Mordprozess gegen Pflegehelferin - Pflegerinnen erheben schwere Vorwürfe gegen Oberlinhaus-Leitung

Do 11.11.21 | 18:05 Uhr
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Archivbild: Ein Polizeifahrzeug steht vor dem Oberlinhaus in Potsdam. (Quelle: dpa/S. Stache)
Audio: Inforadio | 11.11.2021 | M. Günther | Bild: dpa/S. Stache

Beim Prozess um die Tötung von vier Schwerstbehinderten im Potsdamer Oberlinhaus erheben Kolleginnen der Angeklagten schwere Vorwürfe gegen die Leitung. Ihrer ehemaligen Psychoanalytikerin berichtete die Angeklagte von Gewaltphantasien.

Im Prozess um die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus bestätigten am Donnerstag mehrere Kolleginnen der Angeklagten deren Aussagen über eine Überlastung der Belegschaft. Ines R. habe ihr von ihren psychischen Problemen erzählt, sagte Kathrin R. vor dem Landgericht Potsdam aus. Sie habe berichtet, dass sie bis zu 14 Tage in Folge mit nur einem freien Tag habe arbeiten müssen.

Pflegerin tötet vier schwerstbehinderte Menschen

Überdies habe die Leitung bei Krankheitsfällen Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt. Am ersten Arbeitstag hätten sie zu einem Gespräch über die Gründe ihres Fehlens erscheinen müssen.

Kathrin R. brach nach eigenen Angaben vor der Tat vom April aufgrund persönlicher Probleme den Kontakt mit der Angeklagten ab. Eine andere mit der Angeklagten befreundete Kollegin soll das ebenso getan haben.

Ines R. soll Ende April mit einem Messer in der diakonischen Einrichtung in Potsdam vier schwerstbehinderte Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus.

Gewaltphantasien und Selbstmordgedanken

Die Psychoanalytikerin, die die Angeklagte von 2009 bis 2018 behandelte, sagte aus, diese habe ihr gegenüber Gewaltphantasien geäußert, die sich gegen die Menschen richteten, die sie im Oberlinhaus betreute. Ihre damalige Klientin habe sich daraufhin selbst bezichtigt, nicht normal zu sein. Die Analytikerin gab zu bedenken, dass Angehörige oder Kinder Menschen an den Rand der Verzweiflung treiben könnten. Die Drohung "Ich könnte dich an die Wand klatschen" mache aber dennoch niemand wahr. Die Analytikerin berichtete überdies von Selbstmordgedanken ihrer damaligen Patientin.

Pflegerin: Personalmangel und "Vetternwirtschaft"

Eine ehemalige Kollegin der Angeklagten sprach als Zeugin von Personalmangel in Verbindung mit "Vetternwirtschaft" in der diakonischen Einrichtung. "Ich habe gekündigt, weil ich das mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte", sagte die ehemalige Pflegerin Franziska S. vor dem Landgericht Potsdam aus. Kolleginnen sei verboten worden, mit ihr befreundet zu sein, da sie ebenso wie die Angeklagte Ines R. Missstände benannt habe.

Anstatt der notwendigen drei habe es in der Zeit vor der Tat häufig nur zwei Pfleger pro Schicht gegeben. Einige Bewohner der Einrichtung hätten daraufhin Tage, mitunter auch Wochen lang im Bett liegen bleiben müssen, da keine Zeit gewesen sei, sie in den Rollstuhl zu setzen. Medizinische Probleme bei Patienten seien von den Verantwortlichen ebenso ignoriert worden wie Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter, berichtete die 37-Jährige.

Hausleitung berichtet von guten Leistungen der Angeklagten

Die zuständige Hausleitung berichtete vor Gericht von guten Leistungen der Angeklagten. Diese habe ihre Arbeit stets gut gemacht, sagte die Leiterin der Einrichtung. Ines R. habe "einen tollen Draht zu den Bewohnern gehabt". Pflege habe ihr gelegen. Deshalb habe sie ihr eine Ausbildung zur professionellen Pflegerin nahe gelegt.

Über psychische Erkrankungen der Angeklagten sei nichts bekanntgewesen, sagte die Leiterin des Hauses, in dem es zu der Gewalttat kam. Angesichts der guten Leistungen und der kreativen Rolle der mutmaßlichen Täterin im Pflege-Team sei sie "schockiert" gewesen.

