100-Jähriger vor Gericht - Ehemaliger KZ-Wachmann von Sachsenhausen bestreitet Vorwürfe

Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann sitzt im Gerichtssaal. Der inzwischen 100-jährige Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen nahe Berlin wissentlich und willentlich Hilfe zur Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben, heißt es in der Anklage. Es gehe um Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen. Quelle: Fabian Sommer/dpa
Audio: Antenne Brandenburg | 08.10.2021 | Claudia Baradoy | Bild: Fabian Sommer/dpa

Der 100 Jahre alte Josef S. soll im Konzentrationslager in Sachsenhausen Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen geleistet haben. Vor dem Landgericht Neuruppin hat der angeklagte frühere KZ-Wachmann sich nun als unschuldig bezeichnet.

Der vor dem Landgericht Neuruppin in Brandenburg angeklagte ehemalige Wachmann des Konzentrationslagers (KZ) Sachsenhausen hat die Vorwürfe gegen ihn bestritten und sich für nicht schuldig erklärt. "Ich hab' doch da gar nicht in Sachsenhausen, ich bin unschuldig, weil ich das gar nicht kenn", sagte der hundertjährige Josef S. am Freitag.

Ihm wird Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen vorgeworfen. S. soll zwischen 1942 und 1945 "wissentlich und willentlich" Beihilfe zur Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben.

Zwei Zeugen schildern Ermordung ihrer Väter

Zuvor hatte der Mann auf Befragung des Vorsitzenden Richters Udo Lechtermann seine Kindheit und Jugend in Litauen und sein späteres Leben in Deutschland nach seiner Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft geschildert. Fragen zu der Zeit während des Zweiten Weltkriegs ließ der Anwalt des Angeklagten nicht zu. Rechtsanwalt Stefan Waterkamp hatte bereits am ersten Verhandlungstag am Donnerstag erklärt, dass sich sein Mandant zu den Vorwürfen nicht äußern werde.

Zwei Zeugen aus Frankreich und den Niederlanden schilderten im Prozess, wie ihre Väter als Widerstandskämpfer in Sachsenhausen ermordet worden seien. Christoffel Heijer aus dem niederländischen Leidschendam wandte sich danach direkt an den Angeklagten. "Ich könnte verstehen, dass Sie - von Angst getrieben - sich an dem Nazi-Vernichtungssystem beteiligt haben", sagte Heijer. "Aber konnten Sie nach dem Krieg ruhig schlafen, nachdem Sie so viel auf ihr Gewissen geladen haben?" Er wünsche sich, dass der Angeklagte verurteilt werde, sagte Heijer.

KZ Sachsenhausen war Ausbildungsort für Wachpersonal

Die Staatsanwaltschaft legt S. unter anderem die Beihilfe an der Erschießung von sowjetischen Kriegsgefangenen, an der Ermordung von Häftlingen durch den Einsatz von Giftgas und an der Tötung "durch die Schaffung und Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen" zur Last. Laut Angklage gehörte S. dem Wachbataillon des Lagers Sachsenhausen, in dem die SS ein großes Kontingent stationiert hatte, bis 1945 an. Das Lager nördlich von Berlin war ein Ausbildungsort für Wachpersonal und Kommandanten der Konzentrationslager im gesamten NS-Terrorsystem.

Der Prozess hatte am Donnerstag mit der Verlesung der Anklageschrift begonnen. S. ist einem Gutachten zufolge nur eingeschränkt verhandlungsfähig - für zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag. Wegen der Nähe zu seinem Wohnort findet der Prozess deshalb in Brandenburg an der Havel statt - und dort aus Platzgründen in einer Sporthalle.

Verhandlung bis Januar geplant

Insgesamt 22 Verhandlungstage sind bis Januar angesetzt. Nach Angaben des Gerichts sollen bei den nächsten Verhandlungstagen am 21. und 22. Oktober Polizeibeamte zu den Ermittlungen gegen den Angeklagten befragt werden.

Den Fall des früheren KZ-Wachmanns hatte die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg im April 2019 der Staatsanwaltschaft Neuruppin. Diese erhob dann im Januar dieses Jahres Anklage. In Deutschland gab es zuletzt bereits mehrere Prozesse gegen frühere Mitglieder von KZ-Mannschaften.

