Start des Wintersemesters - Wie die Hochschulen wieder in Präsenz starten

#yeswecampus. (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 01.10.2021 | M. Walde | Bild: rbb

Drei Semester lang galt auch für die Hochschulen in Berlin und Brandenburg weitgehend: Vorlesung und Seminar nur auf Distanz. Zum jetzt startenden Wintersemester soll das wieder anders werden - aber wie? Ein Überblick von Wolf Siebert

Carsten Busch blickt auf die Spree und strahlt: Der Präsident der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) freut sich darauf, dass die beiden Standorte seiner Hochschule nun wieder geöffnet werden. "Wir werden in jeden Studiengang mit Präsenz hineinstarten, außer in ganz wenigen, wo wir viele internationale Studierende haben, weil wir nicht wissen, ob sie ausreisen können", so Carsten Busch. "Ansonsten lautet die Parole: Präsenz - überall, für alle." Die HTW hat circa 14.000 Studierende und 70 Studiengänge.

Busch hat so gar nichts Professorales an sich - mit seinem grauen Sechs-Tage-Bart, dem hellen kragenlosen Langsakko und dem Lächeln in den Augen. "Schon im letzten Sommer haben uns Studenten gefragt: 'Wann kann ich zurück an die Uni?' Wir mussten sie bremsen, weil es noch zu unsicher war", erinnert sich Busch. "Also die Studierenden wollen."

Carsten Busch. (Quelle: rbb)
Carsten Busch von der HTW | Bild: rbb

Kontrolle im 3G-Zelt

Damit es sicher bleibt, hat die HTW ein Sicherheits- und Kontrollsystem, einen sogenannten 3G-Check, vorbereitet. In einem Zelt wird abgeklärt, ob die Studierenden geimpft, genesen oder getestet sind. "Dann holt er sich eine Art Nachweis, mit dem wir das in den Lehrveranstaltungen sehr leicht überprüfen können." Der Nachweis ist ein bunter Button, der auf den Semesterausweis geklebt wird.

Trotz der Sicherheitsmaßnahmen weiß auch Carsten Busch, dass die Wiedereröffnung seiner Hochschule ein Risiko ist: "Das sind 15.000 Menschen, quasi eine Kleinstadt, und da kann auch irgendwas passieren." Klar, schlafe er ob der Verantwortung manchmal schlecht, sei grundsätzlich aber positiv. "Toi, toi, toi, bislang sind wir gut durchgekommen. Und ich bin ziemlich zuversichtlich, dass wir auch weiterhin gut durchkommen und das funktioniert, weil die Menschen mitmachen."

Obwohl viele Hörsäle und Seminarräume während der vergangenen drei Lockdown-Semester aufgerüstet wurden für den Online-Unterricht: Im Wintersemester will die HTW so viel wie möglich Präsenzunterricht anbieten.

An einigen anderen Fachhochschulen werden dagegen zunächst nur alle Veranstaltungen, die Werkstatt- oder Laborcharakter haben - also in kleineren Gruppen stattfinden - wieder vor Ort angeboten. Zum Beispiel an der Alice Salomon- oder an der Beuth-Hochschule, die ab 1. Oktober wieder Berliner Hochschule für Technik heißt. Im Laufe des Semesters wird dann entschieden, ob man die Zahl der Präsenzangebote erhöhen kann. "Ziel ist es", schreibt die Hochschule für Technik auf rbb-Anfrage, "möglichst allen Studierenden Präsenzveranstaltungen anzubieten – nicht in jeder Lehrveranstaltung, aber doch zum überwiegenden Teil".

Schablonen für Hinweis auf 3G-Check und Impfungen auf dem Uni-Campus. (Quelle: rbb)

#yeswecampus an der FU

An der Freien Universität (FU) in Dahlem wird auf die Gehwegplatten vor dem Auditorium Maximum, dem Henry Ford-Bau, gerade ein Schriftzug gesprüht: #yeswecampus. "Unter diesem Motto wollen wir den Campus tatsächlich zu neuem Leben erwecken", sagt Hauke Heekeren, Vizepräsident der FU. Mit Foodtrucks, Straßenmusik und einer Lounge feiert die Universität in der ersten Oktoberwoche ihre Wiedereröffnung. "Die Studierenden sollen den Campus wieder richtig erleben können", sagt Heekeren.

