Interview | Aktion "Gelbe Karte" in Berlin - Wenn E-Roller zur gefährlichen Stolperfalle werden

So 21.11.21 | 10:09 Uhr
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Gelbe Karte für Falschparker (Quelle: ABSV/Rändel)
Bild: ABSV/Rändel

E-Roller stehen oder liegen in Berlin häufig mitten im Weg. Für sehende Menschen ist das ärgerlich, für Blinde und Sehbehinderte kann das sehr gefährlich werden. Tausende gelbe Karten an den Lenkern störender Roller sollen darauf aufmerksam machen.

Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin steht hinter der Aktion "Gelbe Karte". In Steglitz war auch Manuela Myszka dafür unterwegs. Sie ist stellvertretende Vorsitzende im Verein und selbst fast blind.

rbb: Frau Myszka, auf den Karten heißt es: "Dieses Fahrzeug steht uns im Weg". Als sehende Person kann ich den Rollern leicht ausweichen. Ich definiere "im Weg stehen" daher vermutlich anders. Wann steht Ihnen ein Roller im Weg?

Manuela Myszka: Öfter als man denkt. Mein "Weg" unterscheidet sich stark von dem eines Sehenden. Er führt nicht zwangsläufig mitten auf dem Bürgersteig entlang, sondern beispielsweise auch an Häuserwänden oder ummauerten U-Bahn-Eingängen. Für uns sind das Orientierungs- und Leitlinien. Die Wenigsten wissen das und stellen den Roller an die Hauswand, weil sie denken: Da ist er ja nicht im Weg. Für uns ist er das aber eben doch, weil wir beim Abtasten der Wände mit dem Blindenlangstock dagegen laufen oder darüber stürzen.

Mit anderen Worten: Ein E-Roller steht immer dann im Weg, wenn er nicht nahe der Bordsteinkante oder auf einem Autoparkplatz platziert wird. Alle anderen Bereiche auf dem Gehweg und auf offenen Plätzen nutzen Blinde und Sehbehinderte mit dem weißen Langstock als Orientierungspunkte.

Woran orientieren Sie sich noch, wenn Sie zu Fuß in der Stadt unterwegs sind?

Grundsätzlich haben wir unsere Wege tatsächlich mehr oder weniger im Kopf. In Berlin haben wir in den letzten 30 Jahren aber gemeinsam mit der Politik sehr viel erreicht. Ich denke hier besonders an die Blindenampeln, die mit Rillenplatten ausgestattet sind. Sie signalisieren uns die Laufrichtung und dass wir an dieser Stelle eine Straße überqueren können. Verlaufen die Rillenplatten quer über den Gehweg, markiert das eine Bus- oder Tram-Haltestelle.

Auch die alte Berliner Gehwegstruktur hilft uns beim Orientieren. Sie besteht in der Mitte aus großen Granit-Gehwegplatten, rechts und links aus Mosaikpflaster. Das bedeutet: an den Seiten ist es unebener. Dadurch wissen wir, dass wir diese Bereiche nicht nutzen sollten, weil dort zum Beispiel Autos und Bäume stehen. Darüber hinaus lassen wir uns von den Verkehrsgeräuschen der Fahrbahn und dem reflektierten Schall von Häuserwänden leiten. Als geübte blinde Person kann man das.

Durch welches Verhalten von Fußgängern oder E-Roller-Nutzern werden diese Orientierungsmöglichkeiten ausgehebelt?

Durch Unbedachtheit. Der Roller wird dort abgestellt, wo man ihn bequemerweise verlässt: an einer Haltestelle, an Ampelanlagen oder am U-Bahn-Ausgang. Ein Beispiel: Ich war unterwegs und ein Roller stand direkt an der obersten Stufenkante einer langen U-Bahn-Treppe. Zum Glück war ich in Begleitung. Wäre ich über den Roller gestolpert, hätte es mich mitsamt Roller wahrscheinlich die ganze Treppe heruntergerissen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Roller bewusst in den Weg gestellt werden. Für mich ist das fast wie vorsätzliche Körperverletzung. In diesem Fall hätte das schlimm für mich enden können, aber oft auch für andere. Einmal bin ich aus dem Bus ausgestiegen und habe einen dort geparkten Roller mit dem Arm umgestoßen. Er ist einem Mann auf den Bauch gefallen, wie er sagte. Wäre das eine schwangere Frau gewesen, wäre das sehr gefährlich für sie geworden.