Sendung: Antenne Brandenburg, 08.10.2021, 15:30 Uhr

50 Kommentare

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  1. 50.

    Wirklich klare Kante wird gezeigt, wenn man Intoleranz und Respektlosigkeit gegen Jederman ablehnt, den Feinde sind bekanntlich austauschbar.

  2. 49.

    Das Erinnern an die deutschen Staatsverbrechen darf nie aufhören, damit sich dieser Mist niemals wiederholt. Angesichts von afd/npd und auch leerdenkern muss den Ewiggestrigen klare Kante gezeigt werden.

  3. 48.

    Was soll die sinnlose Aufregung und das Angiften hier? Ich gebe Tom (BerlinFreitag, 08.10.2021 | 18:44 Uhr) 100% Recht. Erstens: Mord verjährt nicht und das ist gut so. Zweitens: die meisten Deutschen waren Führergläubig, unterstützten das Unrecht durch fehlende Zivilcourage. Andere praktizierten Zivilcourage mitten in der NS-Zeit https://www.tagesspiegel.de/kultur/75-jahre-proteste-in-der-rosenstrasse-wie-man-moerder-stoppt/21006464.html
    Und von den DDR-Grenzern hielt sich nicht jeder an den Befehl, Grenzverletzer mit der Waffe zu vernichten, sondern zielten bewusst daneben, bzw. schossen garnicht. Und hatten soviel Arsch in der Hose, dafür Militärknast in Schwedt in Kauf zu nehmen. Neben Schindler gab es viele couragierte Deutsche, die Juden versteckten, ihnen gefälschte Pässe zukommen ließen usw. Diese couragierten Leute wussten ganz genau, was ihnen drohen konnte. Auch in der DDR gab es viele mutige Widerständler (vom Regime als Konterrevolutionäre abgestempelt).

  4. 47.

    1. Gründe n i c h t zu hinterfragen ist dumm. Ich bin sicher, auch das Gericht wird nach Gründen suchen.
    Es tut mir aber sehr leid, dass Sie meinem Vergleich nicht folgen konnten.

    2. Nicht jeder war das verbrecherische Monster, dass Sie gerne sehen würden.

    3. Was Sie mir abnehmen oder nicht, ist Ihre Angelegenheit und tut hier nichts zur Sache.

    4. Ich suche Erklärungen, keine Ausreden. Sozialisierung spielt immer eine Rolle.
    Insbesondere dann, wenn es sich bei dem Beschuldigten zum Tatzeitpunkt um einen Jugendlichen oder
    Heranwachsenden handelte. Nicht umsonst ist das Verfahren vor der Jugendkammer angesetzt.
    Im übrigen haben Sie Ihre Kreise, ich die meinen.

  5. 46.

    "Es gab Zeiten, da durfte man nur Medizin studieren, wenn man sich "freiwillig" für 3 Jahre
    zur Armee meldete. Kennen Sie die Gründe, aus denen er in die SS eingetreten ist? Ich nicht."

    Man ist f-r-e-i-w-i-l-l-i-g in die Waffen SS eingetreten, dazu wurde er nicht gezwungen. Sie benutzen dumme Ausflüchte ohne Zusammenhang.

    "Sie sollten das Urteil ("Verbrecher")nicht vorwegnehmen. " Die SS ist eine Aufgrund ihrer Beteiligung am Holocaust, am Porajmos und an zahlreichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die zivile Bevölkerung wurde sie 1946 vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zur verbrecherischen Organisation erklärt.

    "m übrigen habe ich selbstverständlich Mitleid mit den Opfern der NS-Zeit. " Ich nehme ihnen diese Heuchelei nicht ab.

    "...den Großteil seiner Kindheit im 3.Reich sozialisiert wurde,..." Sie benutzen die feigen Ausreden dieser Verbrecher nach dem Krieg. Warum wohl? Weil es bis heute in gewissen Kreisen eine Kontinuität gibt.

  6. 45.

