Beisetzung von Neonazi in Friedlaender-Grab - Kirche plant Gedenkstätte für jüdischstämmigen Musikwissenschaftler

Das Grab von Max Friedlaender (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
dpa/Jens Kalaene
Audio: Inforadio | 14.10.2021 | Interview mit Marion Gardei | Bild: dpa/Jens Kalaene

Die Beisetzung eines Neonazis im Grab des jüdischstämmigen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender hatte für Empörung gesorgt. Die Evangelische Kirche bemüht sich nun, diese "falsche Entscheidung" zu "heilen", so eine Kirchenbeauftragte.

Nach der Beisetzung eines Neonazis im ehemaligen Grab eines jüdischstämmigen Musikwissenschaftlers ist die evangelische Kirche um Wiedergutmachung bemüht.

Für Max Friedlaender (1852-1934) solle eine würdige Gedenkstätte unter Einbeziehung seines Grabsteins geschaffen werden, sagte die Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Marion Gardei, am Donnerstag im Inforadio von rbb. "Und wir wollen das Leben dieses Menschen erforschen und wollen damit ein bisschen die falsche Entscheidung zu heilen versuchen."

Kirche strebt Umbettung des Neonazis an

In Bezug auf eine mögliche Umbettung der Urne des Neonazis würden die rechtlichen Möglichkeiten derzeit geprüft. "Was machbar ist, das werden wir tun", so Gardei. Mit einer Umbettung müssten aber auch die Angehörigen einverstanden sein. Der evangelische Bischof Christian Stäblein hatte sich am Mittwoch im rbb für eine Umbettung ausgesprochen.

Der Holocaust-Leugner Henry Hafenmayer wurde am Freitag auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) auf der ehemaligen Grabstätte Friedlaenders beigesetzt. Das Grab des jüdischstämmigen Protestanten war seit 1980 für Neubelegungen freigegeben.

"Wir hätten mit größerer Sorgfalt natürlich prüfen müssen, wer dieser Henry Hafenmayer ist", sagte Gardei. Die Friedhofsverwaltung habe leider erst spät verstanden, dass sich die Grabstätte von Max Friedlaender nicht dafür eigne, einen Holocaust-Leugner beizusetzen.

Gardei: Friedhof wird gerne von Rechtsextremen genutzt

Es sei schwierig, die Lebensläufe aller Menschen zu prüfen, deren Angehörige einen Antrag auf eine Grabstätte stellen, sagte Gardei: "Aber hier ist es ja ein bekannter Holocaust-Leugner und das hätte ins Auge fallen müssen, dass das so nicht geht". Gardei erklärte, dass der Bischof den schweren Fehler auch eingeräumt und sich entschuldigt habe.

An eine gezielte Provokation des Friedhofsverwalters glaubt Gardei nicht. Der Friedhof werde jedoch offenbar gerne von Rechtsextremen genutzt. Hintergrund ist, dass es auf dem Friedhof Stahnsdorf viele Kriegsgräber gibt. Die Kirche habe aber gemeinsam mit dem Staatsschutz Demonstrationen auf dem Gelände immer verhindern können, so Gardei. Der Friedhof arbeite nun mit Hochdruck an einer Lösung. Er bemühe sich darum, Friedlaender eine dauerhafte Gedenkstätte zu ermöglichen.

Die Beisetzung hatte bundesweit für Empörung gesorgt, unter anderem beim Zentralrat der Juden in Deutschland, bei der Bundesregierung sowie beim Berliner Senat und der Brandenburger Landesregierung. Der Antisemitismusbeauftragte von Berlin, Samuel Salzborn, erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt unter anderem wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe.

Sendung: Inforadio, 14.10.2021, 10:05 Uhr

14 Kommentare

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  1. 14.

    Danke für die Information. Somit erklärt sich auch die anspruchsvollere Gestaltung der Friedhofskapelle.

  2. 13.

    Normalerweise besagt die Friedhofsordnung, dass nach der Ruhezeit von z. B. 20 Jahren die Grabstätte völlig zu beräumen ist-einschließlich Grabstein. Es ist aber möglich durch entsprechende Zahlung den Erhalt weiter zu gewährleisten. Ist denn niemand auf den Grabstein aufmerksam geworden ?

  3. 12.