Der Verteidiger der Angeklagten, Henry Timm, geht davon aus, dass seine Mandantin zum Tatzeitpunkt schuldunfähig war. Ihr Arbeitgeber habe seine Fürsorgepflicht verletzt, indem er nicht auf Krisenanzeichen reagiert habe. Der Prozess soll am Donnerstag kommender Woche fortgesetzt werden. Insgesamt sind elf Verhandlungstage angesetzt.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 11.11.2021, 19:30 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Wie es scheint, ist ein Knackpunkt, dass die Heime gewinnorientiert betrieben werden. So wird fleißig abgeschöpft und die Taschen gefüllt, anstatt die Leistungen der Pflegenden ordentlich zu bezahlen und für ausreichend Personal zu sorgen! Da sind also die Betreiber nicht ohne Schuld, wenn es zu Ausrastern kommt. Und die Psychologin hätte die Gefahr erkennen und melden müssen.. Da gab es doch vor Jahren einen Piloten, der sein Flugzeug in Verzeiflung gegen einen Berg gelenkt hatte .Wie lange darf man zuschauen?

  2. 15.

    Wie könnten sie? Sie sind sowohl bei grossen Trägern wie Vivantes, als auch kleinen Privaten fast grundsätzlich gesplittet in Festangestellte und Leasingkräfte. Die haben sogar Angst, diese Jobs noch zu verlieren. Einer hängt von anderen ab, aber verschiedene Arbeitgeber und Tarife. Die treffen sich noch nicht einmal auf den offiziellen Demos zur Tarifanhebung. Das muss tatsächlich von Regierungshand umgesetzt werden oder wir Bürger gehen für die Pfleger auf die Straße. Ich bin aktuell oft im Pflegeheim, die haben da nicht mal Zeit für ihre Pausen, nur Notfälle, Hälfte im Krankenstand, auch woanders. Die haben keine Energie sich zu organisieren, die sind durch nach 2 Jahren Corona in diesen Strukturen..und irgendwann sind sie dann weg.
    Und wer pflegt uns??

  3. 14.

    Viele gute Kommentare hier lassen aber auch den Eindruck entstehen, dass die Pflegenden etwas zu schlecht organisiert sind. Man kann nicht darauf hoffen, dass sich die Interessen moralisch von alleine durchsetzen. Das zu ändern sollte eine Ermutigung sein...sich besser zu organisieren.

  4. 13.

    Gewerkschaften sind eben nur so stark wie ihre Mitglieder. Ich habe lange Zeit im Maschinenbau gearbeitet, also einer Branche, die von der IG Metall betreut wird. Sehr viele Kolleg*n waren ebenfalls Gewerkschaftsmitglieder, natürlich auch die Kolleg*n im Betriebsrat. BR-Mitglieder wie außerbetriebliche Funktionäre waren oft sehr kompetent - und dementsprechend gut waren unsere Arbeitsbedingungen und Löhne. Wo aber Kolleg*n sich nicht zusammenfinden, kann selbst eine kompetente Gewerkschaft wenig bis nichts ausrichten. - Es ist natürlich traurig, dass Menschen, die sich so viel um andere kümmern wie Pflegekräfte, auch noch intensiv für ihre eigenen Belange eintreten müssen - aber leider ist es mindestens in dieser Gesellschaft so, dass man sehr laut und dauerhaft rufen und auch gemeinsam kämpfen muss, um seine berechtigten und eigentlich selbstverständlichen Interessen durchzusetzen. Also: Organisiert Euch!

  5. 12.

    Dass gewaltige Personalnot in der Pflege herrscht, ist bekannt. Ein Unterschied zwischen pflegebedürftigen - von Kindheit an - Schwerbehinderten in Einrichtungen und aufgrund Alters Pflegebedürftigen ist, dass erste in den meisten Fällen später selten Angehörige haben. Menschen, die erst im höheren Alter pflegebedürftig werden, haben häufig Kinder, die sich kümmern, häufig ein soziales Netzwerk mit Freunden und Partner aufgebaut. Selbst dann kommt im Heim Alleinsein vor. Von der Kindheit an schwerbehinderte Menschen haben meist nur ihre Eltern, die Jahrzehnte vor ihnen sterben. Dann bleibt häufig nur noch die Heimunterbringung, wenn nicht ohnehin von Anfang an notwendig. Ehepartner, Freunde außerhalb der Einrichtung, Kinder existieren meist nicht. Da ist dann niemand mehr, der merkt, dass die Pflege nicht richtig funktioniert. Der die Kräfte bei seinem Angehörigen mit kleinen Hilfen unterstützt, wie mal füttern oder aufs Klo helfen oder beim Um-/Anziehen, Rausgehen.

