Brandenburg/Havel - KZ-Überlebender appelliert an früheren Wachmann, seine Schuld einzugestehen

Do 04.11.21 | 14:51 Uhr
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Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann kommt mit seinem Anwalt Stefan Waterkamp in den Gerichtssaal. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Audio: Antenne Brandenburg | 04.11.2021 | Lisa Steger | Bild: dpa/Fabian Sommer

In dem Prozess um die Tötungen von Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen hat ein Überlebender aus Israel gegen den Angeklagten ausgesagt. Er appellierte an den 100-jährigen früheren SS-Wachmann, über sein "dunkles Geheimnis" zu reden.

Im Prozess um die Massentötungen von Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen ist am Donnerstag ein Überlebender aus Israel als Zeuge gehört worden. Der 92-jährige Emil Farkas appellierte vor Gericht an den Angeklagten, seine Schuld einzugestehen.

Farkas ist ein aus der Slowakei stammender Jude, er war Leistungssportler der israelischen Nationalmannschaft im Kunstturnen. Vor Gericht in Brandenburg an der Havel rief er den 100-jährigen Angeklagten auf, sein "dunkles Geheimnis" nicht länger für sich zu behalten und den Mut aufzubringen, über die Zeit zu reden.

Farkas Aussagen wurden zunächst in einer Erklärung auf Hebräisch verlesen und dann übersetzt. Mit seiner Aussage wolle er auch ein Zeichen setzen und deutlich machen, "wir Überlebenden sind hier und wollen Zeugnis ablegen", sagte sein Anwalt.

Nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten war Farkas von Dezember 1944 an als Jugendlicher zusammen mit seinem Bruder in dem KZ inhaftiert.

Gemeinsam waren sie in dem berüchtigten Schuhläufer-Kommando eingeteilt, das unter unmenschlichen Bedingungen Sohlen für die deutsche Schuhindustrie testen musste. Die Brüder gehörten nach Angaben der Stiftung zu den mindestens 3.000 Kindern und Jugendlichen, die zwischen 1936 und 1945 in dem KZ inhaftiert waren.

Prozess-Pause wegen medizinschen Eingriffs

Angeklagt ist in dem Prozess ein heute 100-Jähriger, der laut Staatsanwaltschaft zwischen 1942 und 1945 im KZ Sachsenhausen als Wachmann der SS Beihilfe zur Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben soll. Der Angeklagte hatte sich bei seiner Vernehmung am zweiten Prozesstag für unschuldig erklärt. In der Befragung zu seinem Lebenslauf hatte er sich zwar zu Kindheit und Armeezeit in Litauen, Kriegsgefangenschaft und der Zeit in der DDR geäußert, jedoch nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft.

Der Angeklagte musste sich kürzlich einem kleineren medizinischen Eingriff unterziehen. Die beiden vergangene Woche vorgesehenen Verhandlungstermine wurden deshalb aufgehoben.

Damalige Aussage des Angeklagten nicht verwertbar

In dem Prozess sagte bereits ein Polizeioberkommissar als Zeuge aus. Er war Einsatzleiter bei einer Hausdurchsuchung beim Beschuldigten im Oktober 2019. An diesem Tag wurde der Beschuldigte erstmals mit den Tatvorwürfen konfrontiert. Es wurde kein belastbares Material gefunden. Es stellte sich aber heraus, dass die damaligen Aussagen des Angeklagten vor Gericht nicht verwertbar sind, weil er von den Beamten zu spät über sein Aussageverweigerungsrecht belehrt worden war.

Fortsetzung am Freitag

Das Verfahren vor dem Landgericht Neuruppin wird aus organisatorischen Gründen in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel geführt. Am Freitag sollen der psychiatrische Sachverständige, der die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten untersucht hat, und ein Nebenkläger aus Frankreich, Nachkomme eines Häftlings, als Zeugen angehört werden.

Sendung: Brandenburg aktuell, 04.11.2021, 19:30 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    Mord verjährt nicht - Beihilfe zum Mord verjährt nicht.

  2. 9.

    Mord und Beihilfe zum Mord verjähren nicht. So ist die aktuelle Rechtslage.

  3. 8.

    Freispruch niemals. Allerdings wird der Angeklagte die Strafe nicht antreten müssen. Teilweise ist der doch schon jenseits von gut und böse. Der wird nicht reden; der hat doch auch so viel innerlich unterdrückt und will vieles nicht wahr haben. Mir machen heute die Jungnazis zu schaffen. Ganz anders durchgreifen. Heute auf br24: Schießübungen in Tschechien deutscher Staatsfeinde.

