Wohnungssuche zum Semesterstart - Warum ein junger Student gerade im Flur wohnt

Der Student Johannes Streb sitzt auf seiner weißen Schlafcouch im Flur (Bild: rbb/Siebert)
Video: Abendschau | 01.10.2021 | M. Walde | Bild: rbb/Siebert

Im Wintersemester können Studierende endlich wieder in die Unis und sitzen nicht nur zuhause am Computer. Jetzt quält viele die Sorge: Wo soll ich eigentlich wohnen? Wolf Siebert hat einen Studenten bei der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung begleitet.

Das weiße Schlafsofa quietscht ein bisschen, als Johannes Streb es zusammenklappt. Es steht im Flur einer WG in Berlin-Friedrichshain. Nicht übermäßig komfortabel, aber Johannes war froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben - wenn auch nur für ein paar Tage.

Denn wenige Tage vor Semesterbeginn hat der 19-Jährige noch keine Wohnung. Sein Bruder hatte ihm den Tipp gegeben. Er ist mit einer WG-Bewohnerin befreundet. "Wir haben gestern noch das Schlafsofa vier Stockwerke hochgeschleppt. Es steht im Flur, und alle anderen Bewohner müssen über mich wegklettern, wenn sie ihre Zimmer verlassen", sagt Johannes.

Das Problem mit der Wohnungssuche drückt auf die Stimmung

Er will an der FU studieren, Film und Politik. Aber das Problem mit der Wohnungssuche drückt auf die Stimmung. In den letzten Wochen hatte Johannes bereits intensiv in die online-Angebote geschaut. Er hatte auch sein eigenes Netzwerk mobilisiert, zum Beispiel auf Facebook. Und er hat unzählige Bewerbungen geschrieben, um eine Wohnung, ein Zimmer oder einen WG-Platz zu bekommen. "Der Rücklauf war sehr gering, und das demotiviert natürlich, hier in Berlin neu zu starten."

Nun ist er nach Berlin gekommen, weil er vor Ort suchen will, auch in WGs. Seine Ansprüche an Lage, Größe und Ausstattung hat er inzwischen heruntergeschraubt. Aber innerlich ist er unruhig, ob er überhaupt etwas finden wird. "Dabei habe ich Mega-Bock auf Berlin und freu mich auf mein Studium", sagt der große blonde Student.

Schönes Angebot, leider zu teuer

Die Pannierstraße in Neukölln, auf dem Asphalt rauscht der Verkehr, vom Himmel rauscht der Regen. Hier schaut sich Johannes eine Wohnung an, ein Zimmer in einem sanierten Altbau. Nach einer halben Stunde kommt er wieder raus. Die Wohnung war schön, die Miete lag bei rund 400 Euro, das hätte Johannes bezahlen können, aber: "Die Vermieterin will 1.400 Euro Kaution oder sogar mehr, das konnte sie mir noch nicht sagen. Und dann soll ich 1.000 Euro Abstand zahlen. Ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann."

Johannes lebt von einem Stipendium einer politischen Stiftung. Fürs Wohnen würde er, wenn es sein muss, bis an die Schmerzgrenze gehen: maximal 430 Euro. Das sind mehr als 40 Prozent seines monatlichen Budgets.

So wie ihm geht es vielen Studierenden: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Laut "Studentenwohnreport 2020" kostet ein WG-Platz in Berlin im Durchschnitt 420 Euro, eine 30 Quadratmeter-Wohnung 650 Euro. Für Studierende, die Bafög bekommen, ist das ein Problem. Denn sie bekommen, wenn sie in einer anderen Stadt studieren, eine Wohnpauschale von 325 Euro.

Der Student Johannes Streb fragt im Infocenter Wohnen des Studierendencenters nach Plätzen im Studentenwohnheim (Bild: rbb/Siebert)Auch im Infocenter Wohnen hat Johannes wenig Glück.

