Gewalt unter der Geburt - "Ich habe panische Angst, jemals wieder schwanger zu werden"

Do 25.11.21 | 07:26 Uhr | Von Oda Tischewski
  17
Symbolbild: Eine Krankenschwester und ein Arzt stehen im Krankenhaus einer gebärenden Frau zur Seite. (Quelle: imago images/Shotshop)
Bild: imago images/Shotshop

"Hauptsache, das Kind ist gesund": Das hören Frauen oft, wenn die Geburt anders verlaufen ist, als sie es wollten. Gewalt in der Geburtshilfe ist kein Einzelfall. Am Aktionstag gegen Gewalt an Frauen protestieren Mütter weltweit. Von Oda Tischewski

Giulia war 22 als sie ihr erstes Kind bekam. Die Schwangerschaft verlief problemlos, die werdende Mutter, die ihre Geschichte hier lieber anonym erzählen will, fühlte sich stark und optimistisch. Doch dann kam die Geburt. Die erste Phase zog sich hin. Das ist nicht selten bei der ersten Schwangerschaft, aber Giulia empfand die Wehen als produktiv, die Geburt machte Fortschritte.

Ihren Hebammen allerdings ging es nicht schnell genug. "Permanente Beobachtung, ich war ständig am Wehenschreiber", erinnert sie sich. Obwohl ihr das Laufen auf dem Gang wirklich geholfen habe, wurde sie wieder aufs Zimmer geführt. Ihr sei gesagt worden: Sie sei sonst zu schwach, um ihr Kind zu bekommen, und dann müsse man doch einen Kaiserschnitt machen. "Die wussten genau, dass ich das nicht wollte, danach hatten sie am Anfang gefragt – und genau damit haben sie mir dann immer wieder gedroht", erzählt Giulia. Dass sie jung war, bedeutete für ihre Geburtshelfer Giulias Meinung nach nicht etwa, dass sie große Kraftreserven hatte, sondern dass man sie bei Entscheidungen während der Geburt übergehen konnte.

Hilfe und Beratung

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 08000/116 016 (gebührenfrei, 24/7)

Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123 (gebührenfrei, 24/7)

Hilfetelefon Schwierige Geburt: 0228/92 95 99 70 (Festnetzgebühren, Mi 12-14, Do 19-21 Uhr)

Wehenhemmende und wehenfördernde Medikamente zeitgleich

Giulia bekam keinen Kaiserschnitt, aber sie bekam eine PDA, eine Rückenmarksbetäubung, die sie nicht gewollt hatte und vor der sie sich wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung fürchtete. Das Kind wurde in ihrem Bauch unter dem ganzen Körpergewicht einer Assistenzärztin Richtung Geburtskanal geschoben. Diesen sogenannten "Kristeller-Handgriff" lehnt die Weltgesundheitsorganisation WHO ab. In ihre Venen liefen zeitgleich wehenhemmende und wehenfördernde Medikamente, über die man sie trotz mehrfacher Nachfrage nicht aufgeklärt habe. Das Kind wurde schließlich mit der Saugglocke geholt, die Plazenta im Anschluss einfach aus der Gebärmutter gezogen, wie sie schildert. "Ich habe panische Angst, dass ich jemals wieder schwanger werde, weil ich das nicht nochmal durchmachen will", sagt Giulia heute. Sie ist 24.

Unnötig schmerzhafte Behandlungen, Demütigungen, Vernachlässigung, Bevormundung: Was manche Frauen unter der Geburt erleben, wird oft als notwendiger Teil des Prozesses abgetan. Hauptsache, das Kind ist gesund, so das Argument.

Hebamme Jana Friedrich. (Quelle: privat)Die Berliner Hebamme Jana Friedrich

Physische und psychische Gewalt unter der Geburt

Aber wie geht es den Müttern nach so einer Geburt? Sogenannte postpartale psychische Erkrankungen, oder ein belastetes Verhältnis zwischen den Eltern oder zwischen Mutter und Kind kommen aus unterschiedlichen Gründen vor. Eine Studie der Berner Fachhochschule Gesundheit [bfh.ch] aus dem Jahr 2020 kommt allerdings zu dem Schluss, dass Frauen, die unter der Geburt Zwang erlebt haben, ein höheres Risiko tragen, im Anschluss eine postpartale Depression oder eine andere psychische Erkrankung zu entwickeln.

