SUV-Unfall auf Berliner Invalidenstraße - "Man muss noch immer sehr vorsichtig sein, wenn man hier über die Straße geht"

Mi 27.10.21 | 06:07 Uhr | Von Oda Tischewski
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Ehemalige Unfallstelle Invalidenstraße, Ecke Ackerstraße (Quelle: rbb/Tischewski)
Bild: Audio: Inforadio | 27.10.2021 | Oda Tischewski

Vor rund zwei Jahren erschütterte ein schrecklicher SUV-Unfall mit vier Toten Berlin. Seither wurde die Invalidenstraße zur Tempo-30-Zone erklärt, Poller begrenzen den Radweg. Wirklich sicher fühlen sich jedoch nicht alle. Ein Vor-Ort-Besuch.Von Oda Tischewski

Zwei halb überwucherte weiße Pappfiguren stehen noch zwischen Gestrüpp und Bauzaun an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße in Mitte. Auf einer langgestreckten, flachen Holzwanne finden sich vereinzelte Topfpflänzchen.

"Hope" hat jemand an den Zaun gesprüht, ein wenig von der gelben Farbe hat auch die beiden Figuren erwischt. Ursprünglich waren es einmal vier, eine für jeden der vier Menschen, die bei dem schrecklichen Unfall im September 2019 hier starben.

Sogar in Frankreich hätten die Zeitungen über den Unfall berichtet, erzählt eine Deutsch-Französin aus der Nachbarschaft, die gerade an der Ampel wartet. Jedes Mal, wenn sie hier stünde, denke sie an den Unfall. "Wir Anwohner schauen auch immer nach dem kleinen Gedenkort, dass Blumen da sind, und dass die Baustelle hier das Gedenken nicht verschwinden lässt. Darüber gibt es auch immer wieder spontane Gespräche an der Ampel, das beschäftigt uns."

Für ein offizielles Mahnmal hat das Land Berlin erst im kommenden Jahr Geld eingeplant.

Anwohner sind nach wie vor verunsichert

Seit dem Unfall vor etwas mehr als zwei Jahren, ist hier an der Kreuzung viel passiert: Die Invalidenstraße ist zur Tempo-30-Zone erklärt worden, ein breiter, mit Pollern abgegrenzter Radweg ersetzt nun den Parkstreifen.

Wirklich sicher fühlen sich aber nicht alle. "Man muss noch immer sehr vorsichtig sein, wenn man hier über die Straße geht", berichtet eine ältere Dame, die mindestens zweimal pro Tag hier vorbeikommt. "Man darf nicht einfach bei Grün über die Fußgängerampel gehen, sondern man muss ganz bewusst schauen, kommt nicht wieder ein Auto aus der Ackerstraße und überfährt die rote Ampel. Das ist für mich wirklich jeden Tag sehr unangenehm."

"Es ist ein langsamer Lernprozess"

Wer mit dem Rad unterwegs ist, sieht aber durchaus Fortschritte zur Situation vor dem Unfall: "Ich fahre normalerweise Rennrad und dadurch, dass hier jetzt keine Autos mehr stehen, sieht man sowohl als Radfahrer als auch als Fußgänger besser, und man wird auch gesehen", sagt eine Anwohnerin.

Zwischen den Pollern, die Radstreifen und Fahrbahn trennen, gibt es allerdings weite Lücken. Immer wieder nutzen Autofahrer daher auch den Radweg, wenn sie mal eben noch vor der Tram durchschlüpfen wollen. Und auch an das Tempo-30-Gebot halten sich nicht alle. "Es ist ein langsamer Lernprozess", glaubt ein Anwohner. "Früher habe ich spaßeshalber immer gesagt, der gefährlichste Teil meines Lebens ist, hier über die Straße zu gehen. Das ist jetzt nicht mehr so, aber es dauert eben, bis sich alles eingespielt hat."

Prozess gegen Unfallverursacher

Aber auch Tempo 30 und ein Radweg mit mehr Pollern hätten den Unfall im September 2019 wahrscheinlich nicht verhindern können: Mittlerweile ist bekannt, dass der SUV-Fahrer von seiner Epilepsie wusste. Erst einen Monat vor dem Unfall hatte er eine Gehirn-OP – mehrere Ärzte hatten ihm gesagt, dass er nicht sicher fahren könne. Am 6. September 2019 setzte er sich dennoch hinters Steuer.

