Prozessauftakt in Berlin - Angeklagter bedauert "unermessliches Leid" nach SUV-Unfall mit vier Toten

Mi 27.10.21 | 16:00 Uhr | Von Ulf Morling
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Der Angeklagte des SUV-Prozesses steht im Berliner Kriminalgericht (Bild: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 27.10.2021 | Kerstin Breining | Bild: rbb/Ulf Morling

Vor dem Landgericht Berlin hat der Prozess gegen einen Autofahrer wegen vierfacher fahrlässiger Tötung begonnen. Im September 2019 hatte er in Berlin während eines epileptischen Anfalls mit über 100 km/h vier Fußgänger getötet. Von Ulf Morling

Vier Fußgänger im Alter von drei bis 64 Jahren Jahren wurden bei dem tragischen Unfall getötet. Laut Anklage trägt der angeklagte 44-jährige Autofahrer dafür die Verantwortung. Er habe sich "objektiv und subjektiv sorgfaltswidrig" verhalten, wirft ihm die Staatsanwaltschaft im am Mittwoch verlesenen Anklagesatz vor.

Mit seiner Krankengeschichte, einem epileptischen Anfall vier Monate vor dem tragischen Unfall und einer Hirnoperation wenige Wochen vor dem Ereignis, hätte sich der angeklagte Unternehmer nie hinters Steuer setzten dürfen am Tattag. Ein "besonnener Mensch" jedenfalls hätte es nicht getan, heißt es.

Im Schwurgerichtssaal 500 waren zum Prozessauftakt alle Plätze besetzt. Neun Familienangehörige der vier getöteten Fußgänger treten als Nebenkläger auf. Nur einer von ihnen fand die Kraft, zu erscheinen und dem Angeklagten gegenüber zu sitzen.

Einlassung des Angeklagten

Zwischen seinen beiden Verteidigern sitzend hatte der wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs Angeklagte seine sechsseitige Einlassung mit stockender Stimme verlesen, immer wieder unterbrochen von Pausen, in denen der Angeklagte Tränen unterdrückte und schluckte.

Immer wieder sah er zum einzigen Nebenkläger, der zum Prozessauftakt erscheinen war: Es ist der Ehemann der getöteten Birgit R. (64), die von dem Auto des Angeklagten auf dem Fußweg in der Invalidenstraße erfasst und getötet wurde, wie auch das dreijährige Enkelkind.

"Ich bin zutiefst verzweifelt über das unermessliche Leid, das mein Unfall verursacht hat", sagt der Angeklagte in seiner Einlassung. Er sei sich am Unfalltag aber "vollkommen sicher" gewesen, keinen epileptischen Anfall mehr zu erleiden. Mit seiner über vier Wochen zurückliegenden Hirn-OP sei "die Ursache für den einzigen Anfall restlos beseitigt worden".

Dem 44-Jährigen war gut vier Wochen vor dem angeklagten Geschehen in der Schweiz ein gutartiger Tumor entfernt worden. "Nirgendwo wird darauf hingewiesen, dass ich für einen bestimmten Zeitraum nach der OP kein Auto fahren dürfe", sagt der Angeklagte. Sein behandelnder Arzt habe ihm lediglich mündlich empfohlen, sich vier Wochen nicht hinters Steuer zu setzen. Daran habe er sich gehalten.

Michael M. betonte in seiner Einlassung, dass er seit zwanzig Jahren unfallfrei Auto fahre und "ein ruhiger und besonnener Autofahrer" sei, der lediglich einmal wegen einer Geschwindigkeitsübertretung aufgefallen sei und deshalb einen Punkt in Flensburg habe.

Direkt nach der Tat hatte der Angeklagte seine Ärzte von der Schweigepflicht entbunden und alle Krankenakten für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn freigegeben. Obwohl das Amtsgericht Tiergarten seinen Führerschein nicht einzog, fährt Michael M. seit dem Unfall kein Auto mehr, obwohl es keinerlei medizinischen Bedenken gebe.

Vorwürfe der Angehörigen und Opfervertreter

Nach dem Verlesen der Erklärung des Angeklagten empört sich der einzige anwesende Angehörige der Todesopfer: Die Einlassung helfe den Opfern nicht, im Gegenteil! Nie habe Michael M. um Verzeihung gebeten in den letzten zwei Jahren für den verursachten tragischen Unfall.

Darauf angesprochen erklärt Robert Unger, der Verteidiger des Angeklagten, dass wenige Tage nach dem Unfall das Schreiben einer Angehörigen eines Todesopfers eingegangen sei, in dem gefordert wurde, dass sein Mandant "auf gar keinen Fall Kontakt aufnehmen soll". Daran habe man sich gehalten.

