Psychische Beeinträchtigungen der Angeklagten - Ehemann und Psychiaterin sagen im Oberlinhaus-Prozess aus

Do 18.11.21 | 17:27 Uhr
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Vor dem Landgericht Potsdam ist eine 52-jährige Pflegekraft (r, mit dunkler Kapuze) wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt (Bild: dpa/Anna Kristina Bückmann)
Video: Brandenburg aktuell | 18.11.2021 | Tim Jaeger | Bild: dpa/Anna Kristina Bückmann

Im Prozess um die Gewalttaten im Potsdamer Oberlinhaus sind am Donnerstag die möglichen psychischen Beeinträchtigungen der Angeklagten in den Vordergrund getreten. Ihr Ehemann und die Psychiaterin der Frau sagten umfassend aus.

Im Prozess um die Tötung von vier Schwerstbehinderten im Potsdamer Oberlinhaus hat der Ehemann der Angeklagten umfassend ausgesagt. Im Gegensatz zur behandelnden Psychiaterin sprach er von einem desolaten Zustand seiner Frau vor der Tat. Diese sei am 28. April in verwirrtem Zustand nach Hause gekommen und habe "nur vor sich hingefaselt", sagte der Ehemann am Donnerstag vor dem Landgericht Potsdam. Daraufhin habe er den gemeinsamen Sohn gebeten, auf seine Frau achtzugeben und das Oberlinhaus angerufen, um zu erfahren, was vorgefallen war.

Beim zweiten Anruf sei in den Zimmern der von seiner Frau betreuten Menschen nachgesehen und Blut entdeckt worden. Der Ehemann rief daraufhin selbst die Polizei. Seine Frau weiß von der Tat nach den Worten des Ehemanns nur aus Erzählungen anderer, nicht aus eigener Erinnerung.

Ehefrau laut Ehemann in desolatem Zustand

Bereits in den Wochen unmittelbar vor der Tat sei seine Frau in einem desolaten psychischen und körperlichen Zustand gewesen, sagte der 54-Jährige am vierten Prozesstag aus. Daraufhin sei er mit ihr übereingekommen, dass sie am darauffolgenden Tag erneut ärztliche Hilfe der behandelnden Psychiaterin in Anspruch nehmen solle. Im weiteren Verlauf seiner Aussage schilderte er seine Frau als Mutter, die nie die Geduld mit ihren Kindern verloren habe und vor der Tat "komplett überfordert" war.

Die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus Ende April mit vier Getöteten hatte deutschlandweit Entsetzen ausgelöst. Die 52-Jährige Angeklagte muss sich wegen Mordes und weiterer Straftaten verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus.

Psychiaterin hat keine Erklärung für "archaische Wut"

Die langjährige Psychiaterin der Angeklagten berichtete vor Gericht, ihre Patientin habe von Selbstmordfantasien und -handlungen aus ihrer Kindheit an berichtet. "Ich habe unsere Arbeit immer als Ringen ums Überleben verstanden", sagte sie. Die Angeklagte hat die Ärztin von ihrer Schweigepflicht befreit. Sie habe keine Erklärung für die "archaische Wut" der Tat, sagte die Psychiaterin. Nach dem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik im September und Oktober 2020 sei es ihr besser gegangen. Diesen Eindruck gewann die Psychiaterin auch bei ihrer letzten Begegnung zwei Wochen vor der Tat.

Die Psychiaterin stellte im Rahmen der 2016 begonnenen Behandlung eine Persönlichkeitsstörung fest. Die Patientin nahm demnach in Krisensituationen in Absprache mit ihr Medikamente, um psychotische Zustände abzumildern.

Krankschreibung aus Angst vor überlasteten Kollegen abgelehnt

Die Angeklagte habe den Vorschlag abgelehnt, sich wegen Überlastung krankschreiben zu lassen, berichtete die Psychiaterin. Ihr Fehlen am Arbeitsplatz habe sie den Kollegen nicht zumuten wollen.

Die Anwältin der Nebenklage bestätigte Angaben von Kollegen der Angeklagten über Missstände wegen Personalmangels. Sie vertritt die Eltern eines der vier Todesopfer. Diese hätten auf Mängel in der Pflege ihres Sohnes aufmerksam gemacht. Darauf hätten Mitarbeiter des Hauses jedoch abwiegelnd reagiert. Überdies sei offen, warum diese die Missstände nicht bei den zuständigen Behörden anzeigten.

