Mobilität im ländlichen Raum - Ohne den Bürgerbus könnten viele Menschen ihr Dorf nicht verlassen

So 07.11.21 | 12:57 Uhr
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Archivbild: Ein Minibus vom BürgerBusVerein in Gransee transportiert Passanten. (Quelle: Nestor Bachmann/dpa)
Audio: Antenne Brandenburg | 08.11.2021 | Luise Burkhardt | Bild: Nestor Bachmann/dpa

Vor 16 Jahren ist der erste ostdeutsche Bürgerbus in Gransee gestartet. Er steuert seitdem die kleinen Dörfer rund herum an. Rüdiger Ungewiß hat alles aufgebaut, war selbst lange Fahrer und will für den Bürgerbus 100 Jahre alt werden. Von Luise Burkhardt

Zweimal am Tag fährt der Linienbus – das ist in vielen Dörfern in Brandenburg ein ganz normaler Zustand. Weil die Verkehrsbetriebe immer mehr Linien zusammenlegen und Haltestellen streichen, haben sich die Bürgerbusse etabliert: Busse, die von Ehrenamtlichen gesteuert werden und die Ortschaften anfahren, die sich für die großen Linienbusse nicht mehr lohnen.

Mittlerweile gibt es fünf Bürgerbus-Vereine in Brandenburg, einer davon ist der Bürgerbusverein Gransee im Landkreis Oberhavel. Er war der erste seiner Art im ostdeutschen Raum. Für Rüdiger Ungewiß ist der Verein sein Lebenswerk, der heute 71-Jährige hat all sein Herzblut hineingesteckt. "Das ist wie eine Familie. Wir bringen die Fahrgäste bis vor die Haustür und tragen auch mal die Handtaschen und die Einkaufstüten mit rein." Wenn er von seinem Bürgerbus und den Fahrgästen erzählt, dann kommt er ins Strahlen.

In der kalten Bushaltestelle ausharren

Aktuell fahren abwechselnd neun Fahrer den Sprinterbus, der von Montag bis Freitag drei Touren durch die Dörfer rund um Gransee macht. Vor allem alleinstehende Seniorinnen nutzen den Bus. Sie haben kein Auto, um zum Arzt oder zum Einkaufen in die Stadt zu fahren. "Manche Dörfer werden von den Bussen nur zweimal am Tag angesteuert, morgens und nachmittags – und was machen die Leute dann in der Zwischenzeit? In der kalten Bushaltestelle ausharren, das ist doch unmenschlich", sagt Rüdiger Ungewiß mit nachdenklichem Blick.

Die Fahrgäste sind sehr dankbar, dass sie mit dem Bürgerbus mobil bleiben, ihre Wocheneinkäufe oder Arztbesuche erledigen können. Und diese Dankbarkeit ist für ihn das wichtigste: "Ich sag' immer, wir bekommen keine Entschädigung für die Arbeit, einen Lohn kriegen wir trotzdem, nämlich das Dankeschön der Fahrgäste!"

Und nicht nur die Fahrgäste, sondern auch die Fahrer und Vereinsmitglieder zählen auf Rüdiger Ungewiß. Wenn irgendwo der Schuh drückt, dann ist er zur Stelle und findet eine Lösung. Obwohl er gar nicht mehr im Vorstand sitzt und auch aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten wollte. Eine Herzschwäche hat ihm gezeigt, dass er Prioritäten setzen muss. "Ich habe mir jetzt feste Arbeitszeiten gesetzt, vor 9 Uhr gehe ich einfach nicht ans Telefon, die melden sich schon nochmal, wenn‘s wichtig ist.“

Ohne ihn wird es keinen Bürgerbus mehr geben

Dass Ungewiß die gute Seele des Vereins ist, das bestätigt auch Fahrer Wilhelm Heisel. "Er ist quasi die treibende Kraft. Er hat alles in der Hand, er managt alles und hält die Leute zusammen, obwohl er schon vor Jahren gesagt hat, dass er ein bisschen zurücktreten will. Aber das kann er nicht, er hat den Hut auf."

Rüdiger Ungewiß selbst macht sich Sorgen, dass es keinen Bürgerbus mehr gibt, wenn er mal aufhört. "Ich habe die wichtigen Kontakte, dadurch, dass ich auch Ortsvorsteher von Dannenwalde bin, auf mich kommen die Leute zu. Mitglieder haben mir schon gesagt, dass der Bürgerbus verschwindet, wenn ich verschwinde - also muss ich wohl 100 Jahre alt werden.“

Das hält kein Jahr

Als 2005 der Bürgerbus seine erste Tour machte, gab es nur einen einzigen Fahrgast, mittlerweile ist er zu 60 Prozent ausgelastet. In Corona-Zeiten durfte der Bürgerbus nicht fahren, da hat die Touren wieder ein großer Linienbus übernommen, doch das wurde nicht wirklich angenommen. "Die alten Leute kommen nur schwer in die großen Busse, da denkt niemand drüber nach, aber die Stufen sind oft so hoch, dass die da nicht hochkommen und dann verzichten sie lieber ganz auf die Busfahrt", sagt Ungewiß. Er ist froh, dass der Bürgerbus wieder fahren darf. "Außerdem bekommen wir in den nächsten Wochen einen neuen Bus, der ist dann auch komplett barrierefrei, den hat uns das Amt bereits genehmigt."