Ein Platz im Studentenwohnheim? Fehlanzeige

Nächste Anlaufstation für Johannes ist das Studierendenwerk Berlin. Es liegt direkt neben der Technischen Universität in einem bunten Neubau. Das Studierendenwerk betreut zwanzig Hochschulen und kümmert sich um alle studentischen Belange. An einem Counter sitzt eine Mitarbeiterin. Das Gespräch ist gut, Johannes erfährt von einer weiteren digitalen "Wohnraumbörse", die er noch nicht kannte. Aber auch hier hat er keinen Erfolg: Alle 9.200 Wohnheimplätze des Studierendenwerks sind voll. Mehr als 3.000 Studierende stehen auf der Warteliste. Das ist schon seit Jahren so. Die Wartezeit beträgt mindestens ein halbes Jahr. Der rot-rot-grüne Senat wollte eigentlich 5.000 neue Wohnheimplätze bauen, hat sein Ziel aber verfehlt.

Als Berliner Student dürfte Johannes auch nicht nach Brandenburg ausweichen und dort in einem Wohnheim wohnen. So ist die Rechtslage. Doch selbst wenn das rein rechtlich möglich wäre: Die Studentenwohnheime in Potsdam, Wildau und Brandenburg sind gut nachgefragt. Für die 3.253 Wohnheimplätze haben sich 3.300 Studierende beworben. Besser sieht es in Frankfurt/Oder, Eberswalde, Cottbus und Senftenberg aus. Dort gibt es 3.759 Wohnheimplätze – das reicht aus, um allen Interessenten ein Angebot zu machen, schreibt das Studentenwerk Frankfurt/Oder auf Anfrage.

Der Student Johannes Streb in seiner temporären WG (Bild: rbb/Siebert)Die Hoffnung gibt Johannes für die weitere Suche nicht auf.

Johannes macht sich Mut

Vor dem Studierendenwerk Berlin steht ein bunter Buddy-Bär. Johannes steht daneben, ein wenig frustriert. Denn welche Möglichkeiten bleiben ihm noch? Private Anbieter? Die haben in Berlin für Studierende rund 5.000 Zimmer, Wohnungen und Mikro-Apartments im Angebot. Die Mieten von häufig 800 oder 900 Euro sind aber für Johannes nicht zu stemmen. "Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, was zu finden. Auch wenn es jeden Tag unwahrscheinlicher scheint, das es noch klappt", sagt er.

Johannes holt die Kopfhörer aus, macht Musik an und läuft zum U-Bahnhof. Eine Idee hat er noch: Mit einem Freund will er eine WG aufmachen, eine Wohnung haben sie auch schon im Auge. Falls das nicht klappt, will ihn sein Cousin bei sich aufnehmen, vorübergehend.

Die Gesamtstudentenvertretung Berlin schätzt, dass zum Semesterbeginn rund 10.000 Studis keine eigene Wohnung haben werden.

Sendung: Inforadio, 01.20.2021, 10:05 Uhr

Beitrag von Wolf Siebert

18 Kommentare

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  1. 18.

    Um Ihre Fragen (teil-) zubeantworten:

    Bafög/Ämter:
    - Bafög hat SEHR engen Rahmen und, mit wenigen Ausnahmen, elterneinkommensabhängig (absolut! Schulden/Darlehen etc. werden NICHT gegengerechnet!) -> viele scheitern hieran
    - Arbeitsagentur/Sozialämter nicht zuständig, wenn Vollzeit immatrikuliert.

    Eltern: Nicht alle haben die Möglichkeit, trotz der Eltern Wollens, die Summe(n) auszulegen.

    Abstand: Abstandszahlungen, solange mit Vermieter abgestimmt (ggf. auch im Mietvertrag verankert, aber kein Muss), rechtl. möglich. Hierbei müssen jedoch (wenn absolut korrekt umgesetzt) bestimmte Abschreibungsregeln beachtet werden.

    Und aus eigener Erfahrung, als (Wieder-)Student ü35 sieht es komplett mau aus. Voller Krankenkassensatz (~200€), kein Bafög, etc.

  2. 17.

