Einzahler müssen weiter belohnt werden, weil nur so motiviert wird, Rentenbeiträge zu zahlen statt Chill-Lebensformen zu honorieren. Deshalb macht es Sinn, dass Renteneintrittsalter ganz abzuschaffen und die Lebensarbeitszeit auf 40-45 Jahre festzulegen. Das wäre auch gerecht gegenüber einem Dachdecker und dem Studierten.

  3. 9.

    Nicht alle Rentner leiden an einer Makuladegeneration. Der normale Alterungsprozess ist nun einmal nicht zu ändern. Ihre Darstellung klingt nach einem düsteren und traurigen Dasein. Kenne keine Älteren, die sich deshalb so trostlos äußern. Selbst ein Schwerbehinderter muss hier schmunzeln, denn die Differenzierung alter Menschen auf altersbedingte Veränderungen ist einfach nur Klischee und Sie können sich vielleicht damit identifizieren, mein herzliches Beileid.

  4. 7.

    wie wäre es mit ÖPNV, Ärzte, Schulen, Kitas? Dann kommen auch die jungen Leute. Berlin ist überfüllt!

  5. 6.

    Die Lebenswirklichkeit der alten Menschen ist allen in Regierung und Ämtern unbekannt.
    Alte Menschen sind:
    - nicht mehr beweglich (Knie, Hüfte, Rücken, HÄNDE, Füße). Wege und schleppen (auch zum Bus) sind daher tödlich.
    - sehen schlecht (Star, Makula Degeneration, Optiker/Arzt weit weg), können keine Mini-Formular/Überweisung mehr ausfüllen, online sehen sie nicht besser!
    - nicht mobil (Auto teuer, sehen schlecht, kein Führerschein)
    - entsprechen geistig nicht mehr den (gestiegenen/neuen) Anforderungen. Online Termine buchen mit Handy pay? Kein Smartphone (sehen, Beweglichkeit, neue Technik), kein Termin (impfen, Teilhabe, selbst Freibad)
    - werden nicht ernst genommen, z. B. von 20jährigen Callcenter Mädels in Kroatien für Versicherungen, Impfzentren, Ämter, weil die Punkt 1-4 nicht kennen.
    - sind höflich statt fordernd und frech, gehen also unter.

    Hinzu kommt NULL Infrastruktur in Brandenburg, keine Öffis. Keine Geschäfte, keine Ärzte. Nix.

  6. 5.

    Nicht nur dem Trubel auch den teuren Mieten und wenn ohr Kiez gentrifieziert wird, der alte Halt zerschlagen wird. Man hofft auf dem Dorf wird es wieder besser, lebt da aber lange als der Zugereiste und wird auch ausgegrenzt.

  7. 4.

    Man sollte allerdings auch nicht vergessen, dass sehr viele ältere Menschen von Berlin nach Brandenburg gezogen sind, um dem Trubel hier zu entgehen. Ich kenne selbst viele ältere Leute, die nach Brandenburg gezogen sind.

  8. 3.

    Schade dass sich keine Partei traut das Rentenproblem mal richtig anzugehen. Das ist eine tickende Zeitbombe.

  9. 2.

    Überalterung. Im Prinzip ein Todesurteil für jedes Land.
    Die fehlende Einwanderung hätte er auch als Ursache nennen müssen.

  10. 1.

    Digitalisierung auf dem Lande für Ältere? Ok, wann gibt es in jedem Dorf ein brauchbares Netz? Das ist häufig finster!! Und wer arm ist, hat auch kein Geld für neue Endgeräte, die halten nämlich nicht ewig. Und wer Parkinson hat und schlecht sieht, wird auch mit Tastaturen ein Problem haben.

Nächster Artikel