An der Kreuzung scherte er aus einer Kolonne wartender Autos aus und wollte vorbeiziehen, als der Anfall einsetzte und er auf auf den Bürgersteig raste. Vier Menschen starben, unter ihnen ein dreijähriger Junge und seine Großmutter.

Nun steht der Mann vor Gericht, wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs.

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Sendung: Inforadio, 27.10.2021, 11:55 Uhr

Beitrag von Oda Tischewski

23 Kommentare

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  1. 23.

    Falsch. Sie meinen Geländewagen, SUV sind eher Freizeitgeräte. Die gibt es auch schon in der Kleinwagenklasse.

  2. 22.

    Und dann fehlt noch der Vergleich SUV - VW-Bulli: da können wir ja auf das Ergebnis gespannt sein...

  3. 21.

    #Mike, es ist immer wieder erstaunlich wie hier "fachmännisch" der Begriff SUV definiert wird.
    Diese sind anscheinend immer sehr groß, schwer, teuer und haben unheimlich viel PS. Aber nur ein sehr geringer Anteil der SUV erfüllt diese Anforderungen. Die allermeisten Fahrzeuge wird man in der Klein-und Kompaktklasse finden z.b. Suzuki Jimny oder VW T-Roc bzw. Tiguan. Und diese sind auch nicht für Wald und Forstwirtschaft konzipiert.
    Betrachtet man aber die Masse z.B. von E-Autos, könnte unter Einbeziehung der Geschwindigkeit von diesen möglicherweise ein höheres Gefährdungspotential ausgehen.
    Also SUV pauschal als "Killer" zu verteufeln zeugt nicht gerade von Sachverständnis.

  4. 19.

    Dann müssen auch alle Vans verboten werden. Die sind genauso breit und schwer wie ein SUV und meist noch höher und werden meist von Familien genutzt.
    Also nicht immer den gleichen links grünen populistischen Unsinn erzählen.

  5. 18.

    "Man muss noch immer sehr vorsichtig sein, wenn man hier über die Straße geht" , völlig falsche Aussage. Man muss IMMER vorsichtig sein, wenn man über die Straße geht. überall! Merkwürdiger Artikel an sich.

  6. 16.

    Dann müssten Sie auch Straßenbahnen verbieten, die sind außerdem noch größer und haben einen erheblich längeren Bremsweg - siehe die schweren Unfälle der letzten Tage ...

  7. 15.

    Fänden Sie es dann ebensowenig relevant zu erwähnen, ob jemand bei einer tätlichen Auseinandersetzung mit den Fäusten oder einem Messer schwer verletzt oder gar getötet wird?

    Meiner Meinung nach sollte es ruhig Erwähnung finden, dass SUVs aufgrund der Höhe ihrer Motorhaube speziell für Fußgänger eine besondere Gefahr darstellen, da eben nicht mehr die „Chance“ besteht, bei einem Frontalaufprall über den Wagen geschleudert zu werden, sondern Personen einfach direkt „übergemangelt“ werden. Zumindest bei geringeren Geschwindigkeiten dürfte das sehr wohl einen Unterschied machen.

    Darüber, dass man dieses Risiko mit dem Kauf eines solchen Autos in Kauf nimmt, darf gerne berichtet und somit auch darüber aufgeklärt werden.

  8. 14.

    SUV müssten für den Innerstädtischen Bereich eigentlich Verboten werden, da diese Fahrzeuge einfach zu groß und nicht überschaubar sind für alle anderen Verkehrsteilnehmer. Diese Fahrzeuge sind normalerweise für die Wald und Forstwirtschaft entwickelt worden und nicht für den normalen Straßenverkehr aber irgend ein Prolet hat es dann zur Straßen Karre gemacht und immer mehr sind auf den Zug aufgesprungen und die Autoindustrie Freund sich..... Hauptsache der Umsatz steigt.

  9. 13.

    Oh, da kann ich mich noch an ganz bestimmte Gerüche erinnern...

    ansonsten nicht ganz so ernst nehmen und andere Sichtweisen mitdiskutieren, das ist doch der Sinn hier...