Physische und psychische Gewalt sind dabei die eine Seite, doch die Berliner Hebamme Jana Friedrich kennt auch weitere Formen der Gewalt, vor allem aus ihrer Zeit an verschiedenen Kliniken: "Schwangere bleiben unter der Geburt ohne Betreuung, weil die Hebamme sich wegen Unterversorgung um mehrere Frauen gleichzeitig kümmern muss. Frauen werden abgewiesen, weil Räume fehlen. Aufgrund von Personalmangel werden geburtshilfliche Standards außer Acht gelassen. Ich sehe das als strukturelle Gewalt."

Strafanzeigen nicht entgegengenommen

Die Diplompsychologin Claudia Watzel glaubt allerdings nicht, dass die finanzielle und personelle Ausstattung von Kliniken die alleinige Ursache für Gewalt in der Geburtshilfe ist. Watzel setzt sich seit Jahren aktiv für die Rechte von Schwangeren auf eine gewaltlose Geburt ein. "Wenn Männer Kinder kriegen würden, wäre die Interventionsrate viel geringer und das, was passiert, würde nicht passieren. Ich glaube, das ist ein Ausdruck dessen, dass Frauenrechte ganz grundsätzlich in unserer Gesellschaft nicht besonders hoch gehandelt werden", so Watzel. Nicht selten würden Strafanzeigen von Frauen nach Geburten gar nicht erst entgegengenommen. Es fehle das öffentliche Interesse, sei das Argument der Ermittlungsbehörden.

Claudia Watzel. (Quelle: privat)
Diplompsychologin Claudia Watzel | Bild: privat

Klar machen, dass man seine Rechte kennt

Gesellschaftliche Veränderungen dauern. Doch was bleibt Frauen, die jetzt gerade schwanger sind, um sich gut auf eine Geburt vorzubereiten? Es kann hilfreich sein, wenn die Schwangere deutlich darauf hinweist, dass sie ihre Rechte kenne, so Claudia Watzel: "Es ist gut zu wissen, was meine Patientenrechte sind. Da würde ich mir manchmal auch mehr Mut von den Frauen wünschen, diese Rechte auch durchzusetzen."

Die Hebamme Jana Friedrich unterrichtet in ihren Geburtsvorbereitungskursen daher nicht nur Atem-, sondern auch Fragetechniken. Sie verweist auf ein Tool namens "Brain" für eine informierte Entscheidungsfindung. "Brain" steht dabei für "Benefits, Risiken, Alternativen, Intuition und Nichtstun". "Wenn eine Entscheidung ansteht, kann man fragen: Was hat das für Vorteile, welche Risiken gibt es, was haben wir für Alternativen, was sagt mein Bauchgefühl dazu und was passiert jetzt eigentlich, wenn wir einfach nichts machen?", so Friedrich.

Außerdem kann in der herausfordernden Geburtssituation auch ein gut informierter Begleiter hilfreich sein: Auch der Vater des Kindes, die Mutter, Schwester oder Freundin der Schwangeren oder eine professionelle Geburtsbegleiterin können deutlich sagen, was sich die werdende Mutter für ihre Geburt wünscht – und was nicht.

Hilfe und Beratung

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 08000/116 016 (gebührenfrei, 24/7)

Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123 (gebührenfrei, 24/7)

Hilfetelefon Schwierige Geburt: 0228/92 95 99 70 (Festnetzgebühren, Mi 12-14, Do 19-21 Uhr)

Sendung: Inforadio, 25.11.2021, 09:25 Uhr

Beitrag von Oda Tischewski

17 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 17.

    Ich habe 1:1 die gleiche Erfahrung bei meinem ersten Sohn gemacht! Vor allem der Kristeller-Griff ist im Vivantes Klinikum Kaulsdorf offenbar sehr beliebt. Ich kenne noch weitere Frauen, die exakt die gleiche Erfahrung machen mussten. Zum Glück habe ich mich 2 Jahre später für ein Geburtshaus entschieden. So konnte ich wenigstens eine Geburt in schöner Erinnerung behalten. Zeitdruck hin oder her - es kann nicht sein, was man da den Frauen in dieser besonderen Situation gegen ihren Willen antut!

  2. 16.