  6. 11.

    Zum einem ist das ein Thema, das nicht in der Öffentlichkeit steht. Wer interessiert sich denn dafür, was sich hinter den Türen der Pflegeeinrichtungen/Behindertenwerkstätten abspielt? Wer erhebt denn die Stimme, sowohl für die Beschäftigten und als für die Betreuten (die beide vielleicht nicht die Kraft und Möglichkeit haben, selber laut zu werden!)? Gewerkschaften sind eher nicht vor Ort, da die meisten Betreiber dieser Heime (z. B. das Oberlinhaus)ein kirchlicher Träger ist. Geld verdienen kann man in dem Sektor nicht, indem man menschenwürdig (also sehr aufwendig und teuer) pflegt und betreut. Solange aber nach Wirtschaftlichkeit gepflegt wird, werden sich diese Zustände nicht ändern.

  7. 10.

    Deswegen erneut meine Frage: Wieso hat diese Branche keine Lobby? Sind zu wenige Pflegekräfte in der Gewerkschaft? Oder taugt die Gewerkschaft zu wenig?

  8. 9.

    Sie haben offensichtlich keine Ahnung, was pflegebedürftige Schwerbehinderte bedeutet. Die müssen gefüttert, gewaschen und gewickelt werden, ohne dass man mit ihnen besprechen kann, warum man das jetzt macht. Entsprechend gering ist dann auch die Mithilfe. Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, 6 Menschen parallel 14 Tage betreuen zu müssen? Es gibt sicher sehr viele Berufe, die extrem anstrengend sind aber diese Pfleger leisten Unglaubliches. Aber sie haben, wie die Betreuten, keine Lobby

  9. 8.

    Ohne die Taten der Pflegerin relativieren zu wollen - der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Pflegeeinrichtungen sind wie alle anderen Einrichtungen mehr oder weniger geschlossene Systeme in denen alle möglichen Formen von (Macht-)Missbrauch möglich sind, sofern es keine zuverlässigen und unabhängigen Kontrollen sowie keine vernünftige, den BewohnerInnen und MitarberInnen zugewandte und für Kritik offene Unternehmenskultur gibt.
    Gewalt in der Pflege ist kein Einzelfall und das hat Gründe. Es ist schlimm, traurig und bitter, dass erst ein solch extremer Gewaltexzess das Augenmerk auf die katastrophalen Bedingungen lenkt, wo Heimleitungen zwecks Imagegründen diese permanant herunterspielen und Pflegekräfte stattdessen nur noch mehr unter Druck gesetzt werden. Auch die Leitung des Oberlinhauses gehört auf die Anklagebank.

  10. 7.

    Das wollen "die Deutschen" so nicht. Deutschland war mal ein Sozialstaat. Die meisten Denkenden wollen gut bezahlte Pflege, damit es den Angehörigen auch gut geht! Aktuell ist es immer noch so, dass gute Pflege, die ihren Preis haben muss, dann bei Überschreitung des Eigenanteils, der je nach Pflegegrad ab 1900,- aufwärts liegt, dann durchaus vom Sozialamt übernommen wird, je nach Rentenhöhe und Vermögen. Letzteres muss man erstmal für die Pflege bis zum Schonbetrag einsetzen, dann greift der Staat, dann spielt jedoch keine Rolle, wie hoch der Eigenanteil ist, sprich: die Pflege soll ihren Preis haben, den sie haben muss. Damit haben manche Angehörigen jedoch ein Problem, weil dass Erbe dann auch aufgebraucht sein kann und auch mgl Zuzahlungen der Verwandten ersten Grades eine Rolle spielen können.
    Ziel war mal in Deutschland, das jeder Mensch gut bezahlte Pflege und einen guten Heimplatz haben sollte. Viele private Pflegeheiminvestoren merken derzeit, dass du die Luft nach oben dünner wird.

  11. 6.