Die Oberhavel Verkehrsgesellschaft übernimmt einen Großteil der Betriebskosten, 15.000 Euro im Jahr, der Rest kommt von der Stadt Gransee. "Von dem übrigen Geld haben wir uns dann mal vernünftige Vereinskleidung gekauft, Poloshirts und Jacken für die Fahrer“, sagt Rüdiger Ungewiß und zeigt stolz auf seine neongrüne Vereinsjacke mit dem Bürgerbus-Logo darauf. „Als wir angefangen haben, wurde uns prophezeit, dass wir kein Jahr durchhalten. Tja, wir haben das Gegenteil bewiesen!"

21 Kommentare

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  1. 21.

    Nur so nebenbei das gab es früher im Westen genauso, aber Zeiten ändern sich eben.

    Als kleines Kind konnte ich 100 m weiter im Dorf noch frische Milch holen, Metzger, Bäcker und kleiner Laden war nicht weiter weg. Als erstes hat der Milchbauer aufgehört dann Bäcker, Laden, Metzger/Wirtshaus....Der Metzger 2 Dörfer weiter dagegen ist so groß geworden, dass der über 20 Filialen hat.

    Im Westen gibt's darüber kein Gemecker, ist eben so, ein Betrieb muss sich wirtschaftlich rechnen.

  2. 20.

    Tatsächlich Herr Neumann kenne ich die Anrufsammeltaxis (AST)in Randzeiten noch aus meinem hessischen Heimatdorf. Der Bus fuhr hauptsächlich zu Grundschule und Gesamtschule, also morgens, Mittags, Abends, ansonsten nur alle 2h. Dachte früher AST gäbe es überall...

    Für RentnerInnen usw die einkaufen wollen könnte man doch aus jedem Dorf regelmäßige Zeiten anbieten mitsamt Anmeldung per Telefon.

  3. 19.

    Meine Erfahrung ist, wer sich in die "Pampa " begibt ist langfristig im Nachteil. Mein Fazit, nie mehr wieder.
    In jüngeren Jahren, mit zwei Autos , da wird es letztendlich auch nicht billiger. Wenn aber der Zeitpunkt kommt, wo man auf den öffentlichen Verkehr angewiesen ist, dann wird es richtig stressig.

    Was bin ich froh in Berlin zu wohnen, hier gibt es alles was das Herz begehrt, aber auch was es nicht begehrt.
    Das gibt es aber überall.

  4. 18.

    Albern sind vor allem die, die hier unter wechselnden Namen kommentieren. Dabei hatten Sie neulich erst den Schwank aus Ihrer Jugend zu besten gegeben, das Sie als Kind zu Fuß für ältere Herrschaften einkaufen gegangen sind. Die SPD gab es allerdings damals bei Ihnen allerdings nicht. Anstelle aber dem Beispiel des Herrn aus diesem Artikel zu folgen, jammern Sie lieber rum.

  5. 17.

    Und heute brauch man richtige Anreize: Nur wer elektrisch fährt bekommt kein Tempolimit ;-) und nun stellen Sie sich mal die „Raserei“ in den nächsten Hofladen vor... natürlich mit einem E-SUV...

  6. 15.

    Hier ist nochmal der Teddy, ich meide nach Möglichkeit die großen Einkaufsklötze, das Hack hole ich direkt beim Erzeuger und diesen Weg schaffe ich mit dem Fahrrad.

  7. 14.

    Werden Sie nicht noch alberner. Hier wurden auch Bürger jahrelang hingehalten. Die SPD Ortsgruppe änderte sogat ihre Website um Versprechungen zu versenken. Die wollten die Bürger auch fortlaufend informieren.

  8. 13.

    Vielleicht findet sich auch bei Ihnen ein Rentner, der so ein Vorhaben managt. Das dürfte einfacher sein als an der Kernfusion zu forschen, aber schwieriger als nur zu lamentieren.

  9. 12.

    Das ist wohl dem Ausbau der Autoinfrastruktur zu danken. Jetzt fährt man halt lieber 20 Minuten zum nächsten Einkaufsklotz wo das Hack 50 cent billiger ist und die lokalen Läden machen dicht. Früher ging man noch zu Fuß einkaufen, auch auf dem Land.

  10. 11.

    Das Programm läuft noch. Do woher kommen die anderen 20%? Von den klammen Kommunen, aus denen viele Steuerzahler weggezogen sind?

  11. 10.

    "Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch" ;-) - Soll heißen, es geht, wenn man will... ist aber hier ein anderes Thema. Die Finanzierung ist möglich, weil der Bund 80% bisher übernommen hat und es keinen Grund gibt, warum es nicht wieder aufgelegt wird...

