Betrugsfälle in Berlin und Brandenburg - Gefälschte Impfnachweise werden zur Herausforderung für Apotheken

Di 02.11.21 | 07:02 Uhr
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Eine Kundin übergibt ihren Impfpass und ein Covid-19 Impfzertifikat in einer Pankower Apotheke, um sich einen digitalen Impfnachweis ausstellen zu lassen (Bild: dpa/Jörg Carstensen)
Audio: Inforadio | 04.11.2021 | Jenny Barke | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Immer mehr Einrichtungen gewähren nur noch Corona-Geimpften oder Genesenen Einlass. Das erhöht den Druck auf Ungeimpfte. Zeitgleich etabliert sich ein neuer Markt mit gefälschten Impfpässen. Besonders Apotheken bekommen das zu spüren. Von Jenny Barke

Was genau ihn stutzig gemacht habe, möchte der Apotheker aus Neuruppin nicht erzählen. Er wolle nicht, dass die Betrugsmasche Nachahmer finde, sagt er. Auch seinen Namen möchte er nicht öffentlich machen. Denn er befürchtet Bedrohungen.

Doch "die Apotheke aus Neuruppin" machte jüngst regionale Schlagzeilen, weil der Besitzer mehrere Betrugsfälle bei der Polizei meldete: Kunden hatten versucht, bei ihm mit einem gefälschten Impfpass ein digitales Impfzertifikat zu erhalten.

Mittlerweile ermittelt die Polizei auch in Verdachtsfällen, die Apotheken in Fürstenwalde, Beeskow und Putlitz betreffen. Bis Ende Oktober seien mehr als 50 Fälle kriminalpolizeilich untersucht worden, teilt der Brandenburger Polizeisprecher Torsten Herbst auf rbb|24-Anfrage mit.

Den mutmaßlichen Betrügern droht eine Strafe, die je nach Schwere der Tat mit Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe geahndet wird. Derzeit wird auf Bundesebene darüber diskutiert, das Strafmaß für die Fälschung von Impfpässen anzuheben.

Gelbem Impfausweis fehlen fälschungssichere Siegel

Diese Konsequenzen interessierten die Kunden offenbar nicht besonders, die es in seiner Apotheke mit einer Fälschung versucht hätten, sagt der Apotheker aus Neuruppin: "Die bleiben total cool. Die sind sich sicher, dass sie wenn dann nur eine Geldstrafe erhalten, solange keine weiteren Delikte vorliegen."

Für Betrugswillige sei es zu leicht, die Impfpässe zu fälschen, bestätigt auch Mathias Braband-Trabandt vom Apothekerverband Brandenburg: "Das Hauptproblem ist, dass ein Impfausweis kein amtliches Dokument ist. Dementsprechend trägt der Ausweis auch kein Wasserzeichen oder sonstige Sicherheitssiegel, an denen die Apotheker prüfen könnten, ob der Ausweis echt ist." Für eine Fälschung müssen die impfunwilligen Interessenten nicht einmal mehr ins Darknet gehen: Die gelben Impfausweise werden zuhauf über Messengerdienste angeboten - Kostenpunkt bei 100 bis 450 Euro.

Impfpässe werden wichtiger

Durch den leichten Zugang hat sich ein regelrechter Impf-Schwarzmarkt etabliert, das bestätigt auch die Polizei in Berlin: Hier ermittelt das LKA bereits in 130 Fällen. Das Phänomen sei allerdings noch zu neu, um bereits Tendenzen zu erkennen, sagt der zuständige LKA-Dezernatsleiter Thomas Thieme. "Werbekampagnen wie 'Deutschland sucht den Impfpass' zeigen aber deutlich, dass der Impfpass eine noch nie dagewesene Bedeutung bekommt. Vor dem Dilemma stehen jetzt alle Akteure."

Für Apothekerinnen und Apotheker bedeute die Ausstellung des digitalen Impfnachweises einen enormen Arbeitsaufwand, sagt Kerstin Kemmritz von der Berliner Apothekerkammer. "Wir müssen die Identität der Personen überprüfen, die Identität des Impfpasses plausibilisieren und dann auch noch in eine digitale Form übertragen."

Hinzu komme, dass es für alle Gruppen andere Zertifikate und unterschiedliche Herangehensweisen gebe, fügt der Brandenburger Apothekerverbandssprecher Braband-Trabandt hinzu. "Da gibt es Genesene, dann gibt es einmal geimpft Genesene, zweimal Geimpfte, ..." Teils dauere die Bearbeitung und Recherche sehr lange. "In Zeiten, in denen es im ländlichen Raum Apothekermangel gibt, ist das eine zusätzliche Belastung."