    Das die Angeklagte kein Serienkiller ist, der plötzlich ausrastet, war mir von Anfang an klar. Mal wieder wusste die eine Therapiekraft lange vor der Katastrophe bescheid und ruhte sich aus auf der heiligen Schweigepflicht. Es gibt immer lange vorher Frühwarnzeichen, das gilt übrigens für alle Berufe ( Pilot, Zugführer usw)
    Es ist das ewig gleiche Schema , die Einrichtung genießt excellenten Ruf, die Angestellten werden ausgebeutet.
    Die Patienten ohne Angehörige liegen sich bei Engpässen in den Betten mit eingekoteter Windel wund. Heimstrukturen lernt man wirklich nur "er"-kennen, wenn man Angehörige dort lange Zeit zu liegen hat und häufig zu verschiedenren Zeiten dort auftaucht. Achillesverse ist immer das Wochenende und der Nachtdienst. Es müssen sich einzelne um teilweise mehr als 50 Menschen kümmern. Aber auch Angehörige schauen gerne weg, die wenigsten holen sich bei erkennbaren Mißständen die Heimaufsicht ins Boot, was absolut wichtig wäre. Die Lage in den Heimen wird noch schlimmer werden und wir werden alle alt und älter.

  12. 5.

    Die zahllosen Abweichungenund Ausnahmen kommen schon zu Stande, weil zu wenig Personal da ist. Dadurch gibt es einen erhöhten Krankenstand wegen Überlastung u.ä. Die Einarbeitung neuer Pflegekräfte können Sie vernachlässigen, es gibt nämlich keine. Wenn die Landesaufsicht für Pflegeeinrichtungen wirklich mal eine Kontrolle durchführt, so kündigt sie diese bei dem Betreiber der Eonrichtung an. So besteht die Möglichkeit des Betreibers an diesem Tag das Personal auf das notwendige Maß zu erhöhen. Wer Misstände anspricht gilt als Nestbeschmutzer, so wie es im Artikel schon beschrieben wurde. Wenn auf Überlastungsanzeigen nicht reagiert, dann spricht das schon Bände. Und zu #1:Ob Sie bei "NGG" einen Fehler wegen Überarbeitung machen, oder das Pflegepersonal Menschen verkehrt behandelt, die Unterschiede sind wohl gewaltig.

  13. 4.

    Toller Gedanke. Dann sollte man in der Pflege generell den realen Preis verlangen. Aber nein, die Deutschen wollen eine sehr gute Pflege und viel Fachpersonal. Das ganze aber so billig wie möglich. Wenn denn der Heimplatz für Oma jährlich 500 Eur teurer wird, ist Holland in Not..

  14. 3.

    Was meinen Sie damit, dieses Schichtmodell sei bei Verdi und NGG weit verbreitet? Gibt es Tarifverträge, die von einer dieser beiden Gewerkschaften ausgehandelt wurden, die tatsächlich solche Arbeitszeitmodelle vorsehen? Dass solche Ausbeutung in diesen Branchen vorkommt, glaube ich durchaus, aber dass das mit Billigung der zuständigen Gewerkschaft passiert, kann ich mir (bisher) nicht vorstellen. - Sehr schlimm dieses Tötungsverbrechen, das ja zum Glück ein Einzelfall ist. Sehr schlimm aber auch, dass erst anlässlich einer solchen Tat mal wieder ein gewisses öffentliches Interesse für die realen Zustände in der Pflegebranche entsteht. Sind die Pflegekräfte zu schwach organisiert, um sich Gehör zu verschaffen? Sind zu wenige in der Gewerkschaft, oder tut die Gewerkschaft nichts? Oder interessiert uns das Thema eigentlich gar nicht wirklich?

  15. 2.

    Die arbeitszeitliche Grundstruktur in der Pflege wäre im Zwei-Wochen-Rhythmus wie folgt:
    Die eine Woche, die das Wochenende einschließt, 7 Tage Dienst, dann zwei Tage frei, die andere Woche ohne WE-Dienst 3 Tage Dienst, danach zwei Tage frei.

    Die zahllosen Abweichungen und Ausnahmen, die diese Regel faktisch zum Verschwinden bringen, sind überdurchschnittlicher Krankenstand, vorwiegend zurückzuführen auf chronische Überlastung, zuweilen auch Kündigungen und folgende Einarbeitung neuer Beschäftigter.

    Je größer die Kluft zwischen Abweichung und Regel, desto hemdsärmliger das Klima vor Ort.

  16. 1.

    Der beschriebene Arbeitsalltag gleicht bestimmt 50 % aller anderen Arbeitsalltage in anderen Firmen, Produktionen oder Dienstleistungen. Das Schichtmodell 1 Tag von 14 frei ist in der NGG weit verbreitet, ebenso bei Verdi. Ich sehe nichts außergewöhnliches. Was aber schlimm genug ist! Denn SO sollte unsere Gesellschaft NICHT aussehe, die Ausbeutung der Arbeitskräfte ist schon echt himmelschreiend. Nur werden dann nicht alle zu Todesengeln.

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