Prävention gegen Gewalt in der Partnerschaft - "Es fing bei mir mit ganz kleinen Sachen an, Übergriffigkeiten verbaler Natur"

So 28.11.21 | 11:29 Uhr | Von Stephanie Teistler
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Gestellte Aufnahme zum Thema Beziehungstat (Quelle: dpa/Thomas Trutschel)
Video: Brandenburg aktuell | 25.11.2021 | Stephanie Teistler | Bild: dpa/Thomas Trutschel

Gewalt in der Partnerschaft hat in Brandenburg um 20 Prozent zugenommen. Experten sehen einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Interview mit einem ehemaligen Teilnehmer eines Programms, das mit gewalttätigen Menschen arbeitet.

Thomas* ist 45 Jahre alt, hat eine Frau und Kinder und lebt in der nördlichen Hälfte Brandenburgs. Mehr Informationen möchte er nicht über sich preisgeben, weil er anonym bleiben möchte. Thomas ist in seiner Partnerschaft gewalttätig geworden, bekam ein Kontakt- und Annäherungsverbot auferlegt. Bei der Fachstelle für Gewaltprävention Brandenburg hat er sich schließlich Hilfe gesucht, seit ein paar Wochen hat er das dortige Programm abgeschlossen. Im Interview erzählt er, wie ihm der sechsmonatige Prozess dabei geholfen hat, seine Gewaltmuster zu durchbrechen.

rbb|24: Sie haben ein Programm durchlaufen, das mit Menschen arbeitet, die gewalttätig geworden sind. Welche Form von Gewalt haben Sie in Ihrer Beziehung ausgeübt?

Thomas: Bei mir waren das verbale Gewalt, körperliche Gewalt, psychische Gewalt.

Ist das ein Verhalten gewesen, das für Sie typisch war? Etwas, das Sie aus anderen Beziehungen kannten?

Nein, das war so neu für mich. Wenn man mittendrin ist, merkt man das auch nicht so. Es fing bei mir mit ganz kleinen Sachen an, Übergriffigkeiten verbaler Natur. Das steigerte sich dann, je mehr ich da reingekommen bin. Bis zu körperlicher und psychischer Gewalt. Das kam für mich mit Situationen, die mein Leben bestimmt haben: Familie gründen, Wohnungswechsel, Ortswechsel. Das waren Situationen, die stressig für mich waren, die ich aber anders hätte kompensieren müssen.

An welchem Punkt haben Sie dann gemerkt, dass auch Sie Hilfe brauchen und das nicht allein schaffen?

Das waren drei Auslöser bei mir. Ich hatte von meiner Frau über Ecke die Aufforderung bekommen, mich um mich zu kümmern, mir professionelle Hilfe zu holen. Ansonsten war die ganz klare Aussage, dass es keine Zukunft für die Beziehung, für die Familie gibt. Dann habe ich auch selbst gesehen, dass ich mich in eine Situation reinmanövriert habe, wo ich nicht mehr weiterkomme. Und das dritte war, dass ich wegen der eskalierenden Vorfälle zu diesem Zeitpunkt schon ein Kontakt- und Annäherungsverbot hatte – die Restriktionen von außen haben also sehr deutlich zu mir gesprochen. Da war klar: Das ist eine Sackgasse, so geht es nicht weiter.

Wie sind Sie dann zum Programm der Fachstelle für Gewaltprävention gekommen?

Das war eine Empfehlung der Opferhilfe. Es war so, dass meine Frau sich, nach den Sachen, die passiert sind, an die Opferhilfe und an das Frauenhaus gewandt hatte. Da habe ich dann gefragt, ob sie jemanden kennen, der sich auch – vielleicht nicht um die Täter kümmert – aber der den Tätern auch einen Anlaufpunkt geben kann.

Das Programm beginnt mit Einzelgesprächen. Wie waren da Ihre ersten Stunden?

Das erste, was ich sofort wusste, war, dass ich dort gut aufgehoben bin. Ich wusste, ich habe da einen Schutzraum, in dem ich mich zeigen kann und nicht moralisch angeklagt werde. Hier konnte ich alles reflektieren. Und ich hatte Respekt vor den Fachkräften. Weil in dem Moment, wo man sich da meldet, ist man sehr verwirrt, weiß nicht, wo vorn und hinten ist, was richtig und was falsch. Da dachte ich: Hut ab vor den Fachkräften dort, weil die der erste Puffer sind, damit die Täter oder Täterinnen erstmal wieder zur Besinnung kommen.

Wenn Sie von Verwirrtheit sprechen: Wann hatten Sie das Gefühl, das erste Mal wieder einen klaren Blick auf Ihre Situation zu haben?

Das war ein schleichender Prozess. Das Annäherungs- und Kontaktverbort was sicher schmerzlich, aber es führte dazu, dass ich dann zu einem Besinnungsmoment gekommen bin. Irgendwann musste ich nur noch auf mich schauen und mir klar werden, was will ich eigentlich vom Leben? Welche Werte möchte ich leben? Das kam sicher nicht bei dem ersten Treffen dort, aber allmählich. Wer bin ich? Was habe ich gemacht? Übernehme ich Verantwortung dafür?

Laut der Fachstelle gibt es keinen typischen Täter. Viele teilen aber die Erfahrung, selbst Gewalt in der Kindheit erlebt zu haben. Wie ist das bei Ihnen?

Auf mich trifft das nicht zu. Auch ich habe bei der Fachstelle erfahren, dass Gewalt oft ein erlerntes Verhalten ist. Das habe ich sofort als Aufforderung verstanden und habe in meiner Familie geforscht, ob ich da etwas wiederholt habe, was ich selbst gesehen habe. Aber das war es nicht, was sicher auch eine riesige Erleichterung war. Das Erlernen bezog sich bei mir darauf, wie ich versucht habe, als Erwachsener komplexe Situationen zu beherrschen. In stressigen Situationen, durch Arbeit, Beziehung, Kinder, hatte ich mir eben Lautstärke, Glasbruch oder Schlimmeres antrainiert.