Inwieweit haben Sie sich an die Situation mit den Rollern angepasst?

Ich versuche, möglichst nur noch in Begleitung zu gehen. Aber es gelingt mir nicht immer, eine Begleitperson zu finden. Man macht sich damit auch abhängig und die Chance, seine Wege selbstbestimmt zu gestalten, ist einem genommen. Insofern muss ich dann oft auf’s Taxi ausweichen. Das ist bitter, denn ich muss sehr viel Geld aufwenden, was ich mir sonst sparen könnte. Außerdem gehe ich im Moment sehr langsam - aus Angst vor einem Unfall, denn ich weiß ja, was unseren Leuten schon passiert ist. Da ist alles dabei von offenen Wunden bis hin zum Oberschenkelhalsbruch, wenn man unglücklich über einen Roller stürzt.

Welche Lösungsmöglichkeiten schlägt der Verein für das E-Roller-Problem vor?

Erstens, dass konsequent das Fahren auf dem Gehweg verboten und das dortige Parken technisch unmöglich gemacht wird. Firmen können Zonen ausweisen, in denen die Rollerfahrten per App nicht beendet werden können. Außerdem fordern wir den strikten Verweis auf die Fahrbahn. E-Roller sind Kleinfahrzeuge. Sie haben eine Versicherungsplakette wie Autos und sollten genauso wie diese behandelt werden.

Das Problem ist: Viel ändern wird sich an der Situation erstmal nicht. Berlin stuft mit dem neuen Berliner Straßengesetz Sharing-Fahrzeuge wie E-Roller zwar als Sondernutzung ein, womit diese nur noch auf bestimmten Flächen abgestellt werden dürfen. In Berlin wird das aber erst im September 2022 in Kraft treten.

Das bedeutet einen weiteren verlorenen Sommer, wie ich es nenne, weil ich mich nicht allein auf die Straße traue oder sehr viel Geld in meine Mobilität investieren muss. Und das ist eigentlich auch, was uns am meisten verbittert: Für den Spaß, den sich andere gönnen, müssen wir zahlen.

Die E-Roller sind in einer Großstadt wie Berlin aber bestimmt nicht die einzige Herausforderung für blinde und sehbehinderte Menschen, die zu Fuß unterwegs sind.

Ja, es gibt viele Schwierigkeiten - zum Beispiel die Hektik des Straßenverkehrs. Unser Hörsinn – für uns der wichtigste Sinn zur Orientierung – wird durch die Lärmbelastung sehr stark beansprucht. Wir müssen uns also extrem konzentrieren, unseren Weg zurückzulegen. Das ist purer Stress.

Ein anderer Punkt sind hilfswillige Passanten, deren Hilfe häufig gut gemeint ist, aber nicht immer gut gemacht. Wer als Sehender Hilfe anbieten möchte, sollte stets vorher fragen, ob er helfen soll.

Zieht die Leute nicht einfach am Arm über die Straße oder in den Bus. Wir wissen dann überhaupt nicht, was mit uns passiert. Es könnte ja auch jemand sein, der einem die Handtasche klauen will. Deswegen sind körperliche Berührungen ohne Ankündigung für uns immer ein Alarmsignal. Andererseits möchte nicht jeder Hilfe haben, denn wir möchten auch gern selbst zurechtkommen. Unser Anspruch ist es, unabhängig zu sein.

Mit den gelben Karten für E-Roller-Falschparker hoffen Sie, eine dieser Schwierigkeiten zu beseitigen. Was wünschen Sie sich von den Leuten?

Wir wollen die Roller nicht verbieten. Aber wir möchten dadurch nicht selbst behindert werden. Mit den gelben Karten wollen wir das Bewusstsein dafür schärfen, dass es dieses Problem aktuell gibt. Und wenn sich künftig jeder mal die Zeit nimmt, einen falsch abgestellten Roller proaktiv aus dem Weg zu räumen, dann wäre schon sehr viel erreicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jessy Lee Noll, Radio Fritz.

60 Kommentare

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  1. 60.

    Ähm ... doch.
    Wenn sie ein Foto unverändert verschicken/verwenden, sind dort sog. Meta-Daten enthalten. Sie glauben nicht, was da alles drin steht. Ein Foto ohne diese Daten hat dagegen die Aussagekraft einer Rolle Klopapier - benutzt.

