Berliner Verein verteilt Lernroboter an kranke Kinder - Per Avatar durch den Unterricht

So 21.11.21 | 16:38 Uhr | Von Anke Fink
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Double Robotics im Beitrag ""Avatare" für zwei Kranke Kinder im Homeschooling", Nordmagazin, 04.11.2021.(Quelle: ndr/Matthias Ruuck)
Bild: ndr/Matthias Ruuck

Krebskranke Kinder sind oft über Jahre vom sozialen Leben abgeschnitten, weil sie überwiegend im Krankenhaus leben. Mit Lernrobotern können sie am Unterricht teilnehmen - und nicht nur lernen. Von Anke Fink

Jedes Jahr erkranken etwa 1.800 Kinder in Deutschland an Krebs. Am häufigsten bekommen sie Leukämie. Dank besserer Therapien überleben knapp 90 Prozent der Betroffenen, aber der Weg ist lang und oft verbunden mit monatelanger Isolation im Krankenhaus. An Schule und Treffen mit Freunden ist kaum zu denken. Und da kommen die Double Robotics in Spiel - Lernroboter, die den Platz der kranken Kinder in der Klasse einnehmen und die mit dem Computer der Jungen oder Mädchen am Krankenbett verbunden sind.

Roboter gehen auch mit in die Pause

Die Lernroboter stammen aus den USA, werden aber seit einigen Jahren auch in Deutschland eingesetzt. Sie haben einen Bildschirm, über den das Kind am Unterricht teilnehmen kann. Die Roboter können sich autonom bewegen und gehen sogar mit in die Pause - nur beim Treppensteigen müssen sie getragen werden. Ihr Akku hält etwa einen Tag, über Nacht werden die Avatare im Klassenraum aufgeladen.

Mit den Double Robotics könnten die Kinder sogar Gedichte vor der Klasse vortragen, erzählt Andreas Landgraf, Pressesprecher des Berliner Verein Kolobri e.V., der kranken Kindern diese Lernroboter zur Verfügung stellt. Inzwischen seien es längst nicht mehr nur Krebskranke, die die Robotics bekommen. Kürzlich seien auch zwei Brüder mit einer Autoimmunerkrankung aus Zinnowitz durch die Geräte wieder in ihre Klasse gekommen [ndr.de], die sie seit mehr als einem Jahr nicht gesehen hatten.

Double Robotics im Beitrag ""Avatare" für zwei Kranke Kinder im Homeschooling", Nordmagazin, 04.11.2021.(Quelle: ndr/Matthias Ruuck)
Wegen einer Autoimmunerkrankung sind Noah und Gabriel aus Zinnowitz mit einem Double Robotic in der Schule zugeschaltet. Bild: ndr/Matthias Ruuck

Hertha-Spieler haben den ersten Roboter gespendet

Der Verein Kolibri wurde 2012 gegründet und konnte bereits 28 der Lernroboter zur Verfügung stellen. Dies sei ein enormer finanzieller Aufwand, sagt Landgraf - die Geräte kosten pro Stück rund 5.000 Euro.

Die Geschichte mit den Lernrobotern begann 2018 - damals bekam der Kinderkrebshilfeverein eine Anfrage aus Erfurt. Die Mutter eines leukämiekranken Jungen wünschte sich, dass ihr Sohn zumindest virtuell am Unterricht teilnehmen könnte. Er war wegen seiner Knochenmarktransplantation sehr isoliert.

Daraufhin habe der Verein die Double Robotics-Geräte entdeckt, sagt Landgraf: "Wir sind ein kleiner Verein, haben aber den großen Vorteil, dass wir viele große Unterstützer haben", so der Kolibri-Sprecher. Der Fußball-Verein Hertha BSC sei bereits davor auf "Kolibri"zugekommen, um zu helfen. Viele der Spieler waren laut Landgraf auch regelmäßig zu den kranken Kindern in die Klinik gegangen, um sie etwas aufzumuntern. Die Kicker hätten damals das Geld einfach untereinander gesammelt und es Kolibri e.V. übergeben, um den ersten Roboter zu kaufen.

Gerät sorgt für soziale Interaktion

Der Junge, der den ersten Double Robotics gestellt bekommen hat, ist leider verstorben, wie Landgraf sagt. Danach habe es aber ein Mädchen aus einer anderen Klasse an der gleichen Schule gegeben, die ebenfalls an Krebs erkrankt war. Die Direktorin habe gefragt, ob sie den Lernroboter noch behalten könnten. Ein Jahr später gab es demnach einen weiteren Jungen, der krank wurde und das Gerät weiter nutzen konnte.

Die Direktorin habe Landgraf mal eine Szene aus dem Unterricht beschrieben, wie die zwei besten Freunde des Jungen, der über den Lernroboter in die Klassen geschaltet war, mit ihm Karten gespielt hätten. Das sei wohl ein Riesenspaß gewesen. "Das muss man gesehen haben, was dieses Ding eigentlich auslöst", so Landgraf, der selbst durch die Krebserkrankung seines Sohnes zum Engagement im Verein gekommen ist.