Nebenklagevertreterin Christina Clemm kritisiert unter anderem den Umgang des Gesetzgebers mit Autofahrern: Es gebe in Deutschland keine Mitteilung an die Führerscheinbehörde, wenn ein Arzt zeitweise oder für immer die Fahruntüchtigkeit eines Autofahrenden feststelle. Es gebe lediglich die ärztliche Aufforderung, nicht Auto zu fahren. Das könne nicht ausreichen, die Führerscheinstelle müsse in einem solchen Fall den Führerschein entziehen. "Das ist aber unser Gesetz nicht."

Urteil im Februar?

72 Zeugen und 10 Sachverständige listet die Anklageschrift gegen Michael M. auf. Auch seine Ehefrau soll aussagen, ob sie noch unmittelbar vor der Unfallfahrt den behandelnden Neurologen der Charité anrief, weil sie einen weiteren epileptischen Anfall ihres Mannes befürchtete.

Grundsätzlich soll im Prozess die Frage geklärt werden, ob oder wieviel strafrechtliche Verantwortung M. an dem von ihm verursachten Unfall trägt: Musste er damit rechnen, einen weiteren epileptischen Anfall beim Autofahren am Unfalltag zu erleiden? Ist M. schuldfähig?

Sollte der Autofahrer verurteilt werden, drohen als Höchststrafe fünf Jahre. Ebenso ist eine Bewährungsstrafe möglich. 20 Prozesstage sind bis zum 9. Februar 2022 geplant.

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Sendung: Abendschau, 27.10.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

7 Kommentare

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  1. 7.

    Das Problem ist doch,dass sich Patienten auch darüber hinwegsetzen können,selbst wenn sie eine Erklärung unterschrieben haben. Ärzte sind nicht die Aufsichtspersonen ihrer Patienten und Patienten haben eine Eigenverantwortung. Wenn man Mist gebaut hat,sollte man den "A" in der Hose haben auch dazu zu stehen.Und bei solchem Fehlverhalten,das andere mit dem Leben bezahlt haben allemal. Es gibt keine Entschuldigung,nur Ausreden.

  2. 6.

    Wenn ich zu bestimmten Untersuchungen beim Augenarzt gehe, muss ich unterschreiben, dass ich anschließend für mehrere Stunden keinen Pkw fahre. Wieso kann ein Arzt dies nicht auch bei bestimmten Diagnosen vom Patienten gegenzeichnen lassen? Mich erinnert das an den Fall mit dem depressiven Piloten, der seine vollbesetzte Maschine an einen Berg prallen ließ. Auch da wusste ein Arzt von Beruf, Diagnose und Medikation. Datenschutz ist immer das Todschlagargument.

  3. 5.

    Wie kann ein Führerschein entzogen werden, wenn der Fahrer seinen schon längst abgegeben hat? In Hamburg wurde in einem ähnlichen Fall der Fahrer eines FIAT Kleinwagens zu 3 1/2 Jahren verurteilt. Würde Ihnen ein solches Urteil ausreichende Genugtuung geben?

  4. 4.

    So traurig das alles ist und der Fahrer gehört auch gerecht für seine Verantwortungslosigkeit bestraft! (Wenn das geht!) Aber es ist doch nun Quark ob er mit einem SUV Golf oder Polo mit über 100km/h auf den Gehweg gekommen wäre!

  5. 3.

    Die getöteten jungen Männer bereiteten ihren Umzug nach Berlin und den beruflichen Start in Berlin vor. Sie werden unendlich vermißt. Das Verhalten des Fahrers war egoistisch und verantwortungslos ! ...letztlich auch das der ihn nicht am Fahren hindernden Mitfahrer. Wir hoffen auf eine wirklich angemessene Strafe und lebenslangen Führerscheinentzug. Es braucht ein richtungsweisendes Urteil, das andere davon abhalten hilft, Menschenleben im Strassenverkehr verantwortungslos zu gefährden.

  6. 2.

    Die Begründungen des Angeklagten sind nur Ausreden. Nicht nur wenn es den ärztlichen Rat gab, nicht selbst zu fahren ,gibt es bei solch einer Diagnose und nach solch einer Op. auch eine Eigenverantwortung. " Ich habe nicht mit einem Anfall gerechnet" reicht einfach nicht.
    Die Angehörigen haben mein Mitgefühl,nicht nur wegen des schlimmen Verlustes durch einen vermeidbaren Unfall. Auch weil der Fahrer nicht einfach dazu steht,dass er unverantwortlich gehandelt hat und sich nun auch noch rausreden will.

  7. 1.

    Und dann fährt er auch noch einen SUV? Dann soll er auch für lange Zeit ins Gefägnis bitte.

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