  2. 59.

    Wenn OA und Bußgeldstelle oder gar die Gerichte das nicht akzeptieren, müssen sich eben die Halter etwas anderes einfallen lasen, um nachzuweisen, dass deren Kunden sich entsprechend der StVO verhalten haben. Ich bin dazu auf Ihre Anregungen gespannt.

  3. 58.

    Man sollte diese E-Roller nur speziell gesichert in Vorrichtungen/Haltestellen abstellen dürfen. Jugendliche, welche zu Hause keine Geborgenheit finden und draußen immer weniger Möglichkeiten/Raum zur freien Entfaltung haben, werden wie jetzt auch schon ungesicherte Roller aus der Parkfläche holen und irgendwo kurios parken. Das ist doch schon ein kleiner Spaß unter jungen Leuten geworden.
    Andernfalls wäre ich auch für einen reinen Privatgebrauch, ohne Sharingmodelle.
    Die Hoffn stirbt zuletzt

  4. 57.

    2 mal angefahren worden, etliche male musste ich ausweichen weil kinder und jugendliche auf diesen teilen einfach ohne Rücksicht umherrasen und das meist zu 2 oder zu 3 auf diesen Dingern. ok das ist echt nervig aber das dieser Elektroschrott überall rumliegt ist gerade jetzt morgens bei schlechter Beleuchtung ein Problem .es kann doch nicht so schwer sein die teile richtig abzustellen ohne andre zu gefährden oder doch?

  5. 56.

    Teotzdem stehen die an den Bushaltestellen oder mitten auf dem Gehweg. Bisher sind die Bilder hier nur für die Galerie, sie könnten aber auch dem Beweis dienen, dass Dritte das Fahrzeug umgebaut haben. Das ist aber bisher nicht nötig, da OA und Polizei politisch gewollt weder Ticket verteilen noch kostenpflichtig umsetzen. Mehr als symbolische Aktionen gegen Gehwegrasen durften die bisher nicht machen. Putzigerweise hat das OA Mitte des Herrn von Dassel dabei vor einigen Monaten laut PM nur Stehroller erwischt, die Polizei ein paar Tage später an fast gleicher Stelle aber auch zig Kampfradler erwischt.

  6. 54.

    Kein Mensch braucht diese Dinger. Aber zum Abstellen gibt's ne ganz einfache Lösung. Abstellen nur noch auf ganz speziellen Plätzen in der Nähe von Bahnhöfen ect. Es kann nicht sein, dass diese Dinger überall rumstehen und Fußgänger ect behindern. Kein Wunder, dass diese Dinger oft durch die Gegend fliegen oder im Wasser landen. Verantwortlich ist immer der letzte Nutzer.

    Wenn man feste leih- und Rückgabestationen einführen würde, wäre allen geholfen. Alternative ist nur ein Verbot

  7. 53.

    Wie man an den zahlreichen Kommentaren merkt, ist das Thema E-Roller ein absolutes Reizthema, über das ich mir verkneife, jetzt hier auch noch meinen Senf dazuzugeben.
    Vielmehr möchte ich mich bedanken, dass die Problematik hier aus Sicht von blinden und sehbehinderten Personen geschildert wird. Bei allen Ärgernissen, die wir Sehende mit diesen fragwürdigen Fahrzeugen haben - Leute, das sind echt Luxusprobleme!
    Ich werde wohl in Zukunft nicht einfach nur kopfschütteld an „ungünstig abgestellten“ E-Rollern vorbeilaufen, sondern (wenn auch widerwillig) auch mal so ein Gefährt an die Bordsteinkante räumen.
    OT: Auch Fahrräder gehören bitte NUR auf der Straße gefahren!!!

  8. 52.

    Motorräder, Mopeds und Roller stehen bestimmt nicht im Wege bzw. werden nicht wahllos in jede Ecke geworfen.

  9. 51.

    Das Problem sind mitnichten die Roller, sondern das Sharing-Modell, das einfach nicht mit der Menschheit kompatibel ist. Zu viele Menschen, die bei Sharing-Angeboten jeglichen anstand verlieren: Sei es mit dem Sharing-Auto, dem Sharing-ahhrad oder eben dem Sharing-Roller.
    Ich habe in zwei Jahren nicht einen einzigen achtlos auf dem Boden liegenden privaten Roller gesehen!
    Insofern: Einfach den ganzen Sharing-Kram lassen - die paar Startups und deren Investoren bzw. Autohersteller werden es verschmerzen und andere Modelle (Leasing, etc.) auf den Markt bringen. Swapfiets hat es ja vorgemacht.