Größere krebskranke Kinder werden vergessen

Hauptamtlich ist Landgraf Müllfahrer bei der BSR. Nachdem sein Sohn vor zehn Jahren schwer krank wurde, habe sich sein Leben für zwei Jahre im Krankenhaus abgespielt, konkret im Helios Klinikum in Buch. Damals habe er festgestellt, was seinem Sohn gefehlt habe. Es gebe jede Menge Krebshilfevereine, die sich alle nur auf die kleinen Kinder stürzten.

"Die großen werden vergessen", sagt Landgraf. Das habe er nie verstanden und finde das nicht richtig. Gerade als sein Sohn fragte, warum er sterben müsse und die Familie wirklich dachte, er schaffe es nicht, sei ihm das schmerzlich bewusst geworden. Denn gerade die älteren Kinder bekämen sehr genau mit, in welcher Situation sie sich befänden. Landgrafs Sohn ist inzwischen 26 Jahre alt und sei ein toller, gesunder, junger Mann, der übrigens auch als Müllfahrer bei der BSR arbeitet.

"Ein Herz für Kinder" sorgte für 20 Lernroboter

Das Ehrenamt als Pressesprecher bei Kolibri e.V. hat bereits mit dem ersten Lernroboter in Erfurt ziemlich Fahrt aufgenommen. Als die ersten Artikel dazu erschienen, seien auch immer mehr Anfragen beim Verein eingegangen, sagt Landgraf. Grundsätzlich könne sich jede Familie mit kranken Kindern an Kolibri wenden.

Landgraf arbeitet in einem zwölfköpfigen Team, das fast ausschließlich ehrenamtlich tätig ist. Als Franziska Giffey noch Familienministerin war, sei sie einmal zum Kochen im Krankenhaus in Berlin Buch gewesen. "Wir haben da eine Eventküche", sagt Landgraf. Bezahlt wurde die mit Sponsorengeldern. Der Mitteltresen sei höhenverstellbar, damit auch alle Rollstuhlkinder heranfahren und mitschnippeln könnten.

Die Ex-Familienministerin sei jedenfalls von den Lernrobotern begeistert gewesen und habe den Verein bei "Ein Herz für Kinder" ins Spiel gebracht. Der Bericht in der Sendung im vergangenen Dezember mit Elyas M’Barek als Paten habe dem Verein 20 neue Roboter gebracht, die sie an bedürftige Kinder verteilen konnten. Jetzt, wo Frau Giffey auf dem Weg zu Bürgermeisterin sei, hofft der Verein natürlich auch auf mehr Unterstützung vom Land Berlin.

Archivbild: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) spricht am 05.12.2020 bei der TV-Spendengala "Ein Herz für Kinder". (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey spricht im Dezember 2020 bei der Spendengala "Ein Herz für Kinder". | Bild: dpa/Britta Pedersen

Pilotprojekt mit Lernrobotern startet in Brandenburg

Brandenburg ist da jedenfalls schon weiter. Dort werde es jetzt ein Pilotprojekt mit den Lernrobotern geben, erzählt Landgraf - das sei das Ergebnis eines Treffens vom vergangenen Mittwoch im Bildungsministerium in Potsdam.

Lehrkräfte sollen im Umgang mit den Geräten geschult und der Bedarf im Land geprüft werden. Landgraf schätzt, dass jede Schule immer mal wieder ein Kind habe, das für längere Zeit ausfällt. "Ich könnte mir vorstellen, dass die sehr froh darüber wären, wenn sie in jeder Schule so einen Roboter hätten." Wenn das Pilotprojekt erfolgreich ist, sollen vier Roboter vom Potsdamer Bildungsministerium zur Verfügung gestellt werden.

Anfang Dezember kommen die nächsten fünf Roboter

Den vorerst letzten Double Robotics konnte der Verein am Donnerstag einer Schule in Berlin zur Verfügung stellen. Anfang Dezember kommen fünf neue, die aber auch schon vergeben ssind. Der Verein habe Anfragen aus Brieselang, Berlin oder Rostock, könne die aber erst nach und nach bedienen, sagt Landgraf: "Wir sind finanziell nicht so gut aufgestellt, dass wir das alles allein schaffen können." Zumal jeder Medienbericht dafür sorge, dass das Mailfach bei Kolibri e.V. überlaufe. Das sei aber in Ordnung. Für Andreas Landgraf ist es "eine Herzensangelegenheit".

Beitrag von Anke Fink

1 Kommentar

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  1. 1.

    Also in Marzahn-Hellersdorf gibt es über einen Verein auch einen Lernroboter an einem Förderzentrum und der Bezirk hat vier Avatare (ähnliches Prinzip) für Schüler des Bezirkes angeschafft. So schlecht ist Berlin demnach nicht aufgestellt... zumindest in Marzahn-Hellersdorf.

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