Angeklagte soll kaum schuldfähig gewesen sein - Mordprozess gegen Pflegehelferin aus Potsdamer Oberlinhaus beginnt

Mo 25.10.21 | 10:28 Uhr | Von Lisa Steger
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Ein Fahrzeug der Kriminalpolizei verlässt das Gelände des Oberlinhauses in Potsdam, in dem vier Menschen getötet wurden. (Quelle: imago-images/Simone Kuhlmey)
Video: Brandenburg Aktuell | 25.10.2021 | Tim Jaeger | Bild: imago-images/Simone Kuhlmey

Ende April soll eine heute 53-Jährige in einem Potsdamer Heim für Menschen mit Behinderungen vier Schützlinge erstochen und eine Frau lebensgefährlich verletzt haben. Ab Dienstag muss sich die Pflegekraft vor dem Landgericht verantworten. Von Lisa Steger

Vier Rollstühle standen auf der Bühne, als das Potsdamer Thusnelda-von Saldern-Haus Anfang Mai in einer Trauerfeier der Todesopfer gedachte. Alle vier waren langjährige Bewohner des Potsdamer Heimes für Menschen mit Beeinträchtigungen gewesen, zwei hatten seit ihrer Kindheit dort gelebt. Vor dem Wohnheim lagen tagelang Blumen und Karten. Immer wieder verweilten Passanten zum stillen Gedenken.

Das Oberlinhaus – eine evangelische Einrichtung, zu der das Thusnelda-von-Saldern-Haus gehört – ist in Brandenburg gut bekannt. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 2.000 Menschen. Die Angeklagte Ines Andrea R. hatte nach rbb-Informationen seit 1987 dort gearbeitet.

Messerangriffe im Spätdienst

Am Abend des 28. April 2021 fand diese Tätigkeit ihr Ende. Die Pressemitteilung, die das Landgericht Potsdam vor dem Prozessbeginn an diesem Dienstag versandt hat, schildert Taten von unvorstellbarer Grausamkeit. So soll die Pflegehelferin R. der Anklageschrift zufolge zwei ihrer Schützlinge zunächst gewürgt haben. Einen Mann habe sie tot gewähnt, bei einer Frau sei ihr das Würgen "zu anstrengend" erschienen, wie es in der Mitteilung des Gerichts heißt.

Die Pflegehelferin holte ein Messer, mit dem sie nacheinander fünf Menschen den Hals aufschnitt, wie es in der Anklageschrift weiter heißt. Vier verbluteten. Eine 43 Jahre alte Frau überlebte – allerdings nur dank einer Notoperation. Die Todesopfer waren zwei 31 und 42 Jahre alte Frauen und zwei 35 und 56 Jahre alte Männer.

In dem Wohnheim fielen die Taten an jedem Abend zunächst nicht auf. Die Pflegekraft soll nach Hause gefahren und sich ihrem Mann offenbart haben. Dieser, so heißt es, habe die Polizei verständigt.

Als die Beamten im Thusnelda-von-Saldern-Haus eintrafen, fanden sie die Opfer in verschiedenen Zimmern derselben Station. Eine Sprecherin des Oberlin-Hauses sagte später auf rbb-Anfrage, die Angeklagte sei nicht allein im Dienst gewesen. Anzeichen für Überlastung habe es nicht gegeben. Die Mitarbeiter würden regelmäßige Supervisionen erhalten.

Angeklagte in forensischer Klinik untergebracht

Am Tag nach den Bluttaten schickte das Amtsgericht Potsdam die Frau in eine forensische Klinik. Dort ist sie noch immer. Inzwischen hat die renommierte Gerichtspsychiaterin Cornelia Mikolaiczyk in ihrem vorläufigen Gutachten festgestellt, dass die heute 53-Jährige zum Tatzeitpunkt wohl erheblich vermindert schuldfähig war. Die Psychiaterin wird das Verfahren begleiten. Das endgültige Gutachten wird sie am Ende der Beweisaufnahme im Gericht vortragen.

An dem Prozess nehmen die Eltern eines Todesopfers als Nebenkläger teil. Wenn die Staatsanwaltschaft am ersten Prozesstag die Anklage verlesen hat, bekommt, wie üblich, die Angeklagte die Gelegenheit auszusagen. Ob sie sie nutzen wird, dazu macht Verteidiger Henry Timm derzeit keine Angaben.

Der Zustand seiner Mandantin habe sich in der Klinik gebessert, so der Anwalt auf rbb-Anfrage, "weil die über Monate anhaltende Medikamentierung gegriffen hat". Sie verstehe, was die Anklage ihr vorwirft, "und sie bedauert es".

Pflegehelferin klagt gegen ihre Entlassung

Neben dem Landgericht Potsdam muss sich auch das Potsdamer Arbeitsgericht mit der 53-Jährigen befassen, denn die "Oberlin Lebenswelten GmbH" hatte sie im Mai entlassen – "verhaltensbedingt", also wegen der Taten, und "personenbedingt", wegen mangelnder Eignung. Dagegen klagt sie.