  10. 12.

    Verkehrsforscher? Das Video zeigt deutlich, wer die Invalidenstr. mehrheitlich benutzt. Da macht wohl wieder einer die „Rechnung ohne den Wirt“, am Menschen vorbei? Und Verkehrserzieher haben wir schon genug. Das ist wie mit den Fußballtrainern... Und die Betroffenen in den parallel verlaufenden Straßen, wie Seller, Fenn und Reinhardtstr. werden sich dann bedanken, weil hin und wieder will einer über die Spree?

  11. 11.

    Darum geht es dich garnicht. Würden Sie auch so schreiben, wenn ihr Kind von einem zu schnell fagrenden SUV getötet würde? Es ist nun mal Fakt dass immer noch zu viele Menschen durch Raser verletzt oder getötet werden. Und es ist eine Tatsache, dass zu schnell gefahren wird. Und es ist ferner ein Fakt, dass allein in Berlin 5.500 km Strasse nebst Parkplätzen und Gewegparkern für das Auto reserviert sind. Freies gehen und radeln für freie Bürger wäre da doch mal was neues. Und Autofahrer darf ich auch sein; aber ich bin nicht das Maß aller Dinge

  12. 10.

    Man muss IMMER vorsichtig sein, wenn man eine Straße passieren will … Bitte in den Verkehrskindergarten zur Nachschulung gehen … Der nächste wird übrigens gerade Unter den Linden geplant.

  13. 9.

    Bin inzwischen auch dafür. Dann aber bitte wirklich, so wie Sie sagen, mit absoluter Konsequenz. Kein motorisierter Lieferverkehr mehr, Anwohner müssen ihr Fahrzeug gegen Fahrräder tauschen und alles mit Rad und ÖPNV erledigen. In Wahrheit geht es den meisten doch nur darum, fremde Fahrzeuge fernzuhalten, um mit dem eigenen besser und staufrei voranzukommen. Das ist purer Egoismus und keine Verkehrswende. Am Wochenende schwärmen genau diese Zeitgenossen massenhaft mit dem eigenen PKW in die Randbezirke und das Umland aus, akzeptieren es andersherum aber nicht. Macht den inneren S-Bahnring gerne zur weltgrößten Fußgängerzone mit Radwegen, aber dann ohne Wenn und Aber.

  14. 8.

    "Verkehrsexperte bemängelt Umbaumaßnahmen in der Invalidenstraße" vom 26.10201, 20:03
    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/av7/video-invalidenstrasse-berlin-unfall-radweg-tempolimit-verkehrsw.html

  15. 7.

    Dass es ein SUV war, hat möglicherweise mit der Schwere der Folgen zu tun, ist jedoch im Sinne einer neutralen, vorbehaltslosen Berichterstattung tatsächlich nicht relevant. Jedenfalls war es verantwortungslos von der betreffenden Person, in dem Zustand ein Fahrzeug im Straßenverkehr zu führen.

  16. 5.

    Die Tram ist dann attraktiv, wenn die Sitze nicht beschmiert sind, bei allen digitalen Endgeräten automatisch der Ton beim Einstieg deaktiviert wird, man sich auch im weißen Kleidchen sicher fühlen kann und ausgeschlossen ist, das kein VW-Bulli genau dann mit der Tram und dem von mir benutzten Sitz kollidieren kann, wenn ich drin sitze...

  17. 4.

    Es ist doch langsam ok! Sollen unsere Verkehrsforscher der Fraktion das Kraftfahrzeug ist das übel allen Böses doch ihr Recht bekommen! Dann bitte aber zu 100% mit allen Konsequenzen bitte! Kein kfz und auch kein abwandern der Unterstützer zum shoppen in die umliegenden Bezirke weil das lastenrad wieder nur 3 Kilo Butter zum edeka geliefert hat in der kfz freien Region! Und auch das 14 tägige warten bis ein Platz auf den lastenrad von DHL frei ist fürs Päckchen von Amazon sollte dann bitte dazu gehören! Los Last es und probieren in einem richtig schönen lebenswerten Kietz in Berlin das alle dort zu ihrem Wohl kommen aber bitte zu 100% und keine Ausnahmen mehr! Mal sehn wie lange die Blase funktioniert

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