    "Die Neunmalklugen wären sicher nicht freiwillig in die SS eingetreten. "

    Es gab Zeiten, da durfte man nur Medizin studieren, wenn man sich "freiwillig" für 3 Jahre
    zur Armee meldete. Kennen Sie die Gründe, aus denen er in die SS eingetreten ist? Ich nicht.

    "Warum haben Sie mehr Mitleid mit Verbrechern als mit deren unschuldigen Opfern?"

    Sie sollten das Urteil ("Verbrecher")nicht vorwegnehmen.
    Im übrigen habe ich selbstverständlich Mitleid mit den Opfern der NS-Zeit.
    Ich habe aber auch Mitleid mit einem Hundertjährigen, der voraussichtlich nicht mehr viel Lebenszeit hat, der
    den Großteil seiner Kindheit im 3.Reich sozialisiert wurde, dem man nach 75 Jahren kaum noch eine individuelle
    Schuld -so er sie dann auf sich geladen hat- wird nachweisen können, und falls doch, den man sowieso nicht mehr
    angemessen verurteilen kann und dessen eventuelle Verurteilung den toten Opfern nichts mehr bringt.


  7. 44.

    "An die Ostfront in eine Strafkompanie. Lebenserwartung: Wenige Tage. Praktisch ein Todesurteil.
    Jede Wette, dass sich bei diesen Aussichten keiner der Neunmalklugen hier einem Befehl widersetzt hätte."

    Nein, keine Strafdivision, wie es korrekt heißt. Eine Strafkompanie ist etwas anderes. Die Einweisung von Häftlingen in die Strafkompanie gehörte im KZ Auschwitz zu den schwersten Lagerstrafen.

    Sie wissen also nicht einmal von was sie hier schreiben. Strafdivisionen sind 41/42 aufgestellt worden, weil man selbst die "Wehrunwürdigen" noch als Kanonenfutter brauchte.

    Dem wäre aber ein Urteil vorhergegangen. Das aber wollten die Nazis unter allen Umständen vermeiden. Wie gesagt, es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall einer Verurteilung.

  8. 43.

    "Hätten wir alle aber damals wirklich Widerstand geleistet?"

    Natürlich nicht. Sonst hätte das alles ja nicht so stattfinden können.
    Ich finde es auch mit dem Abstand von heute ein bisschen großm...weit aus dem Fenster gelehnt, so zu tun als ob man damals auf jeden Fall beim Widerstand gewesen wäre.
    Aber: es gilt (also für mich...), was ich um 10.30 geschrieben habe.
    Man kann nicht die Einzelnen aus der Verantwortung nehmen. Das ist moralisch einfach nicht und in keiner Form zu legitimieren.

  9. 42.

    Meine 33 geborene Mutter erzählte mir, dass sie als Kind das Einfahren von Lastwagen noch in Erinnerung hat, mit denen Menschen „abgeholt“ wurden. Auf ihre laute Frage einmal, was denn da passiere, wurde sie von ihrer Mutter mit Schrecken zurechtgewiesen. Meine Mutter war überzeugt, dass ihrer Mutter klar war, dass großes Unrecht passierte, jedoch nicht, dass dies solche Ausmaße und das Ziel der systematischen Ermordung hatte. Dennoch ging alles mit Schweigen oder schweigendem Einverständnis der Bürger. Der Wachmann hier hatte die Todesmaschinerie direkt vor Augen, half, die Opfer dafür einzupferchen. Wenn ich jemandem quasi ein Gewehr vorhalte und drohe, bin ich dann nicht verantwortlich? Wenn mein Kind, meine Eltern vergast, zu Tode gearbeitet wurden, reicht es, dass über Unrecht geschrieben wird, die Täter jedoch lebenslang davonkommen? Wenn ich an die 96jährige denke, die aus dem Heim flüchtete, war der das sehr wohl bewusst.

  10. 41.

    Die Neunmalklugen wären sicher nicht freiwillig in die SS eingetreten. Warum haben Sie mehr Mitleid mit Verbrechern als mit deren unschuldigen Opfern?

  11. 40.