Die zweite Phase im Programm der Fachstelle ist eine Gruppenarbeit. Wie war das, Ihre Situation mit anderen Männern zu teilen und darüber zu sprechen?

Der Gruppenkurs war eine Art Geschenk, weil das wieder ein geschützter Raum ist, wo man sich zeigen kann, wo man lernt sich zu verstehen und zu reflektieren, was passiert ist und warum. Auf der anderen Seite ist es nicht so, dass man das mal mitmacht, das absitzt und am Ende eine Medaille kriegt. Das geht nicht, ohne sich da zu zeigen und wirklich mitzuarbeiten. Das ist mental und physisch anstrengend.

Hatten Sie während des Kurses einen Rückfall in alte Muster?

In andere Verhaltensmuster sicherlich, aber nicht in Gewaltmuster. Man vereinbart im Kurs auch, dass man es melden und ansprechen muss, wenn es passiert. Das war eine Bedingung für den Kurs.

Was haben Sie in dieser Zeit über sich gelernt und an neuen Verhaltensweisen mitgenommen?

Weil in meiner Situation auch Kinder mit dabei waren, war es für mich sehr lehrreich zu erfahren: Wie wirkt Körpersprache? Wie wirkt der Größenunterschied zwischen einem erwachsenen Mann und einem Kind? Oder wie wirkt Lautstärke? Die ist bedrohlicher, wenn man ein kleinerer Mensch ist.

Ansonsten dachte ich am Anfang immer, ich kriege bei der Fachstelle konkrete Handlungsanweisungen. Die habe ich aber nicht bekommen. Und irgendwann ist mir klar geworden, warum: Weil das ja mein Leben ist und ich selbst dafür verantwortlich bin - eine Fachstelle kann da begleiten, aber ich muss mein Leben selbst gestalten. Und das ist eigentlich die Kernerkenntnis: Ich bin für mich und mein Tun verantwortlich. Ich kann alles machen, aber muss dann die Konsequenzen daraus auch tragen.

Vertrauen Sie sich inzwischen selbst, dass es nicht noch einmal dazu kommt? Dass Sie nicht nochmal gewalttätig werden?

Ich bin zuversichtlich. Auch weil die Fachstelle für mich nur eine erste Anlaufstelle war. Während meiner Arbeit mit den Fachkräften dort habe ich mir ein weiteres Netzwerk aufgebaut, aus anderen Fachkräften und Bekannten. Das ist die Hausärztin, das ist die Psychologin, die Männerrunde. Ich bin also nicht allein, kann mir in herausfordernden Situationen Rat und Hilfe holen. Das fühlt sich für mich als Stütze so gut an, dass ich das Vertrauen habe, es gut schaffen zu können.

Wie geht es für Sie in Ihrer Partnerschaft jetzt weiter?

Da ist der Ernstfall schneller gekommen, als gedacht. Das Kontakt- und Annäherungsverbot ist nach einem halben Jahr gefallen und es gab dann wieder eine Annäherung zwischen meiner Frau, den Kindern und mir. Und jetzt sind wir wegen Corona zusammen in Quarantäne, schon seit mehreren Wochen. Es ist eine herausfordernde Situation, aber es läuft sehr gut. Das spiegelt mir auch meine Frau. Durch den Kurs habe ich nochmal anders Kommunizieren und Hinterfragen gelernt. Auf der Gewaltebene, auf der Exzessebene, passiert gar nichts.

Ich habe gemerkt, dass der Kurs der Fachstelle reichhaltiger für mich und mein Leben war, als die Situation, die mich da hin geführt hat. Ich habe viel über mich, meine Wünsche und Werte gelernt. Das kann ich auf das ganze Leben anwenden. Da ist ein Bewusstsein geweckt worden, das möchte ich nicht mehr hergeben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Stephanie Teistler.

*Name von der Redaktion geändert

Sendung: Brandenburg aktuell, 25.11.21, 19:30 Uhr

Beitrag von Stephanie Teistler

7 Kommentare

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  1. 7.

    Verbale Gewalt kommt sehr oft von Frauen, aber gut dass ihr immer den Mann als böse darstellt.

  2. 6.

    @Beate B.: Ich würde es für mich so definieren: Verbale Gewalt ist zugleich auch immer psychische Gewalt, wohingegen psychische Gewalt sehr wohl auch ohne Worte ausgeübt werden kann. Verbale Gewalt ist also eine von mehreren Formen von psychischer Gewalt.

  3. 5.

    Werte Beate B., auch ich habe mit gutem Recht mir das gefragt? Wir wissen die Antwort, ganz klar. Und man darf sich auch fragen, wer wohl die >betroffene< Frau war?

  4. 4.

    @Beate B.
    "Psychische Gewalt ist eine Form von Gewalt, die ohne Schläge auskommt. Psychische Gewalt kann in verschiedenen Facetten und mittels unterschiedlicher Verhaltensweisen und Strategien verübt werden. Im Zentrum steht es demnach immer, das Opfer zu schwächen, es aus dem Gleichgewicht zu bringen und zu verunsichern."

    Von einer renommierten Seite gefunden.

  5. 2.

    Was ist denn der Unterschied zwischen „verbale Gewalt“ und „psychische Gewalt“? Seltsam!

  6. 1.

    Respekt für die Offenheit - und hoffentlich ein gutes Beispiel für alle, die in ähnlichen Verhaltensmustern feststecken.

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