  12. 9.

    Wir hatten früher alles hier im Ort, Konsum, Bäcker, Fleischer, Gasthaus und Kirche. Übriggeblieben ist nur die Kirche.

  13. 8.

    Die Verkehrsbetriebe sind der falsche Adressat. Für den ÖPNV sind die Aufgabenträger, bei den Bussen die Kreise und Kommunen, zuständig. Die Busunternehmen sind lediglich Dienstleister und bieten nur die Fahrten an, die auch bestellt worden sind. Eigenwirtschaftlichen Liniennahverkehr kann man in der Bundesrepublik an einer Hand abzählen.

  14. 7.

    Auch für Überlandfahrten gibt es Niederflurbusse. Deshalb kann ich das Argument mit den Stufen nicht nachvollziehen, wohl aber das generelle Auslastungsproblem. In der Fläche dienen die Linienbusse oft vor allem einem Zweck: Schülertransport! Ältere Menschen ohne Auto sind nur ein Nebeneffekt. Den PKW können die ob der sehr langen Fahrzeiten oft nicht ersetzen, so dass sich ein dichterer Takt nichtmals ansatzweise halbwegs bezahlbar darstellen lässt.

    Rufbussysteme sind nichts neues, erste Versuch reichen bus in die 70er Jahre zurück.
    Das besondere sind hier die ehrenamtlichen Fahrer, die die Kassen des Aufgabenträgers schonen. Wie in #2 erwähnt, sind die Gehälter ein grosser Kostentreiber. Schnell ist man mit 80.000 Euro und mehr pro Jahr als Arbeitgeber für nur einen Fahrer dabei. Es gibt u.a. in Hessen Kommunen, die vorzubestellende Sammeltaxies zu vorbestimmt Zeiten statt dem Bus fahren lassen und so ein halbwegs annehmbares ÖPNV-Angebot an sieben Tagen anbieten.

  15. 6.

    Behaöten Sie bitte das zGG im Hinterkopf. Ab 3,5t benötogt man den alten Führerschein Klasse 3 oder C1. Es gibt aber auch Umbausätze für Sprinter oder man nimmt eine V-Klasse als Bürgerbus. Der Rest der Karosse wird schliesslich nicht besser. Die Finanzierung ist hier auch ein Thema.

  16. 5.

    Auch in den hier dicht besiedelten Gebieten südwestlich des Ortszentrums wäre eine ähnliche Lösung oder gar ein Discounter in Ortsmitte angebracht. Hatten wir alles mal; es war der Parkplatz nur zu klein. Ein neuer Markt an anderer Stelle wurde ausgetrixt. Vor Gericht obsiegte der. Aber man bot danach Tauschgrundstück an. Dort steht aber ein so runtergekommener ehem. Straßenbahnschuppen-den hat man unter Denkmalschutz gestellt. Was bilden diese Typen sich eigentlich ein ? Allein in Bergmannsglück wohnen so viele ältere Bürger und der Weg zu NETTO oder ALDI ist weit und stets ist bergauf mit dabei. Bus fährt zwar alle Stunde aber stets 3,40€ für H u. R ! Und vor der Tür hält der auch nicht. Der Gemeindehof ist stets voller Verbrenner u. der Bauhof fährt zugern Multicar mit Kleinlaubmengen.

  17. 4.

    Ich denke, es braucht für die nächsten Jahre / Jahrzehnte eine Kombination aus verschiedenen Konzepten. Solch ein ehrenamtlicher Bürgerbus auf Ruf kann in sehr dünn besiedelten Flächen nur eins sein. Wobei ich persönlich eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem infrastruktuellem Bereich problematisch finde, denn was für die Zukunft auch gilt: Ehrenamtlich engagierte Menschen werden auch immer weniger. Fragt mal jemand nen Jugendlichen von um die 20 Jahre, was Ehrenamt ist. Die meisten kennen dieses Wort in ihrem Wortschatz gar nicht. Eine zumindest teilweise Mitfinanzierung, was z.B. KFZ oder Kleinbusse anbetrifft, muss das Land und die Kommune als Infrastrukturaufgabe leisten können durch finanzielle Ausstattung dafür.

  18. 3.

    Gute Arbeit seit 2005. Da hat man dann etwas richtig gemacht. Und das nächste Fahrzeug wird dann elektrisch? Da gibt es eine Vario-Umrüstlösung von Paul Nutzfahrzeuge und BPW: die Achse wird zum Bauraum für den Elektromotor. Wow. Vario für den Personentransport ist eventuell möglich?

  19. 2.

    Die Kosten beim Bus sind zum großen Teil das Gehalt des Fahrers. Die Verkehrsbetriebe können halt niemanden ehrenamtlich beschäftigen, und die Wähler laufen Sturm wenn die öffentlichen subventioniert werden. So bleiben abgehängte Landstriche als Folge der autozentrierten Politik.

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