Ihre Begründung: Die Pflegehelferin teilt einerseits mit, sie habe an jenem Abend starke Psychopharmaka überdosiert eingenommen. Selbst, wenn sie die Taten begangen haben sollte, sei sie schuldunfähig gewesen. Deswegen sei die Kündigung “nicht wirksam”. Andererseits will die 53-Jährige angestellt bleiben, sie würde demnach ihre Arbeit fortsetzen.

Anwalt Henry Timm verlangte bei einem Gütetermin des Arbeitsgerichts Potsdam im Juni, dass das Arbeitsverhältnis bis Ende des Jahres 2021 weiter bestehen und danach gegen eine Zahlung von knapp 82.000 Euro beendet werden solle. In dieser Summe enthalten: Schmerzensgeld, denn das Oberlinhaus habe nicht bemerkt, dass seine Mandantin überlastet gewesen sei.

Arbeitsrichterin in Potsdam vertagt Urteil

Arbeitsrichterin Birgit Fohrmann entschied, den Fall zu vertagen, bis es ein Urteil im Strafverfahren gibt: Erst müsse klar sein, ob die Pflegehelferin bei ihren Taten schuldfähig oder schuldunfähig war.

Dagegen legten die "Oberlin Lebenswelten" Rechtsmittel ein, mit Erfolg. Am 6. Oktober beschloss das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, dass das Arbeitsgericht Potsdam eine Verhandlung ansetzen muss. Der Fall sei eindeutig. Die Potsdamer Arbeitsrichterin habe einen Fehler gemacht.

In dem Beschluss des Landesarbeitsgerichts heißt es: "Ein Tötungsdelikt ist in der Regel zur Rechtfertigung einer außerordentlichen Kündigung an sich geeignet" – und zwar unabhängig davon, ob die Täterin schuldfähig war oder nicht. Für die Behinderteneinrichtung "ist es unzumutbar, jemanden weiter zu beschäftigen, der die ihm anvertrauten Menschen und damit die 'Kundschaft' seines Arbeitgebers umbringt", so das Landesarbeitsgericht weiter.

Arbeitsgericht Potsdam will sich Zeit lassen

Das Arbeitsgericht Potsdam wird voraussichtlich im Dezember oder Januar einen neuen Termin ansetzen, teilte dessen Sprecher Robert Crumbach auf rbb-Anfrage mit.

Für den Arbeitgeber ist das keine gute Nachricht: Denn solange das Arbeitsgericht sich Zeit lässt, muss die Pflegehelferin weiterhin Gehalt bekommen.

Im Dezember wird es vermutlich auch ein Urteil im Strafverfahren geben – zumindest in der ersten Instanz. Das Landgericht Potsdam hat zehn Termine bis zum 9. des Monats angesetzt.

Sendung: Inforadio, 26.10.2021, 13:25 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

4 Kommentare

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  1. 4.

    Die Pflege (Pflegehelfer) wird von Menschen übernommen, die eigentlich nur 120h Grundkenntnisse vermittelt bekommen, das ärztliche Attest kostet etwas, meist wird man nicht einmal untersucht. Da arbeiten sie dann meist rund um den Mindestlohn mit einer Verantwortung, die viele von Ihnen gar nicht erfüllen können. Trotzdem werden sie über ihre Kompetenzen hinaus gelobt, nur, damit sie pflegerische Verpflichtungen eingehen, denen sie nicht gewachsen sind und auch nie die fachliche Kompetenz hätten übernehmen dürfen. Das lernt man aber nur, wenn man tatsächlich zur Fachkraft ausgebildet wird. Natürlich ist diese Frau zur Verantwortung zu ziehen. Es stellt sich nur die Frage, ob auch hier gewinnorientiert ein Mensch ausgebeutet wurde, der die fachlichen und sozialen Kompetenzen nie erfüllen konnte und man diesen Menschen trotzdem in dieser Verantwortung allein ließ.

  2. 3.

    Das wäre furchtbar, wenn man die Behinderten abermals einer solchen Gefahr durch diese Person aussetzten würde!
    Jetzt bekommt diese Mörderin auch noch Gehalt wie ihre fleißigen Kollegen, die täglich motiviert ihre schwere Arbeit tun.
    Letztlich geht diese Frau noch mit einer hohen Abfindung, wohl zur Belohnung ihrer Gräueltaten ? Was ist das für eine Rechtsprechung !!!!!

  3. 2.

    Es geht um die Abfindung, die der Anwalt (Henry Timm) aus einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Schädigung ihrer Person durch den Arbeitgeber ableitet. Würde der personen- und verhaltensbedingten Kündigung stattgegeben, gäbe es keine Abfindung, weil sich Beides ausschließt.

  4. 1.

    Das wäre ein Ding wenn man die Pflegerin wieder einstellen würde.
    Ich frage mich nur wer sie auf diese Idee gebracht hat?

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