    Diese Anspruchshaltung einer nicht zu verachtenden Anzahl an Studenten (pers. Eindruck: Großteil) fällt mir immer wieder auf. Ich bin selbst, nach langjähriger & gut bezahlter Erwerbstätigkeit, "kurz mal wieder" Student der TU. Gerade viele Jüngere & Erstis erwarten für <500€ top renoviert in Hipsteria & Innenstadt wohnen zu müssen, ohne jemals hierfür gearbeitet zu haben. Natürlich verstehe ich, dass man das Bestmögliche gern hätte, jedoch pöbeln & Initiativen wie "DW enteignen" zu starten, obwohl gerade in den Randbezirken SEHR VIEL Leerstand für teils deutlich <400€ inkl. NK zu haben ist, ist für mich frech, anmaßend & einfach wahnhaft.

    Und ja, ich weiß wovon ich spreche, da während Covid selbst in dieser Situation - nur aufgrund wöchentlicher Verpflichtungen im Südwesten BLN war es mir nicht möglich in BLN(Nord-/Süd-)Osten zu ziehen. Hätte es sonst temporär getan.

  3. 16.

    Kann er die Kaution nicht als Darlehen bekommen ( Bafög-Amt, Eltern ? ). Alg2 Empfänger erhalten ein Darlehn vom Jobcenter. Eigentlich 3 Monatsmieten! Und sind Abstandszahlungen nicht mehr verboten?

    Wie groß ist eigentlich der Anteil der Student*innen bzw. deren Vermietern an den Mietsteigerungen ( überteuerte Mieten die ohne Nachzudenken bezahlt werden, dauerhafter Wohnortwechsel in Berlin ... )

    Übrigens nette Umschreibung "in der Panierstraße rauscht der Verkehr" für akustische Umweltverschmutzung d.h. Lärm.

  4. 15.

    Bei so einem Beispiel muss man sich allerdings schon auch fragen, ob nicht die Suche einer geeigneten Wohnung wesentlicher Bestandteil der Familienplanung sein sollte...

  5. 14.

    Die beschriebene Situation ist mMn hausgemacht. Es gab Zeiten, da war Demut und Bodenständigkeit noch allgemeiner Usus. Hauptsache irgendeine Wohnung, erst mal alles erarbeiten. Heute muss es natürlich Berlin sein, es muss der schicke Altbau sein, natürlich Innenstadtlage. Es gibt in Berlin Wohnungen. Würden die Studenten und andere hippe Zugezogene nur eben nicht so in die Innenstadt drängen, dafür jeden Preis zahlen, sondern sich über die Stadt verteilen, in die vielen kleinen Wohnungen, wo sie Ruhe für ihr Studium haben/ sie sich finanziell nicht übernehmen und im Gegenzug über die Stadt verteilt die größeren Wohnungen für die Familien blieben- wäre ein wenig des Drucks genommen. Aber nein, ab in die Innenstadt, alle Vorzüge der Uninähe/ Öffievorzüge genießen und dann wird darüber gejammert, dass alle außerhalb des Rings ja mit Auto durch die Stadt zur Arbeit fahren, statt 2h mit den Öffies oder dem Fahrrad. Natürlich sind die Studies/ Hippies nicht allein schuld, aber ein Teil davo

  6. 13.

    So toll kann es da nicht sein. Immerhin will da keiner hin, wohnen nur alte Leute und der Nachwuchs, wenn überhaupt da, haut dann auch gleich ab.

  7. 12.

    56% haben für DWenteignen gestimmt. Vielleicht könnte mir einer dieser Menschen ein Zimmer in seiner Wohnung untervermieten und ich könnte 325 Euro zur "bezqhlbaren" Gesamtmiete beitragen? Dann hätten alle etwas davon.

  8. 11.

    Ahrensfelde, ca 70qm, 3 Zimmer, etwas über 500€ warm, schnelles Internet, diverse Supermärkte alle zu Fuss erreichbar, 10min zu SBahn und Regio. Von der ersten Anfrage bis zum Einzug nicht mal 4 Wochen.

    Natürlich ist die nächste Szenekneipe 30min mit der SBahn entfernt und es ist ein Plattenbau. Das ist vllt nicht ganz der Stil der heutigen Studenten aber beim rumjammern das es angeblich keine Wohnungen gibt sollte man auch einfach mal die eigenen Ansprüche auf den Prüfstand stellen.

  9. 10.