  4. 7.

    Sie halten also unser Justizsystem für eine Farce? Mord verjährt nicht. Der Angeklagte hatte genug Zeit sich zu stellen, das wollte er aber nicht.

    Niemand wurde gezwungen für die SS im KZ zu arbeiten.

    Wer von "Medienrummel" und mehrfach von "Farce" schwadroniert, der zeigt deutlich was er von unserer Demokratie hält und wessen Gesinnung er teilt.

  5. 6.

    Alleine dass der Angeklagte endlich mal persönlich mit einem seiner Opfer konfrontiert wird lohnt den Prozess, ganz unabhängig von dessen juristischem Ausgang. Emil F. wird hoffentlich unangenehme Fragen an den Angeklagten haben.
    @Nr. 4: Aus dem Demjanjuk-Prozess müßte eigentlich hinlänglich bekannt sein, dass auch eine teilnehmende Stellung im Räderwerk der industrielle Massenvernichtung von Menschen genügt, um wegen Beihilfe zu Mord in xxxx Fällen veruteilt zu werden.

  6. 5.

    Stellt sich natürlich die Frage, wie viele Hochbetagte ins Lager getrieben wurden, erschlagen wurden, gedemütigt und entwürdigt wurden, vorher enteignet, entmenschlicht und dann nackt hingerichtet wurden. Könnten tatsächlich sehr, sehr viele Hundertjährige gewesen sein. Diese Prozesse hätten früher stattfinden müssen, aber das Alter des Schuldigen hat nichts mit den Verbrechen zu tun, die er unterstützte. Niemand wurde übrigens gezwungen, in diesen Lagern zu arbeiten. Es gab Stellenausschreibungen, auf die konnte man sich bewerben. Kennen Sie die gruseligen Aufseherinnen, die endlich Macht ausleben konnten? Diese fühlten sich dort sehr wohl. Margarete T. meinte; „Ihre Zeit als Aufseherin war die schönste in ihrem Leben.“ Tausende führten nach dem Krieg ein gutes Leben, im Gegensatz zu den Opfern.

  7. 4.

    Über 76 Jahre her, 100 Jahre alt. Was das für eine Farce. Die Frage muss erlaubt sein, ob das nicht selbst zum schnellen Tod des Angeklagten führt. Man hat doch 70 Jahre Zeit gehabt und nichts gemacht. Und was will man machen? Lebenslänglich einsperren? Was für eine Farce.
    Aus dem Bericht ist nicht erkennbar ob er selbst getötet hat oder ob es für irgendetwas Beweise gibt. Wahrscheinlich endet dieser ganze Medienrummel in einem Freispruch. Was für eine Farce.

  8. 3.

    Die Gründe dafür sind bekannt. Die westdeutsche Justiz war von Nazis und deren Helfern durchsetzt, die ostdeutsche Justiz verurteilte wie es der SED passte. Unabhängig waren beide nicht.

  9. 2.

    So wichtig die Verfolgung dieser Verbrechen ist, so bleibt doch ein zwiespältiges Gefühl, da die Justiz erst dann anfing, diese konsequent Taten zu verfolgen, als es ihr selbst und allen Höhergestellten nicht mehr schaden konnte. Speziell den Blutrichtern und -staatsanwälten, die bedenkenlos Todesurteile am Fliessband verhängt haben, wurde stets zugute gehalten, sie hätten den Unrechtscharakter der Gesetze nicht erkennen können. Ansonsten wird diesem erlauchten Kreis jedoch stets eine weit höhere Einsichtsfähigkeit als dem gemeinen Volk zugestanden. Dies gilt offenbar nur dann nicht, wenn Konsequenzen für das eigene Handeln zu tragen sind. Der kleine Wachmann hat jedenfalls, anders als die Richter, das Unrecht der erteilten Befehle zu erkennen und danach zu handeln.

  10. 1.

    Zitat: "Es stellte sich aber heraus, dass die damaligen Aussagen des Angeklagten vor Gericht nicht verwertbar sind, weil er von den Beamten zu spät über sein Aussageverweigerungsrecht belehrt worden war."

    Jedes wie auch immer ablaufende Gespräch oder ein Gespräch, welches vorher von den Beteilgten als Vernehmung bekannt war, beginnt mit einer mündlichen Belehrung über Pflichten und Rechte des Beschuldigten oder/und Zeugen. Diese Belehrung wird in einem Protokol ganz oben dokumentiert und von den Beteiligten unterschrieben und datiert.

    Und das wusste die Jusitz (Polizei und Staatsanwaltscxhaft) in diesem besonderen Fall nicht? OMG!

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