  10. 50.

    Diese Leihroller scheinen bei manchen Gesellen ein beliebtes Hassobjekt. Für mich sind die Leihroller auch nix, weil die Außenbereiche alle schon rausfallen in jeder Stadt. Meinen privaten Escooter, den ich für 20 km Arbeitsweg, Wege aller Art in Dresden und in meinem Wohnort etwas außerhalb von Dresden nutze, muss ich eh anschließen an Fahrradstellplätzen. Ökologisch hat der sich bei meiner Nutzung nach etwa 6 Monaten bezahlt gemacht.

  11. 49.

    Als Besitzer eines Escooters, der im Ausland mit knapp 100 km/h legal gefahren werden darf (was wirklich irre ist, aber im Gelände echt lustig) sind die 20 km/h echt ein Problem. Sollen Fahrräder dann auch noch auf die Straße? Sportliche Radfahrer fahren deutlich schneller und Ebikefahrer sowieso....

    Wenn Straße , dann bitte schneller und dann sollte bitte ein Gerät erfunden und integriert werden, die alle Abstandsverstöße automatisch meldet. Rücksichtslose gemeingefährliche Überholaktionen sind eher die Regel als die Ausnahme.

  12. 48.

    Genau das musste ich bei einem Anbieter in Dresden auch machen. Ordentlich abstellen, Foto hochladen, fertig.

    Wenn Randalierer die Dinger umwerfen, wegwerfen oder sonstwas ist das nicht die Schuld der Nutzer! Im übrigen kannte ich das gleiche Phänomen schon mit Leihrädern in Kassel und ähnlichem.

    Der Mensch ist wohl einfach nur noch Assi....fehlgeleiteter Individualismus....Assi Verhalten ist nicht individuell sondern Assi...

  13. 47.

    Die Kunden rekrutieren sich beileibe nicht nur aus dem Yuppie-Millieu. Z.B. in Moabit rasen andere Bevölkerungsgruppen damit rücksichtslos über die Gehwege.

    Stöbern Sie auch mal in den älteren Artikeln zur Ek Führung der Rollen. Es war hier in Berlin eine andere Partei, die sehenden Auges untätig blieb. Auch im Bubdestag saß die FDP zu der Zeit auf der Oppositionsbank.

  14. 46.

    Die gelben Karten sollen ja auch die Rollerbenutzer/-betreiber sehen und nicht die sehbehinderten Menschen!

  15. 45.

    Hallo Anita,

    wir haben das gerade hier getestet:
    Sollte eigentlich problemlos funktionieren. Nutzen Sie unsere Seite über die App oder den Browser?

  16. 44.

    Die StVO braucht dafür nicht geändert zu werden, denn es gilt bereits. Es geht um aber gerade um E-Scooter und nicht um andere Fortbewegungsmittel.

  17. 43.

    Hallo RBB, ich kann die Kommentare hier weder aufklappen und lesen, Antworten geht auch nicht.Mit freundlichen Gruß

  18. 42.

    Wenn wir diese Roller nicht zur Gänze abgeschafft werden, empfehle ich folgende Änderung der StVo:
    Alle kennzeichenpflichtige Fahrzeuge dürfen ausschliesslich auf Strassen gefahren und geparkt werden. Das gilt dann für Roller, Motorräder, Mopeds etc

  19. 41.

    Ihre Schubladen scheinen ja groß genug beschaffen, dass Jede und Jeder einschlägig da hineinpasst. Das eigentliche Thema: die Verantwortlichkeit der Nutzenden, die sich tendenziell aus dem Yuppie-Milieu speisen, scheint dabei etwas ins Hintertreffen zu geraten. Immer wieder verkommt der Staat und die Stadt zum billigen Ausputzer von Aktivitäten, die er und sie garnicht bestellt hat, aber um nicht als wirtschaftsfeindlich zu gelten, mit halbwegs guter Miene zu dulden hat.

    Wenden Sie sich mit Ihrer Beschwerde vorrangig an die FDP, die dafür eintritt, dass alles gemacht werden muss, nur weil es technisch möglich ist.

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