KZ-Überlebender sagt gegen früheren Wachmann aus - "Sie haben die Hölle bewacht"

Do 04.11.21 | 17:21 Uhr
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Emil Farkas (l), Holocaust-Überlebender, Zeuge und Nebenkläger, sitzt am 04.11.2021 im Gerichtssaal im Prozess gegen einen mutmaßlichen ehemaligen KZ-Wachmann. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Audio: Antenne Brandenburg | 04.11.2021 | Yvonne Krause | Bild: dpa/Christophe Gateau

50 Jahre lang habe er nicht über das Erlebte sprechen können, wollte alles vergessen. Nun sagte der KZ-Überlebende Emil Farkas im Prozess gegen einen SS-Wachmann aus dem KZ Sachsenhausen aus. Von Lisa Steger

Emil Farkas war 15 Jahre alt, als er den Eingang des KZ Sachsenhausen durchschritt. Verschleppt aus der Tschechoslowakei.

Es war Ende Dezember 1944. Die Menschen feierten Weihnachten. Farkas hingegen stand auf dem Appellplatz und blickte auf die Leichen von zehn Männern. Die hatte die SS erhängt. Die Wachleute brüllten die neuen Häftlinge an: Genau dort würden auch sie landen, wenn sie "nicht in Ordnung sind", wenn sie also nicht gehorchten.

Farkas war ein trainierter Sportler. Geräteturner. Die SS teilte ihn dem berüchtigten Schuhläuferkommando zu. Das hieß: Schuhe testen für die deutsche Industrie. Stiefel, Sandalen. 40 km Fußmarsch am Tag und dies bei jedem Wetter. Zu essen gab es nur ein Stück Brot am Morgen.

Ein lebensgefährliches Arbeitskommando

Jeden Tag, so sagt Emil Farkas aus, brachen Schuhläufer zusammen und ebenso andere Häftlinge. Aus Schwäche. Und weil sie unterernährt waren. Sie wurden auf der Stelle erschossen. "Nicht alle Männer, die morgens anfingen, waren abends noch am Leben", erinnert sich der 92-Jährige. "Es war absolut wie die Todesmärsche."

Andere Häftlinge eilten herbei, luden die Toten auf Karren, fuhren sie ins Krematorium. "Ich habe es gesehen. Jeden Tag."

Auch vor den Baracken standen diese Karren jeden Morgen. Dort schliefen die Gefangenen ohne Decken und ohne Heizung. "Leute starben in der Nacht, das war ganz normal", so der 92-Jährige. "Die Leute starben, weil sie am Verhungern waren. Menschen starben, dann kamen neue."

Andere Gefangene hielten Angst, Hunger und Schläge nicht mehr aus. Sie liefen in den Todesstreifen, weil sie erschossen werden wollten. Es waren manchmal auch Jugendliche. Farkas hat es selbst gesehen.

"Ist Ihnen Ihr dunkles Geheimnis so viel wert, dass sie sich nicht entschuldigen können?"

Bei ihren Fußmärschen mussten die Schuhläufer deutsche Lieder singen, erinnert sich Emil Farkas. Eines davon hieß "Erika". Er stimmt es im Gerichtssaal an: "In der Heimat wohnt ein kleines Mädchen, das heißt Erika." 77 Jahre ist das her. Er trifft den Ton noch.

Erika war auch der Name seiner Nichte, die im Alter von einem Jahr deportiert und ermordet worden war. So wie Farkas' Schwester, deren Mann und zwei seiner Brüder. Immerzu musste Emil Farkas an die Kleine denken, sagt er aus, und dabei weiter singen, weiter marschieren. "Mein Ziel war nur, zu überleben."

Er wendet sich direkt an den Angeklagten Josef S.: "Sie haben die Hölle bewacht. Sie sind jetzt hundertmal so alt, wie Erika wurde. Ist Ihnen Ihr dunkles Geheimnis so viel wert, dass sie sich nicht entschuldigen können?"

Der Angeklagte schweigt. "Sie haben mich gesehen, Sie haben mich gehört. Das Lied hieß "Erika"!" fährt Emil Farkas fort.

Josef S., der Wachmann, schweigt weiter.