    Dann muss er halt nebenbei Arbeiten gehen wie alle Studis in dieser und anderen Städten. Alle kommen her ohne sich vorher eine Wohnung oder Zimmer zu suchen und wundern sich dann wenn hier nicht klappt. Zudem die Berliner auch alle bezahlbaren Wohnraum suchen. Der Zuzug muss begrenzt werden! Denn die Berliner leiden daher unter einen Mietenwahnsinn.

  10. 9.

    Wie kommen Sie darauf, Studierende hätten eine "ziemlich freie Zeiteinteilung"? In meinem derzeitigen Studium an der Udk haben wir teilweise von 9/10-18 Uhr Vorlesungen. Einige davon sind Pflicht und müssen besucht werden, damit das Modul anerkannt wird. Dazu kommt, dass nur ein kleiner Teil tatsächlich Bafög bekommt bzw das zum Leben ausreicht. Sprich: Zum Studium kommen Nebenjobs, die man mit Vorlesungszeiten unter einen Hut bringen muss. Abgesehen von den Hausarbeiten, die man selten an zwei Tagen mal nebenbei schreibt. Nichtsdestotrotz würden wohl die meisten Studierenden auch ein Zimmer am Rand Berlins beziehen, wenn es bezahlbar ist. Aber die vermeintlich freie Zeiteinteilung gibt es kaum/nicht, wenn man das Studium in der Regelzeit absolvieren will. Denn wer hat schon Lust, fünf/sechs Jahre zu studieren und von unterbezahlten Jobs zu leben?!

  11. 8.

    Im Brandenburger Umland gibt es hervorragende Unis und Hochschulen, bei denen man gut studieren kann und ein tolles Studileben hat. Warum sie die Leute lieber Berlin antun, kann ich nicht nachvollziehen.

  12. 7.

    Ja, wo sind die Menschen mit den Plakaten? Vielleicht bietet jemand diesem Student doch einen Platz an, oder gilt das nur für Nichtdeutsche?

  13. 6.

    Mit seinem Budget , ich sehe schwarz !
    Eine Bekannte ist nach Hannover gezogen und hat ihre Wohnung in Spandau (!) angeboten , 2 Zimmer, Altbau ,540€ warm . 350 Bewerber !
    Und dann soll es natürlich die Innenstadt sein …. schöner Traum !!!!

  14. 5.

    Aus beruflicher Erfahrung kann ich jedem Wohnungssuchendem empfehlen, unbedingt in den Randbezirken Berlins zu suchen. In den äußersten Zipfeln von Spandau, Reinickendorf und Marzahn-Hellersdorf ist oftmals noch günstig Wohnraum zu finden. Selbstverständlich will da kein junger Student hin, aber es ist allemal besser als wohnungslos zu sein.

  15. 4.

    Vielleicht sollte er mal bei den Leuten vorbeischaun die so gern mit dem Schild "Wir haben Platz" demonstrieren. Es suchen auch andere Leute als Studis in Berlin Wohnungen. Warum ausgerechnet diese Gruppe hier in den Focus gestellt wird ist mir nicht klar.

  16. 3.

    Man findet immer Menschen die in noch schwierigeren Verhältnissen leben. Aber eine Familie mit 5 Kindern aufzuführen finde ich doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Hier geht es um Studierende. Bei uns in der Straße vermieten ältere alleinlebende Menschen ein Zimmer über das Studentenhilfswerk. Das ist für alle Beteiligten eine gute Sache.

  17. 2.

    War hier nicht mal ein Artikel in denen tolle und preiswerte Wohnungen im Berliner Umland angepriesen wurden. Gerade als Student mit ziemlich freier Zeiteinteilung sollte es doch moeglich sein auch eine Wohnung in der Naehe der SBahn in Bernau, Oranienburg oder Strausberg zu akzeptieren.

  18. 1.

    Ja, alles nachvollziehbar, jedoch im Vergleich mit einer Familie, die mit 5 Kindern in einer kleinen 2,5 Zimmer Wohnung lebt, weil es keine bezahlbare, größere Wohnung in Berlin gibt, erscheint mir die Situation der Studenten, doch eher weniger spektakulär.

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