    Es gab zu dieser Zeit unendlich viele Grausamkeiten, die letztlich als Beihilfe zum Mord gewertet werden können, wenn nicht rechtlich, dann mindestens moralisch. Es waren eben nicht nur die Wachleute auf den Lagertürnen. Es waren auch all die Eisenbahner, die Menschenmassen in Viehwagons ins Lager fuhren aber niemals welche heraus, oder zumindest dabei zusahen. Es waren die Polizisten, die die Juden auf die Transporte schickten und sie dafür zusammentrieben. Es waren die Nachbarn, die die Opfer anschwärzten oder verpuffen, damit diese auf Nimmerwiedersehen verschwanden, damit man sich ihr Mobiliar unter den Nagel reißen konnte. Es waren die Grenztruppen, die aufpassen, dass niemand diesem Mordsystem ins Ausland entkam. Es waren aber auch Unzählige, die von den Lagern wussten und trotzdem still hielten, um nicht selbst zum Opfer zu werden. Wir waren ein Land voller Mordhelfer. Hätten wir alle aber damals wirklich Widerstand geleistet?

  12. 39.

    "Sie wollen die Kritik an Mitarbeitern einer Massentötungsmaschine ("KZ") als neumalklug abtun?"

    Bitte lesen Sie das Zitat von "Werner" und meinen Kommentar dazu.
    Dann wissen Sie, was ich als "neunmalklug" abtun möchte.

  13. 38.

    Würden Sie das auch sagen, wenn ihre Familie abgeschlachtet worden wäre? Das Opfer zählt in ihrer Welt wohl nichts. Aber viel Verständis fur die ach so hilflosen Täter, die ja nicht anders konnten.....

  14. 37.

    Sie können belegen, dass je einer deshalb in eine Strafkompanie versetzt wurde? Zudem ist er freiwillig zur SS gegangen.

  15. 36.

    Sie wollen die Kritik an Mitarbeitern einer Massentötungsmaschine ("KZ") als neumalklug abtun? Sorry, aber damit nehmen Sie die Nazis noch in Schutz. Das waren Mörder. Und ihre rechtsradikalen Sympathisanten laufen heute noch herum und verhöhnen Grundgesetz und Menschenrechte.

  16. 35.

    "An die Ostfront in eine Strafkompanie. Lebenserwartung: Wenige Tage. Praktisch ein Todesurteil.
    Jede Wette, dass sich bei diesen Aussichten keiner der Neunmalklugen hier einem Befehl widersetzt hätte."

    Das mag sein. Das entbindet aber nicht von der Verantwortung für das Geschehen. Von daher müssen Verurteilungen von den Betroffenen ohne wenn und aber akzeptiert werden.

  17. 34.

    In Brandenburg und der gasamten DDR, da hätte der Genosse Walter Ulbricht das gesamte schmutzige Wasser wegkippen müssen, da hatte der Adenauer kein Zugriff.

  18. 33.

    "Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall wo jemals ein Soldat oder gar ein Rottenführer der SS Wachmanschaft dafür verurteilt wurde, wenn er sich offensichtlich dem Völkerrecht widersprechenden Befehlen widersetzt hatte.
    Es wäre vermutlich an die Front versetzt worden, das war's aber schon. "

    An die Ostfront in eine Strafkompanie. Lebenserwartung: Wenige Tage. Praktisch ein Todesurteil.
    Jede Wette, dass sich bei diesen Aussichten keiner der Neunmalklugen hier einem Befehl widersetzt hätte.

  19. 32.

    "Der war Wachmann ,er stand auf dem Wachturm
    Er war ein kleines Licht , sowas dummes"

    Ein Wachturm ist kein Elfenbeinturm. Und wenn es keine kleinen Lichter gäbe, wäre die Straße dunkel und man könnte sie nicht ohne weiteres begehen.

    Ich hoffe, Sie verstehen diese simplen Allegorien.

  20. 31.

    Das Verfahren ist richtig so. Aus politischen Gründen wurden solche Prozesse nicht früher geführt. Aus politischen Gründen wird auch der Völkermord an den Armeniern von der BRD relativiert. Deutschland hat ich von Erdogan erpressen lassen, weil dieser Besuche unserer eigenen Soldaten dort untersagte.

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