Vergangenheit, die nie vergeht

Seine Aussage in dem Prozess ringt sich der Überlebende geradezu ab. "Ich konnte 50 Jahre lang nicht darüber sprechen", sagt Farkas. Ende der 40er Jahre ging er nach Israel und wurde dort Sportlehrer. Der Rektor seiner Schule wollte, dass Farkas den Kindern vom Holocaust berichtet. "Ich konnte nicht reden. Ich war jahrzehntelang stumm", flüstert er mehr, als er spricht.

"Jeden Tag wurde ich geschlagen. Jeden Tag starben Menschen. Ich wollte alles vergessen. Das war mein Wunsch."

Eine Zeitlang sah es so aus, als habe er das geschafft, erzählt Farkas' Enkelin Rotem Bin-Ari, die ihn zum Prozess begleitet. "Ich wusste einiges, aber er sagt nicht viel", berichtet die 36-Jährige: "Erst vor zehn Jahren hat sich das geändert. Er brauchte Zeit."

In der Nacht vor dem Prozess hat Emil Farkas kaum geschlafen, sagt Anwalt Thomas Walther, der ihn als Nebenkläger vertritt. Warum hat der 92-Jährige den Weg auf sich genommen? "Er hat die Suche nach Gerechtigkeit im Sinn, weil es für ihn auch ein Stück Frieden bedeutet", so Walther. "Er kann mit dem Geschehen besser umgehen, wenn die deutsche Justiz am Ende noch ein gerechtes Urteil spricht, das feststellt: ich bin dort grausam gequält worden."

Am Ende teilt der Überlebende im Gerichtssaal mit: Er hat dem Richter noch etwas zu sagen. "Ich wollte mich bedanken für alles hier."

Nach Haifa zurückfliegen will er an diesem Tag nicht. Denn Farkas will den nächsten Prozesstag wieder verfolgen. Er hofft, dass der Angeklagte doch noch spricht.

Sendung: Brandenburg aktuell, 4.11.21, 19:30 Uhr

23 Kommentare

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  1. 23.

    Machen Sie sich keine Sorgen - hier kommt (was das betrifft) NICHTS zur Ruhe - und das ist auch sehr gut so, damit Nazis in Deutschland nie wieder Fuß fassen können um vielleicht noch das fortsetzen zu können, was Superverbecher ah begonnen hat...

  2. 22.

    Ich unterstelle? Ich interpretiere? Ich stelle fest. Und es sind auch keine Unterstellungen, sondern Fakten.

  3. 21.

    Müssen Sie wirklich jedes Mal in vollkommen harmlose Aussagen was Negatives hineininterpretieren, nur um demjenigen Nähe zum Rechtsextremismus zu unterstellen? Ihre Unterstellungen sind vollkommen haltlos.

  4. 20.

    Allein schon dieser Umstand und die eigene Empfindung dabei - selbst, wer sonst nicht weiß - ist dazu geeignet, das menschenverachtende Wesen der NS-Herrschaft zu begreifen. Einmal bin ich mit anderen Gedanken im Kopf die Wilhelmstraße nordwärts in Richtung Leipziger entlanggegangen, ohne mir recht zu vergegenwärtigen, auch welcher Höhe ich da war. Der nur kurze, nur flüchtige Blick nach links ließ mich augenblicklich erschaudern: Der Prototyp der Welthauptstadt Germania, das frühere Reichsluftfahrtministerium ...

    Das versuchte Kleinmachen trifft es voll: Als Einzelner bist Du nichts, in der über deinen Kopf hinweg organisierten Masse bist Du alles.

  5. 19.

    Warum erst jetzt?
    Ja warum erst jetzt, weil es keine von den obrigkeiten mehr gibt.
    Und nur noch helferhelfer da waren weil es die jüngsten waren.

    Aber zurzeit läuft es in anderen Ländern auch nicht besser ab.
    Es gab noch nie soviele Kriege wie jetzt aktuell.

  6. 18.

    Wie konnte so etwas nur passieren?
    Mir kamen die Tränen beim Lesen.
    Was Menschen anderen Menschen antun ist unglaublich, da hilft auch keine Entschuldigung.
    Echte Reue des Angeklagten wäre richtig, würde aber die Verbrechen nicht ungeschehen machen.

  7. 17.

    Nein, eine Demokratie muß ihre erklärten Feinde nicht "aushalten". Und warum wollen sie die Spuren der Nazibarberei beseitigen?