    Danke - ganz genau. Es ist doch eh schon während der ersten Geburt ein Schock in ein was für absolut hilfloses Wesen man sich unter der Geburt verwandelt. Das ist besonders heftig wenn man sonst eher hart ist und nun kommt der absolute Kontrollverlust. Da braucht man Hilfe und Unterstützung und keine Sprüche warum das nicht schneller geht. ich rate nach eigenen Erfahrungen allen Frauen sich unbedingt jemanden mitzunehmen der die eigenen Wünsche kennt und sich auch traut gegen Dinge dir dort passieren den Mund aufzumachen.

  3. 15.

    Die Sensibilisierung für die äußerst vulnerablen Lebenslagen von gebierenden Frauen zu erreichen, indem man einfordert, die Betroffenen müssten sich einfach deutlicher positionieren und artikulieren, halte ich für zynisch. Wenn es zu der Situation kommt, ist die Frau doch schon hilflos, weil es zum Personal vor Ort wohl kaum eine Alternative geben wird im Alltag. Nicht die Emanzipation und das Wissen über eigene Rechte allein sind wichtig, sondern auch die vernünftige Ausbildung des Personals. Hier wird den Betroffenen aber indirekt gesagt, sie seien selber schuld. Ein Phänomen, das auch bei Gewalt, insbesondere rassistischer oder sexueller Art, auftritt: Die Betroffenen werden zu Verursachenden erklärt, Opfer zu Täter*innen.

    Die geschilderten Vorgänge sind schwere Straftaten und verstoßen gegen die Prinzipien der Medizin: Fürsorge, Nichtschaden, Effizienz und Autonomie - ihre Einhaltung ist unverhandelbar. Übergriffiges, rechtsbrüchiges Verhalten ist allerdings häufig in KKH.

  4. 14.

    War bei mir bei beiden Kindern so in den 90 ,iger Jahren da hilft keiner der Hebamme meines ersten Kindes wünsche ich heute noch alles Schlechte

  5. 13.

    Das habe ich dieses Jahr selber erlebt. Das Krankenhaus war wie eine Massenabfertigung, in der Wehen durch diverse Mittel gefördert wurden um den Platz wieder frei zu machen für die nächste Schwangere. Meine Frau hat dadurch viel Blut verloren, weil die Geburt dadurch nicht mehr natürlich verlief und muss jetzt immer noch Eisentabletten schlucken. Wenn Krankenhäuser Gewinne erzielen müssen, sind normale Geburten selten.

  6. 12.

    Finde es großartig, dass hier ein wichtiges Tabuthema endlich mal aufgegriffen und darüber berichtet wird. Denn so geht es doch schon seit Jahrzehnten!

  7. 11.

    Das Krankenhaus in Köpenick kann ich auch nur wärmstens empfehlen. Alles war sehr einfühlsam und respektvoll.
    Welches Krankenhaus war das denn im Bericht - bitte mal „Butter bei die Fische“ und nicht solche Verallgemeinergungen.

  8. 10.

    Wenn man sowas liest, wird mir erstmal bewusst, was für ein Glück ich hatte. Sicher, es war schnell klar, dass es auf einen Kaiserschnitt hinauslaufen muss aber letztlich waren alle Planungen hinfällig und es musste spontan gehandelt werden. Ich habe in Königs Wusterhausen entbunden und habe bis auf eine einzige Ausnahme, die rein menschlicher Natur war, absolut durchweg ein gutes Bauchgefühl gehabt und würde diese Klinik jederzeit wieder wählen. Eine Geburt ist ohnehin schon ein körperlich und seelisch herausforderndes Ereignis, da sollte man als werdende Mama doch ein Umfeld haben dürfen, das einem Sicherheit und Kompetenz vermittelt. Eigentlich tragisch, dass man sowas im Jahr 2021 immer noch nicht als selbstverständlich annehmen darf.

  9. 9.

    Ich kann mir keine Werdende Mutter, keinen werdenden Vater vorstellen, die im Kreißsaal, unter der Geburt, über Menschenrechte verhandeln. - Nun, gut, Männer gibt's, die sollten von den Müttern lieber im Klinik-Aufzug vergessen werden.

  10. 8.

    Wenn ich den Artikel so lese, bekomme ich eine Gänsehaut. Grob, respektlos, wie am Fließband, schnell schnell...eigentlich sollte der Tag der Entbindung trotz Schmerzen der schönste Tag im Leben einer werden Mutter sein. Für mich unvorstellbar, dass in der heutigen Zeit so etwas möglich ist.
    Ich selbst habe meine Kinder Anfang der 80er-Jahre im heutigen Vivantes Klinikum Friedrichshain (damals Krankenhaus im Friedrichshain) bekommen und war sehr zufrieden mit der Geburtsklinik. Mit den heutigen medizinischen u. technischen Möglichkeiten wird das wohl noch immer so sein. Diese Klinik ist auf jd. Fall noch moderner geworden. Es empfiehlt sich also, Erfahrungen u. Empfehlungen von anderen für so einen wichtigen Tag zu nutzen.