    Die Frage stelle ich mir um diese unappetitliche Posse auch die ganze Zeit. Es kann niemand versehentlich ins Grab eines Anderen bestattet werden, wenn es nicht ein Angehöriger ist und es sich um ein Familiengrab handelt. Es kann sich also nur um ein ehemaliges Grab handeln bzw. eine Stelle, an der sich früher ein Grab befunden hat. Diese ganze Posse hätte sich leicht verhindern lassen, wenn das Grab dieser jüdischen Persönlichkeit niemals freigegeben worden wäre. Es wäre der Evangelischen Kirche ein leichtes gewesen, diese Stelle zum Ewigkeitsgrab zu ernennen. Hat man wohl aus finanziellen Erwägungen nicht getan. Jetzt die Friedhofsverwaltung verantwortlich machen zu wollen, ist Heuchelei. Es ist praktisch unmöglich, jeden zu Beerdigenden einem Hintergrundcheck zu unterziehen, allein schon weil sich erst hinterher eine extremistische Haltung herausstellen kann. Zum Teil ist es sogar unzulässig. Es sollte mit dem ehemaligen Grabstein eine neue Gedenkstätte eingerichtet werden.

  4. 11.

    Wie lange zählt denn eine Grabstätte als Grabstätte? Sie war freigegeben, es befanden sich keine sterblichen Überreste mehr darin. Es ist also dann offiziell keine Grabstätte mehr, oder? Bleibt da der Grabstein trotzdem stehen? Oder wird er entfernt? Wer müsste das dann machen? Weiß das jemand?

  5. 10.

    Die evangelische Kirche muss ihre Werte, für die sie steht, dringend hinterfragen. So etwas darf nicht geschehen und erst recht nicht unter dem Deckmantel der angeblichen Unwissenheit,

  6. 9.

    Das dachte ich auch erst nach dem Lesen des ersten Artikels zu dem Thema am Montag.
    Aus dem Bericht von gestern geht aber hervor, dass den Hinterbliebenen des Neonazis das Grab von Professor Friedlaender von der Kirche zugewiesen wurde - die ihrerseits damit jüdische Gräber in zentralerer Lage des Friedhofs schützen wollte. Im Bestattungsregister war Max Friedlaender als evangelisch gelistet gewesen.
    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2021/10/friedhof-stahnsdorf-neonazi-grab-juedischer-musikwissenschaftler-umbettung-ehrung.html

  7. 8.

    Danke für die Info!

    https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdwestkirchhof_Stahnsdorf#Folgen_des_Umbaus_von_Berlin_ab_1938

  8. 7.

    Sie haben nichts verstanden. Oder wollen...

    "Aber hier ist es ja ein bekannter Holocaust-Leugner und das hätte ins Auge fallen müssen, dass das so nicht geht". Gardei erklärte, dass der Bischof den schweren Fehler auch eingeräumt und sich entschuldigt habe."

  9. 6.

    Das der Friedhof in diesen Kreisen beliebt ist liegt nicht an den Kriegsgräbern, die gibt es auf anderen Friedhöfen viel häufiger und die Personen auch leider in den Reihen prominenter. Hauptgrund wird eher die Rolle Stahnsdorfs bei der Germania-Planung sein. Hierhin wurden die ersten wichtigen Gräber der Stadt hinverlegt, die bei den Wegstrecken und Bauwerken im Weg waren. Dadurch sollte der Kirchhof ein Zentraler Begräbnisplatz werden.

  10. 5.
    Antwort auf [Habenicht] vom 14.10.2021 um 18:09

    Menschen ja, menschenverachtende Nazis nein.

  11. 3.

    Na das sehe ich ein bisschen anders. Ich denke mal, das man diese Grabstätte bewusst ausgesucht hat, um ein bisschen Aufregung zu erhaschen? Schlimm was hier passiert ist.

  12. 2.

    Die Grabstätte seit 1980 frei? Hab ick das richtig gelesen?
    Also weshalb so ein Aufstand? Muss man jetzt auch schon auf sowas achten, wenn man das Zeutliche segnet?

  13. 1.

    Anläßlich dieser Diskussion habe ich mich mit dem mir bis dato, ich muß es gestehen, unbekannten Friedländer, ich bin auch nicht sehr musikalisch, und seinem Leben und Wirken beschäftigt. Er war ein sehr verdienstvoller Mensch, der das alte deutsche Volksliedgut mit seinen umfangreichen Forschungen wieder in das Bewußtsein der Menschen rückte und es ist bedauerlich, dass die Verantwortlichen für diese Grabstätte keinen Pfennig übrig hatten, um die Liegezeit zu verlängern. Wie die f'riedhofsordnung ausweist, beträgt sie 20 Jahre und wäre mithin 1954 abgelaufen,

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