    Mich befällt ein schlimmer Verdacht warum sie das wollen. "Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."

    Genau das passiert gerade in Deutschland.

  8. 15.

    Waren Sie einmal in einem Nazibauwerk? Nach Ihren Worten zu urteilen, nein.
    Auch wenn es Ihnen gegen den Strich geht, besuchen Sie mal eines dieser Gebäude oder besichtigen es!
    Wenn Sie im Gebäude sind, werden Sie spüren, dass für die Nazis der Einzelne nichts zählte. Er sollte sich klein und hilflos fühlen und das Gefühl bekommen, nur die sogenannte „Volksgemeinschaft“ sei alleine wichtig. So drückt die Architektur der NS-Zeit die herrschende, das Individuum verachtende, Ideologie der Nazis aus. Die Folgen sind wohl allgemein bekannt!

  9. 14.

    Eine Demokratie muss aushalten, dass es auch Parteien im rechten Bereich gibt. Es darf nur nicht zu einem neuen Ermächtigungsgesetz kommen. Was mich mehr umtreibt: wie soll man diesem Überlebenden erklären, dass das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg immer noch erhalten ist und sogar ein Teil davon heute unter Denkmalschutz steht? Unfassbar.

  10. 13.

    Sind wir ohnmächtig? Nein, das sind wir nicht. Sie haben es bei jeder Wahl in der Hand! Und wenn Ihnen die Politik der etablierten Parteien nicht passt, dann gibt es immer noch die Möglichkeit die Partei auf dem Wahlzettel anzukreuzen, die die geringste Chance hat ins Parlament oder Rathaus zu kommen. So geht Ihre Stimme nicht verloren!
    Zum Zweiten, fragen Sie sich, wo Sie sich engagieren können: z.B. ein Ehrenamt und der freien Jugendarbeit. Und vertreten Sie Ihre Meinung!
    Zum Dritten, sofern Sie Kinder haben zeigen Sie Ihnen was totalitäre Regime und Ideologien für Perversionen hervorbringen, Beispiel in Ihrer Nähe Buchenwald. Oder Suchen Sie die Spuren der Bürgerbewegung der DDR. Durch meine Zeit in Erfurt weiß ich, dass es da genügend Spuren gibt. Einfachmal den nächsten Pfarrer fragen, am besten anfangen am Dom!

  11. 12.

    Danke für die gute Berichterstattung zu diesem außergewöhnlichen Prozess. Nur 8 Kommentare gibt es zu diesem Beitrag, auch das ist eine Aussage. Ich bitte um einen Bericht zu der Frage, die immer wieder auftaucht, auch in anderen Medien. Warum erst jetzt? Das die Nürnberger Prozesse nur ein kurzer und notwendiger Auftakt der Alliierten waren, ist bekannt.
    Was war in den 60 er und 70 er Jahren passiert zum Thema Täterverfolgung, als die sauberen Herren teilweise in hochbezahlten Ämtern saßen?
    War das damals Allen egal oder waren es tatsächlich Kollegen aus Bundestag, die man hätte vor Gericht stellen müssen?

  12. 11.

    Wir sind ohnmächtig und trotzdem lässt unsere Demokratie das Erstarken der Nazis wieder zu. Wir haben nichts gelernt.
    Wer die AFD gewähren lässt, verhöhnt die Opfer.
    Es sind Krokodilstränen, die hier vergossen werden.

  13. 10.

    Es war ein Zufall als ich durch eine Radfahrt diesen Ort zum ersten mal sah.
    Ich war von der Radfahren total fertig und wollte mich ausruhen.
    Ich setzte mich auf eine Bank und las was hier in der Nähe wo ich rastete geschah.
    Ich bin bis jetzt traurig, voller Schmerz und in tiefer Trauer über das Schicksal der Betroffenen.
    https://www.gemeinde-schipkau.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=49253
    Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur und niemals vergessen was einst anderen angetan wurde!

  14. 9.

    Danke. Das ist auf den Punkt gebracht. Das Hineinsteigern in pervertierten Sadismus...Erschütternd, dass erst mit Fritz Bauer Täter vor ein deutsches Gericht kamen.

  15. 8.

    Danke, ich hatte was ähnliches geschrieben.