Einige Apotheker selbst unter Betrugsverdacht

Statt den Mehraufwand zu honorieren, sei zudem noch das Honorar zur Ausstellung der digitalen Impfzertifikate gekürzt worden, kritisiert Kemmritz. Anfangs erhielten die Apotheken noch ein Honorar von 18 Euro pro Zertifikat - inzwischen liegt es bei sechs Euro. Während es nur noch ein Drittel Honorar gebe, habe sich der Aufwand im Oktober verdreifacht.

Vereinzelt stehen Apothekerinnen und Apotheker auch selbst in Verdacht, an Fälschungen beteiligt zu sein: Auf Twitter veröffentlichten User Chatverläufe mit mutmaßlich korrupten Mitarbeitern, die Impfnachweise angeboten haben.

Dabei handele es sich um einzelne schwarze Schafe innerhalb des Berufsstandes, sagt Kerstin Kemmritz. Das Risiko sei hier enorm groß, denn wer beim Fälschen von Dokumenten erwischt werde, müsse mit Entzug der Erlaubnis, der Approbation rechnen: "Ich hoffe sehr, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht so dumm sind, ihren Beruf für so etwas aufs Spiel zu setzen."

Fälschungssichere gelbe Impfpässe?

Sowohl die Apothekerkammer in Berlin als auch der Apothekerverband in Brandenburg wünschen sich ein dringendes Nachbessern von Seiten der Politik, um die Betrugsfälle zu unterbinden. Sie kritisieren, dass bisher die Kontrollen in der alleinigen Verantwortung der Apotheken lägen. "Wir haben zum Beispiel das Problem, dass die gelben Impfausweise sehr schlecht gepflegt sind"§, sagt Braband-Trabandt. Beispielsweise würden nach einer Heirat Namens- oder Adressänderungen nicht nachdokumentiert - das erschwere die Identitätsprüfung zusätzlich.

Zudem fordert er, den Impfausweis mit fälschungssicheren Merkmalen zu versehen. So würde es bereits jetzt bei Rezepten für Medikamente gehandhabt, was Apotheker sehr entlaste.

Kemmritz hält es für notwendig, das System komplett neu zu überdenken. Eine Möglichkeit sieht sie darin, künftig direkt bei der Impfung ein digitales Zertifikat herauszugeben. Damit würde der Umweg über die Apotheken vermieden. Die Apothekerinnen und Apotheker könnten sich dann wieder mit der Arbeit beschäftigen, die durch ihre Recherchen und Prüfungen aktuell vernachlässigt werden.

Sendung: Inforadio, 04.10.2021, 8 Uhr

34 Kommentare

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  1. 34.

    Klar sollte dies bestraft werden.
    Kleinkriminell nennt frau sowas.

  2. 33.

    Was ist das für eine Aussage, ich bin Arbeitslos und fange jetzt auch nicht an, zu stehlen also werde kriminell um einen Vorteil zu haben.
    Diejenigen die sich nicht impfen lassen wollen, ausgenommen aus gesundheitlichen Gründen, müssen mit Konsequenzen rechnen. Gegenseitig Rücksichtnahme und Nächstenliebe ist leider heutzutage auf der Strecke geblieben. Jeder ist sich selbst der Nächste, und wenn es nicht anders geht werde ich halt Kriminell, wie armselig das Ist, solche müssen bestraft werden. Bleibt alle gesund

  3. 32.

    Ich arbeite in einem Fitnessstudio und sehe so viele gefälschte Test-Zertifikate. Impfausweise gibt es für 140€ die sich auch Digitalisieren lassen. Bei aller Liebe die Regeln sind nicht effektiv ohne Kontrolle und Fälschungssicherheiten. Selbst Ärzte in Berlin spritzen die Impfung ins leere und geben dem Patienten den Aufkleber ins Impfbuch. Solange sowas möglich ist wird es nicht besser.

  4. 31.

    Meiner Meinung nach soll jeder persönlich für sich entscheiden ob er sich impfen lassen möchte oder nicht, aus Angst vor Langzeitschäden, oder was auch immer. Aber, dann sollen diese Personen gefälligst dazu stehen und nicht durch krimminelle Energie sich gefälschte Impfausweise, vieleicht noch für viel Geld, besorgen. Da hier eine Gefährdung der Gesundheit der Mitmenschen besteht gehört das Meinung nach hart, sehr hart bestraft.

  5. 30.

    Nein, ich halte überhaupt nichts von Fälschungen. Ich lehne nur die Aussage ab, dass das Fälschen eines Impfausweises mit dem "bewussten Inkaufnehmen der Gefährdung von Menschenleben" gleichzusetzen ist. Solange die Person mit dem gefälschten Impfausweis nicht mit Covid19 infiziert ist, gefährdet sie niemanden. Ungeimpft bedeutet nämlich nicht: automatisch infiziert.

  6. 29.