  11. 7.

    Die Aktuelle, von Schwarz-Rot herbeigeführte und "gepflegte" Situation in den Geburtshilfe- und Kinder-Kliniken gehört sofort geändert. Dazu gehört der Gemeinde-Größe entsprechend Exelente Aus-Finanzierung und Ausstattung mit Betten, Pflegepersonal, Hebammen, Ärzten und Medizinischem Gerät. Wohnort-Nahe Betreuung ist für Schwangere, Kinder und Angehörige über-lebenswichtig. Es kann Nicht sein, daß der Transport des Patienten länger dauert als Sein Leben. - Steuern, Steuern, rauf, rauf, rauf.

  12. 6.

    Die Schilderung ist fürchterlich und rechtlich auf dünnem Eis. Es hört sich an, als wäre eine Strafanzeige wegen Körperverletzung durchaus angebracht. Jede Strafanzeige muss entgegen genommen werden, das geht auch online. Besonders für die, die sich keinen Anwalt für Medizinrecht leisten können. Vielleicht sollte man das auch in anderen medizinischen Bereichen vermehrt tun. Allein Streik für mehr Personal und angemessene Gehälter in Pflege und Krankenhaus-Versorgung bringt nichts. Das das ausgelaugte Personal in der 4. Welle bisweilen, sogar Menschenrechte in Einzelfällen außer acht lassen kann im Stress (selbst erlebt kürzlich!) Ist eine Folge, die sicher diesen Winter vermehrt auftreten könnte.

  13. 5.

    Die Immanuel Klinik Rüdersdorf in Brandenburg z.B. kann ich trotz 4:1-Betreuung aus Eigenerfahrung nur empfehlen! Hebammen bekommen wohl dort eine Provision für jede vollendete Spontangeburt, d.h. die Kaiserschnittrate ist entsprechend niedrig.

  14. 4.

    Guten Morgen,
    ich habe drei Kinder bekommen, ich hatte eine ähnliche zumindest gerabwürdigende Hebamme bei der Geburt meines zweiten Kindes, diese war innerlich "gekündigt" und überlastet und ließ das an mir aus, ich bat meinen Mann mal was zu sagen, weil ich mich zu überfordert fühlte, irgendwas zu sagen, mein Mann befürchtete, dass hier dann eine Eskalation folgen würde, also lieber Augen zu und durch, optionale Beh.( Lumbalp.oder Blutkonserve,) hatte ich schriftlich vorher abgelehnt.
    Grüße

  15. 3.

    Welche Klinik war das denn? Dann wüsste ich wo ich meine Frau nicht hin schicke.

  16. 2.

    Oh fast genau wie bei mir. Nur das mein Kind nach diesem Kristeller Griff einen Hüftschaden hatte und 1 Jahr lang behandelt werden musste. Aber daran lag es natürlich nicht..... Und vor allen Dingen dann hat man die Geburt hinter sich und ist völlig kaputt und dann bekommt man keine Ruhe. In der Mittagspause werden Zimmer geputzt, ständig laufen da Leute durchs Zimmer, man muss betteln das der überquellende Bindeneimer des Mehrbettzimmers auch mal irgendwann geleert wird. Eine Geburt im Krankenhaus - für mich: einfach alles hektisch, laut, überfüllt, gehetzt und belastend. Ich wollte während der Geburt nicht liegen - hatte den Drang mich zu bewegen und durfte nicht. Das Liegen war der Horror. Wehenverstärkung, Kristeller, Druck sich mal zu beeilen weil da noch so viele Frauen sind und der Kreissaal benötigt wird usw..... Scheint heute aber ein normales Erlebnis zu sein.

  17. 1.

    Könnt ihr das Bild der Hebamme innerhalb des Artikels neu positionieren? Sie wird zwei erst Absätze später vorgestellt.

    Da das Bild direkt nach der Horrorstory gezeigt wird, so ergibt sich allein aus dem Kontext, dass es sich hierbei um die gleiche Hebamme handelt, mit der Giulia schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Nächster Artikel