Eigenverantwortung statt Kontrolle

Auch die FU möchte wieder möglichst viel Präsenzunterricht anbieten. Das Ganze kombiniert mit Online-Angeboten. Auch hier gilt 3G, aber ein Kontrollsystem gibt es nicht. An der FU setzt man auf Vertrauen und Eigenverantwortung. Impf- oder Test-Nachweise sollen lediglich stichprobenartig kontrolliert werden. Heekeren, der Professor für biologische Psychologie ist, vertraut auch auf die Ergebnisse einer Umfrage unter Berliner Studierenden. Demnach sind gut 89 Prozent der FU-Studenten geimpft. Das Problem daran: Nur ein Viertel der Studierenden hat sich an der Umfrage beteiligt. Heekeren räumt ein, dass die Umfrage nicht repräsentativ ist: "Ja, selbst wenn wir damit möglicherweise das Risiko eingehen, die Zahl der Geimpften leicht zu überschätzen, dann ist es wert, das Risiko einzugehen, weil wir es den Studierenden schuldig sind."

Am Ende entscheiden aber die jeweiligen Fachbereiche, in welcher Form sie unterrichten, sagt Heekeren: "Die Lehrenden sind in der Leere frei. Und deshalb ist es den Lehrenden freigestellt, ob sie in Präsenz unterrichten oder hybrid. Gleichwohl haben wir mit den Fachbereichen verabredet, dass auf Studiengangebene alle Studierenden einen Präsenzanteil haben."

Viel Präsenzunterricht, aber es bleibt auch digital

Auf Nachfrage erklärte die Technische Universität Berlin (TU), dass sie 2.800 von 3.800 Veranstaltungen in Präsenz anbieten will. Bei der Universität der Künste (UdK) werden 80 Prozent der Veranstaltungen in der Hochschule angeboten, an der Humboldt-Universität (HU) sind es 60 Prozent.

An der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) wird der Präsenzunterricht je nach Studiengang und je nach Raumangebot zwischen 30 und 85 Prozent liegen.

An der Universität Potsdam soll der Unterricht in der Hochschule wieder der Regelfall sein, gerade für Erst-, Zweit- und Dritt-Semester. Große Veranstaltungen werden maximal 200 Teilnehmende haben. Die Platzkapazität wird halbiert und die Studierenden im Schachbrett-Muster angeordnet. Auch an der Viadrina in Frankfurt/Oder will man "so viel Präsenz wie möglich anbieten". Aber das digitale Lernen und Unterrichten soll weiter angeboten werden. In einigen Bereichen sei das in den vergangenen drei Semestern "sehr gewinnbringend und zielführend" gewesen.

Impfen an den Hochschulen

Der beste Schutz vor Infektionen ist aber noch immer die Impfung. Je größer die Zahl der Geimpften, desto größer die Chance, dass die Studierenden auch das ganze Semester an ihren Hochschulen bleiben können. Deshalb bieten zehn Berliner Hochschulen vom 4. bis 15. Oktober auf ihren Campi Impftermine an.

Und wenn es dann doch zu Infektionen kommen sollte: Viele Fachhochschulen und Universitäten setzen entsprechende Tools ein, um Kontaktketten nachverfolgen zu können. Die FU und TU haben dafür sogar eigene Webanwendungen entwickelt.

Sendung: Inforadio, 01.10.2021, 09:05 Uhr

Beitrag von Wolf Siebert

3 Kommentare

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  1. 3.

    Bei den Unis können die Bildungsverwaltungen und deren Kultusminister lernen, wie man Kinder und Lehrer vor einer Pandemie richtig schützt. Auffällig ist, dass man an den Unis weiß, wo sich ein Virus wohl fühlt und dagegen vorgehet. Ob die auch Zeit dafür haben um (Lüftungs)Verordnungen zu schreiben? Bestimmt nur, wenn die Büros Lüfter haben, so wie die Sachbearbeiterbüros der Verwaltung. Gründe zu finden, warum die Schulen die nicht brauchen, ist gar nicht so einfach...

  2. 2.

    Wir brauchen ebenso Ärzte, Wissenschaftler, Anwälte. In qualifizierten MINT-Bereichen herrscht auch extremer Fachkräftemangel.

    ... und wir brauchen Leute, die in der Lage sind, dies halbwegs zu verstehen und keine 5 Mio Permanentfrustierte.

  3. 1.

    Wir brauchen Handwerker, Pflegekräfte und einen scharfen Numerus clausus. Und keine 5 Mio. Gamedesigner.

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