    @ Andreas Rudolf

    Schämen muß man sich erst wenn man nichts gegen den braunen Abschaum im Land unternimmt. Die sind nämlich nie ganz weggewesen und aktiv wie noch nie, siehe AfD im Osten. Wenn Faschisten und Rechtsextremisten, die geistigen Nachfolger dieser Verbrecher wieder in deutschen Parlamenten sitzen, dann läuft hier was schrecklich falsch.

    So was hätt einmal fast die Welt regiert!
    Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
    Dass keiner uns zu früh da triumphiert -
    Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

  16. 7.

    Mord verjährt nicht - Beihilfe zum Mord verjährt nicht.

  17. 6.

    alle Verantwortlichen für diese schrecklichen Taten sind tot. Von den Betroffenen gibt es auch nur noch sehr wenige.
    Mich wundert aber, warum man die Helfershelfer im Greisenalter ERST JETZT anklagt und nicht schon zeitnah nach Kriegsende .
    Die Aussagen von Emil Farkas sind zutiefst erschütternd. Wir wurden als Grundschulkinder in einer Berliner Schule Anfang der 1950er Jahre mit schwarz/weiß Filmen von den KZ`s konfrontiert, da wurden menschliche leichen mit Radladern in Massengräber geschüttet, alle Schüler waren nachhaltig verstört , und das im Alter von 6-8 Jahren , Erklärungen gab es nicht

  18. 5.

    Jeder Mensch sollte all dies und noch so viel mehr gehört und angesehen haben. Auch die gezielte Perversion, die an den Tag gelegt wurde und mittels derer Menschen ganz gezielt schikaniert und gequält wurden. Es ist ein Hineinsteigern in ein Sadismus, hervorgebracht und geschützt von einem System, welches von deren Anhängern als Auflaufen zur Hochkultur bezeichnet wurde.

    Ich danke Emil Farkas für seinen Mut.

    Diese und andere Erfahrungen sind jz.lang verschwiegen worden - aus uneingestandener Scham, um vordergründig die Ärmel aufzukrempeln und nur voranzuschauen. Aus einer Unausgegorenheit und aus ausgereichten "Persilscheinen" kann nur recht vordergründig eine demokratische Gesellschaft aufgebaut werden.

  19. 4.

    Leider sterben die Zeitzeugen und werden immer weniger. Dieser Bericht öffnet die Sicht auf das Leben, Greuel und den Überlebenskampf der KZ-Häftlinge eine Spalt.
    Das was Herr Farkas erlebt hat, hat mir ein Verwandter der im Widerstand gegen das NS-Regim und dafür in Moorlagern in Norddeutschland war bezogen auf dieses Lager mir als Oberstufenschüler erzählt. Er sagt mir jedoch auch Eines: Nicht meine Generation trage die Schuld, sondern wir haben die Verantwortung, dass diese Verbrechen nie wieder geschehen. Nur wenn diese Greuel wieder passieren und wir hätten nichts dagegen getan, dann würden wir uns schuldig machen.
    Vielleicht wird die Aussage von Herr Farkas nach dem Prozess irgendwie veröffentlicht oder seine Erinnerung auch hier in der Bundesrepublik Deutschland an die junge Generation weitergegeben zur Mahnung und zur Erinnerung, dass sie niemals einem totalitären menschenverachtenden System folgen oder seiner Ideologie huldigen.

  20. 3.

    Leider, und die werden immer mehr, wie man an Wahlergebnissen bitter sehen muss. Mein Großvater war trotz russischer Kriegsgefangenschaft bis zu seinem Tod ein Nazi; mein Vater hat sich immer mit ihm vortrefflich gestritten und den Wind aus dem den Segeln genommen. Opas Landsergewäsch war unerträglich und hat mich mit 14 Jahren zum Tagebuch der Anne Frank gebracht. Ich hoffe auf Gerechtigkeit und bin gegen das Vergessen. Und wieder weine ich aus Trauer und Wut; dazu stehe ich und wünsche Herrn Farkas den Frieden, den er verdient hat.

  21. 2.

    puh, und hier schwadronieren immer wieder Menschen, ob man das nicht endlich alles ruhen lassen könne...

  22. 1.

    Ein sehr bewegender Bericht!
    Man hört fast wie Farkas die Luft zum Sprechen fehlt; was muss dieser Mann durchgemacht haben?
    Wieder einmal schäme ich mich diesem Volk anzugehören!

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