    Stimmt nicht: "Den mutmaßlichen Betrügern droht eine Strafe, die je nach Schwere der Tat mit Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe geahndet wird. Derzeit wird auf Bundesebene darüber diskutiert, das Strafmaß für die Fälschung von Impfpässen anzuheben."
    Weil das Bundes-Ministerium für Justiz gepennt hat gehen Privatleute straffrei aus.

  7. 28.

    Ihre Aussage ist Quatsch. Warum hat jemand einen gefälschten Impfpass, doch wohl deshalb, dass er überall, wo 3G oder 2G herrscht reinkommt. Wenn sich jemand nicht impfen lassen will, ist das seine eigene und auch zustehende Entscheidung. Ungeiimpfte müssen dann aber auch akzeptieren, dass sie gewisse Nachteile in Kauf nehmen müssen und wenn das z.B. heißt, sich ständig testen zu lassen..
    Wenn ich Ihre Aussage so lese, dann akzeptieren Sie also einen gefälschten Impfpass.

  8. 27.

    Jede Impfung ist freiwillig. Was gerade passiert ist nötigung. War doch klar dass die Leute fälschen!

  9. 26.

    es ist schlimmer einen Impfpass zu fälschen als einen Doktortitel oder Diplom zu ergaunern, nur so kann ich mir erklären wieso einige noch in der Regierung sitzen die da längst nichts mehr zu suchen haben

  10. 25.

    Vor eineinhalb Jahren wurde man noch zum Verschwörungstheoretiker,wenn man Befürchtungen vor einem nötigen Immunitätsausweis geäussert hatte.

    https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-kein-impfzwang-spahn-faktencheck-100.html

    Mittlerweile erscheinen Artikel wie diese. Wir haben es weit gebracht..

  11. 24.

    Berlin ist eine Lachnummer .
    Was hier bei uns alles möglich ist darüber lacht die ganze Welt.
    Gelder an Shishabars ect.in Millionenhöhe zahlen die als Impfstationen getarnt sind.....ohne zu hinterfragen.
    Jahrzehnte lang Hartz IV beziehen ohne arbeiten zu wollen.
    Polizisten, Feuerwehr, Notärzte zu beleidigen und anzugreifen...und so weiter.
    Was hier toleriert wird ist zu 100% nicht im Sinne von uns Berliner .
    Wie lange sollen wir das alles noch hinnehmen???

  12. 23.

    Kollegen von mir haben sich in Brieselang und Falkensee gefälschte Zertifikate besorgt. Ferner scheint es in Berlin nur wenige Gastronomen zu interessieren ob ein Zertifikat vorhanden ist. Ob Steakhaus oder Gourmet Restaurant. Zugang ohne Kontrolle.

  13. 20.

    Jeder Betrüger der verantwortlich für einen sterbenden Covid 19 Patienten ist, gehört zur Verantwortung gezogen. Ich würde da auch nicht groß herum streiten. Wir alle haben eine gesellschaftliche Verantwortung, gerade die in den Pflegeberufen. Wenn ich als Lackiermeister mit Vorsatz arbeite zu Lasten meines Auftraggeber, werde ich auch Schadenspflichtig gemacht

  14. 19.

    Ist doch letztlich immer und überall auf der Welt so, dass dort wo Begehrlichkeiten (hier eben Teilnahme 2G/3G ohne Impfung/Test) entstehen, es fix einen entsprechenden Schwarzmarkt gibt, genau diese Begehrlichkeiten zu bedienen.

    Aber wenn man sich konkret in Berlin umschaut, da braucht es trotz offiziell vielerorts 3G nichtmal irgendeinen (eventuell gefälschten) Beleg, weil es nämlich meist eh nicht kontrolliert wird. Könnte zugleich eine Erklärung sein, warum da in Brandenburg diesbezüglich mehr los ist als in Berlin, was das auftauchen von Fälschungen betrifft.

  15. 18.

    So ein Quatsch! Wen gefährdet man denn, wenn man mit einen gefälschten Impfausweis herumläuft? Wenn man Covid19-infiziert ist und damit herumläuft, dann gefährdet man andere!

  16. 17.

    Meinen Sie das wirklich ernst?
    Sie sprechen von Solidarität und gesellschaftlichem Vertrauen?
    In einer Gesellschaft die sich anmaßt die Menschen in 3 Kategorien einzuteilen?
    Eine Gesellschaft die nicht unterlässt sich den Ball der Schuld seit Monaten hin und her zu schieben?
    Die jegliches Mitgefühl und jeden Respekt verloren hat, um einer Zahl zu dienen?
    Ganz arm, wirklich ganz arm.

  17. 16.

    Die im oft zitierten Urteil angegebene Gesetzeslücke wurde durch den § 75a IfSG mittlerweile geschlossen.

  18. 15.

    https://www.t-online.de/region/dortmund/news/id_91071998/dortmund-apothekerin-weist-mann-wegen-gefaelschten-impfausweis-ab-und-wird-angegriffen.html
    Einfach nur Erschreckend...

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