Sendung: Inforadio, 18.11.21, 17 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Wir sind jeden Tag persönlich mit den Zuständen in einem Pflegeheim betroffen. Dort kommt, wenn überhaupt die Aufsicht erst nach Anmeldung. Das sind eigene Erfahrungen und hat nichts mit rumblubbern zu tun. Und was hat mein Kommentar mit rumblubbern oder männliche Besserwisserei zu tun. Wenn Sie persönlich Probleme mit männlichen Kommentatoren haben, dann lasten Sie mir das bitte nicht an. Aber eine jede nach ihren Befindlichkeiten. Schönen Abend!

  2. 6.

    Was hat Ihr frustriertes Genderbashing jetzt mit Ihrer Replik zu tun? Beziehen Sie sich bitte auf die Person und verallgemeinern nicht, was Paul gefragt oder kommentiert hat. Schlimm genug, was passiert ist und daß die Mißstände endlich überhaupt mal angegangen werden.

  3. 5.

    Dann sind ihre Erkenntnisse falsch und erstmal losblubbern. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht Sie kamen 2x unangemeldet nach meiner Anzeige und haben 2 massive Pflegefehler aufgedeckt, die jetzt sogar die Internetseite des betr Heimes zieren und andere Bewohner retten konnten. Unwissenheit und Trägheit führt dazu , das Pflegefehler nicht angezeigt werden. Männliche Besserwisserei aus Nichtwissen zieren sämtliche Kommentarspalten.

  4. 4.

    Offengesagt besteht da wohl die Befürchtung, eine Diskriminierungsklage an den Hals zu bekommen, soweit der beschäftigte Mensch das völlig anders sieht. Das dürfte auch der Hintergrund von Andreas Lubitz gewesen sein, der als Copilot sein anvertrautes Gefährt an die Westwand der Alpen lenkte.

    Ansonsten gehört die bis ins Kleinste ausgefeilte Zeit- und Kostenstruktur, die sich wie ein erstickender, bleierner Mantel auf nahezu alle Tätigkeiten in der Pflege legt, endlich auf den Tisch. Die Angeklagte war da "nur" das schwächste Glied in der Kette, das Management des Oberlinhauses das vorletzte oder drittletzte.

  5. 3.

    Na dann holen Sie mal die Heimaufsicht. Nach meinen Erkenntnissen kommt die Heimaufsicht auch nur mit erheblicher Zeitverzögerung. Und das Heim wird vorab über die Kontrolle von der Heimaufsicht informiert. So hat die Heimleitung an diesem Tag die Möglichkeit das Personal einzuteilen. Es fehlt allein der Wille für nicht angekündigte Begehungen der Heimaufsicht. Warum wohl? Und über die Schuldfähigkeit oder Nichtschuldfähigkeit entscheiden zum Glück die Gerichte mit Hilfe von Gutachtern.

  6. 2.

    Überdies sei offen, warum diese die Missstände nicht bei den zuständigen Behörden anzeigten.

    Weil man die vergessen kann. Das sind nur Attrappen in Berlin Brandenburg.

  7. 1.

    Wie schon mal erwähnt, zeigt der Fall, wie wichtig es ist, die Heimaufsicht ins Boot zu holen, wenn auffällt, dass bei der Pflege von Angehörigen etwas nicht stimmt und dies bei Anfrage ans Personal, nicht ernst genommen wird.
    Desweiteren hätte die Psychiaterin ihrer Patientin mit Persönlichkeitsstörung und Hang zu Psychosen von einer Tätigkeit in einem dermaßen stressigen und verantwortungsvollen Arbeitssetting abraten müssen. Sie zu Stundenreduktion anregen oder Dauerkrankschreibung anregen müssen. Unter so massivem Druck kann sich Aggressionsphantasie, die bisher gegen sich selbst gerichtet war, situativ explosionsartig nach Außen richten, wenn das Fass überläuft, da reicht ein Funke zur Initialzündung. Schuldfähigkeit ist hier schwer auszuschließen, übrigens auch für die Psychiaterin.

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